Die Schuflerkugel.
Noman von Hans FrantL.
(Fortsetzung.) «Nachdruck verböte».)
Zwei Stuben an der Hohen Straße konnte sie verlangen! Eiue Treppe hoch. Nicht zur ebenen Erde, da war es für eine nun bald achtzigjährige Frau zu fußkalt. Beide, nicht nur eine, nach vorn. Mit modernen Möbeln: Nußbaum im Schlafzimmer, Mahagoni im Wohnzimmer. Drinnen am Fenster hatte ein dickgepolsterter Ohrmuschellehnstuhl zu stehen. Natürlich auch aus Mahagoni. Draußen am Fenster muhte ein spiegelnder Spion angemacht sein, daß sie in ihrer warmen Stube von der Post bis zum Rathaus sehen konnte. Morgens um sechs würde sie sich in den Ohrmuschellehnstuhl neben den Spion setzen und vor abends um neun nicht wieder ausstehen. Denn mit der Arbeit war es dann ganz vorbei. Und mit dem Essenkochen auch. Es war wirklich eine Knauserei von Rike, daß sie ihr nur das Mittageffen ins Haus schickte. Abendbrot und Frühstück und Kaffee konnte sie auch verlangen. Bloß den Nachmittagskaffee! Oh, sie war nicht unverschämt. Den Morgenkaffee wollte sie sich gerne auf ihrem Gasherd — Gas in der Küche mußte sein! — auch künftig selber kochen. Schon damit sie morgens so lange im Bett liegen bleiben konnte, wie sie wollte. Das würde ihr bald über werden? Ihr? Nee! Gab's was Schöneres für eine schwache alte Frau, die sich siebzig Jahre lang von früh bis spät abgerackert hatte, als wenn sie des Morgens im Bett sagen konnte: „Ick bruuk noch nich uptostan!" Zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal, so oft es ihr Spaß machte. Leise, halblaut, kräftig, daß man's durch die Wände hörte: „Fiel Micheelsen nut dei Bracken bruuk noch nich uptostan!"
Gust gab seiner Mutter Jahr um Jahr willig, wessen ste bedurfte.
Die wild aufschießenden Wünsche Fiek Micheelsens allerdings kappte ihr Siebter mit einem: „Giwwt nich, Mudder".
Als die Unersättliche Gust eines Tages wieder lange und laut wegen der beiden Stuben an der Hohen Straße in den Ohren gelegen und sein „Giwwt nich, Mudder" noch weniger als sonst verfangen hatte, sagte er mit gelassener Bestimmtheit: Einen alten Baum dürfe man nicht verpflanzen. Der wachse auf der neuen Stelle nicht mehr an. t
Sie werde auf der Hohen Straße schon noch mit dem Leben zurechtkommen, zeterte die Mutter, und dort Schüsse tun, daß er nach einem Stuhl greifen müsse, um nicht vor Staunen platt auf den Hintern zu fallen. , , .
Unsinn, erklärte der Bedrängte. Sie solle sich mit dem zufrieden geben, was er und Rikelchen ihr freiwillig brächten, denn sonst —
Sonst? fing Fiek das abgeschnellte Wort ihres Siebten auf. Sonst kriege sie gar nichts! .
Oho! Das zu verhindern gäb's denn doch noch Gesetze m Mecklenburg!
Also gut: Sonst kriege sie künftig, was ihr gesetzlich zustehe. S^e solle doch mal gelegentlich aufs Rathaus zum Stadtsekretär gehen und sich erkundigen, wieviel sie von ihm für ihren „standesgemäßen" Unterhalt fordern dürfe. Dort würde man ihr schon klarmachen, was sie vergeßen zu haben scheine, daß er nur einer von ihren zehn sei. Und trotzdem hätte er ihr freiwillig mehr gegeben, als sie zusammen gesetzlich ihr geben müßten. Er werde das auch weiterhin tun. Aber nur, wenn ste die Bettelei wegen der zwei Stuben auf der Hohen Straße endlich sein laste.
Fiek gab ihre Sache trotz dieser Worte noch nicht verloren. Aber daß mit Fordern und Begründen nichts zu erreichen war, wußte sie jetzt. Also nahm ste zur Stimmkraft ihre Zuflucht Wenn's aufs Schreien ankam, blieb sie hinter dem Geizhals noch nicht zurück. t , .. .... , . ..
„Krieg ick min twei Stuwen an der Hooch Straat? legte die ehemalige Pantoffelmachersgattin los.
