und grüßt sie, 6ie Kürschnersleute mit Fritz und Lieschen sind auch schon draußen aus der Bank, — sie gehen stumm an allen vorüber. Auf den Stufen vor der Haustür fitzt die Muhme mit dem Kater im Schoß und jammert über das eingekochte Essen. Endlich hat man mal wieder ein gutes Stück Fleisch uud frisches Gemüse, da muß es verkommen. Zu wärmen geht das morgen nicht mehr, da wird's sauer, am besten ist's, sie essen es jetzt rasch auf.
Sie sitzen um den weißgescheuerten Tisch vorm Fensterplatz, die Muhme bekreuzt das Brot und schneidet vor. Der Vater rührt mit dem Löffel in der dicken Suppe und würgt daran. Auch die Mutter vergißt fast das Essen. Sie blickt traurig im Zimmer umher. Das Zinn glänzt noch in der Dämmerung, die weiße Platte leuchtet. Alles hat sie so schön hergerichtet für die Lene! Neben ihrem Spinnrad — das sie damals mit dem bunten Band und dem Flachs ganz unversehrt wie ein gutes Omen in ihr» Kammer wiederfanden — steht auf der Pelzkiste in einem blauen Paartopf der Rosenstrauß. Sein Duft mischt sich mit dem frischen Geruch des weißen Lakens und des bunten Bezuges der schmalen Bettstatt, die an der anderen Feusterwand aufgeschlagen steht. Die Kissen sind dünn, aber die Lene ist ja jung. Dem Vater kann man nicht das dicke Kissen aus dem Himmelbett in der Nische fortnehmen, wo er doch noch immer keine Vorhänge an den Holz- psosten hat.
Die Muhme, die grad noch eine Scheibe Brot schneiden will, legt Brot und Messer hin —: „ein Wagen!"
Oer Schmied.
Erzählung von AlbrechtSchaesfer.
Copyright 1931 by I. L. A. Wien.
Früher als sonst am Morgen erwachend vernahm ich das eintönige helle, klagerufende Gebimmel des Totenglöckchens vom Kirchturm, womit allezeit dem Markt und den umliegenden Dörfern angezeigt wird, daß einer aus der Gemeinschaft, Mann, Weib oder Kind, davongeschieden ist. Wenig später hörte ich vom Hausmädchen auf meine Nachfrage, der alte Schmied P. sei gestorben. Er war vor einem halben Jahr vom Schlage getroffen und nun wohl einem zweiten Anfall erlegen.
Die Schmiede ist das zweitnächste Haus neben dem meinen, bas selber fast versteckt in einem Winkel des Marktplatzes liegt. Vor der Schmiede befindet sich eine allerseits offene Halle, verrußt, mit Bretterboden und einem alten schrägen Dach über Pfosten. Hier werden die Pferde beschlagen und die eisernen Bänder um Räder von Wagen und Karren gelegt. Das helle Klingeln vom Hammer auf dem Amboß gehört zu den heitersten Geräuschen des Werktags, die ich kenne. Der Schmied und seine Sühne waren mir, wie sich denken läßt, gut bekannt, weil saft jeder Weg aus dem Hause mich durch die Vorhalle führt. Entweder hatte ich dort den Schmied zu umgehen, wenn er sich über den Huf eines Rosses bückte, der von dessen Besitzer oder Knecht gegengestemmt hochgehalten wurde,' oder er kreuzte meinen Weg aus der Tür der Werkstatt hervor, mit kurzer Zange ein dampfendes Eisen tragend: oder auch ein Blick durch die immer offene Tür zeigte ihn mir in der Tiefe des düsteren Raumes, am Amboß oder neben dem großen gemauerten Herde mit rotglühendem Kohlenfeuer darauf. Klein war der Schmied, schwarzrußig immer, auch schwarz von Augen und Schnurrbart, und hielt sich gebückt, so daß er zumal im Abenddunkel gnomenhaft scheinen konnte. Seinem Vater, von dem noch die Rede sein wird, soll er ganz gleich gewesen sein, so daß die Leute nach dessen Tode kaum einen Unterschied merkten. Aber seine sechs Söhne sind ohne Ausnahme von guter Größe, rotblond und breitschultrig: nur die einzige Tochter wiederum ist, wie er selber, ganz schwarz.
