Ausgabe 
16.4.1934
 
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laufende dünnere Ende schlangen sie später das Zugseil. Diese uralte Art, Glocken lautbar aufzuhängen, kostete Christoph das wenigste Geld.

Rulle wurde in die Schmiede geschickt. Er sollte den Klöppel abholcn. Mit Hilfe des Meisters Hut lud er das schwere Ersen auf sein ächzendes Wäglein und zog es vor sich hmmurmelnd durch das Dorf.

Er kam langsam vorwärts. Wer ihn traf, blieb stehen und wollte Genaueres wissen. Aber Rulle nickte nur jedesmal und sagte:."

An der Mühle traf er Kruspe. Der Totengräber ließ sich nicht mit" abfertigen.

Se is wieder da", sagte Rulle.

Wer'ä?"

De Glocke."

Wo ham'se se denne gehabt?"

Ich weeß nich."

Hat se sich verännert?"

Ae bißchen."

Ich hab's d'r doch glei gesagt", schrie Kruspe,meine Kund­schaft verännert sich ooch in der Erde."

In der Nacht des letzten Februartages herrschte klirrender, klarer Frost. Die Ettersfelder waren tief unter ihre rotgewürfel­ten Federbetten gekrochen und hatten die Fenster gut mit Moos verstopft.

Gegen zwei in der Nacht fuhren sie hoch und setzten sich in den Betten aufrecht. Dann kletterten sie heraus und machten zitternd vor Kälte die Läden halb auf. Der Himmel strahlte in übermensch­lichem Sternenglanz. Sie sahen nur Schnee und Sterne.

Aber geträumt hatten sie das nicht: durch die Luft tönte golden und klar ein nie gehörter Glockenton.

Herrlich schwebte ein Es-Klang von der Höhe des Dingwegs herab auf Ettersfelde.

In dieser Nacht war die Glocke fertig geworden. Christoph, Zeise und Rulle standen auf dem Hofe.

Soll ich?" fragte Zeise.

Christoph nickte. Zeise fing an zu ziehen, und Zeise konnte läuten. Die Ettersfelder hatten erfchrocken gehorcht. Dann war ihnen eingefallen, daß dieses Geläute von der neuen Glocke kom­men müsse. Sie krochen wieder in ihre Betten.Der Tausend, so'n Kerl", sagten sie und schliefen unter dem Es=®eläute des Christoph Mahr friedlich ein.

In der Glockenstube des Kirchturms war es still. Aus den alten Glocken kam nur ein leises Brummen, das die Schallwellen der jungen Glocke geschwisterlich in ihnen geweckt hatte.

Noch in drei anderen Ettersfelder Stuben fanden die Es-Ton- wellen ihre Gegenwellen. Sie fanden dort Ohren, die trotz der Kälte nicht unter den Federbetten verschwinden mochten.

Der versoffene Pfannert kräkelte von einem Fenster zum an­deren und horchte:Meine Ziegelei. Meine Backschteene. Die Hun ne."

Kruspe kratzte sich hinter den Ohren:Da macht se schon Mu- sike. Bei so eener nützt fee Begra'm was."

Frau Mahr hatte den Laden ganz aufgestoßen, ihren alten Mantel umgewickelt und wich nicht, bis der letzte Es-Ton ver­klungen und in den verschneiten Ettern verhaucht war. Sie kannte den Spruch des neugeborenen Glockenkindes und sagte ihn mit gefalteten Händen her: ich schlage, hört zu, das ist die Zeit ich läute, steht auf, nun ruft euch das Reich.

Hans Grimm, der Deutsche.

Bon Johan Luzian.

