Ausgabe 
16.2.1934
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerKmilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Freitag, den 16.Februar Nummer^

Februar.

Von Ruth Schaumann.

Sie sagen, daß noch Winter sei. Darin der Glanz der Sonne schwach, Ich aber spüre schon den Mai In seiner süßen Fülle nach.

Sie sagen, daß der Fluß gefror Und nur getaut für kurze Zeit, Mir aber strömt sein Herz hervor Und ist dem fernen Meer bereit.

Sie sagen: weh, der bittre Tod Liegt tief in aller Dinge Grund. Ich aber küsse warm und rot Der Kinder Mund und deinen Mund Wo ist der Tod?

Hermann Stehr.

Zum 70. Geburtstage des Dichters am 16. Februar.

Von Richard Holven, GDS.

Hermann Stehr ist Schlesier, Sohn eines Sattlers, vierund- dreihigjährig, als seine erste Veröffentlichung,Auf Tod und Lebe n", erscheint. Mit diesen Daten seiner äußeren Lebens­geschichte kann man sich begnügen, alles übrige steht in seinem Werk. Man hielt ihn, als er auftrat, für einen Naturalisten, der Dichter hielt sich in den Jahren seines Suchens vielleicht selber dafür:Psychologische Monographien" ist der Unter­titel seines Erstlings, seinenS ch i n d e l m a ch e r" könnte man nach Turgenjew einenKönig Lear des Dorfes" nennen, seine Leonore Griebel" ist eine Nachfahrin von Ibsens un­verstandenen Frauen und noch 1915 klingt es wie ein Nachhall des Naturalismus, wenn ein Korbflechterweib in dem Novellen­bandDas Abendrot" sagt:Gott wird mersch nich ibelnehmen, wenn ich barfißig zu'm komm". Aber der Naturalismus ist für diesen Sucher seines Selbsts von Anfang an frei von allen aktr- vistischen Tendenzen: das Fehlen einer seelischen Gemeinschaft zer­bricht die Ehe der Bäckerstochter Leonore Griebel, die seelische Verkrüppelung ihres klumpfüßigen Gatten läßt Marie Exner ihren Gott begraben und Professor Konegen, der in Stehrs einzigem Drama gegen die geistliche Schulaufsicht kämpft, treibt sein Weib, dessen Liebe er ungestillt läßt, zum Betrug und Selbst-

letzte Kind" ist eine Art Gegenstück zuHanneles Himmelfahrt", eine Begegnung zweier Dichter, welche die grund­legenden Unterschiede eindringlich macht: bei H au p tma nn ftt es wichtig, daß ein armes Menschenkind das Gotteserlebnis hat, bei Stehr ist das Menschliche nur Hülle, die vom ekstatrschen Flug gen Himmel zurückbleibt. Die Gestaltung der Wirklichkeit ist für .diesen Dichter nur ein Weg zum Ueberwirklichen. Er gestaltet weniger das äußere als das innere Leben nicht zufällig hieß das Thema seiner Rede, die er 1930 hielt: >.Aeber äußeres und inneres Leben". InMeta Konegen" gibt Stehr Erlebnisse seiner Volksschullehrerzeit noch als äußeres Leben wieder, in D r e i N ä ch t e" verdichtet sich sein inneres Leben zu der Gestalt Franz Fabers, dieses Gottsuchers aus eigener Kraft. Es ist der Faber-Rebell, den wir tmHeilig en ho f als verfolgten Ar­beiterführer Wiedersehen als er sich selbst erlöst hat, wirder letzte Wandlung des Heiligenbauern vorbereiten. Der Roman Drei Mächte" wird zum Vorspiel von Stehrs Hauptwerk ,^er Heiligenhof", zwischen beiden Buchern liegen acht ^ahre der Vor­bereitung:Wem die Welt nicht Seele wird, findet durch ste nie­mals zu Gott!" .. ,

Die Blindheit des Sintlinger-LenleinS führt ieinen mannlich- starken Vater zum Blick ins Inwendige, das blinde Mädchen wird zum Sinnbild K?das Sehertum seines Dichter«-: «r^treses Gleich­nis steckt darin, daß die Alten Homer bUnddargestellt haben und

»WiSäSSSläPSS'Ää

des zweiten Reiches unmittelbar Ausdruck. Seine Stellungnahme zum Staat von Weimar ist metapolitisch: die NovelleDie Krähen" bekommt durch die Revolution nur Farbe, es ist der Kampf mit Jnnenmächten, der für die Gestalt des Schiebers Gub- natz entscheidend ist. Und in der erwähnten Rede kritisiert er die Auflösung der Familie, das Gesellschastschaos und fordert eine Ordnung der Mildigkeit, das Aushören des dummen, aber so ver­derblichen Klassen- und Ständekampses ..." Er prophezeit ein An­wachsen der Not bis zu einem Grade,daß wir keine andere Ret­tung finden als die Einkehr in uns selbst" und verspricht sich vom Durchbruch dieser Erkenntnis" denBeginn des Aufstiegs".

