ab, der Teufel mochte wissen, wie es zuging, aber von einem Silberglanz war nicht die Spur aufzufinden. Ist es möglich, muhte Till denken, ist es möglich, dah er hier gar nichts hingelegt und mich verhöhnt hat? Möglicherweise sitzen sie nun in ihrem Auto, lachen, fahren drauf zu und sprechen verächtlich von mir und der Maschine. Es ist nichts unmöglich. Vielleicht sagt die Dame bei all ihrer Schönheit nun zu dem Herrn, daß die Maschine der „Große Elch" heißt. Da hat er, sagt sie wohl, diese Lächerlichkeit von einem Motorrad, diesen „Großen Elch" in ferner Dummheit auf den Kopf gestellt. Denk dir doch, wird sie sagen, „Großer Elch" nennt er das. Nein, und stellt.ihn kurzerhand auf den Kopf. Ist es nicht unsagbar lächerlich? Ja, wird er sagen und lachen, und sie wird ebenfalls lachen und sich ausmalen, rote der Dummkopf nun auf der Straße Geld sucht, das da nicht hingelegt roorden ist.
Tills Kopf war rot und heiß, ganz benommen vor Scham und gebeugt vor der Demütigung. So ging er auf sein Rad zu. Plötzlich kniete er nieder, als ob er die Erde bitten wollte, ihn zu verschlingen, doch stand er schnell wieder auf, schob sein Rad in Eile an und fuhr davon.
Nachdem er seine Besorgung erledigt hatte, ssiclt er an einer Tankstelle, ließ sich zwei Liter Benzin geben und bezahlte mit einem Fünfmarkstück. Als er die Steigung am Hügel erreichte, legte er das Wechselgeld auf die Straße. Dann stellte er sich groß hin und sagte in der Richtung,'die das Auto genommen hatte: „Der „Große Elch" läßt sich nicht für Gefälligkeiten bezahlen!" Dann wendete er, wendete abermals, fand mitten auf der Straße Geld, mehr als vier Mark, freute sich und fuhr heim.
Am Abend erzählte er den Freunden von der schönsten und liebsten Frau auf der Welt, und was sie und ein Herr, der dabei tvar, über seine Maschine gesagt hatten.
Vom Sinn des weisens.
Von Wilhelm von Scholz.
Sehnsucht in die Ferne und Drang zur Ausweitung des Bildes von der Welt haben den Deutschen von jeher im Blute gelegen. Wandern und Reisen entspricht ihrem Wesen und bietet sich ihnen als eine geistige Aufgabe dar, der Dichter und Denker immer wieder beredten Ausdruck verliehen haben. — Soeben ist im Paul List Verlag in Leipzig eine Reihe der Reisebetrachtungen von Wilhelm von Scholz unter dem Titel „Wanderungen" in einem Band vereinigt worden, der zugleich ein schönes Bekenntnis zur deutschen Heimat darstellt. Ihnen ist der folgende Abschnitt entnommen.
Das Reisen ist für den heutigen Menschen etwas Alltägliches geworden. Er reist die häufigsten Male ohne Achtsamkeit auf das schwingende Wandelbild, durch das er fährt, nur für diesen oder jenen praktischen Zweck, liest oder arbeitet im Zuge, hält sich kurz an seinem Ziele auf und kehrt nach erledigten Geschäften rasch zurück, so daß eine Reise nach Wien von ihm innerlich möglicherweise als drei Tage eines Münchener Aufenthalts gebucht werden kann. Ob in Mailand oder Amsterdam, Moskau oder Barcelona — er hält sich innerlich an das überall gleichmäßig geebnete Europäische der großen Gasthöfe, Kontore, Vergnügungsstätten, Verkehrsmittel. Von dem seelischen Bereichern, was Reisen früher war, ist in diesen häufigen Reisen des Menschen von heut gar nichts mehr. Auch die Sommerreisen, Ferienfahrten sind nicht bas mehr, was Reisen einst war und was uns wiedergewonnen werden sollte: sie sind zumeist nur Flucht aus der Stadt aufs Land, an die See, ins Gebirge, oder aber rasches, in ein paar Wochen gepreßtes Aufnehmen immer neuer Sehenswürdigkeiten — in Scharen, die das gleiche tun, und die Menschenumgebung der Stadt, der man entflohen ist, an die Wirtstafeln, in die Kurhäuser, die Bäder mitbringen. Es ist nicht mehr das Reisen zu einem Volke, in ein Land. Vielleicht können die großen Fahrten im Kraftwagen etwas vom alten Genuß des Reisens geben: sie sind aber auf zu wenige sehr wohlhabende Leute beschränkt, als daß von ihnen eine allgemeine Erneuerung und Veredlung unseres Reisens kommen dürfte, die wir nur seelisch erringen können. Noch ist das schwärmerisch, jugendlich-romantische Reisen mit Laute und Gesang wieder erwacht in den Fahrten der Wandervögel: schön und genußreich wird es dies neue Geschlecht zum Reisen in einem besseren Sinne erziehen, so wenig es mit der Poesie des Abkochens im Freien, des Heulagers, der größeren Wandergemeinschaft schon eine Erfüllung sein kann.
