Die Begegnung.
Von Gottfried Keller.
Schon war die letzte Schwalbe fort und wohl seit manchen Tagen auch die letzte Rose abgedorrt, nach altem Erdenbrauch.
Es flimmerte der Buchenhain wie Rauschgold rot im Abendlicht; Herbstsonne gibt gar sondern Schein der in die Herzen sticht.
Ich traf sie da im Walde an, nach der allein mein Herz begehrt, mit Tuch und Hut weih umgetan, von güldnem Schein verklärt.
Sie war allein; doch grüßt' ich sie verschüchtert kaum im Weitergehn, weil ich so feierlich sie nie, so still und schön gesehn.
Es blickt' aus ihrem Angesicht ein vornehm' Etwas neu hervor, und ihrer Augen Veilchenlicht glomm hinter einem Flor.
Ein fremder Hirt, ein blasser, ging im Schatten dieser Huldgestalt;
im Gurt ein silbern' Sichlern hing, das klang: ich schneide baldl
Es scheint mir ein Rival erwachtl sprach ich und schaut' ins Abendrot; bis er erlosch und bis die Nacht die dunkle Hand mir bot.
schweifte und das
vor einem Men- bewegt war, wie wahr, daß in den
liche Grenze einer Sehnsucht war, die in die Ferne Gute in der Nähe sand?
Und man bedenke, daß der Starnberger See schon schenalter, als wir jung waren, längst nicht mehr so
frühere Jahrhunderte ihn gekannt hatten. Denn es ist
Tagen des bayrischen Kurfürsten Ferdinand Maria, im 17. Jahrhundert auf diesem See so gut ein „Bucentoro" schwamm, ein Haupt-, Staatsund Prachtschiff, wie in der venezianischen Lagune, ja, in der freien Adria, in die der Doge den berühmten Ring warf, um sich von seinem Bucentoro herab mit der See zu vermählen und sein Venedig dazu. Ja, um den Starnberger Bucentoro her gab es eine Prunkflotte von vierunddreißig anderen Galeeren, an denen das barocke Gold nicht minder blitzte. Schon vorher hatte der Herzog Albrecht V. auf dem See eine Lustflottille unterhalten. Von den geneigten Ufern her fehlte es zu keinen 3eiten an Parforcejagden auf Sau und Hirsch; bereits im 14. Jahrhundert hatten die oberbayrischen Herzöge dort ein beliebtes Revier gefunden: das Starnberger Schloß, das noch heute einfach gemauert, doch mit der eindeutigen Bestimmtheit der guten Raffe, auf der Höhe steht, weist ins Mittelalter zurück. Durch die Jahrhunderte gab es um den See her Ritter- sitze. Von ferner Zeit her stehen die schlichten und charaktervollen Schlösser von Garatshausen, Bernried, Ammerland in unsere Nicht mehr recht begreifende Gegenwart herein. Es hat dem See auch nicht an geistlichen Beziehungen gemanaelt, denen die Sittigung der Gegend viel zu danken hatte: Tutzing und Garatshausen wiesen ehedem zu den Manchen von Benediktbeuern, und Bernried gehörte vordem, seit 1121 geistlicher
Bestimmung zugewandt, den Augustinern. ,,
Man sieht: es fehlt nicht an Geschichte, und der Geschichte mangelst es nicht an Vielfalt, an Bewegung. Und noch ist,a nicht alles erzählt.Man würde vermelden können, daß der See den Herren des Dreißigiahr,gen Krieges, auch den Schweden, eine Ansehung bedeutete,Es 6 lebevom Schlosse Possenhofen zu reden, dessen Geschichte 12. Jahrhundert bis in die Jugend der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich fuhrt Dies sit der See, in dem Ludwig II. fein Ende fand, nachdem er, em letzter König, versucht batte, sein Leben noch einmal ms Mych, -he zu erhöhen^
Beträchtfich ist die Rolle des Sees in der Geich ckste älterer Malerei Cs wird glaubwürdig überliefert, der starke go
Mäleßkircher habe am See ein kleines Schloß; bewohnt sKempfen häufen). Das eigentliche Bild des Se-s begann freilich erst um 1 - , mit Front Joachim B eich. Max Josef Wagenbauer f-h den S« w ein Niederländer des 17. Jahrhunderts — stgffierte das Ufer gern Kühen Wilhelm v o n K o b e l l malte ihn m,t eineW g lichtest. Georg von D illis weihte dieser Landschaft seine letze inn g
