Sie übte am
Wartung.
XIII.
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Llniversitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
strenger Sitte. Wozu? Es patzte jetzt nicht mehr, gehörte nicht in lyr neues Leben, würde das hervorragend Gute darin bedrängen und bezweifeln. Sie erledigte ein paar straffe gymnastifche Hebungen, rote jeder verständige Mensch zum Tagesbeginn, die sie herrlich belebten.
Eines Morgens freilich, am Ende eines besonders tief und erquickend verlaufenen Schlafs, verlängerte und überspielte sie diese vorzüglichen Bewegungen in jäh erwachender Lust und Aufsässigkeit und geriet habet in genießerische Schwebungen und Schwünge, summte dazu und tanzte plötzlich, schlotz rasch mit einer heftigen, fast gierigen Bewegung die Tur ab und tanzte hingegeben und besessen, sprang in ihr Element, wie der Schwimmer ins Wasser, alles um sich her vergessend.
„Was tust du da drin?" fragte die Mama nach einer Stunde besorgt
Auch Dagobert war erfrischt heimgekehrt.
Er spazierte gleich am nächsten Morgen merkwürdig wach und tatkräftig in seiner Werkstatt umher, sah sich furchtlos seine Bilder an und drehte sie, eines nach dem andern, mit dem Gesicht zur Wand. Er würde das alles dem Preußischen Staat vermachen, beschloß er freigebig und war restlos zufrieden mit seinem Entschluß.
Eine Hundearbeit, nach fixem Rezept anderer Leute Gesichter zu malen, made in Paris and New Charlottenburgh! Er hegte seit einiger 3eit die aufrichtige Vermutung, daß es viel zuwenig eigene Anschauung, um die es sich zu malen verlohnte, gäbe und viel zuviel Leute, die ohne sie immerzu malten. Es schien die Mission der hohen und besonders lebendigen Dame Katarina in seinem Leben gewesen zu sein, ihn zu dieser Einsicht zu bringen. Magie... Alle, die ihrem Leben nahe kamen, schienen etwas von dieser Magie zu spüren — zu ihrem Wohl oder auch Weh ,Da—mas—kus!" sprach er dröhnend. Ueberall Wandlung, Erneuerung, Einkehr, Heimkehr zu sich selbst. Alle im Schmelztiegel...
Gegen Abend saßen die Vettern beisammen. Auch Diez sah gebräunt aus. Er hatte mit ein paar Bekannten Wochenende hinter Beeskow gemacht, in einem gemieteten Blockhäuschen: sie hatten wie die Indianer, gehaust, gekocht, den ganzen Tag in Badehosen — herrlich!
„Ich hin wild auf bas hemdärmelig-tüchtige Leben!" sagte Dagobert. „Siehst du: Ich habe ein Gelübde getan..
„Gelübde —?"
„Ich werde nicht mehr malen ..."
„Du willst Tischler werden?" Das war eine zarte Anspielung.
„Wie kommst du darauf, Diez? Wenn ich Holz oder Seim rieche — wunderbar! Ich sah schon vor meinem Rutsch in die Welt riesig gern bei Gustav Pick in der Werkstatt, wie du gemerkt haben wirst. Ich habe schon von meiner frühesten Windelzeit an leidenschaftlich gebastelt, gehobelt, geleimt, Diez: war mir lieber als jede Konjugation — kannst du qtauben! Und meiner Jugend hellstes Glück war ein Werkzeugschrank von Onkel Louis zu Weihnachten. Siehst du: Die Gesellen Dinse und Dublchinsky in der Frankfurter Allee sind mir gewogen — hervorragende Männer auf ihre Art..." Dagobert griff zerstreut hinter sich nach einem kleinen Tisch und warf dem Vetter ein längliches Zeichenbuch hm.
(Fortsetzung folgt.)
hinter der Tür. _
„Nichts Besonderes! Bitte, mich nicht zu störens Ich wische Staub!
Danach sah sie angenehm matt, wie nach langem, erquickendem Lauf in leichter, reiner Höhenluft, still und lächelte, wie ein gutes, artiges Kind, und bewegte sich gleich darauf langsam und hochmütig, als sei die neue Art ihres Daseins und sie selbst plötzlich leicht und zerbrechlich und sehr kostbar geworden: und war, zu wiederum anderer Zeit, laut geschäftig, und voll beglückenden Phlegmas einem unbeschwerten fraulichen Leben hingegeben. —
Es tarnen Briefe aus Gastein: kurze, humorvolle Briefe. Sie sah eifrig und beglückt nach diesen Briefen aus. Sie sprach nicht viel darüber. „Ja: von Lu. Er läht sich dir empfehlen, Mama!" Es lag ein kleines Rot auf ihrem Gesicht. Eine junge, glückliche Frcn ■ ■.
