Ausgabe 
15.1.1934
 
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unsere Sprache und Wissenschaft. Wir sind zu stolz, als daß wir uns vergessen könnten/' Das war Ernst Moritz Arndts Auffassung von europäischer Politik. Der Wiener Kongreß mit seinem Rück­fall in den Ländcrschacher der Kabinette und die bald einsetzende Reaktion, die ihn 1820 revolutionärer Umtriebe beschuldigte und seiner Stellung enthob, waren große Enttäuschungen Aber sie haben seinen Geist nicht beugen und seinen Willen nicht schwächen können,- er ahnte, daß das wahre, von ihm ersehnte Reich im 10-Jahrhundert kaum Verwirklichung finden würde. Und doch half er in felsenfestem Glauben jenes verborgene Deutschland be­gründen, das erst viel später zum Licht durchgestoßen ist und das seines großen Vaters jetzt in Dankbarkeit gedenkt.

Berühmte Hunde.

Von Carry Brachvogel.

Der Senior aller berühmten Hunde war eine anatomische Ano­malie und hätte sich daher tn einer Schaubude bequem seinen täg­lichen Hundekuchen und seinem Herrn nicht nur Brot, sondern auch Butter darauf verdienen können. Er besaß nämlich drei Köpfe, gehörte jedoch einem mächtigen Fürsten und hatte es also nicht nötig, sich durch Schaustellung zu ernähren. Dafür war sein Dienst aber auch nicht leicht, denn er mußte das Reich der Schatten be­wachen und Schatten sich schwerer zu behüten als Menschen. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß dieser Hund Cerberus hieß und daß seine Hütte im Hades lag. Von Charakter scheint er ein wenig perfid gewesen zu sein, denn er schmeichelte jedem, der neu ankam, verschlang ihn aber kurzerhand, wenn er Fluchtversuche machte. Er war offenbar ein glänzender Portier, nur durch rüde Manieren für einen modernen Betrieb nicht geeignet. Immerhin scheint sein Innenleben tief gewesen zu sein. Denn als er von Herkules an die Oberwelt gebracht, zum erstenmal das Tageslicht erblickte, da befiel ihn Uebelkeit und Erbrechen: aus dem Geifer aber, den er von sich gab, sproßte die schöne Blume des Eisen­hutes. Woraus man sehen kann, daß er trotz seines wüsten Ge­bells und Benehmens eine sinnige Natur mit gärtnerischen Nei­gungen gewesen ist.

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Zeitlich ihm am nächsten, an seelischen Eigenschaften ihm aber weit überlegen ist ein armer, vernachlässigter alter Hund und dennoch derTreueste der Treuen". Treuer jedenfalls als Men­schen, denn er erkennt als einziger den nach langen Irrfahrten heimgekehrten Herrn und bezeigt ihm seine Freude, so gut es seine geschwächten Kräfte erlauben:

Argos, welchen vordem der leidengeübte Odysseus selber erzog,- allein er schillte zur heiligen Troja, eh er seiner genoß. Ihn fuyrten Jünglinge vormals immer auf wilde Ziegen und flüchtige Hasen und Rehe,- aber jetzt, da sein Herr entfernt war, lag er verachtet auf dem großen Haufen vom Miste der Säue und Rinder. Hier lag Argos, der Hund, vom Ungeziefer zerfressen, dieser, da er nun endlich den nahen Odysseus erkannte, wedelte zwar mit dem Schwanz und senkte die Ohren herunter, aber er war zu schwach, sich seinem Herrn zu nähern."

Nur Hundebesitzer werden begreifen, daß Odysseus beim An­blick des treuen, verwilderten Tieres heimlich weinte, und er wird sich sein Teil denken, wenn nun Eumäos, der göttliche Sau­hirt, anhebt, entschwundene Eigenschaften des Viersüßlers zu preisen:

Trieb er ein Wildbret auf im dichtverwachsenen Waldtal, nimmer entfloh es ihm, denn er war auch ein weiblicher Spürhund.

Aber nun liegt er im Elend hier, denn fern von der Heimat starb sein Herr und die Weiber, die Faulen, versäumen ihn gänzlich.

