einem Kuß.
V.
Gust war es zufrieden.
Und bald darauf begann neuesten, wiederum gewaltig fuhr Deutschlands vorzulesen.
Gust glaubte nach solchen 1 Zahl vom Hundert eiunahmeu, überwunden habe.
Eine aber sonnte sich in dem Glanz des Lebensausstiegs, chen August Micheelsen unbeirrbar nahm, als ob er ihm von einer höheren Macht vorgezeichnet sei: Fiek Micheelsen.
Sie hatte keinerlei Bedenken, von Gust, ihrem tüchtigen Siebten, und dessen Frau Gaben anzunehmen. Denn es war doch selbstverständlich, daß eine alte Mutter an dem Reichtum ihres Sohnes, der in ihren Augen mehr besaß als alle Anwohner der Hohen Straße zusammen, ständig teil hatte. Niemals wurde ihr zuviel, was sie von beiden an Geschenken erhielt. Wohl aber schien es ihr oft zuwenig. „ , .
Fick, wie sie unter Weglassung des Sinternamens allgemein in der Stadt hieß, wünschte. Fiek schlug vor. Fiek bat. ftief bettelte. Fiek forderte. Fiek vergaß den Dank, wenn sie eine Gabe erhielt. Sie bekam ja nur, was ihr zuständ! Fiekschalt, wenn ihr eine Bitte abgeschlagen wurde. Denn ihr wurde verweigert, was sie beanspruchen konnte. Hochnäsig war ihr Gust geworden. Alle Leute sagten e. Eine Schande bedeutete cs für ihn, nicht bloß für sie, eine Schande vor der ganzen Stadt, daß sie noch immer in den Baracken wohnen mußte.
(Fortsetzung folgt.)
er mit Stolz der Häkelnden die gestiegenen Zahlen über die Aus-
Gesprächen, die eine weit größere :, als er schätzte, daß er seine Frau
Zwar stimmte Rikelchen aus begreiflichem Stolz nicht mit dem Mund zu. Wohl aber mit dem Herzen! Es konnte gar nicht anders sein, als daß sie mit ihm einer Meinung war. Freilich, so behende sie als Rheinländerin auch war, über ihre Herkunft kam sie nur schwer hinaus. Allerdings schaffte sie unter seiner Mithilfe auch das jedesmal. Aber siebrauchte doch sehr viel mehr Zeit dazu als er. Nun, Geduld hatte er in diesen Dingen bewiesen. Hundertfach, tausendfach. Jeder besaß seine Schwächen. Er sicher mehr als Rikelchen. An Geduld, wenn sie mit ihm nicht Schritt halten konnte, sollte es auch weiterhin keinesfalls fehlen.
Aber obwohl Gust immer wieder seine Frau innerlich überwunden glaubte, mutzte er doch bei allen Fragen der Lebens- änderuug dasselbe erleben. Rikelchen zauderte, wo er vorwärts drängte Rikelchen blieb beschattet, wenn er in der hellen Sonne des Wiedererreicht stand. Rikelchen urteilte: Genug! Uebergenug!, wenn er unzufrieden war. Rikelchen mahnte zur Selbstbescheidung, wenn er forderte: Mehr! Viel mehr!
Im Laufe der Jahre war es Gust eine liebe, gehätschelte Gewohnheit geworden, sie zur Verschönerung ihres Heims, wie er seine Wohnung mit seiner ständig voller tönenden Sprache gern nannte, sowie zu ihrem eignen Schmuck reicher zu beschenken als alle Männer der Stadt ihre Frauen. Hatte er wieder einmal seinem Geschenkwillen nicht die gebotenen Grenzen gezogen, dann vermochte Rikelchen vor sich selber des verschwenderischen Geschenkes oft nicht recht froh zu werden.
Gust aber zeigte sie nur Freude.