Gust bedeutete ihr, daß sie in die Baracken gehöre, nicht auf I die Hohe Straße. t , ....
„Krieg ick min twei Stuwen an dei Hooch Straat?" kreischte I die Abgewiesene. , ,, ,
Gust machte ihr klar, daß sie sich in der neuen Umgebung, unter veränderten Lebensverhältnissen nicht glücklicher fühle« werde als bisher, fondern unglücklicher.
Krieg ick min twei Stuwen an dei Hooch Straat?" schrie Fiek.
Giwwt nich, Mudder!" gab Gust mit erhöhter Stimme zur Antwort und ging ohne Gruß hinaus.
Um nicht auch das noch zu verlieren, was ste nach der Erklä- rnna des Stadtsekretärs über das Gesetzmäßige hinaus von ihrem Siebten erhielt, zog Fiek Micheelsen es fortan doch vor, von der Wohnunq an der Hohen Straße zu schweigen. Aber um eine andere Wunscherfüllung kämpfte ste mit desto größerer ZahlgketU fompfte sie, sooft ihr reichgewordener, hartherziger Jung auch „Giwwt nich, Mudder!" entschied, Jahr und Tag.
Fiek wollte ein schwarzseidenes Kleid haben.
Das Schwarzseidne war in dem mecklenburgischen Landstädtchen für alle mehr als fünfzigjährigen Bürgerssraucn Schluß- pnnkt der Entwicklung. Ein schwarzseidnes Kleid bewie» unwiderleglich: Geschafft! Wer mit fünfzig Jahren das Schwarzseidne noch nicht hatte, in desten Lebensrechnung stimmte was Nicht. Also war die Erfüllung dieses Wunsches für die ganze Stadt die öfsent- ^'^Sophch ^Mi'cheelsen, die Witwe des verstorbenen Pantoffelmachers Schorsch Micheelsen in den Baracken, gehört nicht mehr dem Arbeiterstand an, sondern sie ist ei>w Bürgersfrau geworden wie ihre Schwiegertochter Friederike Micheelsen, die bei ihrer An-
«nldwests oder Kameruns in den Krieg ziehen, das wäre töricht, aber niemand wird in unserer Seele jemals die Erinnerung an das llnrecht löschen können, das man an uns durch den glatten Raub unserer Kolonialgebiete begangen hat! Die Aufgabe des Kolonisierens, des Pionierseins ist eine alte, tiefe Verpflichtung, die unser Volk fühlte und fühlen wird, die Wolgadeutschen, die I Siebenbürger Sachsen, die Banater Schwaben, die Deut^hen in Argentinien und Brasilien, die Sudetendeutschen, die Ostlandfahrer — ungezählte Männer und Frauen unseres Volkes haben „bei Sonne und größerer Freiheit" in den Jahrhunderten ihre besten Eigenschaften bewiesen, haben andere Völker gelehrt, haben „das Salz der Erde" einer fremden, aber sich selbst und damit deutschem Ansehen vor 'Gott erworbenen Erde abgegeben. Und wenn sie auch unserem jetzigen Volkskörper verloren gegangen sind, sie gehören doch zum „Reich", zum mythischen Reich der Deutschen, sie haben die Säulen gepflanzt dieses Reiches, von dem Josef Magnus Wehner, der Münchener Dichter, denkt und träumt. Und ich glaube, daß unser Volk diese Stützpunkte in der Welt braucht, um seelisch zu wachsen, nicht etwa um nur Handel»stutz- I punkte zu haben oder nur sich selbst seinen Kaffee und seinen Gummi und seine Karakulwolle zu verschaffen, sondern um immer wieder über den Kirchturm hinaus deutsche Menschen, deutsche Arbeit, deutsche Tüchtigkeit zu sehen und den Schwung nicht zu verlieren. Wie sehr solches „Verlangen", das ein Volk „zu beseelen" vermag, auch politisch sich in Realitäten umsehen kann, das hat gerade der Nationalsozialismus gesehen, das hat vielleicht am deutlichsten der Volksentscheid vom 12. November gezeigt, bei dem es ja um nichts anderes gegangen ist, als um ba§ seelische Verlangen nach Einheit im Innern und Ehre nach außen. Und die völkische Sehnsucht, ist sie nicht eines der stärksten, der noch unklarsten, aber gerade darum begeisterndsten Verlangen unserer I Zeit? Darum ist auch das Verlangen nach einem außerhalb Europas gelegenen deutschen Reichsland, nach einem Land, mit dem die Seele in Wechselbeziehungen treten kann, nicht aus den unseligen Verhältnissen