halten!
IV.
„Nicht, Till, mein Kind!" bat Dagobert mit geschloffenen ßibcin»
Aber da kamen die anderen zurück: Diez als letzter.
Dagobert, im Innersten erquickt, trat ihnen eifrig entgegen.
Es war sehr herrlich! Ueber unser Porträt sprechen wir noch.
Der „Meister" lächelte geschmeichelt.
„Sie müssen noch meinen Garten sehen, gnädige Frau! Wir nehmen den Kaffee unten im Gartenzimmer, Klüter! gebot Kneipe Lodovieo. Porträt? summte es ihm beleidigend tm Ohr. Erne entsetzliche Vorstellung, sie vom Meister Dagobert gemalt zu sehen... Er bewegte sich leicht und locker und bot Frau Gugcrnell den Arm. , at„
Dagobert reichte Till den Arm. „Komm, mein Affe!
Diez knisf ein Auge zu und sah ungeheuer belustigt aus. „Ich wittere Uuheil, Da«. Wir sollten doch beizeiten einspringen!
Er nahm vorerst Tills andern Arm, doch der wurde stets, wie Holz. „Nicht so drücken, mein lieber Diez! Du weißt, ich schätze das nicht."
„Hab' ich gedrückt?" . ,
„Wohl in einem abirrenden Wach- und Wunschtraum, mein Guter?" Und sie wies mit der erhobnen Nase auf Katarina vor ihnen. „Eigentlich ein bißchen ungewöhnlich, daß wir unferm jugendlichen Ohm gewissermaßen beim Fensterln die Leiter
Professor Haffclbrinks Freunde, Ministerialdirektor Begehold, Geheimrat Spitz, Kammerpräsident Schellenberg, und ihre Frauen waren jetzt wieder amüsantere Freunde. Die Leute am Mittwoch- abcudtisch umgäuglichere Leute, auf die er sich zuzeiten wie auf eine bekömmliche saftige Kumpanei freute. Bridge, Skat und andere unvermeidliche kleine LebcnSspäße waren schon lange nicht mehr so interessant gewesen.
Sogar eine neue Lust zu energischem Planen und Werkeln über den Tag hinaus machte sich bemerkbar, federte und trieb rote in seiner besten Zeit: ein Mann in Lebensgala. Seine Tegeler Assistenten Dr. Wiedehöft, Dr. Hornbogen und Dr. Kipps, eine gelehrten Schüler aus Japan, Indien, Bayern und Sachsen suhlten sich in ihren weißen Leinenkutten fröhlich angesteckt, spitzten Augen und Ohren und glaubten den Ches einer unerhört neuen Entdeckung und Großtat dicht auf den Fersen.
Auch die „jungen Leute" merkten etwas von Onkel Louis neuem Austrieb. Allein die nächsten Sonntage verliefen in einer mehr persönlichen Stimmung. Selbst Dagobert erlaubte sich nicht, an Jüngstvergangenes zu tippen, obwohl er sich insgeheim als guten Geist und Wohltäter des Hauses empfand.
Bloß Till machte eines Tages eine verschlagene Anspielung: „Es war gestern abend ivieder einmal alles unheimlich dunkel oben bei dir... Du hast jetzt öfter etwas vor, süßer Onko?"
Er hatte nur kurz und ärgerlich gelacht. Eine kecke, schlaue Person, das kleine schmale Ding!
Allerdings: Er erlaubte sich, jetzt öfter etwas — vorzuhaben... Das alles kam von dieser bezaubernden Frau — von dieser unerhört anmutigen und nattirlichen Frau! Und das alles hatte sich ans eine höchst einfache Manier gefügt und war dann ebenso selbstverständlich und ungezwungen weitergegangen.
Fran Gngernell hatte an jenem hübschen Sonntag ihre flache goldne Zigarettenbüchse im Papstzimmer auf dem Büstensockel der Dame von Settignano liegenlassen. Niemand hatte es gemerkt. , , „
Der Professor hatte das Ding erst am nächsten frühen Morgen gefunden, als er nachdenklich durch die Zimmer gewandelt und eine Weile vor dem Papststuhl stehengeblieben war, in dem die Dame gesessen hatte. Mit einem leichten Schrecken und einer unergründlichen Freude über den liebenswürdigen, sympathischen Zufall Haie er das kleine Ding da liegen sehen.
