Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang
Nummer 7|
Hreitag, -en l4. September
Negenlieb.
Von Klaus Groth.
Walle, Regen, walle nieder, Wecke mir die Träume wieder. Die ich in der Kindheit träumte. Wenn das Ratz im Sande schäumte!
Wenn die matte Sommerschwüle Lässig stritt mit frischer Kühle Und die blanken Blätter tauten Und die Saaten dunkler blauten.
Welche Wonne, in dem Fließen Dann zu stehn mit nackten Füßen!
An dem Grase hinzustreifen
Und den Schaum mit Händen greifen.
Oder mit den heißen Wangen
Kalte Tropfen auszusangen Und den neuerwachten Düften Seine Kinderbrust zu lüsten!
Wie die Kelche, die da troffen, Stand die Seele atmend offen. Wie die Blumen düftetrunken In den Himmelstau versunken.
Schauernd kühlte jeder Tropfen Tief bis an des Herzens Klopfen, Und der Schöpfung heilig Weben Drang bis ins verborgne Leben. —
Walle, Regen, walle nieder. Wecke meine alten Lieder, Die wir in der Türe sangen. Wenn die Tropfen draußen klangen!
Möchte ihnen wieder lauschen, Ihrem süßen feuchten Rauschen, Meine Seele sanft betauen Mit dem frommen Kindergrauen.
Oie Schatulle.
Erzählung von Werner Bergengruen.
Copyright by 1. L. A., Wien
Im zweiten Jahre der Konventsherrschaft verließ die Frau des Goldschmiedes und Juweliers Leclef eines Morgens das in der Rue St. Hilaire gelegene Haus ihres Mannes, um sich für einige Tage zu ihrer Schwester nach Versailles zu begeben. Im Hause blieben nur ihr Mann und der Geselle zurück, denn die Dienstmagd hatte man obschasfen müssen. • „ , _ .. .
Am Nachmittag erschien im Laden eine verschleierte Dame, hie den Meister in einer vertraulichen Angelegenheit zu sprechen wünschte.
Er führte sie in die Stube. Sie nahm den Schleier nb; ihr Gesicht war jung und hübsch. Nachdem er ihr versichert hatte daß sie keinen Lauscher zu fürchten brauche, schickte sie sich an, ihm ihr Anliegen aus einanderzusetzen. Sie begann mit einigen nichtssagenden Höflichkeiten und nannte ihn dabei „Monsieur" und nicht „Citoyen“, und das horte der Juwelier immer gern, vorausgesetzt, daß niemand dabei war. Cr war ein Geschäftsmann, hatte unter dem alten Regime gut verdient und fluchte im stillen auf Jakobiner und Philosophen
„Nein Monsieuer". sagte die Dame „ich weiß, ich kann zu Ihnen Vertrauen haben. Ich will daher alle Umschweife fortlaffen. Einige hochgestellte Personen im Auslande, deren Namen ich nicht zu nennen brauche, die es aber verstanden haben, große Teile ihres Verinogeiis zu retten, schicken mich zu Ihnen Es sind Personen die in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Häusern Rohan und Montmorency stehe und den Wunsch haben, Wertgegenstände aus dem Besitz dieser und anderer ihnen verbundenen Familien zurückzuerwerben, soweit sich a diese Gegenstände ihnen teure Erinnerungen knüpfen. . h .
„Die Personen leben im Auslande. Madame?" fragte L°clef bedenklich. „Der Konvent hat die Ausfuhr oon, Edelsteinen und Goldsachen über die ©ren.ien der Republik verboten.
„Niemand erwartet von Ihnen einen Berstoh gegen die Gesetze^ Ich weiß, daß die Glieder der Familien Rohan und Montmorency Teile des
Familienschmuckes an Sie veräußert haben, um sich die Mittel zur Flucht zu verschaffen. Sie sollen diese Stücke und vielleicht noch andere ähnlicher Herkunft in Paris verkaufen. Was weiter mit den Pretiosen geschieht das braucht Sie nicht zu kümmern."
Nachdem sie die Zusicherung seiner Verschwiegenheit erhalten hatte, wurde die Dame ofsenherziger. Sie erzählte ihm, es habe sich eine Art geheimen Komitees gebildet, das den Ankaus und die Wegschafsung der Kostbarkeiten in die Hände genommen habe. Er werde begreifen, daß sie ihm die Namen der Mitglieder nicht nennen wolle außer dem einen, den zu wissen ihm nötig sei. Und zwar handle es sich um einen Arzt, Öen Doktor Pillon an der Butte St. Roch. Dieser führe die Kasse und werde den Kaufpreis erlegen, während sie selber. Vollmacht habe, das Gefchäst abzuschließen.