Wenn wir an das Goethische Reisen denken, werden wir immer wieder mit Neid inne: welche Lebensstimmung, welch eine golden gezügelte Daseinstrunkenheit, welche Lust und Freude als reines Sinnen- und Gefühlserlebnis Reisen und Wandern sein kann: und zugleich: welches Lebensergebnis an Bereicherung, Bildung, Durchdringung der Dinge, Verbindung von Natur mit Menschenleben und seinen höchsten geistigen Leistungen, welch neues Aufmerksamwerden auf das, daheim nicht mehr gesehene und bemerkte, Alltägliche mit seiner vielfältigen Schönheit, seinem Sinn, feiner Beziehung zum menschlichen Dasein. Solches, die Persönlichkeit in ihren Gefühlskräften und zugleich in ihrem geistigen Besitz bereicherndes, Reisen ist freilich nicht ganz verloren gegangen, wird aber doch nur noch von wenigen geübt. Es gilt, meine ich, es aus breiterer Grundlage, als einen der größten Genüsse, die dem Menschen beschieden sein können, wieöerzuge-
winnen. Es sollte für jeden einzelnen Gebildeten unserer Tage wichtige Pflicht sein, daß er neben dem geschäftlichen und dem Erholungsreisen sich auch dazu erziehe und ausbilde, einmal im Jahre goethisch zu reisen — trotz aller Massenhaftigkeit des Reisens, trotz der geschwundenen Entfernungen, die einst die Landesund Volkserkenntnis des Reisenden langsam reifen ließen, trotz der breiten Bekanntheit aller Gebiete des alten Europa, die nicht mehr, wie Italien noch Goethe, den Heutigen mit dem feierlichen Gefühl erfüllen: daß er etwas nur wenigen Geschenktes langsam sich eröffnen, um seinen Wanderweg zu wundervoller Raumgegenwart auseinandertreten sieht. Und doch, auch wenn er nur ein Stück Mitteldeutschland durchwandert, sollte der Mensch etwas vom goethifchen Reisen in sich haben.
Wie ist das zu erreichen? Ich glaube, durch einen Entschluß, durch die bewußte willensvolle Schaffung einer Stimmung in sich, durch Selbstheranbildung: dadurch, daß man, möchte ich fast paradox sagen, viele Stimmungen und Gefühle verschiebt, ansammelt, wachsen und sich steigern läßt, bis sie fast von selbst zu einer Reife werden, bei welcher der graue Ueberzug Alltäglichkeit von allen Dingen abfällt. Dann werden ein paar Wochen zum innerlichsten Erleben einer Landschaft, ihrer Bevölkerung, ihrer Bauten, ihrer Geschichte, ihrer Daseinsbedingungen und, indem sie irgendwie als ein Lebensganzes erscheinen und dem einzelnen gegenübertreten, auch des Reisenden selbst, führen sie zu neuer Klarheit über Errungenes und zu Erringendes.
