weiß sie, woher der Bengel das Geld nehmen wird! Sie kennt ihn gut, sie sind im gleichen Alter, da macht es sich leicht, daß sie diese Frage an ihn stellt." Und er schloß, während sie schon in bte Bahnhofstraße einbogen: „Uebrigens, was wissen wir, woher Wingart das Geld nahm! Wenn es so ist, daß er es gab! Vergessen Sie nicht, wir wissen nur, weil wir es sahen, daß er über Mitas Reise informiert ist."
„Mita wird doch nicht ihrer Mutter den Schmuck gestohlen haben?" meinte Brendel; es sollte keine Frage sein, er äußerte wohl nur einen Gedanken, der ihm zugeflogen war. Luzius stolperte vor Schreck. „Das — nein", brachte er heraus, „das wage ich nicht zu mutmaßen." Brendel entgegnete nichts. Erst als er die Straße entlang blickend die beiden Versalzten nicht mehr entdeckte, meinte er: „Sie sind schon im Bahnhof." „Wie bitte?"
„Ich meine, die beiden sind schon im Bahnhofsgebäude. Der Zug geht vom Bahnsteig 2."
Da schritten die beiden Juristen rascher aus. Sie kannten beide sehr genau die Abfahrtzeit des Berliner v-Zuges. Es war höchste Zeit, wollte man nicht eintreffen, wenn gerade die roten Schlußzeichen des Zuges aus der Halle verschwanden.
Ein entzückendes kleines Fräulein in Hellblau schritt vorüber; es schien nicht abgeneigt, einen freundlichen Blick zu verschenken; aber Luzius und Brendel sahen sie beide nicht an. Ihre Gedanken hasteten den Schritten voraus, und je näher die Männer dem Bahnhof kamen, um so weniger erschien es ihnen angebracht, jetzt zu lächeln. Es war gut möglich, daß alle ihre Befürchtungen sich als unsinnig herausstellten. Sie wünschten es herzlich. Lieber den Diebstahl noch unausgeklärt wissen, als dieses junge Paar darin verwickelt. Aber es konnte auch anders kommen. Denn was vermochten Wünsche jetzt noch an Geschehenem zu ändern.
Sie lösten in der Halle ihre Bahnsteigkarten und hasteten durch die Sperre. Unten stand noch der Zug, aber die Abfahrtzeit war gekommen. Sie sahen schon von weitem des Primaners weißleuchtende Mütze, Fräulein Mita fuhr also zweiter Klasse? Das kam ihr zu als Tochter des Konsuls Finkendey. Aber wer zahlte die Fahrkarte? Sie dachten beide wieder dasselbe und fanden beide nicht- das richtige Wort, als sie vor dem Abteil standen, aus dessen Fenster Mita schaute.
Sie grüßten, öffneten vielleicht den Mund, da fuhr der Zug an und Mita Finkendey sagte herzlich, während sich die rasche Röte an ihren Schläfen schon wieder verzog: „Wie nett, daß Sie auch gekommen sind. Woher wußten Sie es?"
„Wir sahen Sie zum Bahnhos gehen", keuchte Luzius außer Atem.
Und Mita lächelte gewinnend. „Beruhigen Sie die Eltern, Herr Assessor. Und du, Ewald, bitte tue es! Ich komme bald zurück."
Der Zug fuhr schärfer. „Haben Sie denn genügend Geld?" rief Luzius; dieses „genügend" war eine glatte Feigheit; er hatte fragen wollen: Haben Sie denn Geld?
Mita zog ein Taschentuch und winkte. Sie sah alle drei Männer zugleich an. Gab es denn das? Hier geschah es! „Geld, o ja, danke, reichlich", rief sie.
Luzius setzte sich in Trab, ries hinter dem Zug her die Frage, auf die es ankam: „Woher haben Sie es?"
Mita legte noch die freie Hand an ihr Ohr und beugte sich weit heraus, Luzius holte tief Luft, die Frage, die so wichtig war, zu schreien — da bog der Zug um die Ecke, und Frage und Antwort blieben ungesagt.
Luzius gab augenblicks das lächerliche Rennen auf. Er kehrte an den Start zurück, wo Brendel und Wingart Reußner warteten. Vielleicht ärgerte ihn die erlittene Niederlage, es mochte auch sein, daß er nur außer Atem war, er sagte härter, als er beabsichtigt hatte: „Sie sind im Komplott, Herr Wingart. Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen: Haben Sie Fräulein Finkendey das Geld gegeben?" War es Zufall? Er sah dem Primaner dabei auf die Füße und — sein Herz setzte erschreckt ein paar Takte höher ein — Brendel hatte recht gesagt, man mußte feststellen: Wingart Reußner trug spitze Schuhe!
