Ich habe meinen Posten nicht aufgegeben", sagte Bellmann,ich bin natürlich noch der Lehrer Ihres kleinen Bruders. Ich wollte mit meinen Worten nur eine gewisse Gemeinschaft feststellen. Ich möchte nicht, daß Sie das Gefühl haben, es steht ein Fremder vor Ihnen."

Was für ein Unsinn, Herr Doktor Bellmann, ich kenne Sie doch gut. Aber nehmen Sie Platz. Trinken Sie ein Glas Portwein?"

Doktor Bellmann verbeugte sich und lehnte natürlich ab.Ich will nicht stören, gnädiges Fräulein," sagte er und sah aus seine Hände, die in gelbledernen Handschuhen steckten,ich möchte nun rasch zum Ziel kommen. Sie haben mich so freundlich ausgenommen, daß ich, wie ge­sagt, nun eine Bitte wage." Da er doch noch wahrscheinlich gemacht zögerte, ermunterte ihn Mita:Was ist denn diese Bitte, die so vieler vorbereitender Worte bedarf? Aber ziehen Sie doch Ihre Hand­schuhe aus und setzen Sie sich."

Doktor Bellmann tat keineswegs wie ihm geheißen. Er hatte triftige Gründe, die Handschuhe nicht abzulegen. Aber er entschloß sich, der Si­tuation ein Ende zu bereiten. Dieser kleinen Dame mit Ehrerbietigkeit zu schmeicheln, schien ihm nun genug getan.Es ist peinlich, das zu gestehen", hob er an,man kommt sich als Provinzler vor, aber es muß heraus: mir ist hier in Berlin meine Brieftasche abhanden gekommen. Gestohlen sicherlich, denn wie könnte ich mein Geld verlieren. Ich wollte Sie bitten, mir mit so viel Geld auszuhelfen, als Sie für ein, zwei Tage entbehren können. Ich fahre morgen früh zurück und werde den Herrn Konsul bitten, die Summe sogleich für mich an Sie zurück- zufchicken. Der Herr Konsul gibt mir sicherlich Vorschuß."

Sicherlich", räumte Mita ein. Sie legte ihre Fingerspitzen anein­ander und dachte nach. Er ist aus der Flucht, er will noch mitnehmen, was er bekommen kann. Er hat mich ausersehen. Was soll ich jetzt antworten. Sie sah ihn an und ließ den Blick fallen: er traf diese auf­fallend gelbledern bekleideten Hände. Und wieder war die Idee da, ich muß ihm doch etwas anbieten, daß er seine Handschuhe auszuziehen gezwungen ist. Er wird auch diese blauen Farbflecke haben. Er muß seine Finger zeigen!

Sie ging zum Büfett, ergriff das Tablett mit der Portweinkaraffe und den Gläsern und kam zum Tisch zurück.Trinken Sie ein Glas, wir werden sehen, was sich machen läßt, Herr Doktor", und sie schenkte ihm schon ein.Ist im Hause sonst alles wohlauf?"

Er schluckte die Beruhigung.Alles wohlauf, gnädiges Fräulein. Ihr Herr Vater ich habe hier einiges für ihn zu erledigen dachte nicht, daß ich Sie aufsuchen würde. Sonst hätte er mir bestimmt Grüße für Sie aufgetragen."

Das glaube ich auch", sagte Mita.Prosit. Aber ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus!"

Doktor Bellmann sah ihr aufmerksam ins Gesicht. Diese lächelnden Züge wiesen völlige Ahnungslosigkeit. Seine weitere Weigerung konnte nur merkwürdig erscheinen. Er knüpfte die Handschuhe auf.Es ist nur", meinte er entschuldigend,ich habe eöen auf der Post, wo ich eine Adresse schrieb, Pech gehabt und mir die Finger beschmutzt mit Tinte. Blaue Tinte, sie geht nicht so leicht ab."