Dann fetzte sich Katarina an den kleinen Säulchenfchreibtifch und schrieb ebenso kurz und herzlich zurück, sehr freimütige frauliche Briefe zwischen den Zeilen, die bestimmt eine Weile in einer männlich-sachlichen großen Brieftasche und in einer nach Zigarren duftenden Rocktasche ausbewahrt wurden.
Manchmal um die Frühstücksstunde, meist zweimal in der Woche, pflegte er auch anzurufen. Das gab immer ein lebhaftes längeres Gespräch. Auch das war eine frohe und kostbare Sache, auf die mit Spannung gewartet wurde. —
Eines Tages, nicht lange nach ihrer Rückkehr, erschien Herr Manfred Spllke, der Großagent, in der Knefebeckstraße (der wie der selige Don Quichotte mit (Eulenbrille aussah, aber durchaus keiner war, ein ganz gerissener Geschäftsmann), um Frau ©ugernetl, nach dringlicher telephonischer Anmeldung, seine Aufwartung zu machen.
Spilke, von Beruf ironisch und leise enthusiasüsch, hatte sie, förmlich leidend vor Bewunderung, angesehen. „Wunderbar erholt und patiniert, gnädige Frau!" Und er hatte mit dem nächsten Atemzug seine großen Pläne für den Herbst und Winter entwickelt. Jawohl: Spilke hatte diesmal ein ganz großes Programm in der Pfanne, in dem bas Ausland eine noch beträchtlichere Rolle spielte als früher und das — ihre Zustimmung vorausgesetzt — nun, wie er zart betonte, mit energischen Händen in Angriff genommen werden mußte.
Katarina hörte ernst und mit wgchsender Spannung und Begier zu und emnfanb Herrn Mgnfred Spilke in seinem gufreizend tarierten gelben Anzug als einen treu ergebenen, hervorragend selbstlosen Freund. Ja, ihr Herz klopfte unruhig und brannte in Sehnsucht. Sie war ein bißchen bloß um die Rase, sonst still und verschlossen.
Spill-' wußte selbstverständlich einiges um die Freundschaft mit dem großen Gelehrten am Tulpenroeg; er kümmerte sich um alles, was ihn anging od^r ongehen mußte, ffine Seelensreundschaft? Gut... Und Spilles kleine helle, verschlagene Augen spähten wieder. Seine letzten Briese waren nn^ontroortet geblieben, ihr Aufenthglt mnr nicht zu erfuhren gewesen- ^ie gnädige Frau wünsche ungestörte Ferien zu halten. Gut... „Also, gnnhige Frau: Ich denke, Sie überlassen mir vertrauensvoll alles Weitere? Sie wissen, es liegt in treuen, ehrfürchtigen Händen!" Sein Blick sah demütig in ihr Herz.
(Etae* Stunde darauf rief Louis an: „Du solltest mitkommen nach Gastein! Du fehlst mir schon!"
Nein es ist besser so. Ich möchte eine ganz vornehme Dame sein. Auch deinetwegen: vielleicht schon Einfluß des Tulpenwegs — und uralter Instinkt. Alle toten und lebendigen Gugernells und Haffelbrmks ^*Es°war"sehr still um sie her im Zimmer. Auch die Mama war aus. Sie freute sich, daß es ihm schwer wurde, und legte langsam, mit einer Reue und wachsenden Sorge, den Hörer hin.
Vorm Einschlafen in ihrem frischen, kühlen Bett dachte sie. Jetzt spaziert er im Gang oder wartet im Speisewagen, daß sein Bett gerichtet wird. Sie dachte es gerührt. Jede Sekunde führte ihn weiter weg. Machte ihn kleiner, ohnmächtiger und noch liebenswerter.
„Gute Nacht, Lu — lieber Lu!" sagte sie laut und sehnte sich verlangend nach ihm, wie eine richtige Frau.
XII.
Katarina fühlte sich fremd und beengt in allen Räumen. Sie war durch die langen Wochen an frei wehende, starke Seeluft gewöhnt; besonders fremd und beengt in ihrem Uebungszimmer: beklemmend der lange, kahle Raum und die tote Luft darin.
Aber schon am dritten ober vierten Morgen, als alle Fenster offen- standen, ging sie rasch unter einem Vorwand hinein, lief, rote heimkehrend, herrlich ausgeruht durch die lange Ferienzeit, unbezwinglich fröhlich und frisch durch den guten Schlaf, darin umher. Sie markierte ein paar spielerische Bewegungen, als rege sich eine fremde Dame hier. Das Studio sah ihr zu und wartete; der kleine braune Flügel, der Notenschrank sahen ihr mit scharfem, höhnischem Glanz zu und warteten. Em unerbittlich vorwurfsvolles Zimmer...
