er die Mandschurei mit seiner Anwesenheit. Er war 2,06 Meter arob hatte ein Lebendgewicht von 240 Pfund und dazu Hande wie Kommisbrote — es war nicht rötlich, ihn schief anzusehen, denn er schrieb eine entsprechende Handschrift! Aus einen fünften Totschlag wäre es ihm sicher nicht angekommen.
Feuerprobe.
Ich zog, wie sich denken läßt, nicht ganz freiwillig in dieser erlesenen Gesellschaft in die Wälder, aber Hunger tut weh und ich hatte fast nichts mehr zu verlieren. Man war bereit, mich mitzu- nchmen, weil ich ein guter Schütze war und weil ich eiqe Pirsch- büchse Modell 88 sowie eine Doppelflinte Kaliber 12 nebst reichlicher Munition besaß. Immerhin mußte ich vorher eine kleine Nervenprobe ablegen, denn die Jäger konnten doch keinen brauchen, der dann vielleicht im Augenblick der größten Gefahr versagte. Diese Probe bestand darin, daß Boboschin mir schmunzelnd einen ausgedienten Kochtopf in die Hand drückte, den ich mit aus- gestrecktem Arm ruhig halten mußte. Darauf schossen die anderen aus 150 Meter Entfernung Scheibe! Ich gestehe, daß es muh am ganzen Körper wie von Ameisen kribbelte; ich mußte die Augen zumachen und die Zähne zusammenbeißen, denn ich durste mich ja nicht blamieren! Es schoß übrigens keiner vorbei. Nachher hiett Knips seelenruhig lächelnd den Topf und ich durfte schießen, -jd) traf dabei so gut wie die anderen. Damit hatte ich die erste Probe bestanden und wurde als Gehilfe ausgenommen — allerdings bestand meine Arbeit zunächst nur in der Besorgung der Küche. Nur gelegentlich wurde ich auf Schwarzwild mitgenommen. Außerdem hatte ich die Fanglinie für die Fuchseisen, in denen sich Marder, Iltis, Luchs und Wolf fingen, zu besorgen.
Der Tiger.
Bald aber kam der Tag, an dem ich zum erstenmal auf Großwildjagd mitgenommen wurde — zunächst auch wieder nur zur Probe. Der gewaltige sibirische Tiger ist dort noch zremlrch häufig. In unserer Nähe war eine Holzkonzession, in der die geichmgenen Stämme auf Felöbahngleisen mit Pferden abgeschleppt wurden. Hinter einander waren zwei solche Gespanne dem Trger zum Opfer gefallen — und diesen sollten wir schießen. Da da-- Fell einen schönen Betrag einbringt, ließen wir uns das nicht zweimal sagen: vier Tage waren wir hinter dem Tiger her, bis wir ihn schließlich stellen konnten. Die große Katze lag zulammengerollt in einem Dickicht. Nun erhielt ich von dem schmunzelnden Boboschin den ehrenvollen Auftrag, mich so nahe als möglich heranzuschleichen und dann mit kleinen Steinen nach der Bestie zu werfen denn so, wie diese lag, war kein guter Schuß anzubringen. Alle sahen gespannt auf mich, ob ich jetzt wohl „kneifen wurde. E« blieb mir nichts anderes übrig — ich mußte dem Befehl nachkommen. Ich nahm also allen Mut zusammen und warf einen Stein nach dem Tiger, der wie von einer Feder geschnellt hochkam. Aber gleichzeitig krachten zwei Schüsse und das Tier sank getroffen zusammen. 250 Rubel waren unser und ich hatte meine zweite Prüfung bestanden, auf die hin ich „reis für die Hochwild- jagd" erklärt wurde. Gut, daß man mir nicht hatte ins Herz sehen können, denn ich hatte nur mit dem Mut der Verzweiflung den Stein geworfen. Hätte ich nur im Geringsten gezögert, dem Befehl nachzukommen, hätten mich die anderen ausgestoßen, und Boboschin hätte wahrscheinlich kurzen Prozeß mit mir gemacht. -
Doch währte die gemeinsame Jagd, Bet der wir übrigens sehr schön verdienten, nicht allzulange. Tagelang hatten wir nichts geschossen und zogen hungernd und frierend durch die Wildnis — ivir wären imstand gewesen, wer weiß was zu verschlingen, denn wir hatten unseren letzten Proviant schon vor achtundvierztg Stunden verzehrt. Spechte und Häher, die ich hätte schienen können, wußten wir fliegen lassen, um das Großwild nicht zu vergrämen. Der riesige Boboschin, der ein Viertel von einem Reh allein aufessen konnte, knurrte wütend vor Hunger. Schließlich schoßen wir doch einen Specht, den wir noch halbroh verschlangen.
