Des Friedländers Kopf.
Eine Novelle von Alfons o. Czibulka.
Lager des Friedländers vor Nürnberg stand dem letzten Troß- wandelte°HEur° Verwunderung über des Generalistimus ver- . ...9tlc^ E sonst stelzte Wallensteins hagere Gestalt so drohend und duster durch die Lagergassen, als wäre er sein eigener Generalvrosos. Die alten Kriegsgurgeln, die etwas ausgefressen hatten __ und das
roaren in jenen Heeren von damals die meisten —, verschwanden wenn der Feldherr nahte, nicht mehr in ihre Zelte und Wagen wie die Dachse m ihre Locher. Auch endeten diese Lagerinspektionen des Feldhaupimanns gliche Stunden später der Generalgewalliae ein halbes Dutzend Schelme in der Luft verarrestierte. 9
roQnbet‘e ^brecht von Wallenstein an den Zelten, Troßwagen, Feldschlangen und Marketenderbuden vorbei. Jedem Arkebusier oder Reiter mckt er freundlich zu, zog mit weitausladender Gebärde seinen Hut so höflich vor dem oder jenem Offizier, als wäre der andere der Generallsftmus und er, der Friedländer, Obrist oder Major. Ja, es gab Rittmeister und Leutnants, die des Abends, wenn die Schelmenbeine über die Kalbfelle hupften und die Weine durch die Gurgeln, bei allen ^eiligen schworen daß der Feldherr sich mit ihnen fast eine Stunde vor ü/rem Zelte unterhalten, ihnen vor lauter Leutseligkeit die Knöpfe am Wamse abgedreht und sich Hann mit den Worten empfohlen hätte: „Dero lubnnssester Diener, Herr Bruder!" — Das war erlogen, denn Wallenstein hielt auf Distanz in seiner buntscheckigen Armada.
Daß der Friedländer so aufgeräumt war, war zu verstehen. Bor drei
Erst, am Bartholomäustage, hatte er den Schwedenkönig, der mit aller Macht sein Lager bei Fürth benannte, so ohne jede Eourtoisie empfangen, daß Gustav Adolf zwar mit Ehren, aber doch als der lieber« wundene abziehen mußte. Und weil es zum erstenmal geschehen war, daß der schwedische Eroberer nicht als Sieger hervorging, so war dies weit wahrscheinlicher der Grund zu Wallensteins so erstaunlich verbesserter Laune als der Umstand, daß ihn das Podagra in der linden Septemberlust an der Rednitz nicht zwickte.
Dieser friedländischen Gloria vor Nürnberg war es auch zu verdanken, daß der sonst so Unnahbare nun jeden Mittag inmitten feiner Generalität zu tafeln pflegte. Ein gewaltiger Steintisch, den der kühne Aldringen auf den Schutt der Alten Feste hatte stellen lassen, diente als Tafel. Das war bei der Spottlust des Friedländers sicher nicht ohne Absicht geschehen. Die Ruine der Alten Feste erhob sich hoch über dem Lager der Kaiserlichen, dessen Hauptstützpunkt sie war. Bon ihrer trllm- merbebedten Kuppe blickte man weit ins nürnbergische Land Man sah Nürnberg selbst mit der Kaiserfestung, mit Sankt Sebaldus und der Lorenzkirche; man sah bis zum Hohenstein und Walpurgisberg. Und aus dem Lager der Schweden konnte man jede Einzelheit auf der Alten Feste erkennen.
So war anzunehmen, daß der tägliche Anblick feines prunkvoll tafelnden Bezwingers dem Schwedenkönig um so sicherer die Suppe versalzen werde, als seine Kanonen die Alte Feste nicht erreichten. Was die Tafelrunde des Friedländers zu mancherlei Späßen reizte. Bei gutem Winde tonnte man das schallende Lachen des Holk, des Gallas, des Aldringen, bes Piccolomini und der andern bis ins Schwedenlager hören, wenn wieder einmal eine Rund kugel, die ersichtlich dem steinernen Tische gegolten, kraftlos und matt in die Sandsteinhänge der Feste fiel. Das freute He Schweden nicht.
Das ärgerte auch den Nürnberger Konstabler Frank Beizleuter. Weil nämlid; die Deutschen sich durch Jahrhunderte nicht wohlfühlten, wenn Ire einander nicht die Köpfe einschlugen und dazu auch noch Fremde ins lianb riefen — der Kaiser die Spanier, die andern die Schweden —, tebiente ber Beizleuter einen nürnbergischen Sechsunbreißigpfünber im !chwebischen Heere.
Der Stückmeister ärgerte sich über bas Gehabe am Steintisch, aber er staubte einen Rat zu wissen. Doch vorerst spekulierte er noch, wie er nit seiner Kartaune bie Feste erreichen könnte. Tag für Tag lag er um iie Mittagsstunde auf der Schanze neben dem Maul feiner Kanone und ragte zur Alten Feste hinüber, wo vor einem geborstenen Turm der Herzog von Friedland sich in feinem schwarzen Habit von der farbigen stracht seiner Generale abhob wie das Schwarze von der Scheibe.
