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leons und der Niedergang Preußens haben die Entwicklung seiner Ideen und sein Bild vom Volk ebenso bestimmt wie sein persönliches Schicksal, das ihn, den Nachkommen erbuntertäniger Bauern und schwedischen Staatsbürger, mitten hinetnwarf in die geistigen und politischen Kämpfe seiner Zeit ... Seine Heimat Vorpommern war damals schwedisch. Arndt hat dieses Schweden, dessen König durch seinen Versuch einer „Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" den Anstoß zur Aufhebung der Leibeigenschaft erhielt, während seiner Reisen von 1803 bis 1804 und später während seiner Flucht vor den Franzosen lieben gelernt und ihm auch, nachdem Vorpommern an Preußen gekommen war, seine Dankbarkeit bewahrt. Aber sein eigenstes Werk galt dem deutschen Volk und seine Sehnsucht der staatlichen Einigung der in Sprache und Kultur verbundenen deutschen Lande, bei der Preußens politisches Gewicht entscheidend sein mußte. War Arndts Laufbahn auch die eines Professors, eines Dichters und eines Publizisten, so ist er dem bäuerlichen Boden seiner Väter und seiner mythenbildenden Kraft doch stets verwachsen geblieben. Aus dem Bäuerlichen stammt auch seine Hinneigung zum Sinnfälligen im Reich des Geistes, zur Kunst und Volkskunde, seine Hinwendung zur germanischen Geschichte und seine Abneigung gegen die Philosophie mit ihren Abstraktionen, weil er fühlte, „daß neues Leben aus der messerscharfen Klarheit philosophischen Denkens nicht erwachsen kann, sondern gar wohl vor ihm zerfallen muß", wie P. H. Ruth in seinem nach Inhalt und Form ausgezeichneten Beitrag über Arndt im Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, ausführt. Goethe und Hölderlin wurden feine großen Bildner. Im Bereiche des Staates und der Politik sand er seine Führersehnsucht nicht erfüllt, trotzdem ihn mit fo kraftvollen Naturen wie mit dem Freiherrn von Stein ein tiefes Einverständnis verband, denn sein Bild des Helden verlangte „Napoleons elementare Naturkraft und die sittliche Größe der preußischen Führergestalten in einer Person."
In seiner Einstellung zur Leibeigenschaft und zur Bauernbefreiung leitete ihn die Erkenntnis, daß die nationale Frage zugleich eine soziale Frage sei. Was seine Vorfahren sozusagen am eigenen Leibe verspürt hatten, vertiefte sich in ihm zu politischer Wirkung. Für ihn begann mit seiner Gegenwart, die er hellsichtig als Krise und Wende erlebte, die Epoche des „politischen Volkes", das in allen seinen Gliedern von dem bewußten Gefühl und Willen gemeinsamen Lebens beherrscht wird. Aus dieser Einsicht erwuchsen seine Gedanken über Wesen und Werden des Volkes, ja durch sie gehört er in die Reihe der großen Begründer einer deutschen Volkskunde. Der volle „Letb eines ganzen und fertigen Volkes", das für Arndt immer etwas Lebendiges und Menschliches ist, läßt sich nur „im großen Sinn der Geschichte" darstellen, deren Erfassung aber nicht aus den staatlichen Gesichtspunkt beschränkt
Friedrich Nietzsches und Paul de Lagardes vernommen, i In dem gleichen Zusammenhang muß auch Ernst Moritz Arndts gedacht werden, wenn wir der Auffassung sind, daß eine Ve- ivegung von derart weitgehender politischer Gestaltungskraft nicht in einer kurzen Reihe von Jahren aus dem Boden. gestampft wird, sondern daß sie von vor langem aufgesprungenen und inzwischen vielleicht wieder verschütteten Quellen gespeist wird, und daß in ihr eine alte Sehnsucht ihr Recht begehrt. Nietzsche und Lagarde haben in einem Zeitabschnitt der deutschen Geschichte gelebt, in dem die Nation in satter Bequemlichkeit zu erschlaffen drohte, der dem nationalen Erlebnis gegenüber stumpf geworden und der sich die Bismarcksche Neichsgründung als das fdeale Endergebnis aneignete, weil es die Deutschen jedes quälenden Zweifels an der Gegenwart und jeder Sorge um die Zukunft enthob. Das soziale Gewissen der Bürger beruhigte sich eilfertig vor dem Trugbild eines beispiellosen Wirtschaftsaufschwunges und mußte darüber den geistigen Anspruch des