Alles Programmatische muß sich bei einem Dichter des inne­ren Lebens der Gestaltung entziehen. Aber vieles, was aus unter­irdischen Quellen floß und jetzt zu Tage trat, fand in seinem Werke Ausdruck. Das Gottsuchertum des katholischen Menschen Stehr als selbständiger Kampf um Gott hat protestantische Züge, die Verschiedenheit der beiden christlichen Bekenntnisse hebt sich in seiner Religiosität auf. Seine Mystik, in der nach Jahrhunderten der Geist seines schlesischen Landsmannes Jacob.Böhme wieder­geboren wird, ist Zeugnis jenes deutschen Christentums, das von den Kirchen nicht geformt wurde. Seine Wirklichkeit ist nicht bas Zivilisatorische, sondern das Reich, das darunter liegt: sektenhafte Schwarmgeister treiben imHeiligenhof" ihr Wesen und wenn in denNachkommen" der Gerber Jochen sich bewußt vom Geist sei­nes VatersNathanael Maechler" abkehrt, des unruhigen Rebellen der badischen Revolution, der im Mittelpunkt des ersten Bandes dieser Trilogie deutschen Lebens von 1848 bis zur Gegen­wart steht, und die Mutter sucht, wenn dessen Sohn wiederum am mütterlichen Erbe trägt, so leben uralte mütterrechtliche Vorstel­lungen wieder auf.

Ist es das schlesische Blut Gerhart Hauptmanns, bas ihn im christlichenEmanuel Quint", in der heidnischenInsel der großen Mutter" in jene Tiefen der irrationalen Bezirke langen heischt? Und tut sich die Gegensätzlichkeit ihrer Art, die schon in der Verschiedenheit des TraumspielsHanneles Himmelfahrt" und der LegendeDas letzte Kind" zu beachten war, nicht auch darin kund, daß der eine, der die Wirklichkeit hat, der Ironie bedarf, um sie zu überwinden, daß der andere, der Gott hat, die Wirklichkeit ins Wunderbare auslöst? Eine Welt liegt zwischen dem dionysischen Rausch der Liebe, wie Hauptmann ihn imKetzer von Soana" feiert, und einer für Stehr charakteristischen Liebes­feier, die Geheimnisse der Seele offenbart:Dann sanken die bei­den in den Liebesspiegel, der glückhaft und heiß wie je durch sie hinzog, und keinem kam der Gedanke, daß aus dieser seeligen Verschmelzung die lautlosen Hämmer der Notwendigkeit ein neues Glied der Schicksalskette zu schmieden begannen, an der das Geschlecht der Maechler über die Erde geführt wurde." Hermann . Stehrs Romane gehören der musikalischen, nicht der plastischen Gattung an. Mystik ist schweifend, ist unendlich, ist gestaltlos. Seine Menschen sind Instrumente eines Orchesters, das der gött­liche Schöpfer spielt.

Stehr ist die verehrungswürdigste Gestalt des heimlichen Deutschland, sein reichster dichterischer Besitz. Seine Deutschheit ist eine unterirdische Melodie. Wenn er einen Wald schildert, .werden Stämme und Zweige seiner Bäume zu Säulen und Bögen eines gotischen Doms, wenn er uns in die westfälische Landschaft des Heiligenhofs" versetzt, steht die Welt der Wiedertäufer wieder auf. Der Gehalt seiner Dichtung ward vom schlesischen Raum, ihre Gestalt von der Entstehung des deutschen Romans bestimmt, sie ist tiefbegrünöet durch die Zeit die Bekenntnisse des Pietismus, die Autobiographien des achtzehnten Jahrhunderts sind die Ur­form von Stehrs Romanen. Hier ist arteigene Kunst jenseits des Schlagworts: sie erneuern die Tradition der großen deutschen Entwicklungsromane und sind in die Reihe der europäischen Sft- tenromane nicht einzuordnen. (In dieser Begrenzung ist aber auch die Ursache zu suchen, warum sich Stehrs Schöpfungen dem Aus­land weniger leicht erschließen als manches zeitbetont-europaftchere Werk minderen Werts. Und es liegt an einer sehr deutschen Eigen­schaft Stehrs, baß sie auch in Deutschland wohl köstliches Gut der Wenigen wurden, aber nicht ins Volk gedrungen sind: daß er ins eigene Ich horcht, um im Durchdringen der Welt Gott nahezu-

RomaneD r e i N ä ch t e" undP e t e r B r i n d eise - n e r" sind geradezu Lebensbeichten. Die Form des mündlichen Berichts gibt der epischen Dichtung ihren urtümlichen Sinn. Wenn Stehr gar imPeter Brindeisener" die Geschehnisse desHeftigen- hofs" noch einmal von der unheiligen Seite der den Sintlinaern feindlichen Brindeisenersippe aus erzählt, bekundet dieses Bon-