„Man ruft mich!' sagte er rasch. „Nur eines noch: Ich habe ShE zwei Papiere ausgestellt für meinen Zug — es ist der letzte nach Guben! Nehmen Sie jetzt, Sie werben sicher bis zum Grenzbezirk bamit gelangen. Leben Sie wohl unb: Auf Wieberfehen in einem freien Lanbe!
Er ging bavon. Leicht, weit unb wiegenb schritt er ins Licht zuruck.
Ein kleines Weilchen später kam der Leutnant. In meinen Augen stauben Tränen, als er kam. „Was ist blr?" fragte er erschrocken Ich sagte nur: „Mir ist in biesem Lanbe ein Mensch begegnet — ein echter Mensch — unb: Christus in ihm ..."
Mein Kamerab schwieg. „Ja", sagte er bann. „So war es. Vor Jahren. Am heiligen Abenb."
Das Zentrum der deutschen Forschung.
Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förberung der Wissenschaften.
Von Hans Hartmann.
Forschung unb Lehre sinb bie Pole bes wissenschaftlichen Lebens. Bebeutung unb Umfang ber Lehrtätigkeit unserer deutschen Universitäten burfen im allgemeinen als bekannt vorausgesetzt werben. Das Ringen um Einsicht unb Erkenntnisse aber, bie Forschung also, bie für eine fruchtbare unb (ebenbige Lehrtätigkeit elementarste Voraussetzung ist, entzieht sich für gewöhnlich bem Einblick ber Oefsentlichkeit. Deshalb haben wir einen unserer Fachmitarbeit gebeten, uns einmal bas Arbeitsgebiet unb bie Arbeitsmethoben ber „Kaiser-Wilhelm - Gesellschaft zur Förberung ber Wissenschaften" zu schilbern.
Eine ber wenigen Einrichtungen in Deutschlanb, in benen ber Führer- gebaute von Anfang an unbestritten herrschte, ist bie Kaiser-Wil- Hel m - G e s e l l s ch a s t zur Förberung ber Wissenschaften.
Ihre beiden Präsidenten, deren Namen in aller Welt bekannt sind, hoben ihr den Stempel ihrer Persönlichkeit und ihrer Geistesart ausgeprägt: der Theologe Adolf von Harnack, der sie von Anfang an, bas heißt von 1911 bis zu seinem Tobe 1930, leitete, und sein Nachfolger, der Physiker und Nobelpreisträger Max P l a n ck, der heute ihr Leiter ist.
So weit die deutsche Oesfentlichkett überhaupt von der Kaiser-Wil- Helm-Gesellschaft und ihren Arbeiten Notiz genommen hat, nimmt sie meist an, daß man sich dort damit befasse, die wissenschaftlichen Grundlagen für die Industrie zu schassen. Ein Grund mehr zu diesem Mißverständnis liegt in der Tatsache, daß die deutschen Industriellen von Anfang an sich sehr zahlreich als Mitglieder der Gesellschaft betätigten und sie mit finanzierten.
In Wirklichkeit steht aber die Sache anders aus: die Industrie hat in vielen Fällen ihre eigenen wissenschaftlichen Laboratorien, in denen sie Erfinder und Entdecker beschäftigt, bie gerade in ihrem speziellen Zweige etwas leisten sollen. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft dagegen versuchte unter der taträftigen Führung von Harnack unb Planck bisher mit ganz außerodenllichem Erfolge das Gesamtgebiet der Wissenschaft zu erfassen. Ihre Arbeit gleicht einem Frontalangriff auf bie bisher unerforschten unb verborgenen Gebiete der Natur und des Geisteslebens: an vielen Stellen wird der Einbruch versucht, manchmal gelingt die „Eroberung" von Gelände, manchmal erweist sich ein Versuch als wenig fruchtbar. Langsam unb sicher aber wandelt diese Arbeit bas wissenschaftliche Weltbilb und damit unsere Gesamthaltung zum Leben und zu den Dingen.
