Ausgabe 
13.8.1934
 
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Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

«Fortsetzung.»

Sie setzte sich ruhig und bequem und sprach mit hellerer Stimme. ,Das ist unwahrscheinlich gut!' lobte sie sich. Das kam von Louis' männlich- suggestiver Gegenwart; das war das alte, kostbare Geborgenheitsgesühl in Louis' lebendiger Nähe. Er schien strahlend froh und glücklich. Er sprach viel von Tegel und von seiner Arbeit. Er würde es kaum richtig finden, wenn sie ihm einiges von Peter und Wil bekennen wollte. Sie sind alle kluge, energische Egoisten und Bürger... Auch Wil? Wil hätte sich niemals wegschicken lassen dürfen! dachte sie gleich darauf, wild und märtqrerhaft ehrlich, und sah und spürte ihn bestürzend nahe vor sich.

Louis sprach schon am ersten Tag in seiner neuen, ungeduldigen Art mit Katarina davon, die jungen Leute nach dem Tulpenweg kommen zu lassen, und lud auch sie dazu ein.

Doch Katarina wich aus.

Sie hielt sich zurück und entzog sich auch ihm? Gut, sie wollte das so. Sie paßten ihr noch nicht, die jungen betulichen Herren? Auch Till nicht, mit dem spähenden Sehloch? War das bei jungen Frauen so in der Zeit vor der Hochzeit? Er hatte keine Ahnung. Adele war nie ein Mysterium. Bedrückt dich etwas, Katarina?" fragte er ruhig und sah sie dabei scharf an. . , , r.

,Jst es dir vielleicht selbst so ganz geheuer, mein lieber Lu? fragte sie stumm, aber säst vernehmbar. . .

Feige? Natürlich. Aber auch voll ehrlichen Kummers, einem anderen und sich selbst mitten ins Herz zu schlagen...

,Wo bist du, Wil? Warum schweigst du? Wo steckst du? Du solltest nicht vergnügt am Lido baden, während ich mich hier sorge! rief es zormg und aufbrennend sehnsüchtig in ihr.

XXVI.

Wil war hier. Er dachte gar nicht daran, am Lido zu baden; hatte nie daran gedacht. Er war sehr leibhastig hiergeblieben. Er hatte bloß nicht gewußt, wo Kat selber steckte. Hatte in diesen letzten Tagen auch nicht gewußt, daß sie wieder in der Knesebeckstraße lebte. Er hatte seit dem letztenmal nicht wieder angerufen. Uebrigens hatte er seit Anfang der Woche im wunderschönen Grünheide gesessen, gebadet und getaucht, lange­lang im Wald gelegen oder auf einem Streckstuhl, geschrieben, gelesen, ge- saulenzt, geraucht und an Kat gedacht ... , .. . ... -

Gestern war er zurückgekommen und heute durch die Knesebeckstraße gegangen. Die Fenster im zweiten Stock hm, tote Fenster? Tote Fen­ster ... Aber er ging ins Haus, fuhr hinauf; er hatte Zeit. Alollte diese Luft wieder einmal atmen und riechen; wünschte, mit Frau Klawinke ein Palaver abzuhalten. Nichts sprach dagegen, und jedenfalls wollte er es.

Guten Tag, Frau Klawinke! Ich kam vorbei. Ich bin feit einiger Zeit des Telephons entwöhnt ..." _ .

D ja die gnädige Frau ist wieder hier! Die Damen sind schon den

vierten Tag zurück. Waren bloß kurz weg."

Die Luft atmete sich leichter, noch besser, sehr köstlich, wurde heller.

Natürlich war sie hier! Er hatte es gespürt und gewußt. Aber er war

Lebenssaft. Diese fränkischen Artzeichen zeigt jede alte Tür, jeder Dach­giebel, jeglicher Brunnen.

Der Main ist die Lebensader Frankens, einst heiß umstritten, heut eine länderverbindende Straße. Dieses, seinem größeren Bruder, dem Rhein, zustrebende Flußkind des Fichtelgebirges, hat die bedeutende Eigenschaft, im Anschluß an die Donau, zwei Meere zu verbinden: das Schwarze Meer und die Nordsee. Aber Franken war immer an die Welt geknüpft, sein Boden ist bester Kulturboden: seit den frühesten Zeiten schon zogen drei Heerstraßen hindurch, eine kommend von Norden nach Nürnberg und Augsburg und weiter hinabreichend nach Italien, eine andere bog vom Mittelrhein her nach Würzburg, Nürnberg, Regensburg und begleitete die Donau abwärts und die dritte sandte Böhmen herüber quer durch Franken in den deutschen Südwesten. Kaufherren, Fürsten und Volk fuhren auf ihnen daher mit fremder Anschauung, fremder Sitte und fremdem Gut. Viel blieb davon hängen.

