Ausgabe 
16.7.1934
 
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Sicfjeiier^amilienblättcr

UnterhallungZbeilage zum Gietzener Anzeiger

Mrgang 193^ Montag, den |6. juli Nummer 51

Nachtlied.

Von Werner Bergengruen, GDS. Hirte, dessen stille Hand Lämmerwolken weidet, mit der Sichel von Demant Sternenblumen schneidet.

Laffe mich vom Mondenwetn deiner Kühle trinken.

Tauche nur den Finger ein, ' laß den Tropfen sinken.

Tropfen, pur und silberhell, Hand und Herz wird Schale, Tropfen wird zum Ueberquell tausend tausend Male.

Mondene Feuchte breitet sich, steigt an meinen Wänden, und ich bade silberlich Stirn und Brust und Lenden.

Sänftigen sich Herz und Blut zu getrosten Schlägen, trägt mich dir die Mittnachtsflut, ewiger Hirt, entgegen.

Oie zwei Diplomaten.

Von Hans Franck.

Unter der Regierung des Großen Kurfürsten wurde ein Mann zum Gesandten des brandenburgischen Hofes ernannt, der Besser hieß. Em- fid): Besser! Johann Besser! Nichts davor und nichts dazwischen! Dieser üesser war der Sohn eines Predigers und obendrein für einen Diplo­mier! schrecklich zu sagen! auch noch Poet. Daß er es als Poet nur bs zu der kleinen Unsterblichkeit gebracht hat, welche die Mitwelt ver­so wenderisch an ihre Günstlinge verleiht, und der großen Unsterblichkeit ncht teilhastig wurde, über welche nur der unbestechlichen Nachwelt das kchenkungsrecht zusteht, will gegen seinen Dichterruhm nichts besagen. !?nn bekanntlich gelten jeder Zeit als die größten Dichter fast immer , silche Männer, welche alles andere, nur eben keine Dichter sind

Daß der Große Kurfürst mit der Wahl des Predigersohnes und lsoeten Johann Besser anfangs zum holländischen und später jum eng» lichen Gesandten keinen Fehlgriff getan hatte, erwies dieser ihm durch Incrnches diplomatisches Bravourstückchen. Dasjenige, welches seinen - l.plomatenruhm im höchsten Glanz erstrahlen lieh, war solgendes:

Im Jahre 1685 galt es, dem König Jakob II. zu ferner Throu- dilsteigunq die Glückwünsche des brandenburgischen Kurfürsten zu über­düngen. Mit dieser überaus wichtigen diplomatischen Mission wurde fsihann Besser betraut. Der- Große Kurfürst bestimmte, daß fein Gesandter d: rchzusetzen habe, innerhalb der Gruppe von Gratulanten, der er nach dm Range seines Heimatfürstenhofes angehöre, als Erster, also> t>> o r dm Venetianischen Residenten, dem Monarchen seine £lfrfurd)tDmJ| e Gratulation zu Füßen legen zu dürfen. Denn obwohl selbst der Große Kursürst nicht so vermessen war: anzustreben, daß sem. Gesandter m eine h Here Gratulantengruppe aufrücke die unauslöschliche Schmach daß imerhalb der ihm zustehenden Gruppe der Beauftragte eines Kurfursten- äms hinter dem Beauftragten einer Republik rangiere, konnte und wollte et seinem Staat nicht antun. ......

Johann Besser reiste also mit dem unerschütterlichen Entschluß, diesen h Ibootten Auftrag seines Herrn, koste es was es wolle, der erteilten Zln- misung gemäß auszuführen, vom Haag nach London. . .

Dort erwies sich ihm bald, daß er die Schwere seiner Aufgabekeines- «:gs überschätzt, sondern um ein beträchtliches unterschätzt ha"eDer »netianische Gesandte, namens Vignola, em m seinem 54 'hnnhert "t alter Mann, machte dem jungen Johann Bester Segenuber hundert ard noch einige Gründe geltend, die sein Recht, vor dem branden- - ratschen Gesandten seine Glückwünsche anzubringen sonnenklar er » efen. Obwohl Johann Besser in der Beibringung ebenso zahlreicher, n ch sonnenklarerer Gründe für das Gegenteil keineswegs ß 8 -

fceb schließlich nichts anderes übrig, als die Entscheidung d. ?

.-iraten-Ehrenrates anzurufen. Dieser, dem nur Gesandte der damaligen .Großstaaten, also nur zweifellos unparteiische Männer, angehorten, fällte

nach sorgfältiger Erwägung aller Gründe und Gegengründe das salomo­nische Urteil: Es solle derjenige von beiden zuerst in den königlichen Thronsaal eintreten, der an dem ihrer Gesandtengruppe zur Gratulation bestimmten Tage zuerst in dem königlichen Vorsaal des königlichen Thron­saales einträfe. Vignola und Bester mußten sich vor dem versammelten Ehrenrat die Hände darauf geben, sich an diesen Beschluß wie an ein freiwilliges Ehrenwort gebunden zu erachten.

Als spät in der Nacht, welche dem für Brandenburgs Schicksal be­deutsamen Gratulationstage voraufging, alles am Hofe aufbrach und, sich schlafen zu legen, nach Hause ging, ließ Besser sich von dem schlüstel- geroaltigen Kammerdiener gegen ein gutes Douceur in dem könig­lichen Vorsaal einschließen und brachte den Rest der Nacht darin zu.

