Ausgabe 
14.5.1934
 
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Er wurde durch Rikelchens Hilfe zum zweiten Male tm Leben ' feiner Glieder Herr. Er lernte durch Rikelchens Beistand das Sprechen von neuem.

Bis aus ein Wort: den Namen seines Jungen.

Keiner der beiden Ehegatten sagte jemalsJupp". Rikelchen nicht, weil sie überwunden hatte. Gust nicht, weil ihm die Kraft zur Ueberwindung fehlte.

Es war, als ob Gust und Rikelchen nie em Kmd gehabt hatten.

Aber die Niederlage Deutschlands kam, der Zusammenbruch, die Revolution.

Gust begriff nicht.

Deutschland besiegt? fragte er rmmer wieder. Ging denn die Sonne noch jeden Morgen auf? Gust klagte an. Mit immer größerer Heftigkeit richteten sich seine Worte gegen die Menschen, nicht nur wie bisher gegen die Böswilligkeit der Feinde, sondern auch gegen die Schwäche und Verhetztheit des eignen Volkes, gegen das blindwaltenöe Schicksal.

Das Regiment in der Stadt führte nach der Revolution monatelang Schweikert als Volksbeauftragter.

War es Scheu, die Schweikert hinderte, von dem Amtszimmer des Bürgermeisters oder von einem der Senatorenzimmer aus die Stadt zu regieren? Wollte er weithin sichtbar seine Volks­mäßigkeit betonen? Tat es ihm wohl, an die Stelle seines ge­stürzten Meisters zu treten? Er ließ sich jedenfalls in dem Arbeitszimmer des Bürgerworthalters August Micheelsxn nieder.

Anfang Dezember, nach einem halben Jahr, fühlte Gust sich fv weit genesen, daß er daran denken konnte, seine frühern Amts­geschäfte wieder aufzunehmen. Die Beine, die Arme, die Finger, die Worte gehorchten ihm wieder. Nur mit den Gedanken konnte er manches Mal nicht so schnell zurechtkommen, wie er wollte. Mutzte er eben mehr Zeit daran setzen als früher. Jedenfalls lag nun kein Grund mehr vor zu faulenzen und der Stadt in schwerster Zeit seine Arbeitskraft vorzuenthalten.

Als Gust an einem Dezembermorgen Rikelchen erklärte:Von heute an gehe ich wieder auf mein Büro ins RathausI" erschrak sie bis in das Allerinnerste ihres Herzens.

Sie hatte ihrem Mann, im Hinblick aus se.ine Krankheit, nur mit wenigen verhüllenden Worten von dem Umschwung in der Stadt erzählt. "

Bet der Ankündigung:Aufs Rathaus!" sah Rikelchen zu ihrem Schrecken, datz nun in Minuten alles das, was sie monate­lang zurückgehalten hatte, auf Gust eindringen werde. Da es also einen Ausweg nicht mehr gab, faßte sie sich ein Herz und erzählte ihm, was geschehen war. Gust hörte wider alle Er- wartuna ruhig zu, nahm, was Rikelchen erzählte, als Bestätigung seiner Bitterkeit bin und erklärte: Also sei es für ihn doppelt nötig, aufs Rathaus zurückzukehren und endlich Ordnung zu schaffen. _

Aber er sitzt doch in deinem Zimmer!" rief Rikelchen.Hast du es überhört?"

Wer sitzt in meinem Zimmer?" wollte Gust wissen.

Schweikert!"

Ja."

In wessen Auftrag?"

Das weiß ich nicht."

Aber ich weiß es! In niemands Auftrag. Ich kenne meine Pflicht."

Wohin willst du?" zitterte Rikelchen.

Mutz ich es wirklich noch einmal sagen?" empörte Gust sich. Aufs Rathaus. Wohin sonst?"

Und dort?"

Meine Amtsgeschäfte aufnehmen."

Schweikert hat dein Zimmer im Besitz."

Ich werde ihn auffordern, es zu verlassen."

Wenn er nicht geht?"

Ihn hinauswerfen."

