Ausgabe 
16.4.1934
 
Einzelbild herunterladen

Baracken aufwirvle. Aber ttrte manchen unvernünftigen Wunsch hatte er Jupp erfüllt! Wie vieles hatte er ihr gegen ihren Willen in das Haus geschleppt, das besser draußen geblieben wäre? Warum also nicht auch einmal seiner fast achtzigiahrigen Mutter etwas Törichtes schenken? , m .

Weil es keinen Sinn hätte, gab Gust zur Antwort.

Auf die Freude käme es an, die von dem Geschenk ausginge, hielt Rikelchen sich tapfer. Denn, genau genommen, sei die Freude, die es mache, der Sinn des Geschenks. Das aber, was er «>inn nenne, sei nur der Nutzen. Und der dürfe bei der Zusage oder Ablehnung eines Geschenks überhaupt keine Rolle spielen.

Seit wann sie auf der Seite ihrer .Schwiegermutter stehe?

wollte Gust wissen. . . , .....

Seit er sich auf die falsche Seite verirrt hatte.

Er/olle seiner Mutter das schwarzseidne Kleid, das ihr nun einmal so viel bedeute, wie er es nie ermessen könne, endlich schenken, und alles wäre in Ordnung.

Giwwt nich", beharrte Gust bet seiner Entscheidung.

Aber schließlich geriet der von zwei Seiten Bedrängte doch ins ^Zu Weihnachten bekam Fiek Micheelsen ihr Schwarzseidnes.

Die Pantoffelmacherswitwe zog das schöne Kleid, bei besten Einkauf Rikelchen nicht eine Sekunde lang gedacht hatte:Soll nur für eine arbeitsgekrümmte, alte Frau rn den Baracken fern, nicht etwa an. O nein! Sie streichelte ihr geliebtem Schwarzseidneo immer wieder mit den rissigen Händen. S,e hielt es an sich her­unter. Bor allem aber: sie zeigte es ihren neidischen Nachbarinnen. Am liebsten hätte Fiek Micheelsen nach und nach sämtliche Frauen der Stadt zu sich gerufen und ihnen, einer nach der aii&tin, die Frage aller Fragen gestellt:Schön, wat? Um dann, sobald tue Antwort lautete:Ganz wunnerschön!" mit Stolz zu erklären. Js ook richtige Siid! Meter Teinmarkföftig!"

I Am Tag nach Weihnachten erkundigte sich jemand: Wann Fick I das Schwarzseidne denn zum ersten Male anziehen wolle?

Up Gust sin Sülwern Hochtid!" gab die Pantoffelmachers- I witwe ohne Besinnen zur Antwort.

I Das fand die Nachbarin durchaus in der Ordnung. Obgleich bis dahin noch dreieinhalb Jahre waren und inzwischen ein acht-

I zigster Geburtstag im Pantoffelmachcrshäuschen gefeiert werden I mußte.

I Silvesterabend hielt Fiek Micheelsen das Schwarzseidne zum mehr als hundertsten Male an sich herunter. So sorgsam wie es

I bei dem Nichtangezogensein ging, strich sie cs glatt. Wieder glitten ihre Augen aufleuchtend über den glanzenden Stott hin. Und

I wieder stellte sie voller Stolz, zu der Betrachterin hrnubersehend, I die immer gleiche Frage:Schön?"

Aber ehe Fiek Micheelsen diesmal das immer gleichewat? I zur Bekräftigung folgen lassen konnte, ent,ank das SUeib ihrer I ^Di'e Glückstrahlende wankte und fiel dem zu Boden sinkenden I Schwarzseidnen nach. .

Micheelsch!" schrie die Besucherin auf.

I Aber die Zusammengesunkene gab ihr keine Antwort. Gab I künftig niemand mehr Antwort.

Nicht auf der Hohen Straße, sondern in den Baracken hatte I Fiek Micheelsen das Schwarzseidne zum ersten Male an. Aller­dings bei einer Feier, zu der viele um ihres Siebten willen kamen: sogar der Dritte nnd Neunte aus Hamburg. Aber auf ihrer Totenfeier. Starr, die Hände gefaltet, ruhte sie damit in ihrem Sarg. Um ihre Lippen lag ein Lächeln.

