Ausgabe 
13.7.1934
 
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leMerZamilieMStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Mrgang 1934 Freitag, den 13. Juli Nummer 53

Bahnfahrt.

Von Peter Bauer.

Die Landschaft läuft als buntes Band Vorbei mit Bergen, Fluß und Au: Ein Auto rast, Staub molkt ins Land, Am Feldpfad lächelt eine Frau

Ein Reiher watet im Gefchwämm, Am Forfthaus schilpt ein Spatzenschwarm, Ein Reh erschrickt am Hochgestärnm, Weiß wimmelt eine Hühnerfarm.

Und immer rast der Räder Tanz Vorwärts, als riß ihn ein Magnet Und immer fern im Sonnenglanz Der Himmel auf den Gleisen steht

weisen einst und jetzt.

Zusammengestellt von Dr. Eberhard Meckel.

Von meiner lieben Auguste hatte ich tags zuvor Abschied genommen/ Sie weinte heiße Tränen über die bevorstehende langjährige Trennung, mhrend ich von dem Gedanken, an das Ziel meiner Wünsche, nach Rom, zr kommen so eingenommen war, daß in meinem Herzen ein fort- w: hrendes Jubilieren herrschte, welches eine tiefergehende Rührung nicht otffommen ließ. Ich ging also am andern Tag nachmittags zur Post. Der St ter begleitete mich dahin. Der Kaffer wurde auf das große Ungeheuer, m:5 die damaligen Postkutschen waren, aufgepackt, und der Kondukteur fr: gte, ob er nicht mein altes schäbiges Ränzchen mit dazu legen solle, itrnit ich im Wagen nicht davon belästigt werde. Ich übergab es ihm ebenfalls. Und dann ein kurzes bewegtes Lebewohl, und fort ging es.

(Aus: Ludwig Richter,Lebenserinnerungen".)

Der Reisende ahnte schon die Fremde, das Wasser roch anders als an ie» bayrischen Seen, die ihm vertraut waren, der Wind, der es in Int gen Stößen herübersprühte, wehte rein und stark, er kam über die Eisgebirge, und es war kalt am Junitag, als habe sich das Jahr längst in den Herbst gewendet. Eilig trug er seinen Koffer auf das Schweizer Jtjnpfboot hinüber, er war ungeduldig nach fremdem Brot und fremder föe. Er fetzte sich vor das Steuerhaus, die Luftsäule über dem Maschinen- lhicht sandte Wärme in feinen Rücken, Gischt und Regen sprühten in eil Gesicht, als das Boot sich bald darauf mit Fauchen und Zischen und im hellen Schlagen der Glocke in Bewegung setzte.

(Aus: PaulAlverdes,Kleine Reise".)

Ich fuhr von Berlin mit der ordinären Post nach Hamburg ab. Die S-tchreibung von dem, was damals eine ordinäre Post hieß, möchte jetzt Hin an der Zeit und hier an ihrem Ort sein, da der Fortschritt der Gifchichte auch dieses Ungeheuer weggeräumt hat. Ich kann aber, ohne Mine Glaubwürdigkeit zu gefährden, auf Lichtenberg verweisen, der die Rirtermaschine mit dem Fasse des Regulus verglichen hat. Der deutsche Mwagen scheint recht eigentlich für die Botaniker eingerichtet zu fein, intern man nur außerhalb desselben ausdauern kann, und dessen Gang i«r auf berechnet ist, gute Muße zu lassen vor und zurück zu gehen. In ta Nacht wird auch nichts versäumt, da man sich am Morgen ungefähr Ur demfelben Punkte wiederfindet, wo man am Abend vorher war...

Aus: C h a m i s s o ,Reise um die Welt".)

... Ich war mit einem Sprunge hinter dem Wagen, der Kutscher h? Ute, und wir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Bub am Hute pfiff. Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirch- linme unter, vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf. Unter mir Beaten, Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige He: chen in der klaren blauen Luft ich schämte mich, laut zu schreien, tb r innerlichst jauchzte ich und strampelte und tanzte auf dem Wagen- herum, daß ich bald meine Geige verloren hätte, die ich unterm Arm jiilt Wie aber bann die Sonne immer höher flieg, rings am Horizont hvere weiße Mittagswolken aufftiegen und alles in der Luft und auf tt weiten Fläche fo leer und schwül und still wurde über den leise iqenben Kornfeldern, da fiel mir erst wieder mein Dorf ein und mein luter und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühl war an dem schatti- ei Weiher, und daß nun alles so weit, weit hinter mir lag. Mir war »bei so kurios zumute, als müßt ich wieder umkehren: ich steckte meine ge zwischen Rock und Weste, setzte mich voller Gedanken auf den

Mentritt hin und schlief ein... ,

(Aus: Eichendorfs,Taugenichts .)

