Giernenwäris.
Von Gottfried Keller.
Wende dich, du kleiner Stern,
Erdei wo ich lebe, daß mein Äug', der Sonne fern, sternenwärts sich hebe!
Heilig ist die Sternenzeit, öffnet alle Grüfte;
strahlende Unsterblichkeit wandelt durch die Lüfte.
Mag die Sonne nun bislang andern Zonen scheinen;
hier fühl' ich Zusammenhang mit dem All und Einen.
Hohe Lust, im dunklen Tal, selber ungesehen, durch den majestät'schen Saal atmend mitzugehen!
Schwinge dich, o grünes Rund, in die Morgenröte!
Scheidend rückwärts singt mein Mund jubelnde Gebete.
Der Mann, der Shakespeare war.
Von Alfred Günther.
Jedesmal, wenn eine Nachricht über neue Shakespeare- Funde durch die Presse geht, erstaunt die Welt, wie schattenhaft sein Lebensbild vor uns steht, obwohl die Shakespeare- > Literatur Abertausende von Bänden aufweist. Gleichzeitig aber erweist sich, daß nicht einmal das Wenige, was wir über ihn wissen, Allgemeingut unserer Zeit geworden ist. Jede einzige dieser Meldungen pflegt Fehler und Irrtümer zu enthalten. So auch verschiedene Berichte, die kürzlich einige deutsche Blätter ausgenommen hatten; von sensationellen Neuentdeckungen war da die Rede, und sämtliche • veröffentlichte Dokumente erwiesen sich als längst bekannt
und zum Teil falsch ausgelegt. — Es ist darum nicht unnütz, die Fakten über Shakespeares Leben wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen.
Das Schicksal, das den Namen Shakespeare trägt, hat es gewollt, das den Jahrhunderten das gewaltige Werk der Dramen und der Lyrik vererbt wurde, daß die Gestalt ihres Schöpfers aber ausgelöscht erscheint Von dem Mann, der in Stratford geboren ist und dort starb, ist so gut wie nichts auf uns gekommen: kein Manuskript eines Dramas ober Sonetts, kein Brief, kein Zettelchen; nur drei oder vier unbedeutende und bezwsifelbare Bildnisse, fünf oder sechsmal sein Namenszug, eine Handvoll der banalsten Dokumente, die sich auf seine Existenz, feine Familie, seine Kinder, sein Schauspielertum und Theaterdirektoriat und seine Werke beziehen, schließlich einige Anekdoten, für deren Echtheit es keine Beweise gab. Das ist alles, was von diesem zweiundfunfzigjährigen Leben übrig blieb. Es ist nicht einmal so viel, um die Einheit zwischen i>em Autor der Werke und dem Mann von Stratford zweifellos zu erweisen, denn im Testament Shakespeares steht kein Wort über feine Werke. Es kam soweit, daß ein Zweig der Forschung allen Ernstes die Identität i>er Personen bestritt und mehr oder minder phantastische Theorien entwickelte, wonach die Werke von einem Andern geschaffen feien, der sich lediglich des Namens W. Shakespeare bediente. (Bacon-, Derby-, Oxford-, Vutland-Theorie.).
Von den Werken hat Shakespeare selbst nur die beiden Versepen .Venus und Adonis" 1593 und „Lucrezia" 1594 herausgege- ien, es sind zugleich die ersten im Druck erschienenen Werke des Dichters Denn auch vielleicht nicht feine ersten Dichtungen überhaupt. Die 1609 irfchienenen „Sonette", die unter feinem Namen herauskamen, st^d offensichtlich nicht von ihm, sondern von einem Freunde, wahrscheinlich dem in kr Widmung angedeuteten Mr. W. H., zum Druck gegeben worden. Die Sramen, die von 1594 an in Quart-Ausgaben zu erscheinen beginnen, lohne den Namen des Dichters) sind zweifellos ohne Shakespeares Erlaubnis gedruck, zumeist nach höchst mangelhaften Vorlagen. Erst lv23, leben Jahre nach seinem Tode, erschien der prachtvolle Folioband von iiehr als neunhundert Seiten, in dem seine Schauspielerkollegen H e m - ninge uni) (Eon bell die Dramen „nach den richtigen Origmalkopien lerausgegeben haben. Zugleich nimmt auch der berühmteste Dichter der k poche B e n I o n s o n das Wort zur höchsten Huldigung an Shakespeare, frft jetzt sehen wir auch ein Bildnis des Dichters: Das Titelblatt der kolio-Äusgabe bringt einen Porträtstich von Martin Droeshout. Fast sleichzeitzg wird in der Dreifaltigkeitskirche in Stratford am Grabe des Dichters ein Denkmal errichtet mit einer ’Portratbufte von Ja n s e n. Selbe Bildnisse sind keine Kunstwerke, die das Wesen des Dichters oer Mitteln können, außerdem sind sie kaum als Portrat desselben Mannes in erkennen.