I Hätte Fiek die Hände bewegen können, sie wäre mit ihnen I über den schmiegsamen Stoff hingeglitten. Hätte sie die Lippen noch zu einem allerletzten Satz zu öffnen vermocht, sie hatte gesagt. Schön, wat?"

I Als Gnst von der Beerdigung seiner Mutter nach Hause kam, fragte er seine Fran: Ob sie etwa noch immer das, vermaledeite Weihnachtsgeschenk, das in die Baracken gewandert sei, gutheiße?

Jetzt mehr als je!" gab Rikelchen unverwirrt znr Antwort.

Obgleich das Schwarzseidne der Mutter zum Tod gewor- 5Crt2BcU es ihr den Tod geschenkt hat, Gust."

IIch versteh dich nicht." ,

Kann es einen schöner« Tod geben, als mit einem Schön auf den"Lippen umsinken und in Sekunden des Lebens ledig sein!

IWenn man ein richtiges Leben gehabt hat, vielleicht nicht.

I ".Kann der Frau ein richtigeres Leben zuteil, werden, als zehn I Kinder haben, von früh bis spät, Tag nnd Nacht, jahrein und jahraus für sie arbeiten, ohne daß in achtundsiebzig Jahren Krank-

I hcit auch nur ein einziges Mal gewagt hat, die Hand nach ihr aus- I zustrecken?"

Und die Not?" ,r .

Ist Schicksal, mit dem man fertig werden muß. Ist Schickial wie der Reichtum. Und es ist noch erst auszumachen, bei wem von beiden der Mensch es leichter hat, Mensch zu bleiben."

Er war auch jetzt keineswegs von der Richtigkeit seines letzten Geschenks an die Mutter überzeugt. Aber die halb neidvolle, halb ' beglückende Bewunderung der angeborenen Kraft Nikelchens, alle : Dinge zum besten zu kehren, verschlug ihm das Wort.

; I (Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'fche Univerjitäts-Duch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.

kunft in der Stadt noch weniger besaß als ihre Schwiegermutter, ! welche immerhin ein eignes Haus hatte.

Bekam Fiek also endlich ihr Schwarzserdnes?

Achtundsiebzig war sie nun schon und hatte es noch immer nicht '/Wie lange sollte sie den steinreichen Lederhändler um ihr Schwarzseidnes bitten? Er verdiente das bißchen, was es kostete, . doch an einem Tag! Und brauchte nichts zu tun, als auf dem Tritt I vor seiner Haustür zu stehen, die Hände m die Hosentaschen zu stecken, die Straße lang zu trompeten:Uns geiht dat gaud! Ihr I Schwarzseidnes! I

Gust lachte seine Mutter aus. ...

Sie laufe aufs Rathaus! drohte Fiek. Zum Stadtsekretar.

Nur zu! lachte Gust. Dort sei sie ja schon einmal gewesen

Woher er das wisse? Sie wäre doch hinten 'rum gegangen, nicht die Hohe Straße entlang, und außerdem an einem Tag, wo I Ct Woher^er «das nstsse, könne ihr gleichgültig bleiben. Die Haupt- I fache, daß er es wisse. Oder ob es etwa nicht stimme?

Nun ja, wenn er es wisse: Sie sei auf dem Rachaus gewesen. I Er selber habe sie ja hingeschickte! Mit den beiden Stuben auf der Hohen Straße wäre die Sache allerdings fraglich. Aber bloß weil sie eine Unterkunft in ihrem eignen Haus habe. Das Schwarz- I seidne jedoch werde der Stadtsekretär ihr sicher alsstandesgemaß I zusprechen. Dann müsse er es bezahlen. Also lieber freiwillig I damit rausrücken! r . .

Ein fchwarzseidnes Kleid in den Baracken? lachte Gust seine Mutter aus. Er denke nicht daran, sie und sich selbst zum Gespött I der ganzen Stadt zu machen.

Ihr Schwarzseidnes, forderte Frek.

Also gut, kam der Herr Lederhändler seiner Mutter entgegen, 1 er wolle ihr etwas von dem schenken, was er.bisher abgelchnt I hätte, wenn sie endlich mit diesem unvernünftigen Wunsch auf- I höre. Was es denn sein solle? Es dürfe ebensoviel, es dürfe das I Doppelte, ja seinetwegen das Dreifache kosten wie em seidenes Kleid. Heraus mit dem Wunsch!

