Oer ewige Weg.
Don Waldemar Bonsels.
Wemi die Sonne das Tierkreiszeichen der Fische verlassen hat und mit der Wandlung alles Gewesenen in den aufkommenden Glanz der Erneuerung tritt, erhebt sich in den Menschen tieferer Bestimmtheit, in Geist, Blut und Körper, ein Zug, den ausgelosten Machten des großen Gestirns im Erdgewese zu folgen, dieses Gestirns, von dessen Kraft un» 31 eifen märe ,-h. -u»-r»ch bestimmt, wenn ihm nichts als Neugier, Ungeduld oder die Sucht zu Bewegung und Wechsel nachgesagt würde Es ist ein Zug, der besonders uns Deutsche von Urzeiten her bestimmt hat, und sein Wesenhaftes be ruht auf einer religiösen Inbrunst, nicht auf einem physische» oder seelischen Hang allein Dieser tiefe Antrieb ist im @runbe der heimliche Wille zur Erneuerung, die Sorge und Furcht, im Gewohnten oder Alltäglichen zu verarmen oder zu verkommen, urch der Wunsch, die alten Kräfte im Neuen und Ungewohnten zu erproben. Es ist der alte germanifche Eroberungswille, der in den Gotenzügen wirkt, m den Wikingerfahrten sowohl als in den Kreuzzügen Er erhebt sich nut der heiligen Um ruhe zur Weite, im Heimweh nach der Fremde; darin ist er zugleich Segen und Verhängnis, Macht und Schicksal.
Vom kleinen Spaziergang vor die Stadt hinaus, bis 3ur Todesfahrt des Dichters Mar Dauthendey nach Java, es ist immer derselbe Hang. Es bleibt darüber gleichgültig, ob sich dieser Antrieb m kleinen und verkümmerten Seelen als lächerliche Sensationsgier oder oberflächliche Vergnügungssucht zeigt, es solle vielmehr darauf ankommen, zu verstehen und zu erkennen, welch tiefer Sinn auch noch in der geringsten und unbedeutendsten Erscheinungsform liegen mochte. Erst vom Ursprung und der rechten Ausdeutung her bahnt sich der Geistesweg m das beste Verhalten und zur höheren Freude der Verinnerlichung. _
Dem Gewohnten hastet die Gefahr der Erkrankung und Erblindung der Seele an, und es stößt sie leicht in die Regionen des Gewöhnlichen. Ihr Ausbruch zu Reisen und Wandern sucht die Erprobung und Bewahrung der verstaubten oder verschütteten Kräfte in neuen Ausgaben, es gut die Widerstände der Fremde zu bestehen und sich darin zu erweisen. Mit solcher Einstellung sinkt die eitle Begierde dahm, sich selbst zu zeigen oder in Szene zu setzen, und verwandelt sich in den Wunsch, das andere und die anderen zu schauen und zu begreifen. Sie bewahrt vor Enttäuschung, und mit solcher Haltung erhebt sich die schönste Tugend des Wanderers, die Bescheidenheit vor dem Fremden. Niemals wird die Einstellung des andächtigen Beschauers verletzen, und die Schwester der Andacht, die Geduld, wird mächtig aus dem Weg der Einsicht von außen nach innen, dem einzigen Weg, den zu beschreiten ein Ausbruch der Mühe wert ist. .. . . ,
Goethe sagte einmal den Satz: „Man reift doch nicht, um anzukommen!" Er begriff aus der Tiefe seiner Erlebniskraft die Bedeutung des Weges, die die meisten vergessen haben, sie kommen an, und suchen am Ziel, enttäuscht und voreingenommen, das Alte, statt auf dem Wege schon die Erneuerung des Eigenen gefunden zu haben.
Erst im Verweilen und Beschauen öffnet sich die umgebende Welt zu ihrem eigentlichen Leben. Freilich, wer von den vielen Tausenden, deren Blicke diese Zeilen slüchtig durchstreifen, hat nur einmal eine einzige Stunde lang, eine Stunde von unendlich viel unnütz vertaner Zeit, vor der Gestalt und Daseinswelt einer Pflanze gestanden? Wer kennt ihr Lebensgebiet vom tastenden Suchen der Wurzeln im Erdreich, über die Knospe fort, bis zum farbig entfalteten Blütenkelch, der dem Morgen zugekehrt, den Sonnenschein aufnimmt wie himmlische Nahrung. Wer erlebte die Verzücktheit der zarten Körperseele im Anflug des Falters, ihren geneigten Kelch unter der beseligenden Last, ihr Welken, ihre rasche Nacht und endlich die in den Erdschoß gebettete Frucht, als ein Gleichnis des eigenen Daseins? .