Mita setzte ihr Glas hin. Sie starrte Bellmanns Finger an, sie trugen dieselben Zeichen, wie sie die ihren vor kurzem getragen hatten, ehe Luzius zu Hilfe gekommen war.Oh ja", meinte sie seststellend, es sieht aus, als ob Sie mit den Fingerspitzen in die Tinte gegriffen hätten."

Doktor Bellmann hob mit einem Ruck den Kops. Hatte ihn dieser Satz stutzig gemacht, oder hörte er gerade in dieser Sekunde das Ge­räusch der sich teilenden Tür? Er sprang vom Stuhl aus. Die Gläser klirrten. Instinktiv tat er eine rasche Bewegung auf die andere Tür zu, durch die er hereingekommen war aber Luzius' Worte erreichten ihn und hielten ihn fest.

Bleiben Sie, lieber Doktor Bellmann, eine Flucht wäre das glatteste Schuldgeständnis."

Was ich muh bitten ein Ueberfüll. Wie kommen Sie hierher, Herr Assessor!"

Setzen Sie sich wieder. Lassen Sie die Handschuhe liegen. Ich habe Ihre blauen Finger schon bemerkt. Sie sind meiner Braut ja wunderbar auf den Leim gegangen."

,Lhrer Braut?" Doktor Bellmann rang nach Fassung: es war voll­ständig deplaciert, er fühlte es selber im Augenblick, als er es sagte, aber er sprach es aus:Da gratuliere ich."

Danke", sagte Luzius ungerührt.Gestatten Sie mir einige Fragen. Zunächst: wo haben Sie Ihren Doktor gemacht? Kollege Brendel er­zählte mir. Sie hätten geäußert: in Hamburg?"

Allerdings. Was berechtigt Sie?"

Psst. Lassen wir das lieber. Cs gäbe Peinlichkeiten für Sie. Wann haben Sie Ihren Doktor gemacht? Brendel erzählte mir 1913; stimmt das?"

Waren Sie ebenfalls in Hamburg?"

Nein. Niemals."

Weshalb wollen Sie dann dies von mir wissen?" Bellmann wurde ein wenig unsicher.

Es war also 1913 in Hamburg?", forschte Luzius.

Gewiß. Aber warum fragen Sie?"

Das interessiert mich für den Stand", sagte Luzius,es interessiert mich als Akademiker, wenn Sie wollen. Nun bin ich beruhigt. 1913 besaß Hamburg zwar ein Vorlesungsgebäude, aber erst später wurde daraus die heutige Universität."

Bellmann biß die Sippen zusammen. Er suchte eine Ausrede, aber er fand so schnell nichts.Wollen Sie mir nicht erklären..."

Luzius schnitt mit der Hand durch die Luft und riß des falschen Doktors Satz ab.Nein, kein Wort habe ich zu erklären", sagte er betont.Aber wenn Sie sprechen wollten, wenn Sie ein Geständnis abzulegen bereit sind, kann das die Peinlichkeit der augenblicklichen SituatiG verkürzen und wird auch sonst nur in Ihrem Interesse liegen."

Was hätte ich zu gestehen, Herr Assessor?" Bellmann war blaß. Er beherrschte sich mit Mühe. Dieser Mann war ihm über; dieser Assessor

wußte! Er hakte es geahnt, er war geflohen, hatte die Beute im Stich gelassen, nur um sich zu retten. Sollte er diesem Gegner nun doch noch erliegen? Er spürte sich schwach werden. Sollte er gestehen? Aber vielleicht gestand er mehr, als der Assessor wußte! Er zögerte, er sah Mita an. Kam auch von dem Mädchen keine Rettung?

Und da war es, als begriffe Mita diesen Blick. Sie griff ein.Sagen Sie uns, wie Sie daraus kamen, meiner Mutter den gefärbten Hundert­markschein zu unterschieben. Was sollte das?"

Bellmann senkte den Kopf.Es ergab sich", sagte er.Ihre Frau Mutter wollte hundert Mark im Brief wegschicken. Daß dieser Brief an Sie ging, erfuhr ich erst, als ich, mit der Besorgung von Ihrer Frau Mutter beauftragt, unterwegs die Anschrift las. Ihre Frau Mutter wollte einen Hundertmarkschein haben, sie gab mir kleine Noten, die ich ihr einwechselte."

