Ausgabe 
16.3.1934
 
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Duft von hundert dampfenden Fleischrosten und die Musik von tausend wimmernden Geigen das ist. dieMahala", die rumä­nischeVorstadt" ... Rummelplatz und Nomadenlager zugleich. Wo die Menschen im Freien dieHora" tanzen, wo der Mann zur Freude oder Empörung der Nachbarn seine Frau noch öffentlich verprügelt, wo kein gnädiger Schleier das Werden und Vergehen des Menschen verhüllt, wo Grausamkeit und Liebe, die Roheit und das Mitleid unter dem gleichen Dach beieinander wohnen ...

*

Wir stehen da, wo dieHauptstraße" in dieLandstraße" über­geht. Nach Sonnenuntergang. Fahles Zwielicht. Fußhoher Staub. Unter den Chausseebäumen an der Wegegabel wieder eine Masse Mensch ... Dichtgeschart um ein Irgend etwas. Totenstille.

Chauffeur! Stopp!"

Bereitwillig macht die schweigende Menge Platz. Alle Männer haben die Pelzmütze in der Hand. Eine Gasse öffnet sich. Im Straßengraben unter einem zerrissenem Woilach zeichnen sich die Konturen eines menschlichen Körpers ab. Ein Toter. Vom Last­wagen überfahren. Irgendwo ein zerbeultes Fahrrad. Blut ...

Am Kopf- und Fußende der Leiche stehen zwei flüchtig in aller Eile eingerammte Stöcke. An jedem eine kleine, armselige Laterne mit zerbrochenen Scheiben. Darinnen gelbe, im Abendwinde flackernde Wachskerzen. Ehrfurchtsvoll schweigt die Menge. Un­willkürlich nehmen auch wir die Mützen ab.

Was haben denn die beiden Laternen da zu bedeuten?" frage ich leise einen grobknochigen Mann, der aussteht wie ein Schläch­ter aus den Markthallen.

Er beugt sich zu mir und flüstert geheimnisvoll:Sie leuchten der Seele voraus auf dem dunklen Weg in die Ewigkeit..."

Das Quäken der Autohupe zerreißt die große Stille.

Bedrückt steigen wir ein ... sonderbare Leute, die Leute aus der sonderbaren Mahala... $

Zwei Minuten später wieder mitten drin im Abendlärm der Mahala, Laternen, Lichter, Lampen, Karuffell-Musik, quietschende Luftschaukeln. Zymbal, Geige und Orchestrion, mächtige Weinfässer vor zahllosen Schenken und Kneipen. Tischbarrikaden auf den Straßen ... ein ganzes Nomadenlager tafelt, singt und spielt und

Irgendwo steht ein Krapfenbäcker, klebrig wie seine klebrigen Kugelkuchen. Um seinen Stand drängen sich die Menschen und die Ware geht ab, wie ... wie ... nun eben wie frische in Oel ge­backene und mit Zucker bestreute warme Krapfen. Aber öte Krapfen gelingen dem klebrigen Bäcker, der sich seine Hände viel­leicht im vorigen Jahr das letzte Mal gewaschen bat, immer nur dann, wenn der Teig rechtzeitig in das rechtzeitig siedende Oel hineingebracht wird. Dessen Hitzegrad stellt der Bäcker auf sehr einfache Art fest: er spuckt vor jeder neuen Krapfenserw jedesmal kräftig in das Oel hinein. Löst sich die ... pardvn! Madame! ... Spucke sofort zischend in Wasserdampf auf, dann ist e» gerade recht". Tut es die Spucke nicht, dann muß mit dem Ecnlegen noch etwas gewartet werden. Solange müffen auch die Leute aus der Mahala warten, die lippenschnalzend um den eisernen Back­rost herumstehen. Aber sie warten gern. Denn sie haben Zeit. Viel Zeit ... außerdem sind sie noch nicht so verweichlicht undetepetete toie,kommen Sie, sagtdaraufhin" mein Begleiter,daraufhin" müssen wir erst mal einen trinken!"