Hier sei gleich noch ein Wort über die mehr oder weniger glaub- üürbigen Shakespeare-Bildnisse gesagt. Das Jugendbild von 1588 (Grasten),
das Porträt von Droeshout b. Sielt., vor allem das fogenmwtte Chandes« Porträt, wohl auch bas Janfen-Bilbnis von 1610, obwohl sie erst viel später aufgefunben wurden, haben manches Ueberzeugende. Große Kunstwerke sind nicht darunter, so daß wir nicht einmal ein unzweideutiges Bild Shakespeares besitzen. Es war leicht verständlich, daß eine Totenmaske mit der Jahreszahl 1616, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Darmstadt aufgefunden wurde, rasch Bewunderung gewann, als man sie als Totenmaske Shakespeares hinstellte. Sie stammte aus der Sammlung eines Grafen K e s f e l st a d t, der sie in England erworben hatte. Es wird behauptet, daß diese Maske genau die gleichen Schädelmaße aufweist., wie die (übrigens wiederholt restaurierte) Büste des Grabmals in Stratford, daß diese also nach der Totenmaske hergestellt worden sei. Auf jeden Fall zeigt die Maske einen herrlichen Kopf, ungleich mächtiger als jedes Porträt. Sie ist freilich im Ausdruck weder auf der Büste des Grabmals noch auf einem andern Porträt wiederzufinden.
Dokumentarische Hinweise auf Shakespeare während feines Lebens haben sich einige gefunden, es sind teils bewundernde Aeußerungen über einzelne feiner Werke (daraus geht hervor, daß die zünftige Literatur und das Bücher kaufende Publikum das höchste Lob dem Versepos „Venus und Adonis" zollte, das auch die meisten Auflagen erzielte), teils Hinweise auf seine Leistungen als Schauspieler, darunter auch satirische Aeuße- rungen. Die früheste uns bekannt gewordene biographische Notiz schrieb der Historiker F u l m a n nieder, der Archidiakon Sabies ergänzte sie. Sie meldet Geburtsjahr und Todesdatum, berichtet, daß sich Shakespeare durch Wildern die Verfolgung des Sir Thomas Lucy zuzog, „die ihn zwang, feine Geburtsstadt zu fliehen, zu seinem großen Glück ..." — „Vom Schauspieler wurde er zum Dichter." — Die erste Biographie veröffentlichte Nicholas R o w e in feiner Ausgabe der Dramen 1709. Seine Hauptquelle bildeten die von dem Schauspieler B e 11 e r t o n gesammel- tetn Nachrichten, also in der Hauptsache mündliche Ueberlieferungen, die fünfzig bis sechzig Jahre nach Shakespeares Tode im Umlauf waren. Ebenso spät sind die Notizen des Antiquars A u b r e y und des Stratforder Vikars Ward gesammelt worden. Der Forschung des 19. Jahrhunderts verdankt die Shakespeare-Biographie ihr wertvollestes Material. Bewundernswürdiger Spürsinn, Sorgfalt und Geduld, die kein Archiv und kein Stück Papier ausließen, haben es zustande gebracht, daß noch manche Erwähnungen des Privatlebens, namentlich der geschäftlichen Unternehmungen Shakespeares als er fein Geld in Grundstücken u. a. anzulegen begann, ans Licht kamen. Es ist nichts unversucht geblieben, und die entlegensten Vorgänge der Zeit von 1564 bis 1616 sind zu Rate gezogen worden. Das Ergebnis war ein imponierend genaues Bild der Epoche, aber ein erschreckend leeres Bild des Dichters. Wir können uns dank dieser Forschung in das Denken und Schaffen der elisabethanischen Menschen einweihen lassen, wir sehen vor uns das Leben der Königin und des Adels, der Literatur und des Theaters, erfahren Einzelheiten über Verlags- und Druckwesen, Widmungswesen und Stenographie, lernen Hofklatsch und Kneivenleben kennen — über bas Leben des Dichters erfahren wir nichts. Wir können das gewaltige Zeitbild in Beziehung fetzen zu diesem einzelnen Menschen der Zeit, aber seine Gestalt wandelt nicht vor uns. Bis an seine unmittelbare Existenz ist das Zeitbild herangeführt, bis an die Konturen seines Dosens — aber die Gestalt selbst bleibt im Schatten.
