Ausgabe 
14.9.1934
 
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Damit setzte er sich neben den Arzt und begann ihm die einzelnen Posten zu erklären, über das Blatt gebeugt und ab und zu mit dem gelblichen, gekrümmten Fingernagel eine Zeile unterstreichend. Der Dame mochte es zu lange dauern, und sie ging stillschweigend hmaus.

Nicht wahr, es stimmt?" fragte Lecles, als er fertig war.

Gewiß, gewiß", sagte der Arzt.

Also dann darf ich wohl höflichst um geneigte Zahlung bitten, mein Bürger Doktor?"

Pillon präsentierte ihm die Tabatiere, die Leclef auf den ersten Blick wiedererkannte, und sagte:Langen Sie zu, mein Lieber. Meinen Sie nicht auch, daß wir Heuer einen strengen Winter haben werden?

Des Juweliers Haut bekam plötzlich eine bleigraue Farbe. Einen Blick warf er in das väterlich-lächelnde Gesicht des Arztes- ein zweiter überflog das Zimmer. Die Dame war fort. Die Schatulle war fort.

Tausend Teufell" schrie Lecles, sprang auf, stürzte zur Tür, rannte durch den Korridor.

Am Ende des Korridors standen plötzlich drei Männer und vertraten ihm den Weg.

Fort! Laßt mich!" schrie er, und seine Stimme überschlug sich. Er wollte die Männer beiseite stoßen und sich durchzwängen. Allein sie packten ihn, ruhig und unerschüttert, als hörten sie sein Schreien und Flehen gar nicht, banden ihm Hände und Füße und trugen ihn davon. Dann wurde er entkleidet und in eine hölzerne Wanne mit kaltem Wasser gelegt. Endlich fand er sich in einem Zimmer, welches ein Bett enthielt, sonst nichts.

Einige Tage später stürzte Madame Lecles in das Empfangszimmer des Doktor Pillon.Wo ist mein Mann?" schrie sie.Wo ist mein Mann?"

Aber beruhigen Sie sich doch, Bürgerin", sagte der Arzt sreundlich. Er ist gut aufgehoben. Wenn es möglich ist, führe ich Sie nachher zu ihm. Haben Sie die Wäsche mitgebracht?"

Er drückte sie in einen Sessel. Es sah aus, als sei die große Frau plötzlich klein geworden, in sich zusammengesackt. Sie weinte.

Ja, was ist denn nur? Was ist denn nur? Was haben Sie denn mit ihm gemacht? Ich komme aus Versailles. Da sagt der Geselle, mein Mann sei seit vorgestern bei Ihnen, Ihr Aufwärter sei gestern dage­wesen: wir sollten Wäsche für ihn schicken. Was soll denn das heißen?"

Aber Bürgerin, Ihr Mann soll doch geheilt werden. Es ist kein Wunder, er hat Verluste gehabt durch den Umsturz, wir alle. Nun will er von jedem seine Juwelen bezahlt haben. Aber ich bringe ihn wieder in Ordnung, seien Sie unbesorgt."

Mein Mann ist gestört? Großer Gott, wie ist er denn zu Ihnen gekommen?"

Ihre Tochter war vorgestern früh bei mir und hat mir alles aus­einandergesetzt. Am Nachmittag hat fie ihn dann hergeführt. Er kam gutwillig mit, weil sie ihm gesagt hatte, ich würde seine Juwelen be­zahlen. Ja, hat Ihre Tochter Ihnen denn nichts davon erzählt? Sie hat doch in Ihrem Auftrag die Pflegekosten für einen Monat voraus­bezahlt!"

Meine Tochter? Meine Tochter ist seit acht Jahren tot. Ich will meinen Mann wiederhaben! Ich will meinen Mann wiederhaben!"

Doktor Pillon erschrak. Er strich der Frau über das dünne Haar, sprach ihr Mut zu und führte sie dann in das Zimmer des Juweliers.

Lecles", schrie sie und wollte auf ihn zustürzen.

Allein Leclef erkannte sie nicht. Er hockte auf dem Bettrand, nickte mit einem glücklichen Lachen eifrig vor sich hin und zählte an den aus- gespreizten Fingern:

... eine Tabatiere mit Zahlperlen besetzt ... achtzehn Perlen ... dreitausendachthundertfünsundsiebzig Livres ... das Bracelet mit den Sa­phiren ... neuntausendsechshundertachtzig Livres ... der Paragon der Frau Herzogin ... ä jour gefaßt, achtundstebzig Karat ... einundsechzig­tausenddreihundertundfünfzig Livres..

Montenegrinische Fahrt.

Von Georg Britting.

Um sieben Uhr stand ich auf dem Marktplatz in Cetinje.

