Ausgabe 
13.4.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________

Jahrgang Zreitag. den lZ. April Nummer 28

Segen der Heimat.

Von Walter Steinbach.

Der Heimat sind wir beigesellt Wie Wind und Regen jeder Wolke Und sind verbunden unserem Volke, Des Schicksal mit uns steigt und fällt.

Der Acker, der uns Brot beschert, Der Strom, drauf unsere Schisse fahren, Das Meer, das uns mit Fischen nährt, Der Dom, der wie vor tausend Jahren Sein ungewandelt Antlitz trägt In Ewigkeit, die uns bewegt, Der Winkel selbst tm Vaterhaus, Im Walde Baum und Ast und Blatt, Das Reh, der Has, die Wurzelmaus, Der Schoß, der uns geboren hat, Und auch die Scholle, die uns deckt, Eh wir vom Tode auferweckt

Wie sind wir all dem beigesellt Gleich Wind und Regen jeder Wolke: Ein Herz, ein Leib mit unserem Volke. Für das uns gnädig Gott erhält!

Heimkehr.

Von Agnes Miegel.

Agnes Miegel gehört zu den Dichtern, die nicht Jahr um Jahr ein neues Buch schreiben, sondern deren Werke langsam und schwer reifen. Kommt dann ein Band her­aus, so darf man Besonderes von ihm erwarten. Wir sind in der Lage, aus dem demnächst bei Eugen Diede- richs in Jena erscheinenden BuchGang rn d re Dämmerung" einen Ausschnitt im Vorabdruck zu bringen, der die herbe Kraft ihres neuen Werke» wiedergibt.

Die Stube ist eng, niedrig und dunkel. Durch die altersbunten stensterrauten schimmert nur undeutlich der helle Sommervormrt- tag draußen über das Grün der Linden vor dem sprtzgrebllgen Kürschnerhaus gegenüber. Das kleine Winterfenster steht halb ititf, ein Sonnenstrahl süllt herein, liegt auf den gescheuerten Die­len ans dem krümeligen hellen Sand, auf dem weißen Holztisch. Der gelbe Kater auf dem Fensterbrett neben dem Salbeitopf schnurrt vor Behagen. Der alte Mann im Feiertag»rock, der m dem grünen Holzlehnstuhl auf dem Denstertmtt sttzt, streichelt das getigerte Fell und blickt versunken nach der Wand. Die Tur wird eilig aufgeklinkt, Küchendampf und Herdrausch guellen Herein, Röcke rauschen. Seine Frau steht auf der Schwelle. Sie bindet die dunkle Arbeitsschürze ab, die helle Küchenichürze mit den emge- webten Borten hat sie schon drunter, hat auch einen großen weißen Leinenkragen umgebunden.Vater, es ^.Zeit, mahnt ste, ,,nur müssen gehn. Der Hersch hat gesagt, um Mittag wird er mit i men r)te®ei2tlte steht auf, greift nach seinem Stock, der neben ihm steht, nimmt den grauen steifen Hut vom Nagel, und bürstet ihn noch einmal mit dem Aermelrucken über.Wer das damal» ge­dacht hätte!" sagte er leise.Als wir so ruhig nach Königsberg zu Markt reisten und dann wiederkamen und alles so fanden. Er blickt mit einem sonderbar leeren Blick in den hellen Augen um­her. An seinem hageren Hals beioegt sich der starke Adamsapfel, die Muskeln in den schmalen Backen zittern

uur Rater, das ist nun alles lange vorbei! Heut rommr die'Lene wieder!" tröstet die Mutter und streicht ihren graueq Scheitel glatt eh' sie das helle Kopftuch festknotet.Dann ist alles wie früher!" Ein Lächeln geht über ihr fruhgealtertes, kleines Gesicht: ihre tiefeingesunkenen «rauen Augen werden ganz Rank.

CYO aber der Georg", sagte der Alte,der Georg! "Twenn man bloß wüßte, ob die Tataren ihn wirklich erschlagen haben, oder ob sie ihn mit der Lene zusammen verschleppten ...

cfcr.-sit sensit tief.Laß ihn schlafen, Rater , lagr ne. ij}oroci(f s,at's ia au? die Bibel beschworen, daß er ihn mit Worm- sens Lieschen und Bürgermeisters Christian^ zusammen begraben bat Du kannst ia noch die Lene danach fragem ,m, ja . mein der Mann abwesend und drückt die Tür zu. Sie stehn auf dem

HellenVorplatz, der zugleich Küche ist. Der Sand knirscht auf dem roten Ziegelpflaster, das Holz qualmt und brennt schwelend unter dem großen schwarzen Kessel auf dem Dreifuß. Der Herdmantel hängt tief herunter, eine hagere kleine Frau hantiert darunter mit dem Blasebalg.Muhmchen", ruft die Frau. Da kommt sie ange- hinkt. Sie zieht das linke Bein schwer nach, eine große feuerrote Narbe entstellt ihr freundliches schmales Gesicht unter dem weißen HäubchenDas Essen wird fertig sein, wenn ihr wiederkommt! Ich halt alles warm." Plötzlich färbt sich ihr Altfrauengestcht dunkelrot, die Narbe glüht lichterloh.Mein Gott, wenn ich so denk' Hütt mich der Kerl nicht mit dem Säbel damals runter- gehauen, vielleicht käme ich jetzt auch wieder!" Sie nimmt den Schürzenzipfel und schneuzt sich.Oder auch nicht", sagt der Vater trocken.Es sind bloß einige zwanzig, die der Radzinnll abkaufen ließ."