aufkommenden vierten Standes verkennen. Nietzsche und Lagarde waren Warner einer Nation, die bereits den rechten Weg verfehlt zu haben schien,' sie hielten ihrer Gegenwart einen Spiegel vor, aus dem den Einsichtigen und Verantwortungsbewußten ein Zerrbild als zur Besinnung aufrufende Mahnung entgegentrat. — Ernst Moritz i Arndt aber stand am Beginn der nationalen Bewegung, die damals unter den Erschütterungen der napoleonischen Kriege und der preußischen Befreiung eine verheißungsvolle Kraft entfaltete, 1 er stand an der Wiege des Volkes, das die inneren Fefseln der absolutistischen Staatsführung und die äußeren des Korsen-Joches *n Einem Zuge abzuwerfen meinte und dem sich die glänzende ' deutsche Welt der Zukunft eröffnete. Inmitten dieser erwachenden Nation war Arndt Berater und Erzieher, wie er vorher ihr un- krmüblicher Künder gewesen war und sucht mit Leidenschaft und Umsicht nach dem besten Staat für ein „politisches Volk", das nicht aus dem Absolutismus berausgesührt werden sein sollte, um dem westlich liberalistischen Staat der französischen Revolution überantwortet zu werden. Arndts ganzes Fühlen, Denken und Han- deln kreiste nm diese eine Frage nach der Volkwerdnnq und nach dem besten Staat der Deutschen. Die europäischen Ereignisse, be- fonderv ine Unfähigkeit der regierenden Dynastien gegenüber der wie ei» Sturmwind über Europa Üabinbravsevd-'U Kraft Novo-
Ernst Moritz Arndt.
Der Baker der deutsche« Volksidee.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
Das Arndt-Haus in Bonn, wo der „Vater der Deutschen" die letzten Jahrzehnte seines werkreichen und politisch bewegten Lebens gewirkt hat, ist erst kürzlich in einer feierlichen Veranstaltung zu einem Mittelpunkt der geistigen Kräfte erklärt worden, die an Deutschlands volklicher Erneuerung verdienstvoll Anteif nehmen. Des öfteren haben wir in dieser Zeit, wenn von den Jdeenströmungen gesprochen wurde, die der nationalen Revolution in tieferem Sinne Wegbereiter geworden sind, die Namen
bleiben darf, sondern als Volksgeschichte dem Wesen des Volkes in Sage, Mythos, Sitte und Brauch nachgehen muß. Volk und Geschichte beginnen erst mit der Sprache, die „Gesamtgeist" des Volkes tft; eine Feststellung, die gerade für das deutsche Volk, das als Ganzes allein noch von der Sprache einigend umschlossen wird, von großer Bedeutung werden sollte. Wie in der Vorgeschichte Landschaft, Klima und Rasse prägende Macht des Volkes find, so gehören in der weiteren Entwicklung Brauch und Sitte, Gesetz, Religion, Wissenschaft und Kunst dazu. Die Menge erscheint ihm als wesensnotwendiger Teil des Volkes, der in seiner Un- bewußtheit „Träger der göttlichen Urkräfte Einfalt, Wahrheit, Treue, Liebe und Frömmigkeit" ist, während ihm der „Pöbel" die entartete Menge, „das tausenöhälsige, tausendköpsige, tausendwillige Ungeheuer" ist, das keinem Gesetz mehr gehorchen will. Die Wiedergeburt des Volkes vollzieht sich erst aus dem Zusammenklang von Genius und Volk aus dem Geist,' beide stehen in ewiger Wechselwirkung. Wie das Volk der Großen bedarf, um zu sich selbst zu kommen, so brauchen die Genien das Volk, „denn kein Mensch, er sei noch so groß und gewaltig, ... wirkt als Herrscher und Feldherr, wenn seine Wtrkung nicht die lebendige Gestalt, ja selbst das allgemeine Gefühl des ganzen Volkes hat." Häufig scheinen diese Großen und Edlen, wie Hölderlin, weitab vom Leben des Volkes zu wirken, in Wahrheit aber erfüllt sich in ihrem einsamen Ringen das Schicksal ihres Volkes, denn sie sind die Hüter des Geistes, besten Fortgang sich nicht aufhalten läßt. Für den geistigen Menschen gibt es ebensowenig eine Rückkehr ins Unbewußte, „Einfältige und Unschuldige", weshalb Arndt jede Volkstümelei in tiefster Seele verhaßt war, wie die „geistige Unzucht" des bloßen Wissens und Wiffenwollens. Diefe Gedanken sind auch Arndts Ausgangspunkt für seine Vorstellung vom Staat, in dem erst das Volk seine volle Gestalt erreicht, denn in jedem Volk lebt ein dunkler Trieb, seinen Leib „ganz zu machen".