Bevor der Main in den Bannkreis von Würzburg einströmt, ist er bereits an einer Perlenschnur reizender Weinnester vorbeigezogen, im grauen Stufenland des Muschelkalks, in den er seine fruchtbaren Flach­täler einsägt. Steigt man aus die weinlaubglänzenden, terrassenförmig gebauten Höhen, ist man verwundert, nicht auf Gipfeln, sondern auf saft­welligen Hochflächen mit Fluren, Feldern, Weiden und Siedlungen zu stehn. Mit hellen Flußschlingen wendet sich der Main durch sein Stufen­land, liebe, gastliche Dörfer und Kleinstädte bespülend. Da liegt Heidings- seld, einst dem trunkfesten Böhmerkönig Wenzel zu eigen; das dächerrote Randersacker, Würzburgs ländlicher Vorkeller, bedacht mit köstlichen Sorten; das fröhliche Sommerhausen mit der Sonne und der Traube im Wappen, in der Schattenlage die Dorfschwester Winterhausen, im Wappen gleichfalls die Traube, darüber den Sichelmond. Lohnend ist der Besuch im betriebsamen Ochsenfurt, aus dem sich die Würzburger Stu­denten in den Sommersonntagen ihre Räusche holen, ein bangeschichtlich prächtiger Ort, im Volkswitz die Universitätsstadt der Dummköpfe, wohl im Anklang an die englische Universitätsstadt Oxford so bezeichnet. Ver­gessen wir nicht Marktbreits den alten Handelsherrenplatz, mit den reich- geschmückten Häusern des Barocks; jenseits Frickenhausen, eines der fesselndsten Dörfer Frankens, ein unberührtes Stück Mittelalter, mauer­umzogen,. bewehrt und betürmt, vorzüglich in einer Mondnacht zu ge­nießen, wenn der Duft der Traubenblüte durch die Gassen geistert. Wir kommen nach Kitzingen, gleich fällt einem der schiefe Fatterturm auf, krumm von allen Seiten, als hätte ihn sein Bauherr imSchwips" gegründet. In Kitzingen zählt man hundert Weinhandlungen und viele Faßfabriken für die fränkischen Weinströme. Der Kitzinger Wein ist em wahrer Freudenwein: schon der Alchimist Glauber, der Erfinder des Glaubersalzes, der vor Jahrhunderten in Kitzingen hauste, rühmt diesen Traubensaft:Kaum ein Land auf dem Teutschen Boden zu finden, darinnen der Edle Wein häufiger und besser wächst". Schnell noch einen Abstecher in die Weinstädtchen Dettelbach und Volkach, wunderbare alt­fränkische Orte, und dann noch nach Schweinfurt, wo das Weingrün und die glitzernde Beere schon seltener wird, und die Industrie anfängt mit Schweinfurter Grün und Gußstahlkugeln. Oben am Berg Schloß Main­berg, vor Jahren der Sitz des Religionsphilofophen Johannes Müller, der jetzt in Elmau feineGrünen Hefte" herausgibt.

Und dann mit der Bahn nach Würzburg, Frankens Herz die Stadt des heiligen Kilian, die Bischofsstadt, die alte Residenzstadt, in der sich der Baumeister Balthasar Neumann, dem Franken zahlreiche Profan- und Sakralbauten verdankt, in der Residenz ein bezauberndes Denkmal setzte. Dahinter der herrliche, bäum- und vogelreiche Hofgarten, ein köstliches Frühlings- und Sommerstelldichein für Gartenfreunde, Philosophen, verliebte Studenten und für Rentner, deren es vor dem Krieg in Würzburg viele gpb. Vor der Residenz der raumhaft einzig­artige Nefidenzplatz mit dem schönen Brunnen Walthers von der Vog-l- weide, der hier auf feinem Steinmit überdachtem Bem sitzt und zu beiden Seiten des Platzes die flankierenden Säulen mit der Ausstchts- kanzel, von denen der Volksmund behauptet, sie würden sich verneigen, sobald ein braves Mädchen vorüberginge ... Wir müssen uns auf bas Würzburger Lied berufen: die Würzburger Glockli haben em schönes Geläut und die Würzburger Mädli sind kreuzbrave Leut

Sehr schön ist der Blick auf die Universitätsstadt vorn Kalkstelnrucken des Steinbergs, auf dessen sonnenbeglühter Breitseite der köstliche Stem­mern reift. Von ihm kündet auch ein bekannter Spruch:Zu Würzburg am Stein, zu Klingenberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da nächst bet beste Wein". Jenseits auf ber Südflanke des Festungsberges, au bem die Feste Marienburg thront, gedeiht der andere berühmte Würzburger Tropfen, der Wein derLeisten", zwar nicht so feurig wie der manm licheStein", doch nicht weniger edel, mehr weiblich mild. Schon ist der Blick von der Festung über die vielturmige Stadt auf den Fluß, der von dem bunten Gewirr der Stadt das Mainmertel ab chneidetz das ganz dicht an den Schlohberg gepreßt ro.rb gaffeneng unb reich an Weinkneipen, kein Wunber auch: hinter ben Dächern lacht derSchloß­berg" zwischen ben Bastionen ber Festung, und mit 'dw unb all den anderen Säften werden in den großen Kellereien d>° Flaschen und die breitbäuchigen Bocksbeutel gefüllt, davon es in ben Straßen Würz­burgs die herrlichsten Räusche gibt, rote allgemein bekannt.

