Ausgabe 
12.3.1934
 
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Minuten nach

er die

zurückleben könne!

Das Fräulein hatte bei dem einen Wortlrebe, das er zu seiner Kameradin in diesem Augenblick faflte, eruen Stich tm Herzen gefühlt, so daß ihr Schritt stockte. Auch danach war die Last ihrer Gedanken den müden Füßen zu schwer.

Was ist Ihnen? fragte der Doktor besorgt: und seine eigenen Füße mahnten wohl mit, daß er fte bat, sie wollten sich eine Weile auf den Bänken da oben am Seeufer ausruhen. Sie könnten. e» doch nicht auf der Straße zu Ende sprechen, was nun gesprochen werden müsse! .

Und als sie die breiten Granitstufen hinauf auf die Terrasse gegangen waren, die da am See liegt, und eine Bank genügend entfernt von den andern Bänken gefunden hatten, darauf noch mehrere Menschenpaare in den überglitzerten See hinaussahen, wie sie es tun wollten Worte zu sagen, die ihren B^at und ihre Zartheit mehr da draußen fanden als in den eigenen Gedanken als die beiden wieder nebeneinander saßen rote in dem Wagen, aber nun waren ihre Zungen gelöst: da kam auchi der Doktor dazu, von dem zu sprechen, was ihm da oben am Albis rote eine Erleuchtung gekommen war und was er wahrend der schweig­samen Fahrt überdacht hatte.

Was nun gesprochen werden muß, begann er, seine eignen Worte ausnehmend, wäre unmöglich, ohne das Gesprochene vor­her. Auch so ist es nicht leicht. Sie haben mir zwar eine Brücke gebaut, die zu begehen für mich bequemer wäre. Ich könnte sagen was die Kameradin sich während der Fahrt ausgedacht hat, das sei zwar nicht richtig, aber es wäre nach ihrem Nein doch vor­läufig ein Ja. Ich hätte indessen mit einem _ut dieser Art nur eine Frist gewonnen: und eines Tages säße ich doch wieder da, wo ich jetzt sitze. Vielleicht wären die Worte dann leichter, aber die Sache hätte ein anderes Gesicht: ich glaube, ein falsches!

I So weit hatte der Doktor mit der Bestimmtheit wohl über­legter Sätze gesprochen: jetzt schüttelte er den Kopf und dachte nach. Nein, so geht es nicht! winkte er mit beiden Händen ab. Darf ich wieder, wie wir es taten, von einem Mann namens Schmitz sprechen, dem der Zufall eine liebe Kameradin auf den Albis geweht hat, die danach seine Hausdame wird? Es mag sich alles richtig anhören, womit die Kameradin ihr erstes Gefühl der Absage beschwichtigt hat: aber wenn es dann zu der Schlußfrage kommt, die mir bei der Gemütsart des Mannes namens Schmitz so unausbleiblich scheint, wie es unausbleiblich ist, daß mein Hut naß wird, falls ich ihn dort in den See werfe: wenn es dann zu

I dieser Schlußfrage kommt, hat der Mann seine Kameradin selber entwertet: Er kann natürlich auch seine Hausdame heiraten, aber so sauber vor der Welt wie vor sich selber ist es nicht, rote

I wenn er den Umweg nicht gewählt hat.

I Der Doktor war nun schon so im Fluß, daß er über das Ent- I weder-Oder eines Mannes namens Schniih weitergesprochen hatte. I Seine Partnerin aber stand auf, mit raschen Schritten aus dem I Bereich seiner Worte zu gehen, fort an das Geländer, wo sie mit beiden Händen leicht aufgestützt stehenblieb, in den See hinaus- I zustarren, so daß er ihre zierliche Gestalt dunkel vor dem Ge- I glitzer sah, das der Mond nun schon stärker auf dem Welleuspiegel

Bahnhof hielten. . _ ..

Gute Nacht! sagte der Wirtssohn als der Doktor dem Frau­lein zart aus dem Wagen geholfen und ihm die geringe Forde­rung seiner Gelegenheitsfahrt bezahlt hatte die schweigsamen Fahrgäste ihrem Streit überlassend: denn ihm war es gewiß, daß | die beiden in einem heftigen Zank begriffen waren. Sie standen auch eine Weile so da, jeder vom andern einen Abschied erwartend, der sich nicht so begeben durfte. Dann war es wieder das Fräu­lein, dem zuerst ein Wort glückte:

Zum wenigsten sollten wir unsere Kameradschaft Nicht in Un­frieden verabschieden! ,

Nein, das sollten wir nicht! gab ihr der Doktor lakonisch recht: und als sie sich einen letzten Mut nahm: Am Bellevue stände ihr Tram! Ob sie das Stück miteinander gehen wollten? antwortete er zweideutig: Hoffentlich noch ein langes Stück!