Er ist stärker als du. Vergiß es nicht, Gust: Du warst krank. Ein halbes Jahr lang krank."

Hinauswerfen lassen."

Keiner wird dir mehr wie früher gehorchen."

Nun gerade!" antwortete Gust.

Gestützt von seinem schweren Eichenstock, verließ der Rentier und Bürgerworthalter August Micheelsen seine Wohnung und ging langsamen Schrittes zum ersten Male jenen Weg rückwärts, den man ihn vor einem halben Jahr im Krankenkorb getragen hatte, die Ackerstratze hinauf, die Hohe Straße entlang, an seinem ehemaligen, nun längst eingcgangenen Geschäft vorbei, über den Markt, die Rathaustreppe empor, quer durch den Rathaussaal insein" Büro.

Gusi hatte in die Mitte des Zimmer gehen, dort nahe beim Schreibtisch Aufstellung nehmen, mit seinem Stock zur Tiir zeigen und kein Wort sagen wollen, höchstens ein gebieterisch unwider­stehlichesRaus!" Als er jedoch feinen früheren Untergebenen, wie wenn es seit vielen Jabren so gewesen sei und immer so bleiben werde, auf seinem Platz sitzen sah, blieb er an der Tür stehen, .^ochgereckt, aber so sehr in allen Fasern bebend, daß er seinen Eichensiock fest umkrampfen mutzte, wenn er nicht auf den Stuhl für Bittende, der zu seiner Rechten stand, nieüersinken wollte.

Was wünschen Sie?" fragte Schweikert.

Gull, der in diesem Zimmer bisher nicht gefragt worden war, sondern nur gefragt batte, gedachte nicht zu antworten. Er sagte aber doch:Meine städtischen Verpflichtungen wieder erfüllen."

Sie haben keine städtischen Amtsverpflichtungen mehr!" er- klärte Schweikert seinem ehemaligen Meister.

Dann bitte ich, mir die Regierungsverfügung zu zeigen, durch welche der Bürgerausschutz aufgelöst ist. Das genügt mir."

Mit einem Ruck, wie man die Tür vor einem Hund aufmacht, den man ins Freie jagen will, öffnete Gust sein Amtszimmer zu dem großen Rathaussaal hin. Nun schritt er seinem Vorsatz gemäß in die Mitte des Raums, nahm in ganzer hochgereckter Größe Aufstellung, hob seinen Eichenstock und sagte:Raus!"

Sind Sie verrückt geworden?" schrie Schweikert.

Naus!" wiederholte Gust.Raus, begreife, wo der Zimmer­mann das Loch zum Weglaufen freigelassen hat."

Ich werde dem Stadtdiener telephonieren, daß er Sie an die Luft befördert! Oder vielmehr, daß er Sie zu Ihrer Frau bringt, die dann ja wohl wissen wird, wohin solche wie Sie gehören."

Hand zurück!" schrie, da Schweikert nach dem Hörer langte, nun auch Gust.Hand zurück oder ich mache mein Wort wahr: ich schlage zu!", und als Erweis, daß er keine leere Drohung aus­gestoßen hatte, hob er seinen Eichenstock zum Schlag.

Für solche Fülle genügt dies!" erklärte Schweikert höhnisch und erhöh einen Revolver.

Einen Augenblick war Gust starr. Dann nahm er mit einer großen langsamen Bewegung die linke Vorderseite des Rockes von seiner Brust fort, zeigte mit dem Stock aus sein Herz und sagte:Da sitzt das Leben. Schieß! In einer Welt, wo Deutsch­land besiegt werden konnte, ist es am besten: über den Haufen geschossen zu werden und nicht mehr zu wissen, datz unten zu oben und oben zu unten geworden ist."

Dem Nicht-mehr-Bedrohten sank die Waffe nieder. Um den Augenblick seiner Schwäche zu verdecken, legte er sie mit be­tontem Nachdruck auf die Schreibtischplatte.