Knips kriegt Ohrfeigen.
In der üblichen Ordnung — Knips voran, dann Boboschin und dann ich — betraten wir eine Waldlichtung. Plötzlich hemmt Knips den Schritt — vorn bewegt sich etwas, und man sieht ein paar lange Ohren hinter niedrigem Buschwerk. »Nanu — leise. „Das ist doch ein Esel!" „Ganz egal ..." flüstert Boboschin. „Wir brauchen einen Braten." Knips hebt also dte Buchse, zielt und drückt ab — und das Folgende ging viel rascher, als man es erzählen kann. Ich, als der am weitesten hinten Stehende, sah nur Knips' Büchse durch die Luft wirbeln und ihn selbst mit Windeseile gebückt durch das Unterholz flüchten. Dann richtete sich ein entsetzlich großes Tier vor Boboschin auf, den es mit einer einzigen Ohrfeige mühelos niederstreckte. Der Var — denn es war einer! — versuchte nun, dem liegenden Boboschin den Kopf zu zerbeißen, doch rettete diesen seine Pelzmütze und seine dicke russische Kleidnng. Mich beobachtete der Bär gar nicht, ich konnte ihm den Flintenlauf fast an den Kopf setzen und beide Laufe Kaliber 12 zugleich abdrücken. Die Wirkung des Brenneckege- schoffes und der Ladung 60 im anderen Lauf war auf diese kurze Entfernung furchtbar: Es riß dem Bären förmlich den Kopf ab!
Boboschin richtete sich langsam auf und betastete seine Glieder. Dann nahm er seine Büchse, stand auf und ging fort — ich traute mich gar nicht, ihn etwas zu fragen, denn der Mann sah zum Fürchten aus! Ich ließ ihn also gehen und machte mich daran, den Bären auszuweiden und ein gutes Bäreneisen herzurichte» — dann kam Boboschin wieder und brachte unterm Arm den Knips angeschleppt, wie man einen jungen Hund trägt — setzte ihn neben das Feuer und ohrfeigte ihn rechts und links solange,
bis ihm der Arm wehtat. Er hatte nicht so ganz unrecht, denn Knips hätte nicht weglaufen dürfen - das war gegen die Verabredung! Daß er so gehandelt hat, ist mir heute noch unerklärlich, denn er war sonst der tapferste Mann, den ich kenne — er mutz in einem Augenblick völliger Verwirrung geflüchtet sein! Ich sah aber, daß Boboschin mit seinen Ohrseigen noch nicht genug hatte und dachte mir, daß es „daheim" in unserer Jägerhütte noch ein Nachspiel geben würde, weshalb ich Knips warnte und dieser sich vorsah.
Abschied auf Mandschurisch.
Unsere größte Falle war ein riesiges Tellereisen — für Tigr^ bestimmt. Wir schleppten dieses Eisen im Dunkeln vorsichtig in die Hütte, als Boboschin und die anderen schon ziemlich viel Wodka getrunken hatten und stellten sie so auf, daß Boboschin hineintreten mußte, wenn er zu Knipsens Lager wollte. Für gewöhnlich hatte er in der Ecke, wo unsere Lager waren, nichts zu suchen. Ich nahm vorsorglich eine Kerze, Streichhölzer und einen geladenen Revolver mit ins Bett. Morgens gegen vier Uhr schlug die Falle zu und Boboschin saß brüllend drin. Sein langes Jagdmesser war ihm entfallen. Wir befreiten ihn unter der Bedingung, daß er sofort verschwände — Kostka und Ahlefeld brachten den Riesen, der übrigens dank seinen Stiefeln nur geringe Verletzungen erlitten hatte, im Schlitten nach einer anderen, dreißig Kilometer entfernten Hütte und setzten ihn dort ab. Er wußte, daß unsere Kugeln zu treffen pflegten und hat sich daher nie mehr in unserer Nähe sehen lassen.