Die Namen der beiden Präsidenten geben bie Gewähr, daß bie Arbeit der Gesellschaft den rechten Ausgleich findet zwischen den großen Gebieten der Natur- und der Geisteswissenschaften. Wer den beiden Gelehrten nicht nur in ihrer Wissenschaft, sondern auch in ihren Persönlichkeiten, in ihrem Heim, in vertrauterer Rede und künstlerischer Betätigung nahestehen durste, ber wirb Zeit feines Lebens unter bem Eindruck stehen: hier wirkte Harnack, der in den Grundlagen der abendländischen Kultur Bescheid wußte wie wenige, der, seinen Geist an vielen Genialen ber Geschichte, vor allem aber an Goethe bildend, ein gleich inniges Verhältnis zur Natur wie zum Geiste hatte. Alle Schönheit, alle Tiefe, alle Verborgenheit der Natur war ihm Ausprägung, Offenbarung ewiger Gestaltungskraft, und darum förderte er mit feinem reichen Wissen und seiner großen Energie alle bie Arbeiten ber Gesellschaft, bie in die Geheimnisse der Natur bringen wollen. Er hat es in einer begreiflichen Bescheidung vermieden, allzu viele geisteswissenschaftliche Institute anzugliedern. Er hat vielmehr ein naturwissenschaftliches Institut nach dem anderen eröffnen lassen: wir nennen unter den dreiund- dreißig I n ft i t u t e n , bie es heute gibt, nur bas 1927 eröffnete für menschliche Erblehre unb Eugenik, bas 1922 übernommene Institut sür Entomologie (Insekienkunbe, vor allem Schmetterlinge), die Hydrobiologische Anstalt in Plön, die Vogelwarte Rossitten.
Eine anders geprägte Persönlichkeit ist Harnacks Nachfolger. Er ist der Typus des stillen Gelehrten, der in größter geistiger Konzentration der Natur ihre schwersten Geheimnisse abiauscht und bann, vom Kleinen, ber Masse Unverstänblichen, Verborgenen aus schließen!», an der steten Wandlung unb Erneuerung unseres Welt- unb ßebensbilbes, unserer Grunberkenntnisse wie des Kausalbegriffes, ber Wahrscheinlichkeit, bes „Vorhersagens" arbeitet. Dabei ist Planck wie Harnack ein musischer Mensch, bem sich Wissenschaft, Liebe zur deutschen Art, stärkste Verantwortung für die Weltgeltung deutscher Wissenschaft, Kunst und Menschsein zu einem organischen Bilde zusammenschließen. Daß Planck mit seinen 76 Jahren noch ein ausgezeichneter Bergsteiger ist, mag als kleiner Zug
genannl werden, der feiner Gesamtpersönlichkeit besondere Farbe gibt; denn in der Höhe und Reinheit der ewigen Berge stahlt sich der Mensch für die oft schweren und anspruchsvollen Ausgaben, eine solche Haupb ftätte der Wissenschaft auf der Erde zu leiten, wie es die Kaiser-Wilhelm, s Gesellschaft ist. *
I
Max Planck spricht mit mir in einem einfachen, ganz auf äußerst« । Konzentration hin eingerichteten Arbeitszimmer über die Kaiser-Wi heim. i Gesellschaft. Ebenso wie in seiner eigentlichen Wissenschaft, der Atom. Physik und Quantentheorie, tritt in dem an sich zwanglosen Gespräch das Wesentliche plastisch hervor. Alles Unwesentliche wird weg. gelassen.
Das Gespräch bringt keine Sensationen, aber doch manches Heben raschende, bas mich zwingt, meine Vorstellungen vom Ausbau unferc« wissenschaftlichen Lebens zu korrigieren.
Man soll seine Worte wägen, wenn man vom Größten, Freiesten, Herrlichsten „in ber Welt" spricht. Was ich aber hier höre, gibt mir bie Ueberjeugung, daß in ben Instituten ber Gesellschaft wirklich bie freieste Fo r s ch u n g, bie sich benten läßt, ihre Pflegestatte hat. Der Direktor jebes ber vielen Institute ist nämlich nicht für bas Institut ba, fonbern bas Institut ist für ben Direktor ba. Wenn sich in bem fast unübersehbaren Walbe beutscher Wissenschaft ein Mann ftnbet, ber au! einem bestimmten Gebiete wirklich vorgestoßen ist, Neulanb erschlossen, neue Fragen und Antworten gefunben hat, bann wirb er an bie Gi> ellschaft berufen. Unb man baut ihm ein Institut. Das en hält bann, roieberum nach bem Führergebanken, sein ganz persönliches Gepräge. Er kann frei schalten und walten, wie er will. Er kann all« bie Mittel, bie ihm zur Verfügung stehen, nach eigenen Plänen uni nach eigenem ©utbünten verwenben. Er trägt bann auch ganz allem bi« Verantwortung für bie Arbeiten feines Institutes. Eine so hohe V e r ■ antroortung, ohne bah Zwang bahtntersteht — bie Professoren sinb auf Lebenszeit angefteüt — gibt es im öffentlichen Leben so leicht nicht roleber. Nur bie Sache, bie leibenschastliche Freube an ber Arbeit, bie Verantwortung vor bem großen Ganzen bes Volkes sinb Antrieb unb Motiv für bie Arbeit. Wenn wir einige Institute besichtigen, wirb uns bas vom ersten Augenblick an klar.
