Ausgabe 
14.5.1934
 
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Oie Photo-Zelle.

Von Dr. Helmut ThomasiuS.

Mancher Fremde, der Berlin besucht, wird dort von seinen Verwandten oder Freunden vor eine kleine technische Sehens­würdigkeit geführt, die noch nicht ganz ein Jahr in Betrieb steht und die ihre Anziehungskraft noch immer nicht verloren hat. sie auch voraussichtlich so bald nicht verlieren wird. Gegen das, was es sonst an Technischem in der Reichshauptstadt zu sehen gibt, ist sie geradezu unscheinbar und doch übt sie einen unwiderstehlichen Zauber aus. Sie befindet sich am BahnhofInnsbrucker Platz" der Ringbahn. Von der Schalterhalle führt eine Rolltreppe hinauf zum Bahnsteig. Sie steht still, ist scheinbar außer Betrieb. Schreitet man aber auf sie zu, so setzt sie sich auf geheimnisvolle Weise ganz von selbst in Bewegung, um wiederum still zu stehen, sobald man oben angelangt ist Erst wenn ein neuer Fahrgast kommt, der hinauf will, wiederholt sich das Spiel. Wer wissen will, wo­durch es ausgelöst wird, kann lange suchen. Das ganze Geheim­nis besteht darin, daß ein Strahl infraroten Lichts, das bekanntlich für das menschliche Augen unsichtbar ist, quer über den Eingang zur Treppe hinweg auf eine Photozelle fällt. Wenn der Strahl durch das Hindurchschreiten einer Person unterbrochen wird, schaltet die Photozelle die Einrichtungen ein, die die Treppe in Bewegung setzen. Das ganze führt einen Fortschritt von weitest­gehender Bedeutung anschaulich vor Augen. Noch ist uns die Photo­zelle etwas Ungewohntes. Aber die Zahl ihrer Verwendungs­arten mehrt sich ständig. Von überallher kommen Nachrichten, die zeigen, wie man die Feinfühlichkeit dieser im Grunde so ein­fachen Vorrichtung auszunutzen versucht, eine Feinfühlichkeit gegen Helligkeitsschwankungen und gegen Lichteindrücke über­haupt, die geradezu an das Unglaubliche grenzt. Die Einrichtung der Photozelle ist mehr als einfach. Ihre Erfindung, die in die achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fällt, verdanken wir dem deutschen Physiker Hallwachs. Wie mit so vielen großen Fortschritten ging es auch hier. Man erkannte den Wert nicht so­gleich. Immerhin wurde die Zelle, in der Hauptsache durch deutsche Physiker, weiter verbessert und jetzt erleben wir, daß sie ganz be­trächtlich in den Vordergrund des Interesses rückt. In ihrer ge­wöhnlichen Form besteht sie aus einem kleinen Glasgefäß, in das ein Edelgas wie Argon, Neon oder Helium eingefüllt ist. Eine innen am Glas aufgebrachte Metallschicht, die gewöhnlich aus Na­trium, Kalium, Lithium, Cäsium oder Rubidium besteht, und ein Metallstab stehen einander gegenüber und sind so eingerichtet, daß sie in einen Stromkreis eingeschaltet werden können. Zwischen dem häufig schleifenförmig gebogenen Metalldraht und dem Me- tallbclag der Glaswandung besteht, solange die Zelle nicht bestrahlt wird, keinerlei Verbindung. Wenn jedoch Licht auf sie fällt, fließt ein Strom von Elektronen, also von kleinsten negativen Elektri­zitätsteilchen, vom Belag der Glaswandung zur Metallschleife. Damit ist der elektrische Strom, in den die Zelle eingeschaltet ist, geschloffen. Die allerfeinsten Bclichtungsschwankungen üben ihren Einfluß auf die Zelle aus, die auch für einzelne Strahlungsarten empfindlich gemacht werden kann.

Unter den mannigfachen Anwendungsarten der Zelle zeichnen sich einzelne durch die Eigenart des ihnen zugrunde liegenden Ge­dankens aus. Dazu gehört ein Musikinstrument, das mit Licht­strahlen gespielt wird. Es ist eine Art jener Xylophone, die man alsMarimba" bezeichnet. Bet diesen Instrumenten werden die Töne durch Anschlägen abgestimmter Holzplatten mit Hämmern erzeugt. Der Künstler, der das neue Marimba spielt, hält aber keine Hämmer mehr in der Hand, sondern zwei Leuchtstäbe, aus denen Strahlen elektrischen Lichts herausdringen. Das Instru­ment selbst zeigt vierundsechzig Photozellen, die in zwei Rechen stufenförmig hintereinander aufgebaut sind. Der Künstler leuchtet nun mit seinen beiden Lichtstrahlen bald die eine, bald die andere Zelle an, wodurch jeweils ein bestimmter Stromkreis geschloffen wird, der den richtigen Hammer auf die Holzplatte schlägt. Mit diesem von dem Elektroingenieur Dr. Thomas gebauten, gewiß höchst eigenartigen Instrument kaffen sich, den Berichten zufolge, auch schwierige Stücke spielen. ,