Diese Freude war keineswegs geheuchelt. Denn sein Schenken beglückte sie als Zeichen der Liebe immer aufs neue. Solange sie sich liebten, was konnte ihnen geschehen? Mutzte nun Gust sie daran mahnen, daß eS ihnen — solange sie sich liebten — niemals und »irgendwo schlecht gehen könne? Freuen! Und Rikelchen freute sich über Gusts Gescchnke, selbst wenn ihr Kopf sie unsinnig nannte, von Herzen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts.Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
AVer die übergroßen Gaben zu gebrauchen, zu verbrauchen, vermochte Rikelchen nicht eigentlich um ihretwillen, sondern nur um Gusts willen, den die Nichtnützung ichmerzen mußte. Doch selbst, wenn sie sich zu solchem Gebrauch zwang, ertappte Rikclchen sich stets von neuem dabei, daß sie die geschenkten Kostbarkeiten nicht als ihr Eigentum ansah. Vielmehr als lediglich Geliehenes. Als etwas, das Gust ihr im Auftrag eines Hohern überbracht hatte. Eines Höhern, der es in jeder Minute von ihr zuruck- fordern konnte. Und der dann als erstes prüfen werde, ob es von ihr untadelig gehalten sei. ~
Fe mehr Gust an Reichtum und Ansehen in der Stadt zunahm, je zahlreicher und wertvoller sich seine Gaben um sie hausten, deren Unentbehrlichkeit er immer wieder behauptete, desto unerschütterlicher wurde in Rikelchen die Ueberzeugung, daß der Tag der Rückgabe kommen werde. Nicht etwa erst dann, wenn er für alle Menschen kam, mit ihrem Tode, sondern noch bei ihren und Gusts Lebzeiten. Sie waren so schnell emporgestlegen, daß, noch während sie atmeten, das Hinab da sein mutzte. Unabwendbar. Unerbittlich. Kein Baum wuchs in den Himmel - jeder lag eines Tages der Länge nach aus dem Boden. Kein Vogel flog nur nach oben — jeder, selbst der Adler, mußte irgendwann auf die Erde zurückkehren. Kein Wassertropfen konnte sich durch Verdunstung so leicht machen, daß es ihn bis zu den Sternen hinauftrug jeder mußte als Regentropfen Zu seinem Ort hlennieden zuruck. kehren. Kein Auf, wohin man auch sah, konnte ein Auf bleiben jedes mutzte zum Ab werden.
Woher nahm Gust den Glauben, daß er diesem Urgesetz der Welt ein Schnippchen schlagen könnte? .
Nicht an sich dachte Nikelchen voller Sorge, wenn ^e Gedanken sich der Wende ihres Lebensschickjals zuwandten. Nicht um sich zitterte sie, wenn sie die Kräfte für das Bestehen dieser Prüfung abschätzte. Sondern um Gust. . n
Immer wieder fragte Rikclchen sich: Wie wird Gust das Unvermeidbare tragen? Er, der sein Leben ganz auf baS Nachoben eingestellt hat, dem es der Atem seines Dasein-- ist. hinaus! hinauf!, wird er dem Hinab gewachsen sein? Ja, antwortete Rikel-
Aber wenn trotz dieses Glaubens seine Kraft nicht aus reichte, ein zweites Barackenleben zu führen und den Ausstieg, unbekümmert darum, wie weit er führte, noch einmal zu beginnen? Wenn Gust so sehr ein Hohe-Straße-Mann geworden war, daß ihm ein Leben an anderer Stelle nicht mehr lebeiwwcrt erschien? ^"Dann^rnußte sie so viel Kraft in sich aufbringen, daß sie ihm von dem Überfluß hergab, daß er nicht vor ihren Augen versank. Vor ihren Augen? Wahnsinn - das zu denken. Daß er Nicht mit ihr zugleich versank! Denn er vermochte — wenn eine Krankheit sie hinwegnahm - ohne sein Rikelchen zu leben. Sre aber ohne ihren Gust? Nicht einen Tag! Nicht eine Stunde!
Was konnte ihnen also geschehen? Warum war ihr Lachen, das der Stadt bei ihrer Ankunst wie ein nie erlebtes Wunder erschien, warum war es seltener geworden in den letzten Jahren?
Ja, essollte Geltung behalten das Wort ihrer Brautzeit bis zum letzten Atemzug: Solange sie ihren Gust lieb hatte, solange er sein Rikelchen liebte, konnte keine Macht aus Erden ihrem Glück etwas anhaben!