Wer ermaß auf feiner Wanderung schon einmal vom Teppich des Korns, von den Bächen und Hängen aus, den Stand und die Art des bäuerlichen Gehöftes, den Brunnen und die Scheunen? Und von dort her, Über den Heugeruch der Wiesen und das Brüllen der Rinder fort, vom Rauch des Herdes und vom Wiegenlied her, den gewaltigen Weg bis zum lichtdurchbrochenen Aufstieg des gotischen Doms? Wer hort in seinen Glocken noch den Seufzer des ermüdeten Landmanns, den Vogel- gefang und das Rauschen des goldenen Korns, in seiner Orgel das Wiegenlied... m , ,,
So mag sich dem Wanderer der Sinn des Weges erschließen, alles andere sind leere Straßen, auf denen sich die Seele alles Lebendigen verbirgt, in Landschaft, Pflanze und Tier. Wer das Dorf durchfährt, um am Marktplatz nur den Wegweiser für die nächste Ortschaft zu suchen, fährt in die Oede und macht aus der Landschaft eine Landkarte. Er wählt den Lärm statt der Stille, den unheimlichen, geheimnislosen Lärm, den furchtbarsten und tödlichsten Dämon Europas. Dieser Götze ist so mächtig geworden, daß die Erwähnung seiner Untat nicht mehr anders als mit einem überlegenen Lächeln angehört wird, und die Menschen wissen nicht mehr, zu welcher Ohnmacht seine Betäubungen führen.
Freilich, ein Lerchenlied allein verscheucht, auch gerne gehört, seine Gefahr nicht. Denn nicht nur die Lerche erklingt in ihrem Lied, sondern in ihm bricht die durchwärmte Scholle des Ackers und der gelbe Kelch am Wiefenrand auf, in ihrer Stimme offenbart sich das tausendfältige Werden als beredt gewordener Triumph aller Stummen in und über der Erde. Im Gesang des Vogels ist die Wesensgeftalt der Auferstehung, er tönt auf als ihr Sinn, ein hallendes Lichtsignal ihres Wegs zur Höhe, gestimmt auch für unseren Weg.
Es gibt einen Ausspruch von Christus, der auherkanonisch überliefert und auf einem ägyptischen Papyrus gefunden worden ist. Ein Wort von abgründiger Weltentiefe, dessen Gehalt sich dem andächtigen Geist im sinnbildhaften Leuchten der Natur enthüllt. Er heißt: „Ihr fragt, wer diejenigen sind, die uns zum Reich führen? Die Vögel in der Luft und alle Tiere auf der Erde und unter der Erde und die Fische des Meeres, die find es, die euch führen, und das himmlische Reich ist in euch."
Hier ist die gleichnishafte Bedeutung und Wirkung der Dunklen der Urmächte der Natur in ihrer Beziehung zur inneren Freiheit des Menschen wunderbar berührt. Das Führertum der in unschuldvollem Wandel befangenen birgt das Geheimnis, das es für den Wanderer in der Natur zu finden gilt, auch im Walten der eigenen Natur.
Adriatischer Bilderbogen.
Von Herbert Kemlein.
Fiume ist das beste Stückvon Fiume
So paradox es klingen mag: es ist fo. Denn die Stadt wird durch den Canale della Fiumara geteilt in das italienische Fiume und das ,ugo- slawische Susak. Nach dem Krieg gehörte die ganze Stadt zu Jugoslawien. Dann machte D'Annunzio den ganzen Kustenstreifen zur Freizone und ein paar Jahre später annektierte er es für Italien. Fiume wurde geteilt. Vor dem Krieg war hier reger Schlsssverkehr. Heute ist der Hafen tot. Alles, was Wert hat, gehört zu Fiume. Die Kais, der Bahnhof die Werft. Doch Susak arbeitet fieberhaft. Em Hafen wurde gebaut, ein Bahnhof. Mit Neid und Bewunderung sehen die Fmmaner ihren Nachbarn zu. Der Warenverkehr nach Dalmatien, Albanien und Griechenland hat hier seinen Hauptumschlagplatz gefunden Wer das Susak von 1926 kennt und heute dorthin kommt, wird die Augen auf- reitzen. Aus dem engen, kleinen, übelriechenden Vorort ist eme moderne Stadt geworden. Schöne neue Häuser und Straßen. Große Läden und Hasenanlagen, die eine glatte, rasche Abwicklung des Verkehrs gewährleisten. Zwei riesige Holzlager ziehen sich weit an den Eisenbahngleisen bin In vielem spürt man den nahen Orient. So im Handel, der feste Preise nur noch zum Schmuck kennt. Am Leben der Bevölkerung, die immer Zeit hat für ein Gespräch, eine Stunde im Cafe, eine Zigarette. Die Menschen hier sind sauber und ordentlich. Sie verstehen es, sich nut den geringsten Miteln hübsch zu kleiden. Und alle tragen Regenschirme. Große, schwarze Ungetüme von vor hundert Jahren. Selbst Die Brief- träger. Mit einem Regenschirm kann man nicht rennen. Und das scheint auch der einzige Grund zu sein, weshalb die Leute ihn tragen, denn tagein, tagaus scheint helle, heiße Sonne vom blauen Himmel auf dies glückliche Volk.