Daß der Schmied unter den wohlhabendsten Grundbesitzern der Gegend war, dankte er zu einem Teil diesem seinem männlichen Nachwuchs. Denn wenn er auch zwei Söhne im Weltkrieg verlor und einer anderswo als Schmied lebte, so sparten die übrigen ihm Knecht und Magd, ohne die er bei seinen mehrfachen Besitzungen nicht hätte haushalten können. Ihm gehörte nämlich außer dem Wohnhaus am Markt mit der Schmiede ein in dem Dorf H. eine Viertelstunde bergwärts gelegener Hof von zwanzig Stück Rindvieh — das ist in dieser bescheidenen Gegend schon viel —, worin er eine zweite Schmiede betrieb und auch selber wohnte, und zudem ein kleinerer Hof von einem halben Dutzend Rindern, einsam am Berghang gelegen, eine Einöde, wie das hier heißt. Dort hauste eine ältere Base als Wirtschafterin und Bedienerin von Sommergästen, während einer der Söhne die Dorfschmiede inne hatte.
Dem Vater hatten nur die Schmiede am Markt und der da- mals weit kleinere Hof im Dorf mit noch wenig Ländereien gehört. Auf welche Weise sein Sohn zu dem übrigen kam, das bildet den Knotenpunkt dieses Berichts. Meine Kenntnis davon verdanke ich einem Sommergast, einem gesprächigen alten Herrn und einstigen Gymnasiallehrer, auch Doktor, dessen Bekanntschaft ich vor einigen Jahren schon auf einem Spaziergang machte. Er er- ^ohlte mir, daß er mehr als drei Jahrzehnte lang, mit geringen Unterbrechungen, die sommerlichen Wochen seines Urlaubs in unserem Markt oder in der Nähe verbracht hatte und die meisten davon in jenem „Einöde" benannten Hof. In den ersten Jahren jedoch hatte er in dem jetzt mir gehörenden Hause, bei dessen damaligen Eigentümer, einem Töpfermeister, Quartier. Ich traf ihn auf einem Vergweg am Nachmittag des Begrübnisies, und er sagte mir gleich, er wolle mir etwas Merkwürdiges erzählen.
Er begann mit einigen Mitteilungen über den Vater des eben verstorbenen Schmieds. Der soll ungemein geizig, sogar an Worten, gewesen sein. Seine Frau verlor er durch die Geburt des Sohnes. Herangewachsen übernahm sein Sohu die Schmiede im Dorf,' und der hat, wie mein Erzähler versicherte, der es von ihm selber hörte, niemals anderes Geld im Hause gesehen, als was er und was die Tante für die geringen Verkäufe an Eiern und Butter einnahm. Der Vater schien niemals auch nur einen Pfennig heimzubringcn,' denn wenn er es vor dem Sohn verborgen hielt und in einem Möbelstück insgeheim unterbrachte, so hätte sich das Jahrzehnte lang kaum unbemerkt durchführen lassen. Also lebten die Drei einigermaßen kümmerlich und auch nach der Verheiratung des Sohnes lebte die sich mehrende Familie eher schlcch. ter als besser. Freilich — Bargeld war fast eigentlich nur für die Steuern vonnöten. Acker und Vieh lieferten die Nahrung, und es gab kaum ein Gerät oder Werkzeug, das nicht im Hause gefertigt werden konnte. Der alte Schmied verstand sich auf alles, sein Sohn mußte es lernen, und das Unmögliche erwarb die Schmiedearbeit im Tausch.
Der alte Schmied starb und kein Erträgnis seines jahrzehntelangen Werkes war nur irgend zu finden,' auch aus keiner Bank lag das Geringste.
