Annchen von Tharau.
Aus dem preußischen Plattdeutsch übertragen von Johann Gottfried Herder.
Annchen von Tharau ist, die mir gefällt;
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
Annchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, Du meine Seele, mein Fleisch und mein BlutI
Kam' alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt, bei einander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen ansicht:
So wird die Lieb' in uns mächtig und groß Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Not.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt, Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt:
Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn', Mein Leben schließ' ich um deines herum.
Was ich gebiete, wird von dir getan, Was ich verbiete, das läßt du mir stahn.
Was hat die Liebe doch für ein Bestand, Wo nicht e i n Herz ist, e i n Mund, eine Hand?
Wo man sich peiniget, zanket und schlägt
Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?
Annchen von Tharau, das woll'n wir nicht tun:
Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.
Was ich begehre, ist lieb dir und gut;
Ich laß' den Rock dir, du läßt mir den Hut!
bekanntesten Barock-Poeten Deutschlands gemacht hat. In Novellen, Lust- und Trauerspielen und Opern ist diese Legende immer wieder erzählt worden. Doch macht dies die Fabel nicht zur Wahrheit.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der poetische Schimmer um Anna Neander verflüchtigt sich in ihr. Annchen — der Ostpreutze i Herder sagt echt ostpreußisch „Annchen" und nicht „Aennchen", als i er das plattdeutsche Original ins Hochdeutsche überträgt — ist früh von Tharau fortgezogen, zunächst nach Trempen, dann nach Lau- kischken, wo sie ihren Mann verlor und seinen Amtsnachfolger und dann auch dessen Amtsnachfolger wieder heiratete und Mutter vieler Kinder wurde. Und Simon Dach heiratete die Tochter eines Königsberger Hofgerichtsadvokaten, mit der er in sehr glücklicher und sehr kinderreicher Ehe lebte. So löst sich die romantische Liebesgeschichte in gesunde Bürgerlichkeit auf.
Simon Dach erwähnt seine Gattin Regina Pohl, sein „Pohlin- chen" des öfteren in seinen Gedichten, doch noch öfter seine Freunde. Ihm bedeutete die Freundschaft nicht weniger als die Liebe. Den Dichtern und Komponisten, die Königsberg im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts literarische Bedeutung gaben, fühlte er sich in Freundschaft verbunden. Er war gewiß nicht der geistig Führende in diesem Kreise. Dieses Amt fiel Robert Robertin zu, der in Italien gewesen war und den poetisch und musikalisch tätigen Kreis in Königsberg nach dem Muster italienischer Akademien formte. Jeder führte bei diesen Zusammenkünften einen Schäfernamen, der durch Umstellung der Buchstaben feines Namens gebildet wurde: Simon Dach hieß so Chasmindo oder Sichamond. Die Arien dieser Freunde, die er vertont hatte, sammelte der Komponist Heinrich Albert unter dem Titel „Musikalische Kürbis- Hütte". Er war es auch, der in seinem Garten zwölf Kürbisse mit ihren Namen und Gedenkversen auf sie versah.
Ein idyllisches Leben spielte sich am Pregel, fern vom Kriegsschauplätze, ab. Während Deutschland schon barocke Formen in der Poesie entwickelt hatte, bewahrte der Königsberger Mchterkreis noch viel vom Charakter der Renaissancepoesie. Simon Dach ist die sichtbarste Gestalt in diesem Kreis: als geistige Persönlichkeit ohne große Ausmaße, aber als Mensch lauter und klar, fromm und von reiner Gesinnung. Das Obszöne der Varockpoesie ist seinem Dichten fremd: „Alles Leben liegt daran, daß man selig sterben kann": dieser Wahlspruch sagt genug von dem steten Bewußtsein des Jenseits, das Simon Dach eigen ist. Zahlreiche fromme Lieder künden davon. Aber Simon Dach ist dennoch nicht Asket. Er verneint die irdische Welt nicht, sondern erfreut sich des Daseins hora- ztsch maßvoll. — So lebt er, bescheiden, in Königsberg, allen konfessionellen Streitigkeit, wie allen kriegerischen Ereignissen und politischen Kämpfen fern, zahllose Gelegenheitsgedichte zu Hochzeiten und Beerdigungen schreibend, wie es damals Brauch war.
Hat er das Lied vom Annchen von Tharau auch gewiß nicht geschrieben — er hätte es schreiben können.
Dies ist uns, Annchen, die süßeste Ruh', Ein Leib und Seele wird aus ich und du.
Dies macht das Leben zum himmlischen Reich — Durch Zanken wird es der Hölle gleich.
Oie Geschichte eines Liedes.
Von Universitätsprosessor Dr. Erich Ienisch.