Wiewohl der Konstabler nicht eben redselig war, Himmelte um die Nittagszeit immer mehr schwedisches Volk in der Schanze herum und »artete, daß der Beizleuter sein Scheibenschießen beginnen werde. Ein War Tage vergebens. Doch eines Sonntags, an dem man vermutlich auf tem Steintisch ein besonderes Menü auftrug, glitt der Stückmeister, 6en als es von Sankt Sebaldus Zwölf zu schlagen begann, von seiner Schanze herunter und pfiff feinen Knechten. Dann begann er umständlich !tin Grobstück zu laden. Fast zweimal soviel Pulver als sonst ließ er ier Kartaune ins Maul schütten, so daß die Zuschauer und Gasser die khren zurücklegten und immer mißtrauischer von der Donnerbüchse ab« rückten. Eine Weile rechnete der Konstabler noch auf einem schmierigen Zettel herum, erwischte bann einen ber großmäuligsten Spötter, einen shwedischen Wachtmeister, freundschaftlich am Kragen, hielt ihm bie 2atze hin unb sagte laut: „Es gilt!--Ein Faß Ungar — ich hol'
mir bes Frieblänbers Kopf!"
Der Schwebe schielte abschätzenb nach ber Alten Feste, bie fernher in hr Mittagssonne über bem feinblichen Lager strahlte, grölte höhnisch >nd schchg ein. Ungarwein soff er für fein Leben gern, befonbers wenn . t[ ihn nicht bezahlen mußte.
Der Beizleuter aber holte sich eine Kugel aus bem Sorratsbaufen, ?°g sie umftänbüd) unb liebevoll wie ein Kegelspieler, ber fest entschlossen •t alle Neun zu schieben. Dann nahm er einen Zettel, schrieb mit Im e d'auf: „Die holt sich bes Frieblänbers Kopf!" Mit Schusterpech pappte bas Papier auf die Eifenkugei. Nachdem er die Äugel fo zärtlich uno
auf einem
fürsorglich ins Rohr gebettet, als fege er ein Jüngferlein tus Bnmtbett. begann er umständlich zu zielen. Erst als Wallensteins Brust haargenau nnl hOrnran^^.nn|e °ufsaß, war er zufrieden. Indes die Zuschauer sich von bem Geschütz verzogen und es dem Beizleuter allein überließen, samt brFpex S^adenen Kartaune gen Himmel zu fahren, legte der Stuckmeister den glühenden Luntenstock ans Zündloch unb brannte los. hi-M0 U2bsbrii[£eirl0 ^hr das Feuer aus bem Maul ber Donner- F°b.auch die letzte neugierige Nase hinter den Wällen verschwand, bernnr % n 'Vm,' x b,e Zuschauer wieder hinter ihren Deckungen m staubte drüben vor bem Turm ber Alten Feste auch schon
eine Wolke auf. Die Generale am Steintisch sichren hoch. Nur der schwarze Punkt in ber Scheibe, ber Frieblänber, rührte sich nicht.
Doch Wallenstein fanb ben Schuß bes Beizleuter, ber nun seinen Stummer mü bem Wachtmeister im verlorenen Weine ersäufte immer "°.ch wohlgelungen genug. Die Kugel, bie ein General, weil sie noch heiß war, in einem Tuche bem Herzog hinhielt, war in ben Suppentopf gefahren unO, vom Steintische roeitergellenb, über Wallensteins Kopf bin« ™e.9 6,5 °u den Turm geflogen. Währenb feine Generale von ben ©tufjlen aufsprangen, blieb ber Frieblänber sitzen unb sah gelassen zu, wie ber Holk sich fluchenb bie heiße Suppe von ber Galahose wischte. Dann betrachtete Wallenstein interessiert ben halbversengten Wisch auf ber Kugel, auf bem noch zu lesen war: „... bes Frieblänbers Kopf!"
übe/!" lachte er. „Um Hanbbreite gefehlt. Einen solchen Stück- h'eilhtr x°tnnt4 brauchen. — Führt ihn zu mir, ben Mann!" So reben & ba5' aIs hatte er auch im Schwebenheere etwas zu
„Ich hab' ihn!" brüllte ber Beizleuter unb tanzte vor Vergnügen ou, einem Bem, denn er glaubte, daß der kaiserliche Feldhauptmann sich hFft?QivU» "Ä rU er ^inen Kopf mehr zwischen bep Schultern tjatte. Erst als der Konstabler durch das Fernrohr sah, wie Wallenstein sich erhob weil einer ber Generale ihm etwas hinhielt, merkte er, baß der Frieblänber noch seinen Schöbel hatte unb ber Ungarmein verloren graben5“ Der^manb er' Don Spottrufen verfolgt, fluchenb im Schanz-
» Weil aber bas „Befehl ist Befehl" auch schon bamals galt, fanbte der ^Ann9,en uoch m ber gleichen Stunbe einen Parlamentär in bas schwe- d'lche Lager Doch bie Schweden wollten sich über den Kasus nicht ben Hopf zerbrechen, baß ber feinblidje Generalissimus gleichsam einen ber Ihren zum Rapport befahl. Eine Ausrebe hatten sie ja: ber Beizleuter w°r nurnbergifdjer Untertan und Soldat. So schickten sie ben kaiserlichen Offizier an ben Nürnberger Rat.