„Unb bie Auswahl ber Mitarbeite r?" frage ich.
Max Planck antwortet: „Jeber Direktor kann sich feine Mitarbeiter ausfuchen, von benen er sich wissenschaftlich am meisten verspricht. Ich als Präsibeni unb ber Senat, ber offiziell bie Berufungen vollzieht, wir reben ihm nicht barein. Es hat sich ba ein System von innerer Orbnung unb Brauchbarkeit entwickelt, bas bereits zu Höchstleistungen führte, unb bie Hoffnung auf immer höhere Leistung stärkt. Es wird freilich auch an den Ehrgeiz appelliert, nicht um der Ehre und des Gewinnes willen, sondern um eine wirkliche Elite von Kämpfern um das unerforschte Reich der Wissenschaft zu schaffen. Wir ernennen „wissenschaftliche Mitglieder" der Gesellschaft, und zwar nicht nur bie Direktoren, sondern alle Leute, bie wirklich etwas leisten."
Unser Gespräch kommt bann auf den Umkreis ber Aufgaben. Ich erfahre, bah bie rein naturwissenschaftliche Forschung in verschiedene Institute aufgeteilt ill, die keineswegs alle in Berlin, in der stillen Wiffen- schaftsvorstadt 2) r 'em, untergebracht sinb. Da finbet sich in Dres- b e n ein Institut jur Leberforschung, in Düsselborf eines für Eisen- sorschung, in Mühlheim (Ruhr) unb Breslau je eines für Kohleforschung, in Stuttgart eines für Metallforfchung u. a. m. Dann aber, unb dabei werden die Worte Max Plancks von noch größerer innerer Wärme beseelt, fühlt die Gesellschaft eine besondere Verantwortung für die Volkshygiene. Besonders nennt er das Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund. Es untersucht alle Fragen der Arbeitsmechanik, der Ermüdung, der Ernährung, ber Arbeitskleidung, der Arbeit am laufenden Band, der Länge ber Arbeitszeit, bes Alkoholeinflusses. Unb bie Forschung wirb in bie Wirklichkeit umgesetzt unb beglückt vielleicht Tausenbe von Menschen.
Im Zusammenhang bes Ganzen darf nun ein Hinweis auf bie geisteswissenschaftlichen Institute nicht fehlen. Da finben wir ein Institut für ausländisches öffentliches Recht unb Völkerherrschast, eines füc ausländisches unb internationales Privatrecht, bas Institut für KunjI unb Kulturwissenschaft in R v m (bie Bibliotheca Hertziana).
„Unb ber Staat", fragte ich, „hat er nicht bas größte Interesse am diesen Arbeiten?"
„Selbstverständlich. Wir arbeiten im besten Einvernehmen mit einer Anzahl von Ministerien zusammen. Diese Zahl ist nicht klein, unb fie ist ein Beweis bafür, wie sehr unsere Arbeit in alle Zweige des öffentlichen Lebens eingreift, wie sehr sie am Aufbau bes neuen Deutschland« mitwirken barf."
,Wie steht es nun mit ben auslänbifdjen Beziehungen? Kann inam noch von einer internationalen Zusammenarbeit der Wissenschaft reben?“
„Gewiß", entwickelt Max Planck. „Wir verfolgen burch Zeitschriften. Bücher unb persönliche Besuche bie wissenschaftlichen Fortschritte ber ganzen Welt. Wir sind ja auf Zusammenarbeit notroenbig angewiesen.. Oft kommen Gelehrte, wohnen im Harnackhaus, arbeiten in einem ber Institute unb tragen bann Art, Charakter, Methoden und Ergebnissedeutscher Forschung in alle Welt. Wir haben hier in dem schweren. Kampfe um Deutschlands Geltung in der Welt eines ber schönsten Werbemittel. Und es wird auch neidlos anerkannt, daß wir auf dem Gebiete der Wissenschaft in vorder st er Reihe ber Völker stehen."
Ich scheide von dem Gelehrten, ber Führertum, Forschertum, Deutsch-, tum so einbrucksvoll vereinigt. Ein neues Interessengebiet hat sich nur in diesem und manchen anderen Gesprächen mit ihm erschlossen. Und es ist mir eine Freude, davon in Deutschland künden zu dürfen.
'Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühi'fche Univers itäts-Duch- und Eteindruckerei, R. Lange, Giebel»