Was er schickt, muß mau hinnehmen. Wie Tag und Nacht. Wie Sonne und Regen. Wie Stille nnd Sturm. Wie Leben ""Als°Rikelchen sich — trotz des Wissens um das Hinab — zu diesem Glauben ganz durchqerungen hatte, war auch das Lachen in der früheren Helle und Beschwingtheit wieder da.
Siehst du!" stellte Gust, sobald er es gewahrte, fest, „du brauchst wohl länger als ich, bis dn zur richtigen Einsicht kommst. Aber plötzlich oft gerade dann, wenn ich frage: „Wo bleibt sie denn?" gehst du doch wieder Seite an Seite mit Mir. Wer wird sich um die Zukunft ängstigen? Was kann uns beiden denn 8C,Wtö!" antwortete Rikclchen und schloß ihrem Mann, gerade als" er zu einer längeren Rede ansholen wollte, den Mund mit
' „Sv gib doch Antwort!" drängte Gust.
^D?wä"re? wü'wieder einmal an derselben Stelle, wo alle unsere Gespräche enden, wenn wir ausnahmsweise — bei drei vom Hundert schätze ich — nicht derselben Meinung sind, bei deinem Schweigen. Warum eine Sache anfangen, wenn man sie nicht zu Ende führt? Du weißt, daß ich das auf den Tod nicht leiden kann. Bei keiner Sache. Auch beim Sprechen nicht!
Eine Minute lang wartete Gust, ob seine Frau nicht doch noch den Mut zur Antwort fände und sagte, was ihn — <6ter Meinung nach — am Weiter, am Höherhmauf hindern dürfte.
Aber Rikelchen schwieg auch jetzt.
Mit hörbarem Unwillen erhob Gust sich von seinem Stuhl ^„Was^willst du?" fragte Rikelchen vom andern Fenster her erschreckt.
"Nicht, ^Gust" Noch nicht! Ich bitte dich, wart noch eine Viertelstunde, wart noch fünf Minuten, wart noch eine einzige Minute.
„Es ist Nacht im Zimmer, obwohl die Uhr eben erst acht geschlagen hat."
„Ich sehe dein Gesicht ganz deutlich."
„Ich sehe nichts von dir! Und da ich auch nichts mehr von dir höre, wenigstens nichts von dem, was du nach dem Voraufgegangenen sagen müßtest, welchen Sinn hat es noch, im Dunkeln zu
Und schon riß Gust, der bei diesen Worten in die Mitte des Zimmers gegangen war, die Lampenkette, an deren unterm Ende sich ein Messingkreis mit einem A befand, durch einen Ruck herunter.
Zischend fuhr das Gas in den roten Glühstrumpf. Die Milch- glaskugel leuchtete auf. Grelles, kaltes Licht stürzte bis zu den äußersten Ecken in die Stube, deren Decke so niedrig war, daß Gust sie — wenn er sich auf die Zehen stellte — mit den Spitzen seiner ausgereckten Hand erreichen konnte.
Rikelchen deckte ihre Rechte über die Augen. Weil das Licht blende, sagte sie. In Vahrheit aber wollte sie den geliebten Mann nicht sehen lassen, wie sehr bei dem Gespärch die Zuge ihres Gesichts in Unordnung geraten waren. Als sie diese wieder zurechtgeschoben hatte, in jene Ordnung, die Gust von seiner Frau erwarten durfte, nahm sie die Hand von ihren Augen fort und gestand: „Hast recht. Es war doch schon viel dunkler mt Zimmer, als ich glaubte!" Dann erhob sie sich, ging zum Tisch, vergaß nicht, auf diesem Weg ihre Abendhandarbeit abzuholen, und setzte sich zu ihrem Mann unter die snrrende Lampenglocke.
„Nicht nur mit der Dunkelheit im Zimmer hatte ich recht!" sagte Gust und blickte über seine Zeitung, in die er schon eine Weile vertieft war, auf seine Frau.
Rikelchen aber mußte bei ihrer Häkelei gerade Stiche auszählen.
Sie konnte nicht aufsehen, noch antworten.