Während sie dann gegen den Alpenkai schritten, wo die Stratzen- beleuchtung dem halben Licht die Schatten immer eigenwilliger abspenstig machte, war das Fräulein endlich so weit, von den Ge­danken zu sprechen, mit denen sie in der stummen Wagenfahrt fertig geworden war. ,

Sie müssen mich für undankbar halten, Kamerad! begann sie leise: und als er kopfschüttelnd abwinkte, legte sie ihm bittend die Hand auf den Arm: Oder für eine alte Jungfer, die ein solches Angebot ans Zimperlichkeit ablehnte!

Und als der Doktor zum andernmal, verbissen in seine eigenen Gedanken, abroinkte: Sie habe im Gegenteil mit jedem Wort recht gehabt! schwankte ihre Stimme zum Weinen hinüber.

ES aeschieht mir recht, daß ich so bestraft werde mit Ihrem schrecklichen Gegenteil! beherrschte sie sich: Aber Sie müßen mtch doch zum wenigsten anhören, wenn ich ehrlich gutmachen will, was ich durch meine unüberlegte Weigerung anrichtete l

Und während die beiden über die breite Straße nach der See­seite binübergingen, sagte das Fräulein tapfer in die Schritte hinein daß sie sich einfältig benommen habe, ihre Kameradschaft so wichtig zu nehmen. Die sei schließlich nur eine scherzhafte Laune gewesen und habe schon im Hirschen ihr Ende gesunden. Jeden­falls nnd dies sage sie nicht ihrem Kameraden, sondern einem Mann namens Schmitz nach vernünftiger Ueberlegung: Wenn er nun nicht die Lust an den Launen einer gewissen Emilie Petersen

Als sie sich dann endlich wieder nach ihm zurückwandte, und er sah ihr Gesicht in der halben Entfernung nur wie eine blasse Helligkeit unter dem schwarzen Hut, stand er von der Bank auf, sie erwarten. Sie winkte ihm ab und setzte sich schweigend an ihren Platz, ihn mit einer weitern Handbewegung bittend, daß er dies auch wieder tun möge.

(Schluß folgt.)

tanzen ließ.

Der Doktor bezwang ein Gefühl, ihr zu folgen. Ich werde der Kameradin Zeit lassen müssen, diesmal die Gründe vorher zu finden, mit denen sie das erste Nein widerruft! überspitzte er seine vermeintliche Kaltblütigkeit. Und er ließ sich auch nicht beirren, als sie minutenlang regungslos an dem Geländer blieb, obwohl Sekunden zählte.

verloren habe, würde sie sein Angebot dankbar annehmen, in der Hoffnung ihn nicht zu enttäuschen. Sie glaube, mit ihren Netgun- aen und Fähigkeiten jedenfalls in der Erziehung sentes Töchter­chens besser am Platze zu sein als hier wo sie schließlich nur wieder einer geeigneteren Person die Stellung wegnahme.

Der Doktor hatte ohne Widerrede zugehört, so daß sie meinen konnte, er erwäge und billige ihre Entschließung: er horte aber nur auf den Celloklang ihrer stimme, die weich und warm tn ihre gemeinsamen Schritte floß, mit denen sie unterdessen aus der dunklen Umschattung der Anlagen an den See herangekommen waren auf dessen blanker Fläche die Lichter von überallher öod) »SS in Ll°», »->, n°« »er U'°

versunkenen Tages darauf lag und schon der Glanz des noch blassen Monblichts zärtlich darin zu spielen begann.