Ihr Schwarzseidnes, gab Fiek zur Antwort.

Giivmt nich, Mudder!" entschied Gust mit gleicher Unbeirr- I 6ar®teimal verlegte Fiek Micheelsen sich aufs Weinen.

Daß sie so was ihre alten Tage noch erleben müsse, schnuckte sie. Ihr ganzes Leben lang hätte sie sich für ihre zehn Kinder I abgerackert. Nichts hätte sie sich gegönnt. Immer alles den Kindern gegeben. Nicht mal richtig satt gegessen hatte sie sich. Biele Jahre lang nicht. Und was sei nun der Lohn dafür? Undank und Knauserigkeit, Unverstand und Filzigkeit. Nicht mal ihr Schwarz­seidnes solle sie haben. Rikelchen, die den ganzen Schrank voller Seidenkleider habe und immer wieder sage: bloß nicht mehr! hänge er ein Kleid nach dem andern auf den Leib, so kostbar, daß die Frau Bürgermeisterin lange schon nicht mehr mit könne, ihr aber wolle er nicht mal das eine lumpige schwarzseidne schenken.

Fiek versuchte zur Unterstützung ihrer Worte stärker zu weinen.

Sie solle sich nur nicht unnötig anstrengen, wies Gust die gewalt­sam Heulende ab. Damals, vor vielen Jahren, als ihr elftes Kind gestorben wäre, sei nicht eine einzige Träne in ihre Augen ge­kommen, obwohl es nach zehn Jahren endlich ein Mädchen gewesen sei.

Dat is nich wohr!" entrüstete Fiek sich. Tagsüber hätte sie vielleicht nicht geweint, weil sie vor lauter Arbeit keine Zeit dazu gehabt habe. Aber die ganze Nacht durch hätte sie weinend in ihrem Bett gelegen.

Sie? geweint? lachte Gust bitter auf. Er habe, während die Mutter ihn schlafen glaubte, gehört, wie sie den Vater angefahren hätte: warum er eigentlich vor sich hin heule? Danken müßten sie Gott, daß der dreizehnte Esser aus ihrem Haus wieder verschwunden wäre. Mit gefalteten Händen und geglättetem Gesicht danken!

Da weinte Fiek Micheelsen wirklich. Weinte aus dem Herzen herauf über die Schlechtigkeit ihres Siebten.

Dem Vater, fuhr Gust mit seiner verwirrendsten Jugenderin­nerung fort, seien trotzdem, als er am offenen Sarg der kleinen Schwester gestanden hätte, die Tränen über die Backen gelaufen, am Kinn herunter, so viele, daß sie auf seine gefalteten Hande gefallen wären, von wo er sie mit dem Handrücken weggewlscht habe. Sie aber nicht mal feucht seien ihre Augen geworden.

Das wären wohl keine Tränen? fragte Micheelsen und wies triumphierend auf den Tropfen, den sie mit ihrem Zeigefinger aus der Ecke des linken Auges geholt hatte.

Nicht einmal bei dem Tod ihres Kindes, ihres einzigen Mädel- chens nach zehn Jahren, fuhr Gust fort, habe sie geweint, und er solle die Tränen, die sie um ein Kleid mit Müh und Not heraus­gedrückt kriege, für echt halten? ,\.., ,

Jawohl, ihr Schwarzseidnes, wie's damit sei? rief Fiek Micheel- scn ans; froh, daß ihr Siebter nun wieder auf die richtige Straße eingebogen war und die Verggngenheit Vergangenheit sein ließ. Nun kriege sie es doch?

Giwwt nich, Mudder!" antwortete Gust, und fling.

Gegen ihre Gewohnheit sprang in diesem Fall Rikelchen Fiek Micheelsen bei. ,

Er solle doch der Mutter das schwarzseidne Kleid schenken, bat sic Gust. Gewiß der Wunsch sei unvernünftig. Zugestanden, die Stadt werde lachen, wenn die krumme Pantoffelmachcrswitwe, von der Jupp als Kind behauptet hatte, sie sei der Hexe in seinem Märchenbuch ähnlich, mit ihrem Schwarzseidnen den Dreck der