Im Jahre 1896 ging ein junger deutscher Mann nach Port Elizabeth ins englische Kapland. Er war dort als Clerk in einer Handelsgesellschaft verpflichtet. Eine sehnige, elastische, langaufge­schossene norddeutsche Gestalt. Innerlich etwas scheu, aber dann gab er sich selber gewiß einen energischen Ruck. Sein Name war Hans Grimm, der da an Bord eines englischen Dampfers stand, um nach Südafrika zu fahren. Er war einer unter vielen Tausender junger Deutscher, die alljährlich in die Welt hinaus- fnhren, um ein rascheres Glück zu suchen oder in die Welt fahren mutzten, weil daheim kein rechter Platz für sie war. Es war keine schlechte junge Mannschaft, die auf allen Schiffen über die Meere fuhr, vielleicht für immer fort von der Heimat. Mut zeich­nete sie aus, Unternehmungslust, Anspruchslosigkeit, Wille zum Borwärtskommen oder aber jene festliche jungenhafte Kühnheit, jener abenteuerliche Traum von den gefährlichen Ländern der Glückssuchcr, auf die ein Volk ebensowenig verzichten kann, wenn es nicht nüchtern und spietzbürgerlich werden will, wenn es Most in sich birgt, der gährt, der ein Volk fröhlich zu machen weiß.

In einer seiner neuesten ErzählungenDer Händler" (die in einem demnächst erscheinenden neuen BandeLüdcritzland" von Hans Grimm enthalten sein wird) heiht es zum Schluß: von einem Manne, der sich als erster weißer Kaufmann unter den Hereros niederzulassen wagte, der beim Aufstand dann nach tapfe­rer Verteidigung in seinem Hause erschosien wird:Dem Kauf­mann ist also geschehen wie vielen Deutschen, deren Leib auf

schwere Weise eins geworden ist mit der harten heißen Erde von Südwest. Er war gleich den meisten seiner Landsleute weder ein Negerausbeuter noch ein Gewaltmensch, noch ein Eroberet, son­dern ein fleißiger Kleinbürger, der einen etwas rascheren Aus­stieg suchte als die alte Heimat ihn zu bieten vermochte. Er wurde wie die anderen- auf seinem neuen Wege bet Sonne und größerer Freiheit immer näher an das Schicksal gerückt, er stand ihm eines Tages einsam gegenüber, ganz erbarmungslos Auge in Auge, und dann zeigte sich freilich vor dem Unabwendbaren auch bei ihm ent Stück Heldentum."

Vor einigen Monaten war ich dabei, als Hans Grimm davon erzählte, daß er für seinen Sohn, der Landwirt werden soll, ein Gut kaufen möchte. Aber er könnte schwer etwas Passendes finden, denn er wünschte sich und seinen Nachkommen ein Stück Land, bei dem man nicht von jedem Punkt aus mindestens etn Haus sieht", so ungefähr sagte der Dichter. Hans Grimm hat vierzehn Jahre in Südafrika gelebt, er hat am Flusse Nahoon eine Farm besessen, abends ist er aus der Stadt East-London nach feinem Hause hinausgeritten, und dort hat er einsam und abgeschlossen fti ungeheurer Weite mit seinem farbigen Diener, seinen Büchern, seinen Hunden, seinen Gewehren sich von der Büroarbeit in der heißen Stadt ausgeruht. Dort hat er dann auch die ersten No­vellen geschrieben, dort hatder Dämon" ihn ergriffen, auf den seine Mutter, die an den heimlichen Dichter in ihm lange Jahre unverbrüchlich glaubte, baute. Vielleicht wäre Hans Grimm ohne dieses Erlebnis der Einsamkeit, der afrikanischen großen Maß­stäbe, niemals der Dichter geworden, der er ist. Vielleicht wäre er ohne die Berührung mit der englischen Welt auch niemals der Deutsche geworden, der er ist. Der Deutsche, der volkspolitisch dachte und schrieb, als es 23 Parteien und mehr in der Politik gab, der als Auslandsdeutscher niemals früher an einzelne Län­der dachte, sondern in dem Begriff Heimat, Vaterland immer das ganze, große Volk sdeutschland sah. Das ist heute selbstverständ­lich, aber noch 1926, als sein BuchVolk ohne Raum" er­schien, war es eine unerhörte Tat, das kämpferisch auszusprechen. Und weil er sich von diesem Buche mit der seelischen, der soziolo­gischen, der politischen Erkenntnis seines damals fünfzigjährigen Lebens, in dem 14 Jahre Ausland und vier Jahre Kriegs- und Muskotendasein enthalten waren, mehr versprochen hatte, als nur einen literarischen Erfolg und eine hohe Auflage, weil er geglaubt hatte, das BuchVolk ohne Raum" müsse eine größere Aufgabe erfüllen können, deshalb war er lange Jahre nach dem Erscheinen von der politischen Nichtwirkung des Buches enttäuscht, wie er in einem Aufsatz in seinem BucheDer Schriftsteller und die Zeit" schreibt. Aber die Enttäuschung bestand zu Unrecht, dennVolk ohne Raum" hat gewirkt und die Geister gesammelt, es h a t in der Stille die Deutschen aller Stände gesammelt Jahr für Jahr bis zur nationalsozialistischen Revolution und heute noch. Und die schönste Anerkennung, die sich der Dichter wünschen konnte, lag wohl darin, daß im vorigen Jahre anläßlich der Weltaus­stellung in Chikago neben den sechs hervorragendsten deutschen Lei­stungen auf technischen und wirtschaftlichen Gebieten auch ein ein­ziges deutsches Buch bestimmt wurde als weltbeachtliche Leistung deutschen Geistes:Volk ohne Raum" von Hans Grimm! Und zwar geschah das wiederum in der ehrenden Weise, indem das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, also das junge nationalsozialistische Deutschland und seine Bewegung, dieses Buch für die Ausstellung bestimmt hatte!