Das ist die Art der Bedienten: sobald ihr Herr sie nicht antreibt, werden sie träge zum Guten und gehen nicht gern an die Arbeit." Gewiß, die zahlreichen Mägde im Hause Odysseus hätten die Pflicht gehabt, sich um den braven Argos zu kümmern, aber daß Eumäos sich so entrüstet gebärdet?! Hätte er nicht selbst einmal Hand anlegen und den armen Argos ordentlich säubern und flöhen können! Das hätte seiner Würde als Sauhirt gar nicht geschadet.

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Aus der Mythologie springt in fröhlichen Sätzen ein pracht­voller Hund in die vorchristliche Zeit Athens hinein. Die ganze Stadt kennt und liebt ihn ob seiner Schönheit den Hund desAlctbiades. So teuer ist der den Athenern wie sein Herr, den sie, je nachdem er seinem Vaterlande dient oder es verrät, vergöttern oder verbannen. Herrlich ist aber auch das Tier und das prachtvollste an ihm ist sein Schweif. Buschig fegt er die Erde und wenn das Tier schläfrig auf den Marmorstufen des Palastes liegt und in der Sonne blinzelt, dann fließt dieser Prachtschweif wie das üppige Haar einer Barbarin über den weißen Marmor...

Doch, o Schreck! Was ist das? Die Athener sehen es, müssen es glauben und weigern sich doch den eigenen Augen zu trauen. Eines Tages ist der Prachtschwanz fort,kupiert". Mit einem armseligen Stümpchen läuft das verschandelte Tier über Athens Oromcnaden und ihm zur Seite schreitet frohgemut, als wäre nichts Ungeheuer­liches geschehen, Herr Alcibiades ...

Alles, was einen Hund hat, hatte oder haben möchte, diskutiert erregt die Frage:Warum hat Alcibiades seinen Hund, be­ziehungsweise dessen Schweif gestutzt?" Er aber entgegnet auf alle Fragen milde:Ich wollte den Athenern Gesprächsstoff geben, da­mit sie nichts Schlimmeres über mich reden."

Der kupierte Schweif sollte also gewissermaßenBlitzableiter

sein,- Alcibiades wollte den Athenern die Mäuler stopfen! Fraglich ist, ob er diesen Zweck erreichte. Anzunehmen ist vielmehr, baß sic nun erst recht klatschten. Jedenfalls, von einem reinen Gewissen des Alcibiades zeugt diese Hundeschweisgeschichte nicht

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Jahrhunderte sind hinabgesunken, Athens Marmorpracht zer­fallen, vom Halbmond erobert. Andere Götter beherrschten die Welt. Weit oben im Norden, wo zur Zeit des Alcibiades nichts war als Sumpf und Urwald, wurde einer der Menschen geboren, die künftighin das Schicksal dieser modernen Welt bestimmen wer­den. Hätte der nicht eben einen siebenjährigen Krieg gewonnen, so würde ihn vielleicht ein HofpoetVulkan und Mars in einer Person" nennen, Waffenschmied und Kriegsherrn zugleich. Doch er hat den Krieg gewonnen, und eine große Koalition bekreuzt sich schaudernd, wenn sie seinen Namen hört oder nennen muß. Preußen" sagen die einen,Friedrich" die anderen, aber sie meinen das Gleiche. Ja, dies Land, dieser König, sind Vulkan und Mars in einer Person, wenn auch Friedrich in Sanssouci Flöte bläst und zierliche französische Verse drechselt. Um ihn her springt und tänzelt das helle WindspielBiche" Sie teilt das Leben des großen Einsamen, aber da sie Talent zur Eifersucht gehabt hat, ist sie ihres Hundelebens doch nicht ganz froh ge­worden. Dame Biche wird nach ihrem Tod ehrenvoll in Sanssouci bestattet, als wäre sie ein Mensch. Leider aber soll ihre Grabstätte nicht die einzige bleiben. Dicht neben ihr liegenAlcide" und Lidora" und noch manch andere ... Und jede hat gleich Biche ihren Grabstein mit ihrem Namen darauf!"