Gust ließ den Rock über sein Herz fallen und bohrte, da ihn schwindelte, die eiserne Zwinge seines Eichenstockes in den Fuh- boden. , t

Nun werden Sie also trotz Ihrer sechzig Jahre und Ihrer Krankheit wohl begriffen haben, was geschehen ist", versuchte Schweikert festzustellen.

Gust würdigte seinen ehemaligen Gesellen keines Wortes mehr.

Schweren Schrittes ging er aus seinem Bürgerworthalter­zimmer fort. .

Im Januar lieh Gust sich als einziger Bürgerlicher bei den Stadtverordnetenwahlen aufstellen. Zwanzig Stimmen erhielt der ehemalige oberste Vertreter der Stadt. Es war, als ob es ein Bürgertum nicht mehr gebe.

Am allerwenigsten begriff Gust, daß er immerfort armer wurde.

Zunächst von Jahr zu Jahr, bann von Monat zu Monat, später von Woche zu Woche, schließlich von Tag zu Tag nahm der Wert seines Vermögens ab. , , m .

Gust faßte nicht, was sich begab. Da, auf dem Geldschein, der in seiner Linken lag, stand gedruckt, nicht einmal, sondern viele Male: Tausend Mark! Warum nahm ihn niemand, wie früher, als tausend Mark? Warum rechnete man ihn um, daß er nur noch einen lächerlich geringen Wert hatte? Nach welchem Grundsatz geschah diese Umrechnung? Und vor allem: Mit welchem Recht?

Deutschland haftete für den vollgültigen Wert des deutschen Geldes mit seinem Wort, mit seinem Ansehen in der ganzen Welt. Eine Mark mußte eine Mark sein, solange die Erbe stanb. Wohin sollte man kommen, wenn dieser Urgrundsatz der deutschen Wirt­schaft plötzlich keine Geltung mehr hatte? Ein Liter blieb ein Liter, ein Meter war noch immer, was es vor dem Kriege gewesen war, wie der Tag ein Tag, die Stunde eine Stunde geblieben war. Also mutzte auch eine Mark eine Mark sein und bleiben.

Warum waren alle Dinge in ihr Gegenteil verkehrt?

Warum?

Gust begriff nicht.

Rikelchen aber begriff.

Sie suchte zu retten, was noch zu retten war.

Sie half, wo immer sie helfen konnte. In aller Heimlichkeit verkaufte die durch den Krieg kinderlos gewordene Mutter, was sie für ihre Enkel in der Ackerstratze an Nützlichem, an Schönem erarbeitet hatte. Sie veräußerte, ohne Wissen ihres Mannes, Schmncksachen, Goldenes, Silbernes, das er ihr in der Hohen Straße schenkte. Gust hatte während der Kriegszeit auch alle Wert­gegenstände, goldene Uhr mit goldener Kette, Siegelring und was er an Verwertbarem bxsatz, dem Vaterland öargebracht. Sie aber, die oftmals zürnte, wenn der Reichgewordene ihre unnötigen Schmuck ins Haus schleppte, hatte sich nicht davon trennen können und manches bittere, ja schließlich manches harte Wort deswegen hinnehmcn müssen. Nnn erwies sich, datz, das für sie zur unschätz­baren Hilfe wurde und sie vor Hunger schützte.

Aber so umsichtig Rikelchen auch bei ihren Verkäufen war, so unermüdlich sie immer von neuem helfend zugriff nur durch den einen Gedanken geleitet, von dem geliebten Lebensgefährten an Bitterm, Schwerem fortzuscheuchen, was irgend in ihren Kräf­ten stand, der allgemeinen Not war sie nicht gewachsen.

Als Gnst die Miete nicht mehr zu zahlen vermochte, reichte sein Hauswirt die Räumungsklage ein.

Es gelang dem aller Schliche kundigen Mann, beim Miet­einigungsamt ein obsiegendes Urteil zu erzielen. Sogar den Nach­weis einer neuen Wohnung, der die Vollstreckbarkeit des Urteils ermöglichte, vermochte er zu erbringen.

«Fortsetzung solgt.j

Veron: wörtlich: 0r. HansThyrivl. Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäls-'Luch» undSteindcuckere i, A. Lange, Gietzen.