wir hätten sie mit falscher Bildung um die wahre betrogen. Es ist nicht nur Sport und Tanz, was uns trennt, die bauten wir auch nebenbei,- cs ist eine veränderte Einstellung zum Leben, der wir. Alten für den Krieg und alles Elend verantwortlich sind, und mit Neckt. Wo wir aber Verantwortung tragen und wo wir uns selber treu bleiben möchten, eben da zuckt die Jugend die Achseln. Sic mag unsere Buchbildung nicht und datz wir unsere Liebe an alte Stiche, Bilder und Porzellan hängen. Sie hackst über das, was wir Vornehmheit zu nennen gewohnt ünd, und will nicht nur alles neu, sondern auch alles gleich machen, als ob jedes für jeden da sei. Wer in mein Haus tritt, macht die Türen ihrer Welt hinter sich zu, als ob er ins Kloster ginge. Aber die Klöster sind ja schon oft Schlupfwinkel für Dinge gewesen, die draußen nichts Rechtes incbr aalten, und doch ihren Wert hatten.
Das vierte Bedenken betrifft meinen Sohn. Der wird äufne» den sein, daß es mit seiner Jülli nicht eilt. Er kann sich endlich sein Iunggesellcnncst mit Stahlmöbeln bauen, wie er immer schon wollte, weil er für meinen altmodischen Kram, wie er sagt, keinen
'Seranl-vörtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche UntversitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schmitz, beide gebürtig aus Köln, werden eine Stunde lang mit- '"Zweckens: F?äu?L^Emilie^Petersen und Doktor Herbert Schmitz versprechen einander, daß sie für diese Stunde treue Kameraden sein wollen, die weder Groll noch Mißtrauen haben.
Drittens: Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert Schmitz sind gewillt, einander auf alle Fragen aufrichtig Antnort zu geben, gleichgültig, ob dadurch die Bedenken ihrer Ehe ge- schiwicht^oder ^starkt^wcrdem wie in allen Verträgen!
wiederholte das Fräulein die Antivort vom Albis,- aber der ot= tor hörte der Stimme an, daß ihr Cello verstimmt war, und tröstete sich nicht, es läge an seinen Ohren, weil ihn nun die eige- llCls>(n’ der'Bootslänge war zu Land und Wasser fröhliches Leben: und cs bedurfte manches Nuderschlags, bis ste zwar nicht allein, bocß einiacnnaficn nbfcitS der Stimmen und dichter mnren. trtt dem Doktor offenbar wohl, sich sachgemäß in die Riemen zu legen- und wenn das Fräulein in anderer Stimmung gewesen wäre Hütte sie ihm ein Kompliment machen müssen.
So schwieg sie auch noch, als er die Ruder bcitrelben ließ und eine stumme Minute zu ihr hinübersah, die aus der Hinteren Bank sitzend von den Schwingungen des Bootes vor dem starrenden Lichtergrund der Stadt hin- und hergcschwankt wurde, selber
"^'Ob"sie'zuerst das Wort haben wolle? fragte er, um in den scherzenden Ton der Kamerndschast zurüÄzukommen.
Roch nicht! sagte sie, leise die Frage wie den Ton abwehrend.
Er aber ließ das Boot beidrehen, so daß sie seitlich den Blick auf die Stadt hatten, die den breiten Talgrund mit ihrem stummen Feueriverk füllte. So sei es kein Wohnkessel mehr, gab der Doktor zu so sei es eiu Märchen, kein deutsches sondern eines aus Tausend und eine Nacht! Und weil er froh war, sprechen zu können, sing er in gespielter Harmlosigkeit an erzahlen. wie er als Student in Zürich an dieser Stelle eine künstliche Fnsel geplant und in allen Einzelheiten durchgczeichnet habe Die Verankerung sei das schwierigste gewesen, die Tragfähigkeit der Schwimmkörper natürlich eine Kleinigkeit. Zwölfeckig habe das Gebäude sein sollen, aus Eisen und Glas, natürlich ein Restaurant, zu dem man von allen Seiten hätte anrudern können. Cs sei vernünftigerweise nichts aus der Torheit geworden, obwohl er mehr Vernunft daran gesetzt habe als sonst an eine Arbeit. Er teile aber nicht die Meinung gewisser Leute, daß es die be- glückendsten Dinge wären, die sich nicht erfüllten: er sei eigentlich immer noch traurig darüber. .