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Das alte Weimar tut sich auf, die beneidete Stadt, allwo auf jedem Pflasterstein unsichtbar ein berühmter Name eingelassen ist. In dieser Stadt der Musen, der klassischen Tradition, vertreibt ein Hund, ein wirklicher vierbeiniger Hund, einen Theaterleiter von seinem Posten und dieser Theaterleiter ist niemand anders als Exzellenz Goethe.Der Hund des Aubry" das Lust­spiel von Kotzebue, hat diese Demission erreicht. Auf der Bühne, über die der Großen Gestalten weihevoll gewandelt waren, sollte in diesem Stück ein Hund buchstäblich eine Rolle spielen! Goethe wollte zwarnein" sagen, doch auch im alten Weimar machte man der Tagesmode und dem Kassenrapport Konzessionen und zürnend wich der Olympier dem Hunde und legte sein Amt als Intendant nieder.

Auch hat Goethe kein allgemeines Anathema gegen den mimisch begabten Hund ausdrücken wollen. Dem Hundegeschlecht hat er sogar eine glänzende Revanche für den beanstandetenHund des Aubry" gegeben, indem er einem der ihren eine wesentliche Rolle schrieb, dem Pudel imFaust".

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Nun naht sich mit tiefem Gebell ein Sohn neuerer Zeit. Auch er hat sich sein Ouentchen Berühmtheit erobert. Barry hieß er,- von Rasse Bernhardiner, verbrachte er seine Tage auf dem Hospiz der frommen Brüder auf dem St. Bernhard. Es war die Zeit, da nicht auf jeden Berggipfel eine Bahn führte, und Wintersport ein unbekanntes, eine Jtalicnreise ein seltenes Ding war. Wer vor oder nach den Sommertagen über den St. Bernhard ober einen ähnlichen Schneepaß mußte, konnte von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut ihn üöerwand und die Brüder vom St. Bernhard schlugen schützend das Kreuz über das Gefährt, das solche Fahrt wagen wollte. Um Wanderern, die erschöpft am Wege lieqen blieben und so dem Tode durch Erfrieren entgegen gingen, Ret­tung zu bringen, rüsteten die Mönche große Hunde aus, deren Instinkt das hilflose menschliche Wesen auffand. Um den Hals trugen diele wackeren Vierbeiner ein Tönnchen mit belebendem Getränk, über den Rücken war eine Decke geschnallt, die der Er­starrte aus dem Weg zum Hospiz umnehmen konnte. Viele solcher braven Hunde wurden ausgesandt, aber keiner bewährte sich so wie oben Barry.

Der Siernenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

lFortsetzung.) sNachdruck verboten.)

Juppi, das weihnachtslose Weihnachtskind, harrte unter dem Gestirnwipsel, im Glanz der überirdischen Baumkrone, in der die seligen Geister gleich Vögel nisteten. Er wußte es. Unsichtbar aber, zu oberst auf der Spitze, waltete der Erzengel und hob sein Antlitz. Die weihnachtliche Weise entperlte seinem Mund. Nicht auszu­sinnen war, wie lieblich sie klang, der alle lauschten, die Seelen, die abgeschiedenen Geister und seine verstorbenen Eltern mit ihnen. Sie alle freuten sich daran ...

Während Juppi noch aufblickte zum Weltenwipfel, hörte er im Bauernhaus die Stubentür klappen und Flunk durch den Flur schlurfen. Die Feier da drin war zu Ende. Der Unbescherte, Un­geladene huschte in die Scheuer, seine Kindergestalt verging ein­sam im Dunkeln.

Der Baterfreund.

Eines Morgens im Januar war Juppi nicht von seinem Heu­bett heruntergekommen. Wiederholt hatte Flunk nach ihm gerufen, und war endlich, als Juppi keine Anstalten machte, seinem Weck­ruf zu folgen, hinaufgcstiegen, hatte den Säumigen herausgcschleift und wie einen Gerstensack auf den Boden hinplumpsen lassen.

Juppi stöhnte, er rührte sich nicht. Krumm und steif lag er. Flunk gab ihm Fußtritte.

Aufstehn!" krächzte er militärisch.Mistvieh! Beim hellichten Tag liegt der Kerl noch auf der faulen Haut. Dir will ich Beine machen."

Aber er rüttelte den Jungen ohne Erfolg. Juppi ließ das