Einen Nachmittag lang schwitzte sich bie eilig zusammengetrommelte Ratsversammlung bas Hirn aus bem Schübel über biefen verzwickten Fall. Daß der Friedländer ihnen ihren Meisterschützen wegschnappen wolle, ahnten sie. Nun wollten sie zwar ben Beizleuter nicht verlieren aber auch ben Herzog nicht reizen. Der Teufel mochte wissen, ob nach dem Malheur bes Schwebenkönigs bei Fürth bie Wallensteinischen nicht ohnehin bald über Nürnberg herfielen wie Pest unb Heuschreckenschwarm.
Doch so viel wußten sie auch, bah man ben Konstabler zu biefem Gange nicht zwingen könnte, wenn bet am Enbe selber nicht wollte So schickten bie Hochwohlweisen einen Stabtreiter in bie Schanzen hinaus um ben Beizleuter ins Rathaus zu holen. Inzwischen beschlossen sie, bem Begehren bes gefürchteten Frieblänbers zwar in principio zu willfahren doch vorher Bürgschaft zu forbern, baß bem Konstabler kein Haar gekrümmt unb er auch nicht unter bie Wallensteinischen gesteckt werbe.
Als das der Beizleuter hörte, der breitschultrig und groß, rot von Sonne und Wein, sporenklirrend in ben Halbkreis ber schwarzgekleibeten, von Stubenluft unb Kanzleien wachsbleichen Ratsherren trat, nickte er erst zustimmenb. Dann aber kraulte er sich nachbenklich feinen Spitzbart unb meinte, baß ber Frieblänber bie Bürgschaft auch ausschlagen könnte. Dann aber käme er, ber Stückmeister Beizleuter, um bie Ehre, den Friedländer, ben er boch wohl nur um Haaresbreite gefehlt, von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Er bitte sich barum bie ©nabe aus, als nürnbergitoer Bürger oerkleibet mit bem Bürgschaftsbegehren selbst zum Wallenstein gehen zu bürfen.
Mißtrauisch roanbten sich bie gelben Gesichter ber Räte über ben weißen Spitzenschultern bem Konstabler zu, ob ber am Enbe nicht auf fo fchickliche Weife befertieren wolle. Doch well bie Gestrengen zum Schlüsse tarnen, baß ber Beizleuter wie bie Ehrlichkeit selber aussehe, nickten sie ihr Einverstänbnis.
So ftanb am nächsten Morgen statt bes gewünschten Meisterschützen ein nürnbergischer Bürger vor bem kaiserlichen Felbhauptmann. Wallen- tcin lachte: „Hütt" nicht gebucht, baß bie Nürnberger solche Angsthasen inb. Vor allem Euch hätte ich was Gescheiteres zugetraut, als mir mit olchen Juristereien zu kommen. Denn ich seh's Euch boch an, daß Ihr einmal Soldat gewesen seid. Was wart Ihr denn?"
„Stückmeister, Jhro Hoheit!" brüllte der Beizleuter so stramm und laut, daß ihm nachträglich doch der Schreck in die Glieder fuhr, es könnte der Friedländer den Braten riechen. Doch dem gefiel der Mann unb feine Art. Er sagte freunblich: „Den Solbaten habt Ihr also Hinterm warmen Ofen nicht vergessen. Wollt Ihr bei mir bleiben? Stückmeister kann ich brauchen."
Der Konstabler Beizleuter, ber bem wallensteinischen Zauber zu verfallen begann, hätte jetzt was brum geben, jagen zu bürfen: „Herr, ich hab' Euch zwar gestern beinahe ben Kopf von ben Schultern geschossen, aber ba — nehmt mich mit Haut unb Haar!" Die nürnbergische Stabt- arkeley genügte seinem Ehrgeiz schon lange nicht mehr. Aber ber Stückmeister wollte nicht zu benen gehören, bie bamals bie Fahne öfters wechselten als ihr Hemd. Er entschuldigte sich mit Geschäften.
Die Bürgschaft bewilligte der Friedländer aber doch. Der verkleidete Beizleuter bekam einen Offizier mit, mit dem Auftrag, daß Wallenstein