Im Jahrhundert des Barocks, in dem derbe Lebenslust und sinnliche Brunst neben stoischem Heldentum und mystischem Todesverlangen stehen, der gestillt ist mit höfischem Prunk und Glanz und einer Kunst der aufrauschenden, ausichwei- fendcn, sich auftürmendcn Formen, erklingt ein schlichtes, innigherzliches Gedicht, ein Liebesgedicht von zarter Einfalt. Es entsteht in einer abseits gelegenen Landschaft Deutschlands, in die der furchtbare Krieg, der Deutschland verheert, nicht einströmt. In einer Liedersammlung erscheint es dort, ohne Namen des Verfassers ... Nach fast hundcrtfünfzig Jahren nimmt es Herder in seine „Stimmen der Völker" auf, Silcher findet ihm eine Weise, die in jedermanns Ohr hastet wie sein Wortlaut ,n jedermanns Sinn. Aus jenem anonymen Lied ist nun ein Volkslied geworden, eins der schönsten, die das deutsche Volk besitzt: „Aenn- chcn von Tharau ist's, die mir gefällt!"
Nicht viele Lieder aus jenem Zeitraum gibt es, die dieses Schicksal erfahren haben. Zwar entstanden in ihm viele herrliche Gedichte, deren Sprachgewalt heute noch nichts von ihrer Wirkung verloren hat, und Kirchenlieder, deren Ernst und Würde die Seele erschüttern. Wo aber ist noch ein Barocklied wie dieses voll reiner Einfalt, herzlicher Wärme des Gemüts und tiefer Treuherzigkeit, das Gemeinbesitz der Deutschen wurde, daS, aus dem Raum seiner Zeit gehoben, jedem der kommenden Zeitalter unmittelbar gegenwärtig blieb, wie es auch uns heute noch gegenwärtige Dichtung ist, gleichsam von einem von uns gedichtet für uns, zwanzigstes, nicht siebzehntes Jahrhundert?
Die Tradition schreibt es Simon D a ch zu, dem aus Memel gebürtigen Königsberger Poesie-Professor. Er ^ll es gedichtet haben, so heißt es 1728, also lange nach seinem Tode (1659), für die Hochzeit der Anna Neander, der Tochter des Pfarrers von Tharau, einem kleinen, in der Nähe von Königsberg gelegenen Dorfe, als Anna einen anderen heiratete und nicht ihn, dessen „Licht, Sonne und Leben" sie war, wie sein Lied beteuert. Eine Legende bildete sich um den Dichter und dieses Lied, das er, wie heute feststeht, nicht gedichtet hat und das ihn doch zu einem der
Die Gchusterkugel.
Roman von Hans Franck.
lFortsetzung.) lNachdruck verboten.)
„Halt ein, Gustl"
„Da haben wir's also endlich, das Wort, das ich schon hundertmal von dir hörte, obgleich du es bisher noch nicht ausgesprochen hast, das Frauenwort: Bis hierher und nicht weiter!"
„Nein, Gust, ich will nicht, baß du an dem gegenwärtigen Fleck stehenbleibst. Wohl aber wünsche — nicht: verlange! — wünsche ich, daß du nach und nach langsamer, daß du vorsichtiger, daß du zufriedener, daß du dankbarer als bisher aus dem eingeschlagenen Wege weitcrgehst."
„Zufrieden? Bin ich. Aber dankbar? Wem? Alles, was mein ist, habe ich durch eigne Kraft errungen. Alles, was ich besitze, habe ich gegen den Willen der Stadt aus dem Nichts erschaffen. Vorsichtiger? Nicht einen einzigen neuen Weg habe ich ohne reifliche Ueberlegung betreten. Wie das Ergebnis beweist. Oder habe ich Fehltritte gemacht? Bin ich gestrauchelt? Habe ich jemals zurückgehen müssen, weil ich einen falschen Weg wählte?"
„Nein, Gust."
„Warum in aller Welt also soll ich langsamer gehen?"
„Weil jeder Mensch in einem Leben eigentlich nur einen Lebensschritt aufwärts machen darf. Du aber hast schon drei, vier über deinen Pantoffelmachervater hinaus getan."
„Wer hat mir die Zahl der Schritte über meine Herkunft hinaus zu erlauben? Wer besitzt das Recht, zu bestimmen: ,Bis hierher, Gust, und nicht weiter!'? Wer? Meine eingeborene Kraft."
„Auch deine Kraft."
„Auch...?"
„Ja, Gust, nicht nur deine Kraft."
„Wer außer ihr? Was sonst?"
Rikelchen schwieg.
Nicht weil Gust sie überzeugt hatte. Nicht weil sie sich ihm gegenüber im Unrecht wußte. Sondern weil die Sprache sie im Stich ließ.
Wie auf seine Fragen antworten? Wer? Sollte sie ihm entgegnen: Gott? Dieses Wort bedeutete ihr zwar viel, aber Gust nichts. Was? Sollte sie ihm erwidern: das Schicksal? Damit i wußte vielleicht Gust etwas anzufangen, jedoch nicht sie.