Gegen den abfärbenben Schein!"

Tiefer neigte Bellmann als Bejahung den Kops. Dann hob er ihn wieder.Besitzen Sie den Brief schon? Ich hohe ihn wahrhaftig aufgegeben."

Natürlich. Mit dem Schein konnten Sie nichts anfangen. Ich habe den Brief vorhin bekommen."

Und?", er sah ihre Hände an,der Schein färbte nicht?"

Luzius beugte sich vor.Sie können sich doch denken", meinte er lässig,daß ich, der ich den Schein so vorhereitete, gegen die Farbe ein Mittel wußte."

Bellmann sah ihn groß an.Also doch Sie!", sagte er.Demnach hat alles nichts genützt. Die Rückgabe der Perlen, das durchgepauste Kuvert, die rasche Flucht." Er ließ den Kopf vornüberfallen.Es ist aus", sagte er,ich gestehe; lassen Sie mich verhaften."

Luzius sah auf diesen gesenkten Scheitel; er überlegte. Mita, frau­lich, dem Mitleid schon näher, sagte:Warum taten Sie es?"

Ohne auszublicken, antwortete Bellmann:Es gibt viele Gründe. Am Ende immer nur einen. Ich wollte den Wechsel erzwingen. Einmal eine Summe Geldes in Händen haben und weggehen, weit weg, wo niemand den Nächsten kennt, wo der Anfang ist."

Falsch", sagte Luzius.Sie machen die Welt verankworllich für Mängel und klagen sie sogar an; dabei sind diese Mängel in Ihnen! Den Wechsel erzwingen, Glückswende? Es ist immer dasselbe. Der Anfang ist in jeder Minute an jedem Ort! Aber ich bin nicht Ihr Seelsorger, bis vor wenigen Minuten war ich Ihr Gegner. Nun sind die Waffen ungleich."

Sehr ungleich."

Luzius stand auf. Er blinzelte Mita zu, und Mita verstand ihn wohl, denn sie nickte mit dem Kopf.Herr Bellmann", sprach er,, Sie waren gekommen, uns zur Verlobung zu gratulieren. Sie waren der erste Gratulant, da verweilt man wohl ein bißchen länger. Aber nun be­trachte ich diesen Besuch als beendet." Er trat an die Tür, die in den Flur ging und klingelte.

Bellmann sprang auf. Er hatte große, weitoffene Augen .f)err Assessor .. .", würgte er.

Luzius sah ihn wortlos an. Dann, es erschien das Mädchen, sagte er:Der Herr wünscht zu gehen, geleiten Sie den Herrn hinaus."

Und mit stockenden Schritten ging Bellmann zur Tür. Er ver­beugte sich, er öffnete den Mund, aber er brachte kein Wort mehr heraus. Erst in der Tür sah er sich noch einmal um und schaute die beiden Zurückgebliebenen an. Seine rechte Hand ging in halber Höhe zur Brust empor wie zu einer letzten Beteuerung seiner Ergebenheit.

Danke ...", sagte er in die lautlose Stille,das ist ..., danke ..."

Das Mädchen schob ihn hinaus und zog die Tür zu. Es hatte ein Gefühl dafür, daß dieser Mann keine große Rolle gespielt haben konnte.

Mika aber warf sich, kaum daß die Tür draußen zugeschlagen war, ihrem Verlobten an die Brust. Und den Satz mit einem Kuß in zwei Hälften teilend, behauptete sie:Du bist ein ganz ... ganz großer Mann! Ich liebe dich!"

Luzius lächelte. Wer wäre ernst geblieben ....

Das Mädchen aus der fremde.

Von Friedrich Schiller.

In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten. Ein Mädchen schön und wunderbar.

Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam. Und schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm.

Beseeligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit, Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit.

Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichem Natur.

Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus; Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus.

Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaden beste, Der Blumen allerfchönfte dar.