Besonders wichtig ist es, daß man die Photozellen auf ganz bestimmte Lichtstärken einstellcn kann. Sobald sich j-"*» auf die eingestellte Grenze abschwächt, schaltet dce Zelle künstliches Licht oder sonstige Einrichtungen ein. Wenn es wieder heller wird, erfolgt an der Grenze die Ausschaltung. Damit ist man von Zu­fällen unabhängig geworden. Durch aufziehende schwere Wolken kann es bereits in den Mittagsstunden sehr dunkel werben. Die Photozelle kümmert sich nicht darum, ob die Verdunkelung durch Wolken oder durch den Eintritt der Nacht erfolgt. Für sie ist die Helligkeitschwelle maßgebend. Wird diese in der einen oder an­deren Richtung überschritten schon tut sie ihre Pflicht-Nachdem die Zoologen beobachtet haben, daß manche Obstschadlinge ihre Eier eine bestimmte Zeit vor Sonnenuntergang, also bei einem gewißen Dunkelheitsgrad ablegen, hat man Beleuchtung^enirlcy- tungen gebaut, die aufflammen, sobald dieser Grad erreicht ist, ganz gleich, ob die Dämmerung zur astronomischen Zeit oder durch Wolkenbildung schon früher eintritt. Wenn dann die Insekten mit ihren Flügen beginnen, brennen die Lampen. Sie fliegen aut diese zu und werden durch weitere Einrichtungen, die mit oer Photozelle nichts mehr zu tun haben, vernichtet, ^zn ähnlicher Weise schließt die Photozelle Jalousien, so lange die Sonne auf eine Hauswand scheint und öffnet sie, wenn es gegen Abend ober infolge von Bewölkung bis zu einem gewissen Grade,dunkel wirb. Man kann also beruhigt spazieren gehen und braucht sich unter- rveqs nicht au besinnen, ob öie Fensterladen offen oder zu sino. Die Zelle wird das nach der Voraussage des Elektroingenieurs

D o n o v a t mit der größten Gewissenhaftigkeit befvrgen. Wenn wir heimkommen, werden wir ein kühles Zimmer finden.

Wenn man in jeder Hand einen Koffer und vielleicht noch den Regenschirm unter dem Arm geklemmt hat, wird das Oeffneu von Türen in Bahnhöfen schwer gehen. Deshalb hat die Pen- sylvania Eisenbahngesellschaft in ihrem Ncuyorker Bahnhofsge­bäude Einrichtungen angebracht, die denen am BahnhofInns­brucker Platz" zu Berlin sehr ähnlich sind. Rechts und links vor den Türen stehen je zwei Pfosten. In den einen ist eine Licht­quelle, in den anderen eine Photozelle eingelassen. Wenn man zwischen beiden durch den Lichtstrahl hindurchgeht, springt die Tür auf.

Eine Arbeit von geradezu märchenhafter Feinheit leistet die Photozelle jetzt beim Sortieren von Reis. Die Durchsichtigkeit des Reiskorns hängt von seinem Gehalt an Kalk ab. Beim Durch­leuchten der Körner unter einer bestimmten Lichtstärke wird diese um so mehr abgeschwächt, je höher der Kalkgehalt ist. Zum Zwecke physiologischer Untersuchungen läßt man den durch das Reiskorn gegangenen Lichtstrahl auf eine Photozelle fallen. Bis jetzt ist es gelungen, fünfzig verschiedene Abstufungen des Kalkgehalts auf diese Weise mit Sicherheit und vor allem sehr rasch festzuhalten.

Auch zum Melden der Windrichtung auf sehr weite Entfer­nungen hin läßt sich die Photozelle verwenden, also auf Entfer­nungen, auf die ein genaues Erkennen der Winbrichtungszeiger und ihrer Stellung Schwierigkeiten macht. Eine Scheibe, die auf dem Schaft der Windfahne sitzt, ist mit Schlitzen versehen. Je nach der Stellung dieser Scheibe zu einer mit gleichmäßiger Helligkeit brennenden kleinen elektrischen Lampe läßt sie mehr oder weniger Licht durch. Die Menge des durchgelassenen Lichts läßt die Wind­richtung genau erkennen und beeinflußt die Photozelle, die je nach dieser Menge einen stärkeren oder schwächeren Strom durch- läßt. Jeder Windrichtung entspricht ein bestimmter Strom, wobei wieder feinste Abstufungen möglich sind.