Er hatte es behutsam in die Hand genommen, geradezu zärt- Uch, hatte es ans- und zngeklappt, an süßem Tabak gerochen. Dann hatte er es mit einer kühn geschwungenen Bewegung in die Hosentasche gesteckt und hatte noch im Laufe des Vormittags von seinem Tegeler Labor aus bei ihr angerufen. Sein ernstes, geheiligtes, vor der Welt berühmtes Arbeitsgehäuse ivar dabei hell und heiter geworden
Frau Gngernell hatte die wertvolle Büchse eben erst vermißt und >var noch sehr erschrocken gewesen. Nun war sie beruhigt und hetzlich dankbar.
Sie hatten danach noch eine Weile wie alte, gute Bekannte und Freunde gevlaudert, und dabei hatte die gitädige Frau ihn freundlich und fröhlich aufgefordert, dieser Tage eine Tasse Tee bei ihr zn trinken, nun auch ihr Gast zu sein und ihr dabei die kleine, kostbare Büchse--
Schön! Gut! Einverstanden! Er hatte ebenso freundlich ttu6 fröhlich zugcstimmt. Es würde ihm eine Freude sein.
Er hatte ihr in Person das Büchschen am übernächsten Nachmittag gebracht» mit einem Haufen Blumen, soviel eitj starker Mann schleppen konnte, und hatte dabei Tee bei ihr getrunken, rote eö zwischen ihnen abgesprochen war.
Auch das war hübsch geroe[en, erfreulich und festlich — bis auf ihre Mama, die ihn etwas fremd ungemutet hatte. Er hatte sie artig und aufmerksamen Blicks hingenommen und sich mehr um die Tochter gekümmert.
Dabei hatte Frau Gugernell ihn gefragt, ob es in seinem Tegeler Institut etwas zu sehen gäbe.
Nein, nicht viel — eine ziemlich unappetitliche Sache ... Aber er habe jetzt auch zwei burmesische Inder da, fixe tabakbraune Bürschchen, richtige Doktoren — der reine Völkerbund da draußen, der nach Feierabend in seinem kleinen, hübschen Dtrektorhans friedlich lebe. Es würde ihm Freude machen, ihr einiges zu zeigen. Man könne — ja — dann noch ein wenig weiterfahren mtf seinem Wagen, nach der Krummen Lanke zum Beispiel oder nach „Onkel Toms Hütte" ... Famos! Ja - das sollte man einmal tun! Und sie verabredeten am Ende seines Besuches für die neue Woche einen Tag.
Professor Hasselbrink schickte ihr genau auf den Tag den Wagen und empfing sie in Tegel, wie eine fürstliche Gönnerin, an der Gartenpforte. Die Assistenten Wiedehöft, Kipps und die andern gelehrten Herren, auch die beiden Burmesen, mußten ihr an ihren Plätzen etwas vvrzaubern, dem sie mit himmlischem Lächeln zusah. Katarina Gngernell — nein, derlei war bislang nicht üblich in XcqcI öeroefen •. ♦
Eine Stunde später fuhr der Chef mit der erlauchten Dame davon. Und sie verlebten gemeinsam einen köstlichen Frühlingsabend in „Onkel Toms Hütte".
Danach geschah eine Weile gar nichts. Es kamen bloß eine Masse Blumen aus dem Gewächshaus am Tulpenweg. Herrliche weiße Fliedersträuße wurden vom Gärtner Glänzel gebracht. Und sie bedankte sich erfreut dafür am Fernsprecher.
Eine ziemlich lange Unterhaltung jedesmal zwischen der Knese- beckstraße und dem strengen Tegel, während tm Vorzimmer die Assistenten ungeduldig und ärgerlich vor der gepolsterten Doppeltür herumliefen und das lange amtliche Gespräch des Chefs abwarteten. r
Ja, es war bald eine wichtige Morgenausgabe, an die er mit ernstem Nachdenken heranging. Und Frau Gugernell schien ebenso ernsthaft und unbefangen darauf zu werten oder kam seinen Gedanken und gelegentlich mal wieder ernsten Bedenken am Apparat liebenswürdig zuvor, um sich mitten in seinen schwierigen Geschäften für seine Blumen oder für ein Buch, über das man gesprochen hatte, oder für den letzten Ausflug zu bedanken. Sie störte ihn niemals.