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor votl Kohlenegg.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
^Fortsetzung.«
„Sehr schön!" sagte Frau Gugernell in einem mächtigen Papst, stuhl und kreuzte bequem und schwungvoll die langen, begabten Beine. „Ich verstehe nicht viel von diesen Kostbarkeiten, obwohl ich ein paar Jahre zwischen nicht ganz so Herrlichem gelebt habe. Aber es erregt und entzückt mich: Man ist immer auf der Suche nach sich selbst... Verstehen Sie? Form und Melodie einer Lebenshöhe! Man läßt sich streicheln und dumpf erfüllen von einer Vollendung... Darf man hier rauchen?"
Der schwere, große Mann gab ihr, herabgenergt, Feuer, als sie ihr goldenes Etuichen aufklappte. Sah auf sie nieder, rote auf eine neue, in Obhut genommene Kostbarkeit: vollendete Form und Melodie... Er antwortete, mit einem Tremolo in der Baßsatte.
Irgendwo nebenan knackte das Parkett. Louis zuckte mit dem linken Ohr. Nichts... Die Dame Gugernell schien taub.
Till und Diez besahen sich, gleichmütig vordringenö, ettt berühmtes Bild mit nacktem Fleisch, das zeitlos gegenwärtig wirkte. Ich geh' jetzt wieder weg! überlegte Diez. Was geht mtch das alles an? Till ist ein taktlos zähes und aufsässiges Mädchen! — Das nackte Bild da vor ihm tat ihm unheimlich weh, noch weher fast als gewisse Vorstellungen und Gedanken vorhin.
„Sie müssen da hinten sein", sagte Till, vertraultch, neben ihm. Ein entsetzlich launischer Mensch, dieser Diez! Etwa gar schon eifersüchtig, mein Guter? „Wollen wir uns bei Tiepolo htnsetzen? fragte sie leise und mütterlich.
„Nein. Denke nicht dran. Was hast du?
,Fch — ?" Sie schien blasser, empfindsamer, sehr hübsch in dem gedämpften Oberlicht; die Luft flirrte ein bißchen heiß um sie. „Ein unmögliches Muster, dein Schlips, Diez. Gehn wir wieder —!" entschloß sie sich kurz und entfernte sich sofort rasch, mit leichtem, hartem Hackenschlag. r ±
Diez starrte ihr eine Sekunde lang nach, betrachtete kopfschüttelnd seine Fußspitzen, drehte gemessen wieder ab und schrttt allein weiter ins feierliche Jenseits. .
Da lachte mit verwehendem Hall eine Frauenstimme in der Nähe. Diez konnte die Worte ungefähr verstehen. Dann klang es deutlicher: „Und keine stolze Frau in dieser ganz echten Renais- sanee?" setzte die Stimme ein fröhliches Gespräch fort. „Eine Art ^^Der^ Professor^ entschuldigte sich, brummend, mit raschem ^°Jetzt^ erhob sich Frau Gugernell lächelnd, wehte groß, weich an ihm vorüber. Sie schüttelte bekümmert und unbekümmert bas. Haupt mit dem ausdrucksvoll blühenden Mund. „Also nicht bloß ein Einrichtungsfehler!"
„Woher wissen Sie das?
„Ich weiß es natürlich nicht!" , , m
"Noch nicht —", sagte der Professor rauh, wie ein Renaissancefürst zu seiner schönsten Tänzerin.___
Da verbeugte sich Diez in der Tür und lächelte anerkennend, als führe er hier Regie.
Louis herrschte ihn stumm an: Was willst du da?
„Alles bewundert, gnädige Frau?" fragte der muntere Me- diei-Neffe.
Lvitis"bUckte' mit runden Despotenaugen, wirkte int Augenblick wuchtig und grausam, trotz heitrer Warze und blondem Scheitel, rote ein unbezähmbarer Doge, der im Begriff stand, seine sämtlichen Neffen in die Vleikammern abzuschteben. Dieser kleine, eitle Wichtigtuer... Sollte sich um Till und Dagobert kümmern!
Doch Dagobert schlummerte eben ein btßchen, und Ttll brachte ein wildes Durcheinander in Onkos geheiligte Zettungen, gähnte fürchterlich.