Als Lecles den Namen des Doktors hörte, verließ ihn fein Mißtrauen, das bis zu diesem Augenblicke noch recht groß gewesen war. Den Doktor Pillon kannte jedes Kind. Er war ein wohlhabender, In allen Stücken zuverlässiger Mann, dessen geschickte Kuren höchlich gerühmt wurden. Wiewohl unter feinen Patienten die Angehörigen des hohen Adels in der Mehrzahl gewesen waren, hatten die neuen Machthaber ihn unangetastet gelassen, wie denn gemeinhin die Aerzte gleich den Schauspielern von keinem Umsturz etwas zu fürchten haben.
„Ich kenne die Gesetze, Madame", sagte Lecles vorsichtig. „Ich weiß, daß es verboten ist, andere Zahlungsmittel zu fordern als Assignaten. Allein Sie werden begreifen —"
„Der Preis wird in Gold entrichtet", fiel die Dame ihm bestimmt ins Wort .Sein redlicher Mensch bezahlt Goldwaren und Edelsteine mit wertlosem Papier "
Nun ließ die Dame sich corlegen, was der Juwelier an Schmuckstücken aus dem Besitz der genannten Familien an sich gebracht hatte. Einiges war bereits umgearbeitet Aber sie erklärte sich bereit, auch diese Stücke zu übernehmen. Die Wahrheit zu sagen, schob Lecles auch manches mit unter, das zu den Geschlechtern der Montmorency, Rohan ober überhaupt des französischen Adels in gar keiner Beziehung stand.
Die Dame wählte und stellte zusammen. Dann fragte sie nach dem Preise. Lecles rechnete eine Welle und nannte dann seine Forderungen. Die Dame zuckte zusammen und erklärte das fei zu Diel. Wenn das fein letztes Wort fei. io müsse sie ihren Ankauf auf einige wenige Stücke beschränken.
Nun setzte Lecles seine Forderungen hinunter und schwur, er verliere dabei. Nach einer Welle wurden sie handelseinig. Die Dame suchte eine dauerhaft gearbeitete Schatulle aus, und dann wurden die Pretiosen eingepackt Die Schatulle wurde in Wachstuch geschlagen, Lecles naym sie unter den Arm warf seinen Mantel um und sagte dem Gesellen, er gehe aus
Die beiden machten sich auf den Weg zur Butte St. Roch Ein Auf- roärler führte sie in das Wartezimmer des Arztes Nach einiger Zelt erschien er wieder und bat die Dame, ihm zu folgen Lecles saß da und überschlug den Gewinn, den er gemacht hatte. Die Schatulle stand neben ihm auf dem Tisch
Bald daraus kehrte die Dame in 'Begleitung des Arztes zurück, den Lecles vom Sehen kannte Auch hatte er ihn einmal selbst bedient, als der Doktor bei ihm eine Tabatiere gekauft hatte
Pillon streckte ihm mit gutmütiger Herzlichkeit die Land hin. „Da sind Sie ja, mein lieber Citoyen Lecles", sagte er. „Ich habe schon den ganzen Nachmittag auf Sie gewartet. Nun, wie gehen die Geschäfte?"
Der Juwelier begann zu flogen, wie es die Geschäftsleute aus Grundsatz tun vornehmlich fn bewegten Zeiten.
„Aber heute haben Sie wirklich keine Ursache zum Schelten", sagte die Dame, die sich neben ihn gesetzt hatte.
„Meiner Treu, ich verdiene kaum etwas daran", versicherte Lecles. „Vergessen Sie nicht, daß die Sachen mehrere Jahre als totes Kapital bei mir in den Kassetten gesteckt haben."
„Nun ja, nun ja", sagte Pillon und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. „Haben Sie übrigens schon gehört, daß man den Brückenzoll wieder einführen will? Was lagen Sie dazu?"
Leclef erwiderte, er fände das unrecht, und wollte auf die Rechnung zu sprechen kommen Indessen schalt Pillon auf die hohen Milchprelse, die der Wöchnerinnen halber ganz besonders zu verdammen seien.
Der Juwelier wartete höflich, bis Pillon mit seinem Satz zu Ende gekommen war: dann zog er die Rechnung aus feiner Brieftasche, die er schon eine ganze Weile in den Händen hin und her gedreht hatte. Jetzt schob er das Blatt dem Arzt hin und sagte hastige
„Ich bitte Sie. Bürger Doktor Sie werden Einsicht nehmen wollen "
„Nun, Vs wird ja stimmen, lassen Sie gut fein" antwortete Pillon.
„Nein, Ordnung muß (ein, ich bin ein Geschäftsmann", beharrte Leclef. „Sie erlauben, Bürger Doktor."