der augenblicklichen Weltlage, nicht nach bloßwirtschaftlichen Gegebenheiten zu beurteilen, sondern als Ausdruck innerer Jugendkrast von Menschen, als vom Schicksal gebotene und immer neu zu bietende Ausgabe zu bewerten. Viel- I leicht ist dieses Verlangen heute im neuen Deutschland vorüber- I gehend schwächer, es werden Güter parzelliert, es werden Deiche gebaut, es werden Sümpfe trocken gelegt, es werden Straßen gc- ! baut es wird in der SA. und im Arbeitsdienst jedem Hingen Menschen „bei Sonne und größerer Freiheit" auch die größere Aufgabe gestellt, als sie im normalen Entwicklungsgang und vor allem in der spießerischen Zeit des Liberalismus gegeben war, da von Staats wegen keine kämpferischen Anforderungen gestellt wurden. Aber es wird auch mancher junge Mensch ans eben dieser „Sonne und größeren Freiheit" einmal schwer wieder zuruckftnden in das einfache, nüchterne Dasein bürgerlicher Berufe. Und wenn man ihnen dann ein Land zeigen könnte, über dem d,e Farben des Reiches wehten, in dem die deutsche Muttersprache gälte, in dem Deutsche für Deutsche schafften, wohnten ste auch eine Meile oder mehr auseinander, so wäre das keine schlechte Sache, es wäre allein schon die Möglichkeit hierzu ein Trost vor der Ernüchterung und eine Vorbeugung gegen jene wilde Abenteuerlichkeit, die ins Nutzlose führt.
Die Bücher Hans Grimms, die zum Kreis um „Volk ohne Raum" gehören, also „Der Oelsucher von Dnala , „Das Deutsche Südwesterbuch" und „Die Dreizehn Briefe ans Deutsch-Sudwest und nächstens das neue Buch „Lüderitzland , das der Albert Lan- acn/Georg Müller Verlag, der Gesamtverleger Hans Grimms, vorbereitet, sind alle aus einer harten und deutschen Wirklichkeit geboren worden. Auch die schönen, in ihrer Schlichtheit doch unerhört künstlerischen und erregenden „Südafrikanischen Erzählungen", die „Olewagen-Saga", der „Gang durch den Sand , der Richter tfi der Karu", sind wohl nur zu einem beringen Teile erfundene Stoffe, in der Mehrzahl werden sie wirkliche Geschehnisse aufgegrifsen haben, die dann von der Hand und aus der inneren Schau eines großen Dichters geformt wurden. Daß Han» Grimm als einer unter Tausenden junger Männer, als schUchter Angestellter einer englischen Firma, in diese fremde Wel hlnaus- fnm, das war die Fügung seines Lebens, daß er als norddeutscher, als nordischer Mensch sich nicht rasch anpaffen konnte, daß er feine andersgeartete Natur, seine Deutschheit auf solche Weise sehen lernte, war wiederum Fügung. Aber daß er sich "iemals von dieser dort draußen „störenden" Deutschheit trennte, daß er sie int Gegensatz zu vielen geradezu als Zentrum allen Denkens, als Ausgangspunkt aller Wege ansah undni den fetten tiger Not Tausende und Hundcrttansende mit sich riß tn wme Be schwörung deutscher Volksgemeinschaft, da» war sein Verdienst. Und so muß man Hans Grimm nicht nur zu den großen D ch- tern sondern auch zu den großen Deutschen zahlen, weil er eine deutschen Erbanlagen nicht seiner Kunst unterordnete, sondern iw ittpfli’nti'if• feine Kunst in den Dienst einer leidenschaftlichen, kämpferischen Deutschheit stellte, und was er im März 1931 schrieb, in einem kleinen Nachwort zum „Schriftsteller und die Zeit , wa» aan^ trocken und sachlich klingt, das ist doch auch iw Grunde genommen ein dichterisches und gläubiges Bekenntnis> nicht nur äim ei denen sondern auch zum Charakter anderer Volker, l--ver <5er faster meint die eine Verständigung, die noch nicht versucht worden ist, die Verständigung von Nationalismus zum Natw- nolisrnus müsse kommen, und es fei höchste Zeit, daß die Nationalisten aller Völker, jeder nach seiner Möglichkeit, sich dazu auf den Weg machten." Und was damals verlacht wurde, ist heu e eine politische Wirklichkeit geworden.