So war das. Und so ging das nun schon seit etlicher Zeit. Eine artige, sympathische, vom Zufall gelenkte Bekanntschaft...
Es war unbestreitbar ein Vergnügen, diese wunderbar natürliche Frau neben sich zu haben, ihre Stimme Kluges und Nächstes, vor dem sie sich nicht im mindsten sechute, reden zu hören. Ein Mensch. Eine Menschin. Eine heitere lockende Weide für Herz und Auge... Louis Hasselbrink fühlte sich bei jeder dieser netten Begegnungen leicht, wie ein Hundertfünfzigpfundjüngling. Spürte kaum ein Spürchen von der alten Scheu und ärgerlichen Schwerfälligkeit,' wie weggeblasen alles — fast so, als habe das Schicksal, nach langer Vorbereitung und Wartezeit, ihn für diese eine kostbare Sache aufgehoben. Wie eine reife Frucht am Lebensbaum für einen leichten, zauberischen Windstoß, einen leisen, holden Fingerdruck. Sehr komisch bei seinen zivei Zentnern! Man konnte bloß in Bildern davon reden — so delikat, hübsch und besonders war die Sache. Und so wurde auch der gescheiteste Mann vor einer bestrickenden Frau zum Wundergläubigen.
Er hatte da unlängst in den „Leuchtkugeln" einen Satz gelesen, spitzig und überlegen, von einem vergletschert schmunzelnden Methusalem namens Diez Hasselbrink, einen witzigen Satz: „Denkt nicht, ihr Leute, daß bloß versäumt ist, was versäumt ist! Es schleicht einen Monat oder ein Menschenalter lang in der Dschungel eurer Seele und bläst plötzlich wie ein Monsum in das tote Segel eures Willens..." Verdammter Bengel! Wen meinte er damit? Sich selbst etwa? Oho!
So war das also, und so ging das feinen beinah schicksalhaften, Gang...
Der Professor eilte elastisch in einem neuen hellen Anzug mit grüner Krawatte barhäuptig durch den Garten, um selbst im Gewächshaus ein paar Blumen zu schneiden.
Er hatte sich für diesen Tag fretgemacht,- wollte gewissenlos die Schule schwänzen, was in den letzten dreißig Jahren bloß ans allerwichtigsten Gründen mal vorgckommeu war. Nun, er hatte dafür soeben eine Stunde lang mit seinen Leuten telephoniert, die Herren noch beim Rasieren und Frühstücken gestört, und im übrigen war die herrliche Nacht znm Arbeiten da.
Er summte vergnügt, nicht sehr melodisch. Frau Gugernell liebte Orchideen und volle, würzige Nelken — war selbst eine Mischung von beiden.
„Guten Morgen, Frau Klüter!" rief er in strahlender Laune über den Weg.
Die üppig-straffe blonde Klüter-Frau hatte ebenfalls Blumen geholt. Ein ausgezeichnetes Wesen. Erbstück von Adele Pirre. Bor Lina zitterte das ganze Hans: „Mnffolina", wie Dagobert sie nannte. Aber Lina war auch eilte lebenskluge Frau, sogar mit einem Schutz heiter-weibhaften Sinns für Ungewöhnliches begabt, der ihr vermutlich in ihrer Ehe mit dem verliebten fetten Kater Klüter zugute kam. Ein unbegreiflicher Mißgriff!
Der Herr Professor nickte und ging, durch die Zähne pfeifend, weiter zum Gewächshaus, wo Ziska, Gärtner Glänzels hinge Frau, ihm behilflich war und mit brombeerblanken Augen kullerte. Hübsche Frau — 'nen bißchen zu üppig und dunkel... Na, Glänzels Sache! Merkwürdig, die beiden hurtigen Paschas mit ihren straffen Snleikas in seinem HauS! schoß es ihm übermütig durch den Sinn. Er weitete den Brustkorb und schritt mit seinen Blumen würdig und flott davon. Wunderbarer Morgen!
(Fortsetzung folgt.)
Deranltvortlich: l)r. Han üThyriot. — Druck undDerlag:Brühl'fcheUniver>itäts-'Lu ch. undSteindruckerei. 2i.Lange, Gießen.