Ein junger Kerl machte sich da wichtig; er trug schwarze, weite, schmie­rige türkische Hosen, eine alte, verschossene, geflickte graugrüne Militär­joppe, war barhäuptig: und jeder Bauer, der ein Lamm zu Markt brachte sie trugen die Tiere wie lebendige Pelze zärtlich um den Hals gelegt, jeher" Sauer muhte sich das Tier vom Nacken lösen und dem Kerl Hinhalten, der dem aufblökenden Kraushaar an den Bauch griff mit prüfenden, knetenden Fingern. Er schien ein sehr fettes Tier zu suchen, er tat wenigstens so; jeder Bauer hielt ihm auch geduldig das Lamm vor. Ich sah dem wichtigtuerischen Treiben des Kerls wohl zehn Minuten lang zu, ich hatte nichts Besseres zu tun, ich wartete auf den bestellten Kraftwagen; aber der Kerl kaufte (eins der Lämmer, wenn er auch eine kennerische, käuferische Miene machte.

Da tippte mir jemand auf die Schulter, ein mittelgroßer, auffallend breitschultriger Mann war's, der Wagenbesitzer und Wagenlenker. In schnalzendem Englisch sagte er, jetzt ginge es los, und wir fuhren los. Rückschauend lachte ich dem gautierischen Burschen ins Gesicht, der mir verdutzt nachstarrte, während seine Finger am Bauch eines Lammes geschäftig waren.

Cetinje blieb zurück, der Weg stieg, Steinberge ringsum, viele schwarz- blaue Bergkreise, einer über dem andern sich schiebend, gezackt, ver- schluchtet, türmig. Weit hinten, hoch oben, ein schwarzer blitzender Strich, wild herfunkelnd, den Blick an sich reißend wie eine glitzernde Nadel, nein, breiter, wie ein Säbel, der auf Bergen liegt der Skutarisee, fern!

Die Straße geht abwärts, schwarzes, stilles Wasser zur Linken, ein See; es ist aber, der Karte zu entnehmen, nur ein unmäßig breiter ver­sumpfter Fluß; Wassergevögel schwirrt auf; gegen neun Uhr sind wir in dem Dorf Rijeka. Frische, saubere Kühle weht, grüner Baumschatten, hohe Pappeln, Gesträuch; die schwarzen Berge sind hinter vorgelagerten

grünen Hügeln verschwunden, das Dors liegt langgestreckt am Fluß, auf dem Enten und Gänse schwimmen. Aus Holzbänken hält man Fische feil; den Fischen, breitnasigen, fetten Tieren mit hängenden, fleischernen Schnurrbärten, sind durch die weichen weißen Mäuler Weidenruten ge­zogen, die Ruten sind zu zierlichen Ringen geschlungen, daran trägt man die gekauften Tiere nach Haus. Die Fische sind lebendig, rühren sich aber nicht, schlagen nicht mit dem Schwanz, liegen geduldig, nur vergeblich und quälend öffnen und schließen sie, auf und zu, auf und zu. Feuriges einatmend, das Maul.

Hier in Rijeka trank der mittelgroße, breitschultrige, englisch schnal­zende Montenegriner einen Zwetschenschnaps, rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Dann weiter, bergauf, bergab, auf guten Wegen, auf schlechten Wegen. Einmal läuft die Straße hoch oben, von tief unten glänzen blaue Buchten silbern heraus, das ist wieder der Skutarisee. Die Straße fallt nun in schönen Kehren abwärts, der Engländer wirft den Wagen schwungvoll um die Kurven, es ist, als flögen wir, abwärts kreisend, wie ein großer Raubvogel, Immer näher blinkt der See, und da scheint im See ein befestigter Ort zu liegen, auf Pfosten und Dämmen und Pfählen, schwer verschanzt, eine Burg säst. Ein Damkn stößt in den See hinein, und der Damm verbreitet sich zu einem Platz, das also ist Wirbasar. Wir jagen über die Dammbrücke, halten am Markt.

Mein Führer nimmt fein Geld, nimmt das Verabredete, erwartet nicht mehr, wie einem das sonst hier leicht geschieht, legt die Hand grüßend an den Hut, sagt schnalzend:Good bye", geht. Den Wagen se' ich nach einer Stunde noch stehen, den Führer sah ich nicht mehr, er wird Ge­schäfte haben in Wirbasar.

In Wirbasar ist Markt, ausgeweidete Lämmer, rot, von Fliegen schwarz bedeckt, hängen von den Stangen, am Boden sitzen Bauern­weiber, bieten Schafkäse an, Schafwolle, Gurken und Zwiebeln, und auch Fische, denen die Weidenruten schmerzhaft durchs Maul gezogen sind. Ich bleibe zwei Stunden in Wirbasar, in zwei Stunden erst fährt mein Dampfer ab, und als ich auf dem Weg zum Dampfer bin, schnappen die geduldigen, genarrten Fische immer noch nach Wasser, immer noch, mit grauem Staub beschmiert.