Der Primaner bekam seinerseits einen nicht geringen Schrecken. Wie kam der sonst so sympathische friedliche Assessor Luzius dazu, ihn hier derart anzufahren. War etwas herausgekommen? Aber das mußte unmöglich sein. Er schluckte, würgte etwas hinunter und sagte leidlich gefaßt: „Wie kommen Sie aus diese Idee, Herr Assessor?"
„Antworten Sie nicht mit Gegensragen! Haben Sie Fräulein Finkendey das Geld für diese Reise gegeben?"
Wingart Reußner verkrustete sich in Trotz. „Ich bin dazu nicht in der Lage", sprach er, „ich besitze keine größeren Geldsummen, wie sie hier in Frage gekommen wären."
Luzius nickte. Er ging hier nach einem alten Plan vor, der kühn war. Denn es konnte leicht sein, daß er sich irrte. „Fräulein Mita ist ohne Wissen ihrer Eltern abgereist. Wußten Sie das, Herr Wingart?" Luzius besaß dieses Wissen selber nicht, aber er würde darüber ja nun wohl Bescheid bekommen. Brendel sah ihn an. Fangfragen des Untersuchungsrichters, dachte er.
Tatsächlich erlag der junge Wingart ahnungslos diesen Fragen. Er nickte: „Ich wußte das."
Luzius sann nach. Mita war also einfach ausgeknisfen. Moderne selbstsichere Jugend. Er hätte ihr gern Beifall geklatscht, denn diese Eskapade an sich machte ihm Spaß, aber es blieb die schreckliche Geldfrage. Der Gedanke war da: Vielleicht geht der junge Wingart noch einmal und vollends aus den Leim? — Assessor Luzius sprach kalt: „Dann müssen wir also sosort nach Berlin an die Kriminalinspektion des Bahnhofs telegraphieren. Dann bleibt eben nur die traurige Gewißheit, daß Mita Finkendey die Diebin ist."
Brendel öffnete den Mund. „Wie, bitte, war das?" fragte er verblüfft; aber Luzius sah ihn groß und warnend an; da begriff er wohl.
Sofort stimmte er zu und trug stärker auf: „Ja, man wird sie aus dem Zug heraus verhaften und hierher zurücktransportieren. Halten Sie es für angebracht, daß man ihr Fesseln anlegt?"
„Doch wohl nicht", sagte Luzius. Er mußte an sich halten. Diese trockene Art Brendels schoß ihm beinahe ins Lachen. Aber er beherrschte sich, denn hier war kein Raum für Heiterkeit.
Der Primaner hatte sich geradezu verfärbt. Um feine Nase lagen grünliche Schatten. „Ich ...", brachte er heraus und stockte.
„Wollen Sie etwas sagen?"
Da stieß Wingart Reußner vor, warf seinen Satz hin wie etwas Körperliches, daß er ihn ja nicht doch noch zurückhalten könnte: „Ich bürge! Mita hat nicht gestohlen!"
Luzius sah ihn ernst an. „So, so; Sie bürgen. Gestatten Sie eine kleine Frage: der Diebstahl ist geheim gehalten worden. Woher wissen Sie davon?" „ ,
Die drei Männer standen sich gegenüber. Jetzt waren Sie alle drei ein wenig bleich. Es war still. Dann heulte fern eine Lokomotive, es klang wie ein Schluchzen; als sie heran war und fauchend den Rauch zur Decke der Halle stieß, konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen. Plötzlich stand die Maschine still. Der Lärm brach ab. In die neu er. ftanbene Stille sagte Wingart Reußner mit einer Stimme, die sich vergeblich um männliche Festigkeit bemühte: „Ich tat es."
„Sie wissen, was Sie sprechen? Sie sind sich darüber klar, daß Ihre Worte ein volles Geständnis bedeuten?
Ja."
Brendel fuhr hoch. Er schätzte das Haus des Justizrats, er lebte viele Stunden des Tages mit diesen Menschen. Es war nicht Anmaßung, als er lospolterte. „Wingart, Menschenkind! Verrückter Bengel! Um Mita das Geld für die Reise nach Berlin zu verschaffen, wurden Sie zum gemeinen Dieb!" Sind Sie von allen guten Geistern verlassen gewesen? Konnten Sie — oder Mita — nicht mich fragen! Ich hätte Ihnen das Geld gegeben."