Es ist eine besondere Forderung solchen Reisens, ein bestimmtes Jnterefse so gründlich auszubilden, baß es zu einem Faden wird, auf den sich die Eindrücke geordnet aufreihen: daß es jedenfalls den Sehenswürdigkeiten den zusammengewürfelten Charakter der Raritätenkammer nimmt. Es mag Volkskunde, Naturwissenschaft, Architektur oder überhaupt bildende Kunst, mag geschichtlich oder wirtschaftlich fein: seine Wirkung ist immer die, daß die Reise Gestalt gewinnt, die sich fest in die Erinnerung prägt und in der auch die andern Eindrücke Ordnung, Halt und Fülle bekommen. Selbst wenn solche Betätigung eines besonderen Interesses, bei der ich vorerst nur an den Nutzen für den Ausübenden, nicht an den etwaigen allgemeinen Wert ihrer Ergebnisse denke, nur den einen Zweck haben sollte, den ihr ein skeptischer Reisender beilegte: mit ihren Gedankenbeziehungen die Dinge länger im Bewußtsein zu halten — so daß sie genauere, vertieftere Erinnerungsbilder werden, so etwa, wie der Zeichnende in höherem Maße gezwungen ist, alles zu fehen, als der, dessen Auge von keinem Trieb des Nachbildens von Punkt zu Punkt des Angeschauten geführt wird — wäre sie in ihrer Höherbildung des einzelnen auch für die Gesamtheit wertvoll.
Wer mit dem Geologenhammer durch ein Gebirge reist, wird einen volleren, an mehr Vorstellungen — und an festere Vorstellungen! — gebundenen Gesamteindruck des Erdstücks mitneh- men, das er besuchte, als wer nur den Wanderblick auf die wilden Bergformen, die Schroffen und Zacken, die malerischen Felsschattentiefen oder auf das Farbenspiel von weißem Durchscheinen und blauem Schatten im Schnee gedankenlos hinüberfliegen läßt. Eindrücke ohne Gedanken bleiben unverfestigt, flüchtig. —
Wer mit Gefühl und Verständnis für Architektur eine Stadt besucht, dem wird sie, weit über die Gegenwart hinaus, zeitlich vertieft. Während er nach den Formen einer ihm lieben Stilepoche sucht und dabei alle beachtenswerten Bauten der Stgdt ansieht und überprüft, weitet sich unmerklich die gegenwärtige Stadt in die Geschichte hinein. Immer fühlbarer werden dem Reisenden die Lebensbedingungen, aus denen die verschiedenen Gebäude hervorgingen. In langen Geschlechterfolgen sieht er schließlich das Leben der Stadt in die Gegenwart münden, die um ihn ist: fühlt er diese Gegenwart neu und stark, indem er ihr, überschauend, ferngerückt ist ...
Es ist gegenüber und neben diesen objektiven Beschäftigungsarten, die einer Reise Dauer und Vollendung geben, noch eine subjektive, die seit ältesten Zeiten mit dem Reisen verbunden ist und also wohl irgendwie tiefer zu ihm gehört: das ist das Schreiben und Schildern, das Festhalten des Gesehenen und Erlebten int Wort. Dieses Schreiben ist aber offenbar durchaus nicht bloß ein Festhalten. Das würde es wohl noch nicht zu dem sich bei allen begeisterten Reifenden immer wiederholenden Triebe haben werden lassen. Dies Niederschreiben ist vielmehr erst das völlige Eindringen in das Gesehene und Erlebte. Erst im Niederschreiben, in der Ordnung, die es mit dem festgelegten Wort dem Erlebten gibt, wird der Geist Herr seiner Eindrücke, wozu der tiefste Trieb in ihm ist. Erst dann stehen sie ihm zu Gebote, sind sie fein Besitz, sind sie eine Vermehrung feiner Person, seines Wesens. Wie sich die Betätigung eines ohjektiven Interesses am Gegenstände dem Zeichnen vergleichen ließ und dem Zwang, jeden Punkt des Vorbildes einmal mit Bewußtsein zu sehen, so hat das nachträgliche Niederschreiben eine Wirkung, verwandt der des Entwickelns einer belichteten photographischen Platte, die einen Moment das Bild sah, das nun von der über sie ausgegossenen Schärfe langsam mit allem Kleingefüge herausgeholt wird. So zwingt die Sammlung des Geistes beim Schreiben, die Schärfe des von äußeren Dingen unbeirrteu, ruhigen Jns-Jnnere-Hinein- sehens jedes Stück des vergangenen Eindrucks heraus, auch das, was noch durchaus nicht ins klare Bewußtsein des Reisenden getreten war. Er reift nun noch einmal, ganz frei und von keinem Gepäck gehindert, ganz Auge und Aufnahmesinn und zugleich ganz geistig, ganz Erkenntnis: so, als wäre keine Entfernung mehr zwischen Auge und Erkenntnis, als sähe er gewissermaßen in Sinneneindrücken, die gleichzeitig Erkenntnis sind.