Der Doktor mutzte zweifeln, ob das Fräulein ihm zuhörte, die schon längst nicht mehr über die Schulter zur Stadt zuruck, sondern hinauf zum Albis sah. Mit leisem Zug und Druck das Boot wendend, blickte er selber zu dem langen Rucken hinüber, der sich ungewih aus der Wahlstatt der Lichter hob und nur gegen den helleren Abendhtmmel seinen dunkeln Rand deutlich zeigte. Die ganze Strecke sind wir gegangen bis dort, wo die Falte einschneidct! sagte er mit der Eifersucht, teilzuhabcn an ihren stummen Gedanken, und gab dem Einbruch noch eine Spitze: Man sollte von unten nicht meinen, was für ein Zickzack das oben ist. Es sieht alles nur in der Nähe so aus, als ob die Einzelheiten "'"Er"sah"deutlich, wie sie ihr Gesicht nach ihm wandte, es konnte aber auch nach der Dampfschwalbe gewesen sein, die in diesem Augenblick mit dem feurigen Schaum ihrer Lichter heranrauschte und in halber Entfernung an ihnen vorüberging. Wahrend das Boot Uber den dreifachen Wcllenwurf ihrer Schraube tn der kundigen Hand des Doktors hinübcrglitt, wäre eine Antwort sowieso verklungen: so schwieg er auch und ruderte mächtig, bis die dunklen Bauuiwölbnngen vom Belvoir sich deutlicher abhoben. Dann ivartete er ab, bis das Boot glucksend Uber das stiller und dunkler gewordene Wasser hinglitt und fragte wieder, ob die Kameradin iiuit das Wort haben wolle? , . ,
Noch nicht! antwortete das Fräulein zum zweitenmal: doch llang diesmal deutlich schon etwas Schalkhaftigkeit mit.
Dem Doktor schien es recht, das Wort noch selber zu haben: WaS ans dem Wasser gesprochen wird, gilt nicht auf der Erde! sagte er leichtfertig und holte die Ruder ein, einen Augenblick zu bedenken, was er nun sagen wollte: , r
Ich fürchte, meine Kameradin sieht immer noch zuviel Einzelheiten der Nähe. Die Hauptsache sieht sie nicht. Die Hauptsache ist, daß sie ihr junges Leben an ein altes hingeben soll. In zehn Jahren bin ich ein Greis, wenn ich noch lebe: und sie ist dann erst recht eine Frau. So bin ich ein Bettler vor ihr, der ste selber als Gabe verlangt. Ich also bin cö, der sie zu einer Torheit verleiten will, nicht sie, indem ich eine günstige Meinung von ihrem Kameraden listig ausnütze. t ,
Dies ist mein erstes Bedenken, sagte der Doktor, und war doch wieder ein Geschäftsmann, der seine Kalkulation auf der Sollseite
'DaS zweite Bedenken ist, daß meine Kameradin wahrscheinlich um das Schönste gebracht wird, was das Leben einer Frau oißt,- daß sic grausam an Mutterstelle gesetzt werden soll, statt selber Mutter zu sein: Mutterpslichtcn auszuüben ohne Mutterglttck. Nur der Vater, heißt es, kann eine Mutter machen: darum war die Hausdainc falsch für meine Tochter: aber es wäre kein LZpfer von ihr verlauft worden ivie dieses von meiner Frau!