„Der beste Staat", in dem sich das Leben des Volkes am freiesten und in der Bindung an die innerlich bejahte Gemeinschaft entfalten kann, kann naturgemäß nur ein deutscher Staat fein, weder der absolutistische Staat noch der Staat der französischen Revolution, die beide in ihrem Grundwesen eine maschinenhafte Ordnung und einen seelenlosen Mechanismus ohne Sinn für die geschichtlich gewordene Wirklichkeit schaffen. An Stelle öder Gleichmacherei wüste das fließende Leben des Volkes in einen Aufbau der Stände hineingeführt werden. Aus dieser Einstellung Arndts, für die freie Lebensentfaltung der Völker höchster Wert ist, ent- ivickelt sich seine Idee einer künftigen Völker- und Staatenorö- nung, die er als Gleichgewicht freier Volksstaaten sieht. Im Kampf um die staatliche Einheit Deutschlands war ihm die Sprache stets das einigende Band im Gegensatz zu aller nur staatlich und dynastisch denkenden Politik. „Die Zeit ist nicht mehr in Europa, wo ein gebildetes Volk zehn oder fünfzehn Varbarenvölker un^r- jochen und an Sprache und Sitten sich gleichmachen könnte. Wir sind alle gebildet und stolz auf unsere Künste und Erfindungen, auf
Napoleons Antlitz ist gelb, verfallen,' trüb, glasig ist fern Blick. Die Gardisten schließen die Türen. „Da habt ihr den nordischen Iakobintsmus!" schreit Napoleon außer sich. „Ihr habt nur immer opponiert, wenn ich von den geistigen Epidemien sprach! Da sind siel Der Wahnsinn bricht ans! Dagegen kann ich mich nicht halten! Das ist selbstloser Haß! Das ist tödlicher Haß! Ein Kind, ein Pastorensohn, ein Krämer", spricht Napoleon tief erregt, „das Ereignis ist ein ganz außerordentliches ..." Napoleon
„Was würden Sie tun, wenn ich Sie ohne Entschuldigung par- f donnierte?" Die Marschälle sehen sich mit großen, nicht verstehen- den Augen an. , ,
„Ich würde die nächste Gelegenheit suchen müffen, Majestät, Führt ^ihn ab! Ein württembergtsches Peloton erschießt ihn!
starrt vor sich hin.
„Majestät! Die Militärrevolten waren doch viel gefährlicher?
„Was wißt ihr von der Riesenkraft einer fixen Idee? Das Ereignis ist ein ganz außerordentliches! Ihr versteht das nicht! Ich komme diesem Irrsinn mit Kanonenschüssen nicht bei; es fängt zu züngeln an! Ich muß kämpfen, ununterbrochen kämpfen, damit sie mich fürchten, der Kampf aber schafft Hatz? . . Das wird eine gefährliche Sekte! Kein Mensch hat die Kraft, ein Gewehr Tag und Nacht ewig in Anschlag zu halten ..." Eine Salve krachte im Schlotzhof; General Rapp tritt ein.
„Die Jnstisikation hat stattgehabt, Sire!"
„Hatte der junge Herr wohl rechte ... Angst?"
„Er blieb standhaft bis zum Ende, Sire."
„Sprach er noch etwas ... von Bedeutung?"
„Die üblichen Phrasen, Sire!"
Was?"
"Es lebe die Freiheit, Sire, rief er. Es lebe ... Deutschland ... Tod dem Tyrannen! Sire, rief er."
„Champigny, der Frieden mit Oesterreich mutz bis zum Abend geschlossen fein!"
„Welcher Friede, Sire? Soll also Oesterreich vernichtet werden?"
„Wollt ihr, daß ich statt der Regimenter die Völker gegen mich habe? Kennen Sie nicht mehr den alten Traktat? Dieser muh bis zum Abend unterzeichnet sein, sonst sind Sie Herzog gewesen! In der Kriegsentschädigung gebe ich auch nach! Vis zum Abend, sonst sind Sie Herzog gewesen!"
Unter dem betretenen Schweigen der Seinen schreitet Napoleon verkrampft in sein Kabinett.