Sie ging rasch wieder hinaus, plötzlich laut singend und pfeifend, wie ein Kind im Dunkeln, mit einem schlechten Gewissen der, Treulosigkeit
und der unerlaubten Gleichgültigkeit.
ich am Morgen nach dem Aufstehn mcht mehr nach alter, Wozu? Es paßte jetzt nicht mehr, gehörte nicht in ihr
Sie bewegte ernst die Brauen und wippte mit dem langen, schmalen Fuß Diesmal eine schmerzlich ausgiebige Bewegung. Eine nachdenkliche Bewegung und Pause. „Ich werde wohl nicht mehr tanzen, lieber ^SchUe öffnete erschrocken die großen, knochigen Hände, als wolle er ein unschätzbares Glasgefäh vor jähem Fall behüten. „Sie wollen nicht--?"
„Ich werde heiraten!" sagte Katarina. .
Die knochigen Hände griffen, wie ertrinkende Schwimmer, in Öle Luft. „Das ist allerdings neu. Das ist in der Tat überraschend! Sie wollen also--?"
Ja "
"Herrn Professor Hasseibrink?" entfuhr es dem untadeligen Diplo- mat,/3a$ficrrn Professor Hasselbrink", sagte Frau Gugemell, vollkom. mene Herrin am Tulpenweg, gütig und überlegen spöttisch über Spilkes entsetztes Gesicht und seine Wissenschaft, indes ihr Herz aufrührerisch chluq und schmerzlich litt. ...
, Es gab und gibt immerhin Möglichkeiten ... Kompromiße, meine ich, gnädige Frau —! Hat es in unzähligen glücklichen Ehen und zu jeher Zeit gegeben. Eine gern unb einsichtig erlaubte Rückkehr frufjer ober pater — oft schon nach kurzer Zeit. Eine Verpflichtung vor bem Genie! prach Spille leise unb einbrlnglid), unter einem unabweisbaren Z"°Jch glaube: diesmal nicht, lieber Herr Spille."
In Manfred Spilles Hirn arbeitete es trotzdem heftig weiter. So leicht war es nicht abzuftellen, wenn es um ein großes Geschäft ging. Man könnte die bevorstehende Verheiratung als wundervolle Reklame benutzen! Gerade im Ausland: Hasselbrink — ein ganz großer Jlame, unbezahlbar in diesem Zusammenhang! „Ich glaube Sie genau zu ten- nen, liebe, verehrte gnädige Frau", sagte er leise und stockend, mit bett hellsichtigen Augen her innersten Verehrung. „Ich sehe Sie wesenhaft genau, gnädige Frau. Es ist bestimmt nicht bloß em Wunfchblld.
Also —?" fragt Katarina abweisend und wippte, gnädig belustigt und" ärgerlich, aber zuinnerst erregt, mit dem Fuß.
„Kein Verzicht. Niemals ein Verzicht! Sie sind eine Beseßne. Eine in Harmonie Dämonische. Das andere? Das ist das große Herz, ine vollkommen natürliche Frau, die sich bestimmungsgemäß nach Begrenzung sehnt und — sie dennoch und darüber hinaus als schwere Fessel spurt Unb Un'fkin1 lieber Spilke! Das ist Literatur. Ich bin viel lebendiger und einfacher. Ein ganz einfaches Menschenkind. Lächerlich einfach!'
Spilke schüttelte traurig den edlen, birnenförmigen Kopf. „Ich hoffe dennoch auf Sie! Ich lasse Sie nicht los, Katarina Gugemell; Sie werden sehen. Ich warte —I" . , , , _ ...
„Also warten Sie! Es tut auch mir sehr leid, lieber Herr Spilke. Aber Sie werden vermutlich etwas andres sehen und erleben , sagte sie gutmütig und bestimmt unb lub barauf den nicht mehr sanft verschleierten, sondern nüchtern entsetzten Herrn zu einer Tasse Tee em.
2lls Spille entschwebt war, ging sie singend m ihr Zimmer, um sich anzuziehen. Sie mußte noch ihr Stück laufen. Sie wollte alle Benommenheit loswerden und ein ganz reiner und frischer Mensch fein in bet guten regenkühlen, geliebten Tiergartenluft. Unb bas rosa Haus grüßen.
So verlief jetzt ihr Leben. Es war voll wechfelnber Spannungen, voll Glaubens unb plötzlich auffpringenber Sorge unb treibender Er-