Die Hitze ist schon groß geworden, eine knallige Sonne hängt über Wirbasar, ich bummle durch Wirbasar, es ist wie ein großer steinerner Würfel, liegt auf Dämmen i m Skutarisee, jetzt, im Mai. Später, im Sommer, weicht der See zurück, bann liegt Wirbasar a m See, wie sich das gehört. Ich gehe ein Stück in der prallen Hitze auf dem Damm dahin, im grünen, schlammigen Uferwasser unsichtbar, quaken Frösche, hunderte, tausende, und wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, schwei­gen sie kurz, knarren und schnarren bann um so leibenschaftlicher. Der Himmel ist blau, wolkenlos, fast weiß, ber See behnt sich mächtig, rings steigen hohe Berge an, kahle Berge, grau, ohne (eben Graswuchs. Wir­basar, bas steinerne, kalkgraue, schlangenhautgraue Wirbasar, zwanzig Häuser vielleicht ober breißig, hockt faustklein unb frech unb fpring- lebenbig am Damm.

Ich trinke schwarzen Kaffee, esse meine mitgebrachten Gier. In Cetinje sagte man mir, in Wirbasar gäbe es keine Verpflegung, bas ist aber nicht wahr, am Nebentisch ber kleinen Schenke ißt ein Bauer Lämmer­nes, ich schaue ihm neibisch zu, bas gebratene Fleisch riecht kräftig her­über, aber ich muß meine Eier essen. Eine Zigarette tröstet mich bann.

Gegen mittag besteige ich bas kleine Dampfboot, bas mich in sechs- ftünbiger Fahrt nach Stutari bringen soll. Das Boot fährt nicht gerade­wegs nach Stutari, es legt ein paarmal an, an kleinen Fischerdörfern, Der Skutarisee, weithin grün glänzend, von hohen Gebirgszügen um­randet, liegt regungslos unter einem regungslosen Himmel, von den Bergen kommt ein Wind, Tauchervögel spielen. Unser kleines Boot stampft, die paar Mitreisenden schlafen auf den Bänken, essen Zwiebeln und Brot. Auf weite Strecken hin find die Ufer versumpft, grüne Binsen flirren, dann wieder steigt der Fels mit schwarzem Knie ins Wasser. Dörfer liegen tief in Buchten versteckt, wehren mit vorgelagerten Riffen die Zufahrt, so daß nicht einmal unser kleines Boot zu ihnen kann. Es kommen Ruderkähne um die Klippen geschossen, fliegen nahe an uns heran, bekommen den Postsack zugeworfen, die Ruderer mit rauhen Stimmen rufen uns etwas zu und werden von den Buchten wieder verschluckt.

Wir sind schon vier Stunden unterwegs, da hält ein kleines, wen­diges Motorboot entschlossen auf uns zu, es ist weiß gestrichen, fchnau- bend braust es an uns heran, es macht einen angriffsluftigen Eindruck, am Heck weht eine rotschwarzrote Flagge, es ist ein albanisches Zollboot, wir sind jetzt, auf diesem Teil des Skutarisees, auf albanischem Hoheits­gebiet. Zwei Männer kommen auf unfern Dampfer geklettert, bewaffnet, weißgekleidet, braungebrannte, luftige Gesichter, lassen sich die Pässe vor­weisen. Die Pässe sind in Ordnung, die Albanier zeigen lachend ihre Zähne, besteigen wieder ihr kleines Kriegsschiff und zischen schaum­werfend davon.

Zur rechten Hand schieben sich jetzt niedere, langgezogene Berge heran, befestigt, das ist wohl der Tarabosch, die berühmte Burg über Stutari, und da, bas Stangengewirr ber Masten ber vielen kleinen Fischerboote ist ber Hafen von Stutari. Ich gehe an Lanb, roieber Zollmenschen, sehr neugierige Zollmenschen, bann setze ich mich in einen Pferbewagen, eine alte Kalesche auf hohen Stöbern, herabgetommene Vornehmheit, zer­setzter roter Plüsch im Innern. Der Wagen ist geschlossen, bie schmutzigen Fenster finb verquollen unb nicht zu öffnen, staubige, stickige, modrige Luft ist im Wagen, ber Wagen schwantt, ber Kutscher scheint auf die Pferde einzuhauen, ich höre ihn brüllen, wir fahren scharf, bie Straße ist schlecht, ber Wagen schaukelt, taumelt vorwärts, neigt sich seitwärts. Ich möchte doch was sehen von Stutari, presse mein Gesicht gegen die halbblinben Scheiben, sehe einen Reiter vorbeitraben, sehe eine lange weiße Mauer, sehe ein Minarett, schwarze Zypressen, wieder Maliern, lange weiße Mauern, verschleierte Frauen auf Eseln, viele Reiter, Staub wirbelt aus, Geschrei bringt in meinen verschlossenen Kasten, ber Wagen rüttelt, ich stoße mit ber Nase gegen bas ©las, aus ben schmutzigen Sitz­polstern bringt pfeffriges Mehl, bie Straßen werben enger, eine Bie­gung, noch eine, ber Wagen hält. Ich steige aus, betäubt, bas also ist