Irgendwo eine kleine, fast noch leere Kneipe. DerCarciumar ich hocherfreut über denfeinen" Besuch, dienernd begrüßt er die Gäste aus derStadt", rückt eilfertig einen Tisch zurecht, wischt mit der Schürze Brotkrümel, Speckreste und Lachen roten Weines fort, fegt rasch mit dem Handbesen rund um den Tisch auf, hangt sich das flache, schmutzige Ding wie einen Degen wieder an die Rechte und erkundigt sich mit gefalteten Händen, leicht vornüber- °e6Ä%Ä ÄÄ.ir«! Einmal g-b,a,-n-

Schnn steht'b?r>WclN auf dem Tisch wir trinken_unb reifen und reden und trinken und starren tn das Gewühl der Mahala. Der Wirt steht unterdessen amGratar', dem eisirnen Rost mit dem Holzkohlenfeuer, der in keinem rumänischen Speisehaus fehlt, Un "drc ö t n S Ysinen^breUen Rücken zu, die Rechte macht rhyth­mische Bewegungen und facht, mit einem Wedel über das F eis ) wedelnd das Feuer zur stärksten Glut an.

Endlich sind die Nieren fertig, mein Gegenüber -- ich mache mir nichts aus diesen Dingen ... fangt.an. zuessen. Plötzlich legt er Blechmesser und Gabel hm und beginnt in des Wortes ver­wegenster Bedeutung mit den Zähnen zutniTj^cn .

Donnerwetter", sagt er nachdenklich,wie schmeckt denn das Zeug? Das Vieh muß unbedingt Sand in den Nieren gehabt ^Jn "diesem Augenblick erscheinen zwei fidele Bauern, nehmen Heine Fleischwürstchen, die derCareiumar" ebenfalls eilfertig auf dem Rost zu braten beginnt. Wieder facht er- iiber sie hinweg- wYdelnd das Feuer an ... in diesem Augenblick iRrd mein Ge­nosse von einem plötzlichen '-Unw°hlsein" befallen. Er springt auf und stürzt hinaus:Jetzt weiß ich auch, wob as V ich dieNie re n ftpine" fier fiat!" ... Entgeistert schaute ich mir den brutzemoen Wirt etwas näher an: friedlich lächelnd stand er am Gratar und wedelte mit dem alten, ausgefransten Stubenbesen rhythmisch über die Würstchen hinweg ...

Ganz recht! Mich sieht die Mahala sobald nicht wieder...

Zur Nacht.

Von Theodor Storm.

Vorbei der Tag! Nun laß mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun sind wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden.

Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt. Der Liebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt. Mich deiner Stimme lieben Laut empfinden!

Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu seinem Strande lockender und lieber;

Und wie die Brust dir atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber.

Ein Mann namens Schmitz.

Novelle von Wilhelm Schäfer.

(Schluß.)

Wenn die Kameradin diesmal nicht Nein sagt, begann sie, und ihre Stimme war unruhig, als glitzere das Waffer darin, so des­halb, weil sie mit ihrem ersten Nein gewarnt ist. Der Mann namens Schmitz steht in Gefahr, sich durch eine Kameradschaft zu Torheiten verleiten zu lassen. Erst wollte er die Kameradin zu seiner Hausdame machen; nachdem sie nein sagte aus Gründen, die also doch nicht zimperlich waren, hat er seinen Eigensinn an ein unbedachtes Wort der Kameradin gehängt. So war sie es selber, die ihn auf diese Spur brachte. Wenn es sonst möglich gewesen wäre, was er nun vorhat: hierdurch allein ist es unmög­lich gemacht. Denn nun sieht es nach List aus, was eine unüber­legte Freimütigkeit war.

List oder Freimütigkeit, beharrte der Doktor, nachdem er lange nachgedacht hatte: der Mann namens Schmitz müßte seiner Ka­meradin jedenfalls dankbar sein, baß sie ihn von einer Torheit abgehalten hat! ... , .