Der Gedanke desVolk ohne Raum" ist nun oft mißverstanden worden und wird heute vielleicht immer wieder einmal mißver­standen oder mißdeutet mit der einfachen Erwiderung, es handle sich um koloniale Utopien darin, gegen die die wirtschaftliche Er­schlaffung in der ganzen Welt, also die Unrentabilität von Kolo­nien spräche. Oder die klügere Entgegnung wird immer wieder einmal sein: ein Volk mit wachsender Bevölkerungszahl könne sich durch kluge Intensivierung des Binnenmarktes, seiner Industrie, seiner Landwirtschaft anpassen und erhalten. Beide Gegenargumen­tationen haben etwas Richtiges und etwas Falsches. Das Falsche liegt darin, daß ein Volk durch allzugroße Enge und durch allzu- grotze Sparsamkeit undQuälerei" seelisch ernüchtert, daß es sich wohl erhalten, aber nicht auf die Dauer jung und fröhlich bleiben kann. Und um nochmals auf die Worte von Haus Grimm im Händler" zurückzukommen, da nicht jeder Mensch es verträgt, sein Eröverlangen in Schrehergärten, sein Entwicklungsverlangen in Gemeinschaftsgruppen zu befriedigen, daß er vielmehrbei Sonne und größerer Freiheit immer näher an das Schicksal ge­rückt werden" will und daß sich dann erst, auf sich gestellt, bei solchen Menschenein Stück Heldentum" zeigt. Gerade hierin mag ein Wesenszug der nordischen Rasse zum Ausdruck kommen, deren Menschen sich langsamer, schwerfälliger, hemmunqsvoller gegen­über beweglicheren Rassengruppen im deutschen Volke entwickeln. Cornelius Friebott, der Held inVolk ohne Raum" und Kersten Döring imOelsucher" sind solche Menschen. Wir Norddeutschen brauchen Weite, brauchen Stille, brauchen Raum im materiellen und geistigen Sinne: wenn wir aufeinanderhocken müssen, werden wir aufrührerisch, verbittert, gehemmt.Der deutsche Mensch braucht Raum um sich und Sonne über sich und Freiheit in sich, um gut und schön zu werden!" sagt Hans Grimm, und hier über­trägt er eine ausgesprochen norddeutsche Anschauung auf unser ganzes Volk. Die kolonialen Ideen, soweit sie in Hans Grimms Dichtungen und Aufsätzen enthalten sind, muß man also unter einem höheren Aspekt hetrachten als unter dem kühler realpoli- tischer Rechnungen, man mutz nicht nur versuchen, einem Dichter zu folgen, sondern auch ein seelisches Verlangen rnitzu- spüren trachten. Und dieses Verlangen ist in nnserrn Volksganzen unbeweisbar vorhanden. Wir würden nicht für die Rückgewinnung