Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________
Jahrgang MH Montag, den H. Mai Nummer 57
Wind.
Von Ruth Schaumann. Woher der Wind gefahren. Das weißt du nicht.
Er spielt mit deinen Haaren, Grüßt dein Gesicht.
Er senkt die schwachen Halme In ihre Knie, Er beugt die starke Palme So tief wie sie.
Biegt Blume tief zur Blume Zum Herbstgewinn, Und lenkt zur Ackerkrume Die Welle hin.
Und wo sein Wehen endet, Ganz ohne Lohn?
Der es empfängt und sendet, Der weiß es schon.
Oer große Elch.
Von Görge Spervogel.
Till klammerte sich mit aller Kraft seiner sechzehn Jahre an die Lenkstange, was seine Lage nur verschlimmerte, denn nun konnte er die Maschine nur noch schwerer halten. Alle Freunde sagten ihm immer, er müsse die Maschine durch das Körpergewicht lenken, aber das war von Tills Seite nicht zu bewerkstelligen: sowie er das Gefühl hatte, er führe zu schnell, mußte er sich anklammern. Und er hatte die Meinung, irrsinnig zu rasen.
Was die Maschine anbetrifft, so war dieser Ausdruck für das Fahrzeug von einem liebenswürdig jungenhaften Optimismus geprägt worden. Natürlich war es eine Maschine, aber sozusagen nur eine Winzigkeit von einer Maschine. Da war ein richtiger Vergaser, eine Zündkerze, ein Zylinder, ein Auspuff und ein Benzintank, Lärm, Geschwindigkeit und Rauch beim Fahren: es gab bei Stillstand und Panne eine ganze Wissenschaft und kunstvolle Mechanik zu beachten und eine Unmenge Fachausdrucke obendrein. Lieber Himinel, wenn Till von Hub, Bohrung, Umdrehungszahl und Marimalgeschwindigkeit anfing, von Lagerschäden, Zentral - Einöruckschmierung, Trockenscheibcnkupplung, Kulissen,chal- tung und Oelfilm, dann konnte man nicht anders als vor Till und der Maschine tiefe Ehrfurcht empfinden. Wenn man sie aber nach langem Bitten endlich zu sehen bekam, Schmach und Schande war das Ende für Till. Die Maschine war an Tills ehrwürdig altes Fahrrad als Hilfsmotor montiert und entwickelte in ihrer allerbesten Zeit dreiviertel Pferdekräfte Höchst- und ein wenig mehr als eine halbe Pferdestärke Dauerleistnng.
Es verhielt sich wohl so, daß Till voller Glückseligkeit war, wenn er mit seinem Gefährt allein auf einer weiten weißen Landstraße dahinfuhr. Er sang laut, pfiff oder jodelte gegen den Lärm des Motors an: er hätte auf der weiten Welt nichts anzugeben vermocht, das ihm lieber gewesen wäre als seine Maichine. Aber mit der Zeit sammelte sich alle Schmach und Schande, die er erfahren mußte, in seinem Herzen an, und ertappte sich oftmals über den gleichen Meinungen, die Fremde über die Maschine äußerten. So geschah es, daß der Glanz der vernickelten Teile verging und die schwarze Emaille des Rahmens sich mit einer grauen Staubschicht bezog. Die Maschine war auf dem besten Wege, zu einem vergessenen Ding im Kellerwinkel zu werden. •
Da mußte Till eines Tages schnell,eine Besorgung über Land machen, und es blieb ihm keine Wahl, als mit der lächerlichen Maschine zu reisen. So setzte er sie voller Mißbehagen in Gang und fuhr ab. Er quälte den Motor aufs äußerste, zwang ihn zur Hergabe der letzten Energien, schimpfte dabei und verachtete um und den Globus, auf dem derartige benzinverzehrende Apparaturen herumkriechen durften. _ ... - „
Die Straße führte bergauf. Till mußte treten. Dafür kam hinter der Steigung ein wunderbares Gefalle, ,o daß -LUI oen Motor abstellen konnte und dennoch mit gewaltiger ivohrt zu Tale schoß. Wie schon gesagt, klammerte er sich dabe.t an d,e Lenkstange, anstatt mit dem Körper zu lenken, und geriet dabei iu
einiges Schleudern. Das Gefühl unsinniger Raserei lähmte ihn, und als er nun noch einen schweren, funkelnden Luxuswagen auf sich zubrausen sah und sein herrisches Signal hörte, wartete er sekundenlang ergeben auf seinen Sturz. Als er sich danach immer noch im Sattel sand, zog er aus Leibeskräften Felgenbremsen und Rücktritt und stand kurz vor dem vornehmen Auto still.
„Verzeihen Sie", sprach ihn de, Herr am Steuerrad an, „würden Sie die Liebeswürdigkeit haben, mir mit etwas Brennstoff auszuhelfen? Mein Benzinstandmesser ist in Unordnung geraten. Es langt nicht einmal mehr für diese Steigung."