Das dritte Bedenken wiegt nicht so schwer, soweit ich es sehe: dock bin ick ein Mann von gestern, und die Jugend von heute sagt:
^'Das°fiinfte und letzte Bedenken aber ist schwieriger zu sagen, weil cs die geringe Position meiner Kameradin betrifft. Ich wurde kein Dienstmädchen Heiraten, wenn es noch so schon und lcebens- wert wäre, weil ich von meiner Lebensgefährtin mehr als Lieb- kosungen erwarte. Ihre Rüsche, Fräulein Emilie Petersen, w das Ehrenzeichen einer tapferen Lebenshaltung, vielleicht hat sie mich mehr als das andere tn Sie verliebt gemacht. Was Sie taten, werden wir alle tun müssen, soweit wir Nutznießer von Verhältnissen waren, die nicht mehr sind. Als meine Frau wurden Sie bald erfahren, wieviel schwieriger die Dinge werden, je mehr Sie die Einfalt der Rüsche verlieren. Es ist em Unterschied °b ch mich nuf eine Planke retten will und kann, oder ob ich für ein Schift mit seiner Fracht verantwortlich bin. Ich will mir keine neue Fracht aus Zürich nach Köln holen, sonderen eine Hand, die m,r am Steuer hilft. Denn nach diesem Nachmittag bin ich der Mann namens Schmitz nicht mehr. Die Kameradschaft a»f dem Albis da oben hat mir die Augen ausgemacht, rote abgelebt meine Tage waren, die nun nach Ihnen greifen, mich vor dem Monolog meines Alters zu retten. ~ r
So, Fräulein Emilie Petersen, sieht die Torheit aus, zu„der ich Ste verleiten will, indem ich um, Ihre Hand bitte. Sie können die Torheit nur begehen, indem Sie sich aus Liebe verschenken. Von dieser Liebe freilich müßten Sic einen Ansatz spuren: sonst "^Naclchem 'der ^Dottor' 6iese Worte mit immer leiserer Stimme gesprochen hatte, schien er keiner Antwort mehr zu bedürfen. Er griff nach den Rudern und legte sich tn die Riemen, wie wenn er noch über den ganzen Zürichsee wollte. Vis das Fräulein Halt sagte und, als er nicht hörte, ihm mit der Hand winkte, die Ruder
^Möchtemeine Kameradin nun das Wort haben? fragte er wie aus dem Traum, als das Boot sich gegen sein eigenes Kielwasser stemmte. Aber daS Fräulein sagte zum drittenmal: Noch nicht! und schien beklommen, als sie ihn bat, ihr die Ruder für die Heim- ^Sic "mußten ”'S im Wechsel die Hand geben, und das Boot schwankte kurz im Ruck ihrer umschwingenden Körper; dann sah der Doktor mit heimlicher Freude, wie geübt und fest ihre Arme den Kurs hielten. Und im klaren Takt der Fahrt erkannte er die Antwort, daß sie wortlos seine Lebensgefährtin geworden war.
Als sie unter der Brücke hindurch zur Bootslande einfuhren, sah sie nach seinen Zeichen, die er sportgemätz winkte: und als er ihr nach der saubersten Einfahrt vom Bord herab die Hand reifte wurde sie nicht nur zur Hilfe genommen. Ohne daß sie ein Wort der Verständigung brauchten, gingen sie dann ein Stuck an der Limmat hinunter, abseits zu sein.
Auf dem Wasser hätte es nicht für die Erde gegolten! gebrauchte das Fräulein seine Worte, als sie eine Weile am Geländer gestanden hatten: doch als er wieder nach ihrer Hand greifen wollte, deren festen Druck er noch spürte, schallte sie unverhohlen und ""tzalt/so geht das noch nicht! Wir müssen erst einen neuen Vertrag machen. Er hat nur einen Paragraphen! Darf ich ihn sagen ? Und als er kopfschüttelnd dazu nickte, mutzte ste sich die Worte während der Heimfahrt ansgedacht haben: _
Emilie Petersen übergibt hiermit ihre Person Herrn Doktor Herbert Sckmitz aus Köln und wird seinen Anordnungen, welcher Art sic auch seien, vertrauensvoll Folge leisten. ..
Es würde ein bihchen viel versprochen, wie in allen Vertragen, änderte der Doktor die zweimalige Antwort seiner Kameradin mn und nahm ihre Hand, sie nicht wieder loszulasscn, wahrend sie Schritt für Schritt weitergingen, wie die Flitze sie trugen.
Nur daS Siegel fehlt noch! fiel dem Doktor dann ein; doch als sic erschrocken stehen blieb, es zu empfangen, griff er nach seinem Hut, der ihm schon wieder im Nacken hing, und warf ihn nut einem Schwung über das Wasser, datz er vorn Licht der Laternen gestreift wie ein rostfarbenes Wasserhuhn aussah und auch so me^rging. ne r(a()te ba§ Fräulein hinter dem munter ab- schwimmenden Filz her und sab ihren Partner vorwurfsvoll an, der mit seinem weißblonden Schopf dastand wie ein Knabe, ste aus der Wasserhelliakeit seiner Augen glückselig anzulachen.
Die Götter müssen ihr Opfer haben! sagte er sein L>chulbuch auf und beugte sich zu ihr, das Siegel nicht zu versäumen.