Der Starnberger See.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Ist es nicht stiller und stiller geworden auf dem See und um ihn her? Zwar sicherlich nicht zu still für feine vertrauten Freunde, denen es Heb ist, wenn er unüberlaufen, in landschaftlicher Ruhe und Reinheit, vor ihren Augen liegt. Doch stiller, als es sich eigentlich begreifen läßt: denn die außerordentliche Schönheit dieses Sees und seiner „Gelegenheit" müßten den Menschen doch nach wie vor ein Magnet jein. Aber mit dem Auto ist es wohl dahingekommen (mit dem Motorrad vollends), daß die Leute so weit zu fahren suchen, wie sie nur irgend können. Der Starnberger See liegt nur eine halbe Bahnstunde von München weg: für technische Temperamente scheint dieser schöne See nicht fern genug. Der verweilenden Gäste, derjenigen, die sich an diesem See gar nicht erfättigen können, sind jedenfalls nicht so viele, wie es fein könnten, sein sollten, sein dürften. Wo sind die Zeiten, da dieser See schier die äußerste natür-
Maler- und Dichterhand. Dann kam der bedeutende Ehristian Morgen- ft e r n, 1805 in Hamburg geboren, siedelte er nach Bayern über, und von ihm am meisten läßt sich sagen, er habe den See für die neuere Malerei entdeckt — schon voll der Empfindung für die freie Luft, das freie Licht und für die schwimmenden Reize des Malerischen. Eduard Schleich und Adolf Lier setzten die lleberlieferung fort: starke Repräsentanten eines zuverlässigen, bis ins einzelne getreuen malerischen Realismus. Der Gras F. von Pocci, Oberstkämmerer und Hofmusik- Jntendant in München, eine der köstlichsten Gestalten der Aera Ludwigs L, Maximilians II., hielt im. Ammerlander Schloß drüben heitere und nachdenkliche Eremitagen, die nicht zuletzt entzückenden Darstellungen der Landschaft umher gewidmet waren, ob auch alt und jung den Grafen nach heute in München vornehmlich als den nachwirkenden Dichter biedermeier- lich-ironijcher Kasperlkomödien kennt. Die Malersnamen Eberle, Leb sche, Willroider bleiben mit dem See verbunden. Nach C o u r b e t kam Wilhelm Trübner daher. Er vermochte als Sohn eines späten Geschlechts den See nicht mehr so einläßlich aufzunehmen, wie die Aelteren es getan hatten; die Uferstücke Trübners bewahren nicht mehr die wohltuende Vollständigkeit der Anschauung früherer Meister. Nüchtern nahm er vom See und feiner Landschaft nur bestimmte Eigentümlichkeiten, um sie auszulösen, und nun freilich mit besonderem Nachdruck darzustellen: das Langzügige nämlich, das Gestreckte, dazu das Grüne, und nicht zum wenigsten das ausgesprochen Männliche, das der herben, handwerklichen Natur des Meisters besonders entsprechen mochte.
Das Männliche! Es ist in der Tat im Wesen des Sees einer der entscheidenden Züge — vielleicht der grundlegende Zug. Von der sinnlichen Süße und frommen Milde des Chiemsees ist der Charakter des Starnberger Sees verschieden: der Chiemsee verhält sich zum Starnberger wie das sanfte, berückende Wesen des Comersees zur heroischen Strenge des Lago Maggiore. Vom Ammersee wäre im Rahmen solcher natürlich gewagten, aber nicht sinnlosen Vergleichungen etwa zu sagen, er entspreche dem Gardasee, dessen Becken in die Breite strebt, wo es die Ebene erreicht. Doch vom Männlichen des Starnberger Sees sollte die Rede sein. Die Tage sind nicht selten, an denen seine graue Fläche die Härte und den Eisenglanz einer Rüstung zu haben scheint. Seine Grundnatur ist herb; das Wasser geht kräftig an Haut und Herz — nicht moorig, wie im Staffelsee bei Murnau, auch nicht so weich wie im Ammersee. Wie das klare, kräftige Wasser, so ist der See aber auch als Bild, im Zusammenhang der Landschaft durch eine rüstige Entschiedenheit ausgezeichnet.