Man kann heute nicht mehr bezweifeln, daß alles Private über ihn und um ihn vernichtet ist und aus keinem Archiv wieder auferstehen kann. Aber wir müssen uns hüten, durch Addition der bekannten Einzelheiten feines Gebens fein Menschenbild aufzubauen. Diese Addition würde eine so banale Biographie ergeben, die auf irgendeinen Charakter passen mag, nur nicht auf den Schöpfer des Hamlet, der Kleopatra, der Sonette. Wie es nicht anders fein konnte, begann unter diesen Voraussetzungen ein Wettstreit an Auslegungen, Kombinationen, Ergänzungen und Erdichtungen, um die biographischen Fragmente lebendig zu machen. Die erlesensten Geister haben ihr Bestes dabei gegeben, die dümmste Dilettan- terei hat ihn nicht verschont. Oft wurde eine Jdealgestalt errichtet, meist ein mühselig gekittetes Stückwerk hingestellt, in den besten Darstellungen ließ der Biograph feine Vermutungen sich deutlich abheben vom Beweisbaren.
Bewunderungswürdig wie die Erforschung der Historie ist auch die Durchforschung der Werke. Hier konnte man glücklicher fein und hot nach einem Aufwand von Abertausenden von Untersuchungen Wortlaut und Chronologie, aber auch die Ausdeutung des dichterischen Gehalts bis zu einem hohen Grad von Vollkommenheit geführt. Alle schöpferischen Geister dreier Jahrhunderte haben es sich zur Ehrenpflicht gemacht, die Größe dieses Werkes ihren Zeitgenossen zu vermitteln. Man hat durch den Ber- gleichder Werke mit ihren Quellen, Stoffen und Vorbildern das Shake- spearehafte des Geistes und der Kunst auszuprägen versucht. Eine Beschwörung des Charakters und der Schicksale, der Erlebnisse und der Leidenschaften, die diesen Menschen befähigten, ein Werk von 36 Dramen und drei Versdichtungen in zwanzig Jahren sich abzuvingen. gelang wohl in einzelnen Fällen, aber nur als schöne Dichtung. Einen Mann William Shakespeare in die Personenverzeichnisse feiner Dramen einzuführen, die Masken, die er sich wählte, zu lüften, so fein Herz schlauen zu fühlen, feinen Aufschrei zu vernehmen, die Raserei feiner Leidenschaften, in fein Auge zu schauen, das war eine wunderbare Aufgabe, aber wem konnte sie gelingen!
Am ehesten mochte dieser tollkühne Versuch gelingen bei dem einzigen Lyrikwerk, bei dem noch immer nicht den Dramen ebenbürtig gewürdigten geheimnisreichen Band der „Sonette". Aber auch hier kamen die Historiker und Aesthetiker nicht zu einer einheitlichen Auffassung. Hatten bei der Ausdeutung der Dramen die einen höchste Objektivierung des Dichters matten sehen, die andern machtvollste Subjeftioierung zu spüren gemeint, so waren für die einen die Sonette eine ganz unpersönliche, wenn auch wohlgesungene Huldigung an die Sonettenmode der Zeit, für einzelne gar der dichterische Briefwechsel zweier Personen und Dichter. Die meisten freilich nahmen sie als das unmittelbare Zeugnis des Skape- speare-Jchs, das große Bekenntnis seiner Schicksale. Was hat man über


