ziemlich wütend auf sich, daß er vier Tag« zu lang ln Grünheide Seerobbe g^pielt hatte ... Er ging hinein. „Guten Tag, Kat! Wo waren-Sie? traate er erfreut, daß er sie wiedersah. .. .
„Wie man einmal reift, Wil: Verlangen nach Luftveränderung und
andern Eindrücken ..." ,
Er sah sie scharf an. „Sie wollten am letzten Nachmittag nnt mir über e^^Jm^ch' hätte gern Ihren Rat gehört, Wil. Aber es war dann nicht mehr notwendig. Ich schrieb es Ihnen."
Er sah sie noch schärfer an. „Was war denn wieder los mit Johnny @CriDas arte Lied. Wo waren Sie denn, Wil? Vermutlich nicht am Lido?" "Nein. Ich war in Grünheide, Kat. Herrlich! Ich kann es Ihnen
efe'hob den Blick, und ihre Hände griffen rechts und links nach den Seffelarmen. „Sie hatten doch einmal ein sehr starkes Verlangen nach dem Lido, Wil, wenn ich mich nicht irre?"
angegliedertist. Der Reichsnährstand hat auf Grund der Verordnung
„Nein, Kat. Nicht mehr. Vorläufig nicht. Ich bin lieber hier in Berlin. Ich war schon drei oder vier Tage zu lang in Grünheide. Eine Zeitvergeudung, wenn ich zurückdenke. Der Professor zuruck? fragte er gleichmütig, als weife er ihn weg. Wie weich sie war, förmlich scheu! Gar nicht mehr Katarina. Kat. Nur noch Kat. Unbeschreiblich!
.Was wollen Sie trinken, Wil?" fragte sie gemütlich und kreuzte schwungvoll die Beine. „Sie sind tüchtig verbrannt, Wil, noch viel brauner. Viel gebadet?" .
„Ziemlich viel." Er hatte im nächsten Augenblick das Bedürfnis, aufzustehen «mb etwas Sinnloses zu vollführen: den verrückten Bambusrohrtisch mit der Zwiebelmufterplatte hochzuheben und gegen Die Wand zu schmettern ... Nein: Er blieb ruhig sitzen und betrachtete seine braunen Halbschuhe. „Danke — ich möchte nichts trinken."
„Eine Zigarette?"
„Nein." Es sah sich wunderbar gut hier. Er hatte das lange nicht erlebt. Ihre Lust, erfüllt von ihren Erlebnissen, ihrem Dasein, ihrem Duft. Er hatte sich in Grünheide plötzlich unbändig danach gesehnt. Sie war an jenem Nachmittag aus dem Wagen gestiegen; sie hatte lächelnd, ziemlich bläh, zu ihm hochgeblickt, zu seinem Schwalbennestbalkon: Da bin ich — da komme ich! hatte ihr Blick, sich freimütig schenkend, gesagt. Er hatte oft daran gedacht; er hatte einen unablässig machen Eindruck davon. Katarina stieg aus ... Warum sollte sie nicht mal aussteigen, um fünf Worte mit ihm zu reden? Und dann war sie davongegangen, und dieser ihm nicht näher bekannte Nikodemus hatte seine Kniehosen nach der andern Seite weggetragen. „Was war mit Nikodem Glod los, Kat?"
„Ich sagte oder schrieb es Ihnen. Wollen Sie ein Stück Ingwer? Sehr scharf, füh und erfrischend."
.„Danke — nein."
„Was haben Sie denn, Wil? Sie sagen immer bloh nein. Bedanken sich für alles?"
„Nein."
„Sehen Sie--"
„Bitte nicht, Kat! Sie wissen es sehr gut."
„Aber, Wil!" fabelte sie ernst — fast so wie bamals nach bem ersten
Eselsfuhtritt.
„Ich hatte inzwischen sehr viel Zeit, über alles nachzubenken, soweit bas nötig war", erklärte er roieber. „Ich fanb, dah es von jemanb anberm — von einer anbern — unbebingt überflüssig unb sinnlos ist, plötzlich wegzureisen, wenn sie ihrer selbst unb ihrer Sache ganz sicher ist, Kat. SBBie ich es schon vorher einmal aus bem gleichen Grunbe überflüssig unb sinnlos von einer andern fand, ihre Tür und ihren Telephontrichter zuzuhalten .Man sagt: ,3a!' ober: .Nein!" Unb: .Scher bich zum Teufel! Du bist mir widerlich und lächerlich — hau ab!'"
„Widerlich und lächerlich? Seien Sie vernünftig, Wil!" „Nein, das bin ich nicht! Schon längst nicht mehr ..." „Es gibt nicht bloß Schwarz und Weiß."