In aller Herrgottsfrühe kam am andern Morgen Vignola bei Hofe angefahren. Triumphierend stellte er durch höchst eigenhändiges Rütteln an der Türe des königlichen Vorsaales fest, daß dieser noch verschlossen war. Tiefbefriedigt, dem anmaßenden brandenburgischen Gesandten den Rang abgelaufen zu haben, wartete er vor der Schicksalstüre, bis fein Bediensteter den königlichen Schlüstelkammerdiener geweckt hatte, damit dieser ihm aufschlösse. Wenn Vignola auch nicht wenig erstaunt und ver­ärgert war, al» ihn bei seinem Eintreten in den königlichen Vorsaal Johann Besser mit einem höhnisch-heiteren Gutenrnorgengruß empfing, so gab er dennoch (ein Spiel nicht verloren. Selbstverständlich erachtete er sich da bekanntlich noch niemals ein Diplomat sein Wort gebrochen hat an die getroffene Abmachung gebunden. Aber da es was nicht weniger bekannt fein dürfte noch keine ehrenwörtliche Abmachung auf Erden gegeben hat, an der ein Diplomat nicht deuteln könnte, so stellte Vignola bei sich fest, daß er nur verpflichtet sei, Besser vor sich eintreten, nicht aber, ihn vor sich verbleiben und noch viel weniger, ihn mit dem ersten Wort beginnen zu lassen. Darauf baute der schlaue Italiener den Plan, der ihn, trotz allem, zur Erreichung seines hohen Zieles führen sollte.

Als nach Stunden, während der sich der brandenburgische und der venetianische Gesandte, von denen keiner sich getraute fortzugehen, aufs freundschaftlichste unterhielten, der königliche Zeremonienmeister die Flügeltüren des königlichen Thronsaales öffnete, hielt Vignola sich streng an sein Ehrenwort. Unter der größten Spannung des ganzen Hofes, der bis zum König hinauf von dem Vorgegangenen unterrichtet war, trat als erster von beiden Johann Bester, der Gesandte des Großen Kurfürsten, ein. Aber schon während Besser noch in seiner alleruntertänigsten Ver­beugung erstarb, begann der wenige Schritte hinter ihm eingetretene Vignola, Resident der Republik Venedig, der feine Verbeugung ein wenig abgekürzt hatte, zu sprechen. Und allen höfischen Brauch und Wohl­anstand außer acht lassend, um so sein gewaltiges Ziel: als Erster seiner Gratulantengruppe dem König Jakob II. die Glückwünsche feines Staates zu überbringen, dennoch zu erreichen, suchte er im Sprechen an feinem Rivalen vorbeizugelangen.

Bester verlor auch in diesem kritischsten Augenblick seines Lebens die Fassung nicht. Er schnellte keineswegs hoch, sondern vertiefte seine Ver­beugung noch um ein Erkleckliches. Aber während er scheinbar nur der Ver­ehrung seines Auftraggebers vor dem neugekrönten Monarchen durch die nicht zu überbietende Krümmung feines Rückens Ausdruck gab, suchten an seinen Füßen vorbei seine Augen nach den nahenden Füßen seines Gegners. Und just in jenem Augenblick, als Vignola an dem sich verbeugenden Johann Besser vorbeitrachtete, tat dieser, sich langsam auf­richtend, mit seinem rechten Fuß einen kleinen versteht sich unbeab­sichtigten! Schritt zur Seite. Der Venetianer, der sich schon Sieger glaubte, gewahrte es nicht, hakte dahinter, stolperte, glitt auf dem glatten Parkett aus und schlug der Länge lang auf den Boden hin. Vesser, als ob nichts, das ihn etwas anginge, geschehen sei, richtete sich nach der Vorschrift langsam völlig auf, begann seine Gratulativnswünsche herzu­sagen und war damit am Ende, ehe Vignola sich von seinem Fall soweit erholt hatte, daß er mit seiner Gratulation von neuem beginnen konnte.

Natürlich wurde, sobald der König sich zurückgezogen hatte, das Miß­geschick des venetianischen Gesandten weidlich beschmunzelt. Ms dann aber der spanische Gesandte auf den wutbebenden Alten zuging und, indem er ihm die Hand mitleidig auf die Schulter legte, doppeldeutig faate:Caro vecchio, Sie haben eine großartige Verbeugung gemacht!" da war es mit der Heimlichkeit des Lachens vorbei. Alles brach in schallendes Gelächter aus, in das was blieb ihm anderes übrig? zuletzt auch Vignola einstimmte.

Da somit die diplomatischen Fähigkeiten Johann Bessers unanzweifel­bar erwiesen waren, denn was kann es für einen Diplomaten Größeres geben als jemandem im geeigneten Moment ein Bein es braucht ja nicht immer ein körperliches zu fein! zu stellen, verlieh der Große Kurfürst feinem englischen Gesandten, sobald ihm von diesem Bravour­stück berichtet wurde, den erblichen Adel. Womit der erste Schritt auf jenem Würden-Wege getan war, an dessen Ende sich der Predigersohn und Poet Johann Besser in den brandenburgischen Oberzeremonienmeister und Wirklichen Geheimen Rat Johann von Besser verwandelt hatte.