Oie Gchusterkugel.

Roman von Hans Franck.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

XIII.

Im Juni 1918 traf die Nachricht ein, daß der Hauptmann Josef Micheelsen an der Westfront den Heldentod fürs Vaterland gestorben sei. Ein Kopfschutz hätte ihn bei dem Beginn der großen Offensive niedergestreckt. Nicht einmal zu einem Schmerzruf, ge­schweige denn zu einem letzten Wort an Vater und Mutter, hätte der Tod ihm Zeit gelassen. Ehre seinem Andenken) Der Besten einer sei mit diesem taufern, ungewöhnlich gutherzigen Offizier dahingegangen, den seine Leute wie einen befreundeten, erwählten Führer verehrt hätten. ~ t ,

Als Gust die dienstliche Mitteilung von dem Tod Jupps auf feinem Büro im Rathaus gelesen batte, sank er um wie ein Baum, dessen Pfahlwurzel durchschlagen ist.

Man trug den Bürgerworthalter mit dem städtischen, von ihm selber erst vor kurzem im allgemeinen Interesse beschafften Krankeukorb über den Markt, die Hohe Straße entlang zur Ackerstraße.

Der Arzt war noch vor den Tragern bei Rikelchen etn- getrofseu. In der irrigen Annahme, daß sie um bas doppelte Unglück bereits wisse, sprach er nicht nur von Gusts Erkrankung sondern unvermittelt auch von Jupps Tod.

Gust!" schrie Nikelcheu auf; sank aber nicht zusammen, sondern traf umsichtig alle Vorbereitungen für den Empfang des Kranken.

Der Arzt stellte einen Schlaganfall fest. Er gab jedoch das Leben des erst Sechsundsechzigjährigen nicht verloren.

Nikelcheu klagte nicht. Sie sorgte für Gust. Rikelchen fdjrie nicht:Jupp!" Sie hatte tausendfach in schlaflosen Nächten seinen Tod durchlitten, so daß sie nun Bekanntem, daß sie fast Aus­gelebtem gegenüberstand. Rikelchen weinte nicht. Sie hatte seit Jahr und Tag, wenn sie allein war und wann war sie nicht allein? so viele Tränen vergossen, daß ihre Augen nun leer waren und nur noch in den Minuten der allerschlimmsten Ver­lassenheit sich feuchteten. Rikelchen dachte, fühlte, sagte, flehte nicht:Jupp!" Dieses Leid ihres Lebens hatte mit der Be­stätigung:Gefallen!" seinen Abschluß gefunden. Rikelchen lebte nur noch für eins: Gust darf nicht sterben! Dann war alles gut. Nein: nicht gut. Aber es war doch so, daß sie weiterleben konnte. Gust muß bei mir bleiben. Wenn auch hilflos wie ein Kind. Wenn auch gelähmt wie ein Krüppel. Gust darf nicht sterben!

Seltsam, diese Frau, welche in den letzten Jahren, wo es ihr nach Anschauung der Menschen und der oft wiederholten Ver­sicherung ihres Mannes gut ging, mehr und mehr in firn 8U= sammensank, das Blut aus ihrem Gesicht verlor, um den Glanz ihrer Augen kam, das Lachen verlernte, nun, im Leid, richtete sie sich wieder auf. Der Eifer des Helfens rötete ihre Backen. Der Wille zu dienen ließ ihre Augen aufleuchten. Das Bestreben, dem Kranken Gutes zu tun, wann und wie sie konnte, gab ihr Kraft, nicht: zum Lachen, aber doch: 8um Lächeln zurück.

Unermüdlich, unverdroffen Betreute Rikelchen ihren Gust und fand mit der neuen, ihren ganzen Tag und einen nicht un­beträchtlichen Teil der Nacht füllenden Lebensaufgabe die Pforte zu jenem Garten wieder, aus dem sie sich für immer vertrieben wähnte, zur Gemeinsamkeit mit dem geliebten Mann, zum Paradies ihres ehelichen Glückes.

Auch in ihrem Kampf, anfangs mit dem Tod, dann mit der Krankheit, war Rikelchen schließlich das Obsiegen beschiedeu.

Gust genas.