„Es ist gleich, was es gibt oder nicht gibt. Auch Sie sollen und müssen Farbe bekennen, Kal! Ja, Kat: Nichts weiter. Das verlange ich! Ich meine: Das kann ich verlangen — das möchte ich verlangen; darum bitte ich. — Ja: Ich liebe dich, Kat. Ich habe dich immer noch lieb seither. Erst recht lieb, Kat. Ich bin innen vollkommen verbrannt. Was in der Welt passiert, ist mir gleichgültig; wenn ich ein Buch aufklappe, noch gleichgültiger; ich muß an andres denken. Ich liebe dich, Kat. Das steht unabänderlich fest — sonst würde ich kein Wort verlieren. Seit jenem „Efelshufschlag" war nichts mehr daran zu ändern; soweit man solche Sachen erklären kann. Das muß nun so oder so in Ordnung
gebracht werden ..."
Sie legte die Hände wieder auf die Sesselarme, streckte sich ein wenig dabei aus, wie es schien, und war für seinen drohenden Blick wieder weich, ganz süß, bloß Empfindung und Gefühl.
„Du mußt mir antworten! Ich liebe dich. Ich sag' es dir offen ins Gesicht — sooft du willst. Ich finde es schön, es zu sagen. Ich liebe dich unermeßlich ... Verzeih mir! Es ist ganz wahrhaftig." Er senkte den Kopf, legte die Hände gefaltet auf die Knie und sah sie unablenkbar an. „Es muß so oder so in Ordnung gebracht werden, Kat."
Schweigen ... Es ist gut, jetzt zu schweigen! dachte er. Wie einfach dabei das Leben wird, ganz klar und bezaubernd gut!
Dann sagte sie selbst leise unb langsam unb hob babei ben schimmernden Blick warm und freimütig: „Ja, Wil, das scheint so. Aber du mußt willen, Wil: Ich habe mir nie etwas aus Konflikten gemacht, und ich betrüge auch nicht gern."
„Nein, Kat. Aber Konflikte — das ist niemals ein unbezwingliches Hindernis. Ich liebe dich, Kat ..."
Da beugte auch sie sich sacht und langsam vor, die Hände mit den leise klapsenden und fast sichtbaren Adern zwischen den Knien faltend.
Er Tatte den Arm um ihre Schultern gelegt, und nun küßte er sie. Noch anders — ganz anders als damals nach der Fahrt von Treptow. Viel überzeugender, unersättlich.
Ja- küssen! dachte sie, als habe sie es durch viele Jahre nicht mehr erlebt und getan. Es fiel wie Sommerregen auf trocknen, dürren Boden. Ihr Kopf sank weich und gelind nachgebend zuruck ■ • • @5 ist starker dachte sie. Ich fühle es - hab' es ja gewußtz Es erzwingt und wühlt sich feinen Weg — das ganz Wahrhaftige: Weid, Tanz und Freiheit, und der Tanz und die Freiheit find das Stärkste unter ihnen. Und das Allerftärkfte? — Es ist alles gleich stark, ganz stark! glitt es ihr felig und schneidend durch Herz und Sinne.
XXVII.
Professor Hasselbrink sah am Tag daraus in einem Warenhauswinter- aarten auf einer prächtigen Marmorbank. Es war ein sommerlich heißer Oktobertag, ein toller Jndianersommer. Sein leichter Mantel lag neben ihm auf der Steinbank. Er wartete. Katarina war im Haus beschäftigt; um vier wollte sie ... Nun, das kannte man!
Hübscher Raum. Aber es war aus die Dauer — hm — komisch, hier zu sitzen. Er tupfte sich die Stirn mit seinem Taschentuch und spurte in der Tiefe eine wachsende Kühle; er hatte die Masse der Bank nicht beachtet, bloß angenehm empfunden. Es saßen ringsum überall wartende Leute. Er blickte humorvoll um sich, die Hand aus den Stockgrisf gestützt, gleichmütig belustigt und mißtrauisch.
Er wartete schon reichlich fünfundzwanzig Minuten. Er roar feit Jahrzehnten nicht in einem Warenhaus gewesen. Er kam sich, so allein, fehl am Platz vor, als habe er eben Kragenknopfe und Filzpanser gekauft und warte auf Muttern. Er würde sich nie wieder auf so etwas einlassen. Das tat man auch später nicht. Und er wurde einmal ein ernstes Wort, eine eindringliche Bitte an sie richten, sich mehr zu schonen; sie war in den letzten drei, vier Tagen ganz auffällig verändert.