... Nun fühlten sie Nässe in ihren wasserdichten Bergschuhen, das Nfer war von den Mänteln abtropfend von oben hineingelangt. Die

gegen die Mäntel stoßenden Knie waren naß. Aber wie.es kam, daß ihnen auch im Nacken das Wasser herunterlief, konnten sie sich nicht er­klären ... Das Wasser, durch die Hutsilze gedrungen, lief ihnen aus den Haaren über die Stirn in die Augen, sie sahen nur noch Wasser, von der Welt nichts als Wasser. Mißbehagen befiel ihren Marsch, der nun fast ein Schwimmen bergan geworden war. Er sagte wie aus einem Welt­ärger heraus:Und auch der Menschenkörper besteht zum größten Teil aus Wasser... Das nenne ich wässrige Welt!" Sie wollte etwas er­widern, doch als sie den Mund öffnete, schlug eine Wasserbo hinein, sie schluckte daran und schnaufte heftig. Sie steuerten stumm im Meere nebeneinander ... (Aus: Josef Ponten,Die letzte Reise".)

... So fuhr er galoppierend daher und warf an einem fchiefgesunkenen Grenzstein leicht, wie mit einer Wurfschaufel, den Wagen in einen nassen Graben hinab. Katzenberger fuhr als Prima Ballerina zuerst aus der Schleudertasche des Kutschers, griff aber im Fluge in die Halsbinde des Schuldirektors wie in einen Kutfchen-Lakaien-Riemen ein, um sich an etwas zu halten Würfel feines Orts krallte nach Flexen hinaus und in dessen Friesärmel ein und hatte unten im Graben den mitgebrachten Friesaufschlag in der Hand. Rieß, das Gestirn erster Große im Wagen, nahm aber mehr die Gestalt eines Haarsternes an, weil er die Theodasche Perücke nach sich gezogen, an die er sich laut wehklagend unterwegs hatte schließen wollen! Theodo war diagonal im Wagen ge­blieben; Flex ruhte, den Kutscher noch recht umhalsend, bloß mit der Stirn im Kote, wie ein mit dem Gipfel vorteilhaft in die Erde einge­setzter Baum... (Aus: Jean Paul,Katzenbergers Badereise".)

... Als noch diesem Tage der dritte vergangen war, fuhren wir gegen Abend durch den Torweg des Vorstadthauses unserer Eltern ein. Mutter", rief ich, da uns diese und der Vater, der unsere Ankunft ge­wußt hatte und daher zu Hause geblieben war, entgegen tarnen,ich bringe sie dir gesund und blühend zurück." Wirklich war Klothilde auf der kleinen Reise durch die Luft und die Bewegung kräftiger, heiterer und in ihrem Angesichte reicher an Farbe geworden, als sie es je in der Stadt gewesen war. Sie sprang von dem Wagen in die Arme der Mutier und begrüßte diese und bann auch den Vater freudevoll; denn es war das erstemal gewesen, daß sie die Eltern verlassen hatte und auf längere Zeit in ziemlicher Entfernung von ihnen gewesen war Man führte sie die Treppe hinan und bann in ihr Zimmer. Dort mußte sie erzählen, erzählte gerne unb unterbrach sich öfter, inbem sie bas inzwischen herauf­gebrachte Gepäck aufschloß und die mannigfaltigen Dingen herausnahm ...

(Aus: Adalbert Stifter,Nachsommer".)

Sogleich übergab ich mein Gepäck der Postanstalt und beschloß, den Rest der Reise zu Fuß zurückzulegen. Ueberall lag das Land in himmel­blauem Duft, aus welchem der Silberschein der Gebirgszüge und der Seen und Ströme funkelte, und die Sonne spielte auf dem jungen be­tauten Grün. Ich sah die reichen Formen der Heimat, in Ebenen und Gewässern ruhig und wagrecht, im Gebirge steil und kühn gezackt, zu Füßen blühende Erde unb in ber Nähe bes Himmels eine fabelhafte Wüste, alles unaufhörlich wechfelnb unb überall bie zahlreich bewohnten Tal- unb Wahlfchaften bergenb... Unb wie ich mir fo barin bas ganze große Sieb voll Verfassungen, Konfessionen, Parteien, Souveränitäten unb Bürgerschaften buchte, burch welche die endlich sichere und klare Rechtsmehrheit gesiebt werden mußte, die zugleich die Mehrheit der Kraft, des Gemütes und des Geistes war, der fortzuleben fähig ist, da wandelte mich die begeisterte Lust an, mich als einzelner Mann unb roiberfpiegetn« ber Teil des Ganzen zum Kampfe zu gesellen und mitten in demselben mich mit regen Kräften fertig zu schmieden zum tüchtigen und lebendigen Einzelmann, der mit ratet und tatet und rüstig darauf aus ist, das edle Wild der Mehrheit erjagen zu helfen ...

(Aus: Gottfried Keller,Der grüne Heinrich".)

Wenn ich ein Vöglein wär.

Wenn ich ein Vöglein wär Und auch zwei Flüglein hält. Flog ich zu dir;

Weills aber nicht kann fein. Bleib ich allhier.

Bin ich gleich weit von dir. Bin ich doch im Schlaf bei dir Und red mit dir;

Wenn ich erwachen tu, Bin ich allein.

Es gehl kein Stund in der Nacht, Da nicht mein Herz erwacht Und dein gedenkt.

Daß du mir viel tausendmal Dein Herz geschenkte