Zu dieser Beschaffenheit des Sees gehört es, daß er in einem deutlichen Umriß steht. Seine Ufer sind nicht Berge, wohl aber Hügel, bewaldete Hügel, die so groß sind, daß sie ihn durch die ganze Länge auf beiden Seiten nachdrücklich rahmen. Er ist auf diese Art geformt; er ist kräftig umrissen; an keiner Stelle und auch im Ganzen nicht (immerhin ist der See zwanzig Kilometer lang) verliert er sich ins Formlose. Er stellt sich mit fassendem Rand in eine durchaus bestimmte Uebersichi. Dies alles zählt mitbeftimmenb zu seiner männlichen Natur; denn zum Männlichen bedarf es der Bestimmtheit. Dach wie ein Mann des Lyrischen fähig ist, so gewinnt auch dieser im ganzen und allgemeinen herbe See seine zarteren Augenblicke, in denen das Intimere, ja, das Süße einer Uferstelle und Stimmung merkbar wird und zur Seele redet, wo sie am fühlsarnsten ist. Auch bleibt zu sagen, daß der See, wenn der oberbayrische Himmel, wie von der Zone des Mittelmeers herübergewölbt, als eine enzianblaue Glocke über die Alpen gebaut ist, so blau zu sein vermag wie die Seen Oberitaliens, ja, wie jene Adria, mit der er den Prunk des Bucentoro einmal gemeinsam hatte. Streicht dann ein leiser Ostwind, so spiegelt sich die Bläue des Firmamentes wie in tausend und aber Tausend Kristallen. Dann aber kommen wieder Tage, wo er lichtgrün ist und lila oder rosa moiriert.
Als Christian Morgenstern, der Hamburger, sich anschickte, den Münchnern den See durch ein erstaunliches Bild zu zeigen (das heute eine der Kostbarkeiten der Hamburger Galerie ist), da nahm er zum See als angemessenen Hintergrund die Benediktenwand. Er hatte den See damit verstanden: er sah die Landschaft so, als wäre der See aus der gewaltigen Steilmulde der Benediktenwand, aus ihrer nördlichen Feksenbucht heraus- aeflossen — damals, als das große Schmelzen kam. In Wahrheit ist die Benediktenwand der regierende Berg dieser Landschaft. Man verstehe nicht falsch: er ist an diese Landschaft nicht etwa dicht herangeschoben; er liegt in einiger Entfernung, die nun aber gerade ein ideales Verhältnis ausmacht. Mit dem gesamten Gebirge ist diese Felswand, aus der Nähe gesehen, kolossal, in einem Abstand geschoben, der als tiefwirkende Annehmlichkeit empfunden wird: das Gebirge fordert auf diese Entfernung nicht auf, es zu ersteigen — es ist in jene beschwichtende Idealität entrückt, die zu einem Bilde gehört. Aber es märe auch falsch, zu meinen, diese Entfernung mache das Gebirge zu einer Abstraktion. So ist es nicht. Die Alpen erscheinen mit der Idealität eines Gedichtes, aber die bezaubernde Bläue der Alpen ist auch so wirklich, wie die Schönheit der Poesie (denn der Horizont der Poesie ist etwas höchst Wirkliches). Es kommt hinzu, daß die Föhntage den Raum bis zum Gebirge hinüber vollkommen klären, jo daß man die Sonne auf gleichsam angenäherten Wiesenhängen liegen sieht, die über Benediktbeuren zum Felsgebirge hinaufleiten, und daß man jede Falte im Gestein zu erkennen meint. Ungeheuer, mit erschreckender Deutlichkeit stellt sich an föhnigen Tagen das zwiefach niederfahrende Profil der Zugspitze in den Blick — etwa gesehen vom Eisenbahnsteig bei Tutzing, als das genaue Ziel der mattblauen Bahngleise, die pfeilgerade nach Süden schießen, aufs Gebirge zu.
Den See besitzt man nicht nur mit den Augen; man kann ihn auch umlaufen, fast ganz — nur da und dort nötigt ein Park vom Ufer abzu- weichen Da sind die Anlagen unterm Feldafinger Golfplatz eine der schönsten Uferpromenaden, die sich denken lassen. Der alte königliche ©arten von Berg ist nicht versperrt. Der roeitiäufigfte Park am See steht dem Zutritt offen- der von Bernried, der es den schönsten Parks unserer Zone gleichtun dürfte. Rehe laufen unbefangen darin umher. Zwischen Buchen aber und Eichen ist dort allenthalben ein ungeheurer Zweikampf der