Dreißig Minuten ...Er war es nicht gewohnt, tatenlos vor sich hinzudösen und die Daumen zu drehn. E'ne ganz tolle Geschichte! Denn weggehn durfte er auch nicht; er würde sofort seinen Sitzplatz verlieren.
Kurz darauf betrat durch die linke Glaspendeltür rasch ein schlanker, blasser Herr den Wintergarten. Eine unalltägliche Erscheinung, von der es sofort wie Uebermut und kühne Sorglosigkeit ausging. Em eleganter Herr in grauen Kniehosen; am linken Unterarm prangte eine anscheinend neue schwarze Florbinde; die Mütze wurde in der Hand getragen. Der Professor bemerkte die Erscheinung kaum; sein Blick wurde starrer.
Der Kniehosenmann kam rasch in die Mitte des Raumes, sah schwungvoll nach der Armbanduhr, blickte sich herrisch suchend um, stutzte und ging auf Herrn Professor Hasselbrink zu. Er grüßte mit einer artigen Verbeugung. „Ich bin angenehm überrascht, Herr Professor. Sie gestatten oütigst — oder ist der Platz belegt? Glod. Sie erinnern sich meiner? Katarinas Vetter — Ihrer Frau Braut. Ein angenehmer Zufall! Sie erwarten die gnädige Frau, nehme ich an? Merkwürdig heißer Tag. Er wedelte sich mit der Mütze Kühlung und bot die Hand, die höflich angenommen wurde. .
„Bitte sehr!" sagte der Professor freundlich. Majestät. „Ich erkannte Sie" nicht gleich — achtete nicht auf meine Umgebung."
„Sie warten auf Ihre Frau Braut? Ein Louis Hasselbrink sitzt nicht ohne Grund auf einer öffentlichen Bank ... Einkäufe gemacht? Ja, das häuft sich jetzt natürlich. Man muß in die Scheuern sammeln! Haha! Katarina — Ihre Frau Braut — ist im Haus?" Er spielte mit der grauen Mütze zwischen den Knien. ,
Ein entfernter Verwandter von Katarina durch ihre vorausgegangene Ehe. Würde der Herr in feinem Haus verkehren? Eine spätere Angelegenheit. Der Professor war es gewöhnt, mit jüngeren Männern umzugehen und seine Autorität babei zu wahren. Aber wie benahm man sich vor so einem zwanglos vertraulichen Menschen?
Nikobem Glob saß unbefangen neben ihm, brehte seine Mütze und betrachtete aufmerksam seinen einsilbigen Nachbar aus blanken Augen. „Auch ich erwarte eine befreundete Dame: Frau Ellinor Baker-Strong", plauderte er. „Sie ist ein paar Tage hier. Ja: die berühmte Sängerin aus Köln; sie wird demnächst Lieder von mir singen, später in meinen Opern, bestimmt auch in Argentinien, das unferm Herzen feit einiger Zeit teuer ist. Eine herrliche Künstlerin! Wir lernten uns norm Jahr in Paris kennen, wo sie bereits anfing, für meine Musik Feuer ZU fangen. Sie müßte schon hier sein; ich habe mich selbst verspätet. Wie es dem scharmanten Fräulein Till — Fräulein Grotemeyer, Meiller Dagobert und seinem Vetter Diez? Lange nichts von den Herrschaften gehört ..." ■
„Recht gut", antwortete der Professor, der seinen Humor roieberfanb. „Sie finb tüchtig unb fleißig."
Nikobem ließ sich von keinem Menschen als Silbenspucknaps benutzen, auch von einem gewichtigen Professor Hasselbrink nicht; unb es stand feit etlicher Zeit noch etwas anbres wie Schwert unb Flamme zwischen ihnen. Die Vorstellung, baß dieser stattliche Herr sich Katarina nähern konnte unb bürste, nach ihrer weißen Herrlichkeit griff — gegriffen hatte, bas war bloß mit Hohn unb Haß zu ertragen, ein Sakrileg: Jupiter naht Danae als verlausner Großbürger unb Chemieprofessor, unb sie lächelt unb hebt, erhebenb, bie Arme ... Eine von Nikos fünf Vanderlip- Kusinen, Lybia, bie unbegabteste, hatte Katarina im Sommer an der See getroffen — natürlich nicht angeredet, Gott behüte! Man hatte dieser Tage an Tante Martines traurigem Krankenbett, wo auch er geweilt, aus schiefem Mundwinkel scharf von dieser unerhörten Begegnung gezischelt und gesprochen ...
(Fortsetzung folgt.)
Derantwvrtltch: Or. Hans Thyriot. — Druck unbBerlag:Drühl'scheAniversitätS-'Luch-undSteinbruckerei, L. Lange, Gießei,.