Das halbe Städtchen hat sich einen Feiertag gemacht und pilgert aus den Seitengäßchen Uber den großen öden Marktplatz mit der Kirche, die ohne die Anno 56 verbrannten Handelsbuden ganz kahl aussieht. Daran vorbei führt die Straße nur noch an ein paar elenden Häuserchen entlang, dann ist die Stadt zu Ende. Aus dem Anger dort stehn und liegen schon eine Menge Menschen. Sie wollen alle dabei sein, wenn der rote Hersch die Verschleppten wiederbringt. Vor ein paar Tagen ist er hiergewesen und hat dem Bürgermeister die Namen genannt, so gut oder so schlecht ste ihm der Geschäftsjude des Radziwillschen Offiziers geschrieben hat. Die meisten sind hier aus der Gegend. Aus der Stadt sind nur ein paar.

Es ist ein heißer Tag. Die Luft flimmert über dem weißen sandigen Weg mit den tiefen Gleisen. Der magere Roggen m dem langen Feld hinterm Anger neigt sich leise in dem warmen Wind. Kahl und fahl steigt zur Linken der Galgenberg an mit dem schwarzen Holzkreuz. Aus dem Grund blickt der große See im Mittagsglast, ein blauer Dunst liegt um seine Erleninseln. Zackig und schwarz stehn hinten die Tannenwipsel der Heide vor dem klaren Himmel.

Ein paar Jungen, die sich langweilen, sind auf die einzige alte Kiefer geklettert, die hier auf dem Anger steht und halten nach dem Wagen Ausschau. Die alten Leute lagern auf dem kleinen Httgelabhang darunter zwischen den großen Kadickbuschen. Ein paar junge Mädchen in bunten Kleidern gehn auf und ab, haben sich untergefaßt, schwatzen und kichern! Die Frauen knüpfen die Kopftücher auf und hören zu, wie die Männer von den Schreckens­tagen damals reden.Ihr habt Gluck gehabt, Szstnick , lagt der Gerber Neumann zum Vater,daß Ihr bas nicht mit durchzu­machen brauchtet!"

Und meine Kinder?" fragt der.

Ja, dafür bekommt Ihr auch heut Eure Lene wieder!" sagt der Kürschner. Die Mutter sieht ihn dankbar an. Er steht genau aus, wie der Fritz in dreißig Jahren fern wird.Ja, Gott sei aclobt!" sagt sie.Wir werden alle alt, der Muhme ihr Bcm- schaden von damals wird immer schlimmer. Der Vater kann» auch nicht mehr recht mit der Wirkerei, sein Herz ist zu schwach ge­blieben von dem Schrecken."Na, nun wird alles gut , beschw i- tigt der Kürschner. Sie lächelt freundlichGott geb s , sagt sie. Morgen können wir schon alle zusammen tit die Kirche zur Dank­sagung."

Die Sonne wandert weiter, noch immer ist kein Wagen zu sehen Ein Teil der Leute geht nach Hause Mittag essen und kommt dann wieder. Der Vater wird müde und schwankt hin und her. Die Mutter rückt ganz dicht an einen großen Wacholder, breitet ihren weiten Rock aus, da kann er sich drauflegen: sie halt ihm die Schürze zum Schutz gegen die Sonne vors Gesicht, einmal mit der Linkem ^einmal mit der Rechten Ihre Arme ermüden rasch und zittern von der Anstrengung. Mit einem kleinen Biisthel Lab­kraut wehrt sie ihm noch die Mücken ab. Erst um die Desperzeit herum wacht er aus. als alle andern sich anschicken nach Hause zu gehn, auch der Kürschner, der ihretwegen bis jetzt geblieben st. ^Wolln wir auch gehn?" fragt die Mutter. Er ist müde und hungrig, aber er schüttelt den Kopf. Zuletzt sind sie ganz allem. Nur ein paar Heine Jungen, die schon vergessen haben, weshalb sie herkamen, spielen noch an der Kiefer, und zwei alte Weiber, die nichts zu versäumen haben und zu neugierig sind, bleiben noch mit ihnen auf dem Anger.

Als die Sonne ganz tief hinter der Heide steht, meint auch die Mutter, daß sie heut wohl nicht mehr kommen. Sie würgt ihre tiefe Enttäuschung tief herunter, als sie sieht, wie blaß der Vater ist. Der Pfarrer sitzt auf dem kleinen Wolm unter den Linden