Wingart Reußner lächelte bitter. Er wollte sagen: gerade das wünschte ich zu vermeiden; aber er sprach es nicht. Diese Worte, diese Vorwürfe trafen ihn wie Keulenschläge; vielleicht machten sie ihm erst jetzt klar, was er getan hatte. Er stand da, gesenkten Hauptes, der arme Sünder. Aber er war nicht zusammengebrochen. Was nun auch kommen würde, es mußte getragen werden. Er hob plötzlich den Kopf und sah die beiden Juristen an. Wüßtet ihr alles, wie sehr ich das Mädchen liebe ...; und das bitterfüße Gefühl der Märtyrer einer großen Liebe zu jein, ließ ihn fast stolz Brendel und Luzius, Häscher, die ihn gestellt hatten, ansehen. Schlagt mich nieder mit Worten! Beschimpft mich! Was wißt denn ihr ...
Luzius fing den Blick auf. Er deutete dies Flackern falsch. Er las nicht Begeisterung des Leidens heraus, sondern wirre Planung. „Brendel", hob er an, „wir haben fein Recht, hier Vorwürfe zu erheben. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich." Und zu Wingart gedreht, um den Jungen zu beruhigen, daß nicht noch größeres Unheil geschehe: „Wir sind Freunde, Herr Wingart; wir wollen überlegen, ob sich nicht Mittel und Wege finden lassen, das Vergehen wieder gut zu machen. Sie sind nicht feige, Sie haben den Mut zu der unfetigen Tat gehabt. Haben Sie auch den anderen, dafür nun einzustehen! Wollen Sie mir in die Hand versprechen, keine Dummheiten zu machen! Ihr Ehren- wort?" Er hielt die Hand hin. Wingart Reußner legte bedächtig die seine hinein. „Ich fliehe nicht", sagte er, „daran denken Sie doch? Ich laufe nicht davon und flüchte auch nicht ins — Jenseits."
Luzius nickte. „Das wäre nicht nur feige, sondern auch dumm. Verlassen Sie sich auf mich. Was ich für Sie tun kann, diese dumme Geschichte beizulegen, versuche ich."
„Danke", sagte Wingart Reußner, „Sie sind sehr freundlich."
Aber Brendel nahm ihn beim Arm. „Kommen Sie", forderte er, „wir gehen jetzt zu mir, da erzählen Sie mir die Geschichte ausführlich, und dann gehen wir zum Konsul, und sehen, was zu machen ist.
„Muß das fein?", fragte Wingart.
„Was?"
„Daß ich zu Mitas Vater muß, mich entschuldigen ..."
„Wolle Gott, damit sei die Affäre aus der Welt", sagte Luzius. Er verabschiedete sich. Dieser junge Mensch war nicht mehr verständlich. Stahl der Bengel eine Perlenkette — und meinte dann, es fei zuviel, bei dem Bestohlenen um Nachsicht zu bitten! Er gab ihm nicht die Hand, sagte kurz: „Wir wollen heute abend zusammenkommen und Endgültiges beschließen. Ich werde inzwischen das Terrain sondieren. — Eine Frage: „Haben Sie das ganze Geld, das Sie bekommen haben, an Mita gegeben?"
„Jawohl."
„Unglaublich", zischte Luzius. „Und Mita nahm es? Fragte nicht, woher diese sicherlich große Summe komme?"
„Nein, sie vertraute mir."
„Hören Sie auf mit diesen blödsinnigen Redensarten!", brauste Luzius auf. „Kinder seid ihr, beide! Unser Fehler ist da« vielleicht auch mit. Wir haben euch Kameradschaftlichkeit angebofen. Man hätte euch wie Kinder beaufsichtigen müssen!" Er nickteBrendel zu: sagte ruhiger: „Gegen Abend, sowie ich abfommen kann"; und schritt davon
„Sie", sagte Brendel, und er nahm den jungen Mann fest beim Arm. „Wir wollen im Hause einen Schnaps trinken. Luzius scheint aum nervös geworden zu fein" Er zog den bebenden Winaart neben sich her. „Sie imvrovisieren aber auch tolle Sachen, mein Lieber . - •"
Wingart Reußner biß die Zähne zusammen; ganz fest; er hätte Brendel um den Hals fallen mögen; aber er nahm sich zusammen. Er blinzelte heftig gegen das Licht; keine Tränen jetzt; das wäre ja wahrhaftig lächerlich gemefen. Arm in Arm schritten sie davon denn Brendel wollte sicher gehen, er ließ den Jungen nicht los.
(Fortsetzung folgt.)