Ein General.
Biograd, ein kleines Küstennest nahe Zara. Hätte die Schiffsglocke nicht solchen Lärm gemacht, ich wäre nicht so früh ausgestanden. Im vorderen Laderaum wird gearbeitet. Rasselnd poltert die Dampswmde. Orientalische Faulheit kann man den Leuten nicht nachsagen. Was ver- packen sie? Kisten, Ballen, Fässer. Jetzt kommt eine Kolonne Soldaten. Schleppt Tische, Stühle, Schränke. Eine Zinkbadewanne und zwei drei- beinige Garderobeständer. Korbsessel und Koffer. Ein schönes Pferd laßt sich ängstlich über den Laufsteg führen. Soll es auch in den Laderaum? Zwischen die Badewanne und den Hausrat? Nein, doch nicht. Man hat ihm an Deck eine Box gebaut. Die Soldaten machen den Versuch stramm zu stehen. Ein Offizier kommt. Weiße Jacke mit großen, goldenen Tabletts auf den Schultern. Lange, graubraune Hofe mit breiten, roten Streifen. Hinter sich her zieht er einen schweren Schleppsäbel. Ich fragte den Steward, wer das ist. „Ein General", antwortet er geheimnisvoll und in tiefster Ehrfurcht.
Ein Kriegshafen.
Heiß ist es, sehr heiß. Die kahlen Felsen der Küste und der vielen kleinen Inseln, die die Schiftahrt so erschweren, strahlen die Sonnenglut unvermindert zurück. Der Dampfer gibt ein langes Signal. Vor uns taucht Wald auf. Eine enge Einfahrt. Dann eine weite Bucht. Em Kreuzer läßt feine blau-weiß-rote Fahne träge hängen. Neben ihm drei O-Boote. Der nördlichste jugoslawische Kriegshasen. Gegen Kiel und Wilhelmshasen nur ein kümmerlicher Versuch. Die kleine Stadt, winklig und staubig. Der alte Dom gibt einige Kühlung. Feierliche Stille umfängt mich. Auf den Bodenfliesen flimmert die Sonne. Rot, blau, violett fließt das Licht durch die hohen Kirchenfenster. Man könnte träumen von einer Zeit, wo hier venezianische Schiffer um glückliche Fahrt gebetet haben Ein Park, nur wenige Meter lang und breit. Mit Springbrunnen. Hier fitzt die Hälfte der Bevölkerung und freut sich des Schattens, den die wenigen Bäume spenden. Zufrieden und unbekümmert. Beginnender Orient. „ ,
Erinnerung an die Heimat.
Jetzt habe ich Zeit, mich auf dem Schiff umzusehen, denn die Küste bietet wenig Abwechslung. Sie ist gleichmäßig kahl und wild. Ein Luxusdampfer ist es nicht. Aber ich fahre lieber mit solchen Schiffen, als mit den eleganten, schwimmenden Hotels. Man ist mehr allein. Kann sich ganz ausschließlich dem Genuß der Seefahrt hingeben. Dennoch ist auch hier alles sauber. Die Bedienung hervorragend. Und das Essen kann man getrost mit dem in jedem guten Hotel vergleichen. Der Dampfer erinnert mich an die Schiffe meiner Heimat. Genau so sind sie in Flensburg und Kiel. Mal sehen, wo er gebaut ist?! Unter der Kommandobrücke hängt eine Messingtafel. „Howaldwerke Kiel, 1902" steht darauf. Na, also! Es mußte allerhand Mut dazu gehört haben, diese Nußschale durch den Kanal, die Biskaya und das ganze Mittelmeer hierherzubringen. Und heute noch ist der Dampfer in tadellosem Zustand. Deutsche Arbeit!
Römische Kaiser st ad t.
Split, in der weiten Bucht gelegen. Ein großer Hafen. Dort an der Riva, die eine Palmenallee ist, der Palast Diokletians. Heute stehen bis zum dritten Stockwerk Wohn- und Geschäftshäuser davor. Statt des Kaisers und seines Hofes wohnen brave Dalmatiner in feinen Räumen. Enge Gaffen, Torbogen von Haus zu Haus spannen sich darüber. Der Haüptplatz, Narodni Trg, wo man in einem Cafe zwischen lauter antiker, römischer Geschichte Wiener Walzer hört und deutsche Zeitungen liest. Unaufhörlich zieht eine dichte Menge vorüber. Viele Offiziere. Mönche in braunen Kutten, Schüler des theologischen Institutes. Der große Dom reckt seinen schlanken Turm hoch in den flimmernden Himmel. Er ist erst spät angebaut worden, denn der Dom selbst war unsprünglich das Mausoleum Kaiser Diokletians, dessen Grabmal man in der Kirche sehen kann. Vor Beginn der Weltwirtschaftskrise war Split der bedeutendste