Dom Mainviertel herüber führt bie alte Mainbrücke, mit ihren zwoft Brückenheiligen, barunter auch Karl bem Großen im windflatternden Mantel: sein mächtiger Wille war nach ben Trad't'onsbuchern ber Bene- bittenabtei Fulba entfdjeibenb für bie Ausbreitung der Rebe m grcmten.

Herrliche Bauten finb bie Würzburger Kirchen, bas wag jeber m Kunstgeschichten nachlesen. In ber Neumunsterkirche soll nach ber Sage Walther von ber Vogelweibe seine letzte Ruhestätte gefunben habem von ber Kirche zum bischöflichen Palast, bem ''^Emobene Krewp Deutschlands", führte, wie die Legende weiß, der sagenumwobene Kreuz gang Walthers, das Cufamgartlem, m dem ber Sanger die Vog ^'Die'lebenbigfte Zierde Würzburgs ift basGlacis", eine Baum- und Nasenanlage in Hufeisenform, beginnenb und enbenb am Mmn. Erne Üppige Blatterlunge, die die Stadt durchatmet und ihr das Aussehen

einei; einzigartigen Gartenstadt verleiht. Zahllose Vögel nisten in diesem strotzen- unb wegburchschnitienen Baumgürtel; im Mai wogt ein Strom von Flieber unb ein Konzert von Schnäbeln berütfenb burch Würzburg, biefem schönen Namen einen noch tieferen Klang fchenkenb.

Die unterfränkische Hauptstadt ernährt nur wenig Industrie, dafür aber viele Weinwirte, Bäcker, Weinhandlungen und Weinkellereien. Die besten Keller gehören dem Juliusspital, dem Heiliggeist-Spital und ber staatlichen Kellerei. Bon ben Würzburgerweingrünen Fässern" gibt es nur Gutes zu sagen. In ber staatlichen Kellerei liegen allerlei Riesen- sässer, auch ein Faß von 1683 für bentrockenen Sommerwein" bes Jahres 1540; wie viele Liter von biefem historischen Tröpfchen noch vorhanben finb, werben bie Museumsbiener wissen: er soll aber noch immer von seiner einstigen Größe zeugen.

Mit bem sortziehenben Fluß scheiben wir von Würzburg, immer begleitet von ben hinhügelnben Traubenhängen: hier Oberzell, wo bie Rotationsmaschinen ber Schnellpressensabrik König & Bauer laufen; bort taucht Veitshöchheim eines lebensfrohen geistlichen Fürsten verträumtes Schloß mit Rokokogarten auf. Im Kavalierbau wirkt jetzt bie staatliche Lehranstalt für Wein-, Obst- unb Gartenbau; benn Fran­kens Obst- unb Gemüsezucht ist nicht weniger wichtig unb ebel als bie Weinpflege: ber Wert bes untersränkischen Dbftbaumbeftanbes würbe vor bem Krieg schon auf 120 Millionen Golbmark geschätzt; 1917, bem Jahr einer Vollernte, reiften in Unterfranken 1320 000 Zentner Obst. Veitshöchheim baut Musterroeinberge: Traniner unb Sylvener finb feine Gewächse. Das reiche Baum- unb Rebengrün lacht, allerbings graube­staubt, in bas sachliche Karlstadt herein, das den allbekannten Portland­zement erzeugt.

... Unterwegs, bei Lohr, schwenkt der Main ab, einen Umweg machend, denn er hat Zeit: sein Wasserband umgürtet die großen Wal­dungen des Spessart, wo Hauffs Wirtshaus unter Märchenwipfeln die Automobile ber Fremden erwartet. Der Mainlauf ift bis Aschaffenburg betupft mit grünen Weinflaschen: Homburg, Wertheim, Klingenberg finb Namen von Klang, und famose Orte, trefflich geeignet für Sommer­ferien und traubensüße Herbste.

In Aschaffenburg, wo Clemens Brentano begraben liegt unb der Arbinghello"-Dichter Wilhelm H e i n s e lebte, spiegelt sich im Fluß bas rote Schloß, ein mächtiges Viereck mit riesigen Türmen unb Helmen, ernst unb zeitlos, und hinter dem wuchtigen Werk liegt die gemütliche Stadt, beschließend den farbigen Bilderbogen vom Maingelände mit bem uralten Spruch:

Glockenklang, Gesang unb Wein Gehen burch ganz Franken.