Nun war es einige Nächte nach dem Hingang des Alten, daß der Doktor,' mein Erzähler, der damals mit seiner jungen Frau bei dem Töpfermeister zu Gast weilte, von einer leichten Berührung ausschreckte, da er eben im Einschlafen war. Die Uhr konnte, wie er später feststcttte, wenig über elf in der Nacht zeigen: im Markt lag um. diese Stunde schon alles in tiefem Schlaf und auch seine Frau hatte er, wie er sich erinnerte, beim Zubettgehen so gefunden, ermüdet von einer Wanderung. Diese, die ihn angerührt hatte, fragte jetzt leise: „Riechst du nichts?" Schlaftrunken, überdies mit geringem Geruchssinn begabt, wollte er schon verneinen, als er nun auch einen wohlbekannten Geruch zu verspüren glaubte, der nur aus der Schmiede hervorkommen konnte: jenen unangenehmen beißenden Geruch nämlich, der dadurch entsteht, daß der Schmied vor dem Beschlagen auf den schon gesäuberten Rossehuf das glühende Eisen drückt, wohl um die Form leicht in das Horn zu pressen: aus dem stark versengten schwalkt dann eine heftige Wolke von Rauch und Gestank. Und der war, zu Anfang schwach, bald aber in so vollen Strömen zu atmen, daß die Wachenden beide sich fragen mußten: Wie ist das möglich? Wer konnte zu dieser Stunde beschlagen lassen? Immer nach Feierabend lag die Schmiede verschlossen. Kein Laut war hörbar. — Nun, der unerklärliche Geruch hörte so wenig auf, daß der Doktor sich erhob, um nachzusehen, ob Feuer in der Schmiede ausgebrochen war, und obwohl er sich sagen mußte, daß es dann einen anderen als diesen Geruch von verbranntem Horn geben durfte. Das Haus konnte er ohne Störung verlaffen, denn vor dem Zimmer, in dem das Ehepaar wohnte, lag eine Veranda, von der eine Treppe in den Garten hinab führte, durch die unverschloffene Gartentür gelangte er ins Freie, wo es finster und still war: nur unter den Linden in der Mitte des Marktes plätscherte der beständige Wassergruß in bas Brunnenbecken.
Die Vorhalle, die er nun betrat, war ganz leer. Die Tür zur Schmiede war geschlosien, aber sic bestand zur oberen Hälfte aus Glas. Ein rötlicher Schein war darin, und die Augen den rußtrüben Scheiben nähernd, sah er drinnen das Sonderbare:
Auf dem breiten Herde ganz hinten war Glut. Davor stand ganz dunkel, abgewandt, jemand — ein Mann, der seiner Gestalt nach sowohl der verstorbene alte Schmied wie sein Sohn sein konnte, denn beide ähnelten sich ja. Wer es auch sein mochte — er trug nicht die Arbeitstracht, Kittel und Schürze, sondern einen Anzug, der dem glich, worin allabendlich der alte Schmied heimwärts zu wandern pflegte. Eine Zeitlang stand er so, als ob er ins Feuer blickte, das nun langsam dunkler und dunkler wurde. Bei der letzten schwachen Röte erkannte der Betrachter von draußen, daß die Gestalt sich zum Amboß wandte, bei ihm niederkniete und unten am Boden sich etwas zu schaffen machte. Ncberdem erlosch auch der letzte Funken, drinnen war nur mehr Finsternis. Beim Rütteln an der Klinke erwies die Tür sich fest verschlossen. Nach minutenlangem Warten rührte sich drinnen nichts. Uebrigcns war auch von dem Brandgeruch, wie der Doktor nunmehr erst inne wurde, nichts mehr zu spüren gewesen, sobald er ins Freie getreten war. Er erinnerte sich sogleich — den reinen, frischen Wohlduft der blühenden Linden kräftig geatmet zu haben.
Am andern Vormittag suchte der Doktor dcu Sohu auf und fragte ihn, ob er bei Nacht in der Schmiede geivesen sei — was der, wie sich erraten läßt, verneinte. Darauf erhielt er die Mit- teilung von dem seltsamen Nachtbegebnis. Er äußerte — dem Verstorbenen auch an Wortkargheit ähnlich — nichts dazu. Aber am Abend kam er und sagte, er sei vielen Dank schuldig. Unter dem Amboß habe er eine Diele hochhcben können und in einer Vertiefung die ganze väterliche Einnahme aus Jahrzehnten gefunden, einen großen Betrag, nebst genauer täglicher Aufrechnung in mehreren Büchlein. Er bedauerte übrigens, auf die Glückwünsche des Ehepaares hin, den Verlust der Zinsen. Gleichwohl lud er den Doktor im nächsten Frühjahr ein. Sommers in der „Einöde" Quartier zu nehmen, die er gekauft hatte, und das Ehepaar kehrte von nun an alljährlich dort ein, wofür ihm ein geringerer Preis als überall sonst berechnet wurde.
Mein Erzähler schloß: durch einen Geruch sich anzuzeigen, war nun eine besondere Findigkeit des Toten. Denn in der Nachbar- schäft seinesgleichen jemand dadurch aus dem Schlaf zu wecken, das war unmöglich, wie mich selber, der ich fast kein Geruch-wer- mögen besitze. Es war durchaus, meinte er lächelnd, berechnet auf die scharfe Tiernase meiner guten Frau.