Aber nicht, um ihn zu einer größeren zu verlerten! gab bas Fräulein sogleich Antwort.

Wie sie es vorher getan hatte, stand nun der Doktor auf, aus dem Uerei chihrer Worte an das Geländer zu treten; aber er kam auf dem Fuß zurück, vor ihr stehenzubleiben, die ihn diesmal nicht einlud, zu sitzen. __

' Ich will mich nicht länger hinter dem Mann namens Schmitz verstecken! sagte er ruhig: Darf ich Fräulein Emilie zu Ihnen sagen und wieder selber für meine Worte verantwortlich sein? Damit Sie mir aus der Patsche helfen, in die mich dieser Mann namens Schmitz brachte; denn nun werde ich wohl ausessen müssen, was der mir mit seiner Kameradschaft eingebrockt hat! Ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, daß ich kein Jüngling mehr bin, dem dies ein Vergnügen, sozusagen seine Funktion ist, sich zu verlieben. Wenn ich nicht ableugne, mit solchen Empfindungen vor Ihnen zu stehen, so ist das in meinem Alter der Lächerlichkeit nahe, eine Torheit, wie Sie höflicher sagten. Es ist aber gleich­gültig, welchen Namen wir diesem Faktum geben; nur daß mich meine Kameradin dazu hat verleiten wollen, dies kann sie selber nicht glauben! So listig ist sie gewiß nicht!

Das Fräulein hatte zu den Worten des Doktors stumm auf der Bank gesessen; jetzt machte sie eine Bewegung, daß er sich setzen möge; aber er wollte nicht, und sie ließ ihm den Willen.

Es handelt sich, sagte sie beherrscht, wie mein Kamerad weiß, nicht um seine Gefühle. Er hat von einer Heirat gesprochen, zu der ihn verleitet zu haben ich nicht in Verdacht kommen darf. Dazu ist meine gegenwärtige Position zu gering, Herr Doktor Schmitz!

Der Doktor Schmitz fehlte noch! stellte er fest und konnte seinen Zorn nicht mehr dämpfen: Wer ist es denn eigentlich, der hier zu Torheiten verleiten will? Sie oder ich? brach er los, und wehrte sich selber ab: Nein, sagte er: Ich kann hier nicht weitersprechen, wo auf der nächsten Bank vielleicht schon ein Doppelgänger von mir sitzt. Sie sehen ja, wie das heute ist, wo noch die älteren Her­ren an solchen Anlässen leiden! Wollen wir nicht noch eine Stunde hinaus auf den See? Ich bitte Sie herzlich darum, Fräulein Emilie! Wo kein Lärm mehr ist wie hier von der Straße da unten und wo die Lampen uns nicht auf den Kopf scheinen! Sie brauchen sich nicht zu fürchten: ich habe zehn Jahre gerudert.

Und als das Fräulein zögerte,, ließ er sich doch auf die Bank nieder. Finden Sie nicht, Kameradin, sagte er mit dem sarkasti­schen Versuch eines Scherzes, finden Sie nicht, baß unsere Ange­legenheit sich geklärt hat? Von der Hausdame eines Mannes namens Schmitz brauchen wir nicht mehr zu sprechen; ine beiden haben einander erledigt. Die Frage ist nun ganz einfach: Kanu und will meine liebe Kameradin mich wieder verlassen, nachdem ich sie glücklich gefunden habe? Das ist die Vernunft, von der ich sie abhalten, und die Torheit, zu der ich sie verleiten will!

Wir wollen gehen ein Boot zu nehmen! sagte das Fraulein gequält und stand auf. Aber der Doktor in seiner wilden Laune rief: fialt! so geht bas doch nicht! Wir müssen erst wieder unfern Vertrag schließen, damit aus der Fahrt kein neuer Streit wird. Darf ich ön sagen? Und als sie gleichsam kopfschüttelnd dazu nickte, rafft? er seine Paragraphen zusammen:

Erstensi Fräulein Emilie Petersen und Doktor Herbert