„Selbstverständlich", sagte Till ohne Besinnen. „Genügen zwei Liter?"
„Vollkommen", erwiderte der Herr und äußerte sich über Tills Kameradschaftlichkeit und sportlichen Geist, während er ausstieg und die Verschraubung des Einfüllstutzens abnahm. Darauf drehte er sich nach Till um und Befahl dabei das Motorrad, das von vorn durch die Größe des Tanks Vertrauen erweckte, in seiner wirklichen Gestalt zu sehen.
Was man begonnen hat, soll man auch, so gut es geht, mit Anstand zu Ende führen, dachte er in ein gewaltig aufsteigendes Gelächter hinein, bezwang sich und fragte Till mit Hochachtung und Höflichkeit, wie das Umfüllen wohl am geschicktesten zu bewerkstelligen sei. Da stand Till nun, blickte ohne Rat und Hilfe umher, schämte sich bodenlos und bemühte sich so krampfhaft wie erfolglos zu begreifen, warum an der Venzinleitung kein Abfullhahn erschaffen worden war. Zu allem geschah es nun, daß seine suchenden Augen im Innern des Wagens eine junge Dame erspähten, sah, eine so schöne Dame, es ist gar nicht zu sagen, rote sehr sie Till gefiel. Der Herr folgte Tills Blicken und nickte der Dame lächelnd zu. Da ließ sie das Fenster herab, lachte den Jungen geradeheraus an und sagte ohne Umstände, rote lehr sie ihn beneide, denn für ihre Person liebte sie Motorradfahren außerordentlich viel mehr als etwa jegliches Autoreiien. Till hörte mit seinen leiblichen Ohren, daß sie das sagte und rote sie es tat, der Herr fragte ihn nun nach der Marke der Maschine, jawohl, Maschine sagte er in allem Männerernst, und die Dame stieg endlich aus, um sie ganz aus der Nähe betrachten zu können.
„Och", sagte Till, „es ist eben nur eine ganz leichte Maschine, aber für ihre Klasse unheimlich schnell, dabei fabelhaft wirtschaftlich und ein ganz großer Bergsteiger obendrein. Wichtig sur diese Gegend", fügte er hinzu, und dann kamen aus Frage und Antwort eine Menge Fachausdrücke und Zahlen ans Tageslicht. Sie wurden, das merkte er, mit Interesse und Sachkenntnis angehört, auch mit denen des großen Wagens verglichen. „Eine schwere Maschine", sagte er schließlich, „kommt unter den vorhandenen Umständen überhaupt nicht in Betracht. Und zuverlässiger als diese kann keine andre fein." .
Ach je, was hatte er da für eine Pracht von einer Maschine. Man konnte ihm den Stolz richtig ansehen.
Setzen Sie den Trichter in den Stutzen, mein Herr", versetzte er endlich voller Selbstbewußtsein, „denn nun wollen wir umfüllen." Kob die Maschine hoch, drehte sie mit Schwung in der Luft um und hielt den Ausfluß seines Tanks über den Trichter ttn Autotank. Das Benzin floß in glatten Strahl. „Das werden wohl zwei Liter sein", sagte der Herr, „danke, es ist wirklich genug.
Die Dame bewunderte unverhohlen -rtlls Starke. Ach je, meinte der, das wäre doch gar nichts, nein, wahrhaftig nicht. „Kat Ihr Motorrad auch einen Namen?" fragte die Dame. „Meistens gibt man doch den Dingen Namen, die man sehr lieb hat. — Gott, wie Sie das wissen", sagte Till, sah sie an und begann sich zu beschäftigen, indem er mit der Fußspitze einen Stein aus dem Schotterschlaq zu lösen versuchte. „Es ist ein komischer Name , sagte er endlich. „Großer Elch, damit Sie ihn wissen.
Der Kerr trat hinzu, seine Börse in der Hand. Till wünschte schnell eine gute Reise und schob die Maschine an. „Aber wir müssen uns doch bedanken", rief die Dame aus dem Wagen heran».
„Dank genug", schrie Till, „wirklich!"
''Dann lege ich es hier auf die Straße", rief der Herr bestimmt.
„Es gehört Ihnen. Wenn Sie es nicht wollen ..."
Nein nein", schrie Till und startete. Es gab eine Staubwolke, und der schöne Wagen mit der schönsten Dame von der Welt war fort Die Wolke verging und der Junge sah immer noch den Kügel hinauf. So, dachte er endlich, da haben sie das Geld nun ■ hinqeleqt. Da liegt es nun. Wer es wohl finden und aufnehmen wird? Eine Mark, wenn es viel ist, eher die Hälfte. Genau müßten es 80 Pf. fein. Eigentlich könnte ich ja mal nachsehen. Sicher, anfefien kann ich es ja, solange ich will.
Till spazierte zurück und spähte nach einem Silb«>ralan' ans. Er spazierte aufrecht hin und her, er bückte sich, er lief auf und