Die Kameradin möge im Recht fein mtt ihren ®nöen, öte sie sich unterwegs gegen ihre erste Entscheidung ausaedacht habe, versuchte der Doktor ebenso ruhig zu antworten, wie sie gcwro- chen hatte. Aber Gründe nachher seien leicht falsch: das erste Ge­fühl habe recht! Von ihm aus scheine das Fraulein Emilie Peter­sen wohlberaten gewesen zu sein, daß sie nicht tn 6te Förmlichkeit einer Hausdame zurück könne, nachdem sie dem Hausherrn. eine so liebe Kameradin geworden sei. Aus einer Hausdame könne eine Kameradin, aus einer Kameradin kerne Hausdame werden. Das Leben habe nun einmal die Eigenschaft, daß man es tu an

Die Fahrt ging vom Albis mit weiten Kehren hinunter ins J Sihltal, so daß die anschwellende Röte der Berge bald von rechts, bald von links durch die niedergelassenen Fenster des Wagens hereinlcuchtete, bis sie hinter den Waldrändern versank. Der Dok­tor schien so wenig darauf zu achten, wie er seine Begleiterin ansah, die verstummt über diese Wendung neben ihm sav.

Welcher Art diese Wendung in Wahrheit war, die siemit ihrer sreimütigen Erklärung herbeigeführt hatte, konnte sie weder dem lakonischen Wort noch den Mienen des Doktors entnehmen. un dieser Wahrheit war seine Schweigsamkeit nur eine &ar,

mitcr er seine Bestürzung verbarg, mitten in einer Entscheidung I zu sitzen, von der er nicht wußte, ob sie eine Vernunft oder eine Torheit bereit hielt.

Denn er machte sich nun nichts mehr vor, daß er sich bis über bie Obren in feine zierliche Landsmännin verliebt hatte. Von dem Augenblick an, da ihm der Celloklang ihrer kölnischen Stimme wi? Balsam ins Ohr floß, bis zu seiner Entlarvung 'M Hirschen war alles nur eine täppische Werbung gewesen, ttt 6er er sich durch die Verklebung des väterlichen Freundes öed. Kanteraden und | beloraten Vaters zu dem Liebhaber hindurchgespielt hatte, als der er nun in der letzten Verkleidung seiner Schweigsamkeit neben ihr saß: wenn er den Mund aufmachte, konnte es nur zu einer Erklärung sein, durch die seine Lächerlichkeit offenbar rour&e, tn seinem Älter ernsthaft an eine Heirat mit diesem Mädchen zu denken, das kaum so alt wie seine Tochter war: als ob er die abgelaufene Spule seines Lebens noch einmal aufwickeln könnte.

Wenn ich es ihr in aller Eindringlichkeit schreiben könnte, überlegte er, wäre es leichter! Aber auch dann konnte er nachher nicht stumm aus dem Wagen steigen, sich mit einer Phraset ver­abschieden: er mußte ein Brückenwort haben, und das fand er nicht so eifrig er seine Gedanken absuchte. Es gab keinen Ausweg, er mußte die Sache noch heute ins reine bringen,, wenn er fte nicht selber durch seine Feigheit gefährden wollte, rüdem er da­durch weiß Gott welchen neuen Verwicklungen Zert lreß.

Ein Mann zwar, dessen war er nun versichert, stak nicht di> hinter: aber ihre Natur, das hatte er genügend erfahren, lreß sich nicht gehen und nicht bereden. Natürlich würde sie wieder nein sagen: weil er sich schon in der Vorstellung, dann vor ihren for­schenden Augen rote ein Jüngling Liebesworte sagen S» müssen, lächerlich vorkam, wurde der Doktor mutloser und verdrossener, je mehr sie sich Zürich näherten.

Während im Sihltal die Dämmerung ihre grauen Tücher über Öen endlich sierbenden Tag auszubreiten begann, starrte er unent­wegt auf den breiten Rücken des Fahrers, als wäre da Ltne An­schrift zu entziffern, die ihm helfen könnte: und erst, als ste schon zwischen vereinzelten Lichtern durch die Straßen gegen den Bahn­hof Enge fuhren, fing er ans seiner Versunkenheit an, den Dingen um Ihn herum etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Serue Beglei­terin sprach er auch dann noch nicht an, so daß ste zuletzt, ver­donnert von seiner Schweigsamkeit, sich zu der Frage aufraffte, . ob der Kamerad sie nun ganz vergessen habe?

Im Gegenteil! sagte er noch einmal, tat aber einen so tiefen Seufzer hinterher, daß sie nicht weiterzufragen wagte, bis ste am

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Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drübl'jche Univerj itäts-Vuch- und Stetndruckerei. R. Lange. Dieben.