kein Vernünftiger könne von ihr verlangen, schon Mutter zu sein, und gar noch für eine Schwägerin, der sie tut Alter noch viel zu nahe stünde. Mit dieser Enttäuschung habe der Mann namens Schmitz das Haus des Obersten Bünzli verlassen, und — das sei ihm nun klar — aus der Ratlosigkeit dieser Enttäuschung habe er sich an seine Kameradin gehängt. Aus deren Händen, dessen sei er gewiß, würde sein Töchterchen eine kluge und gebildete Führung erfahren! , .
Es war eine ziemlich lange Rede, die der Doktor auf eine« Mann namens Schmitz hielt, und es kam ihm nicht alles so glatt vom Mund: mit Engelszungen kann ich nicht reden, fügte er noch hinzu. Ich kann es nur sagen, wie ein Geschäftsmann seine Kalkulation darlegt. Aber ich hoffe, es deutlich gemacht zu haben, daß da nicht der oder jener, sondern ein wirklicher Mensch gebraucht wird!
Das Fräulein, das jedes seiner Worte auch mit den Augen aufgefaßt hatte, den Mann, der das sagte, mit seinen Mienen und dem Versuch gelegentlicher Handbewegungen seiner sehr breiten, kurzfingerigen Hände in den Worten zu haben, senkte den Kopf nachdenklich auf ihre eigenen Hände, die immer noch auf dem Tischrand lagen. ,
Ich sehe ein, daß der Mann namens Schmttz ntcht diese oder jene Hausdame brauchen kann! sagte sie leise und hob die Augen nicht auf: Es müßte wohl eine Frau sein, die selber Kinder gehabt hat und sich auf Kinderherzen versteht. Ich zweifle nicht, daß er da bald jemand findet, wenn er ernsthaft sucht!
Nein, eine beffere findet er nicht! begehrte der Doktor auf: Er mutz sich darin auf sein Gefühl verlassen!
Aber Kamerad! mahnte das Fräuletn ebenso schalkhaft wie traurig und hob den Kopf mit dem schlichten Haar gegen ihn: Der Mann namens Schmitz kann doch noch gar nicht gesucht haben. Er ist heute mittag aus seiner Enttäuschung sogleich auf jemand ver- fallen, der eine kölnische Stimme hat und sich zufällig als die Tochter eines Studienfreundes entpuppte. Dieser Jemand ist ihm dankbar für das Vertrauen, und er sieht wohl, dah es diesmal mehr als bloße Hilfsbereitschaft ist: aber Ja sagen kann er nun leider nicht mehr! ~ t .
Wieso nicht mehr? begehrte der Doktor zum andernmal und trieb sie so in die Enge, die, offenbar über das entschlüpfte Wort verwirrt, ausbiegen wollte, daß ihr die Scheingrünbe zuletzt durcheinander gerieten. Sich zu retten, berief sie sich auf die Unmöglichkeit, Fräulein Julie als Schwiegertochter in Köln zu begegnen, und daß der Sohn sich wahrscheinlich für eine Hausdame bedanken würde, die in Zürich Dienstmädchen gewesen sei!
Wenn mein Sohn vernünftig ist, unterbrach sie der Dpktor, im Eifer den Mann namens Schmitz zu vergessen, so läßt er diese Jülli in Zürich und sucht sich ein Wesen wie Sie! Und merkte in seinem zornigen Eifer nicht, wie hoffnungslos er sich durch diese Offenherzigkeit verstrickte. ,
Mit ihrem Sohn wäre ich nicht über den Albis gegangen! wehrte sie ebenso zornig ab und saß schon da, mit beiden Händen ihre Schläfen zu halten, weil sie sich dieser neuen Ungeschickltchkeit ^"Nun also! triumphierte der Doktor und wußte nicht, über was. Und merkte erst, wie heftig er geworden war, als er sie weinen sah. Sie wischte zwar die Tränen, wie auf dem Meldeamt, mit ihrem Taschentuch ab; aber ihre Erregung ließ sich nicht fort- "^Doch schienen die geflossenen Tränen ihren Zustand geklärt zu haben. Der Doktor sah den Ruck, mit dem sie die Schultern fallen ließ, ihn aus verweinten Angen tapfer anzusehen:
Ich habe mich herauslüqen wollen mit metnem Nicht-mehr, das mir entschlüpft war: Weil der Mann namens Schmitz mein Kamerad ist, darum kann ich nicht mehr seine Hausdame sein!
Und als der Doktor sie mit einem unerforschlichen Bltck seiner wasserhellen Augen ansah, weil er ansing, ihre Weigerung zu verstehen, saate sie mit einem schmerzlich mtßglückten Versuch, zu lächeln: Wenn der Mann namens Schmitz wieder in seinem „Rheingold" sitzt, wird er wißen, wie recht seine Kameradin 6at@r weiß cs schon jetzt! stotterte der Doktor, als ob er aus einer Geistesverwirrung erwachte; und das Fräulein sah zu, wie er sich diesmal mit der flachen Hand den Schweiß aus der Stirn wischte und sein Haar in eine rührende Unordnung brachte.
Aber da trat der Wirtssohn an den Tisch: Wenn es den Herrschaften recht wäre, er müße nun fahren!
’ Ja wir sind fertig! sagte der Doktor, indem er seine Uhr an sich nahm. Nur die Rechnung brauchen wir noch!
Und während das Fräulein schon hinausging, beschrieb er der Saaltochter einen Kreis mit dem Zeigefinger über den Tisch, der ftin Notweinglas und bas Teegeschirr umfaßte: Es paßt nicht, scherzte er grimmig, aber es gehört doch zusammen!
V.
Es war noch hell, als die beiden in den Fordwagen stiegen, doch hing der nahende Abend schon in den Schatten, und der Gold- reacv im Westen gab dem Himmelsblau einen grünlichen Stich.
Ist der Kamerad mir nun böse? versuchte das Fräulein die Stimmung zu klären, nachdem der Wirtssohn mit dem Gehabe eines vorsorglichen Chauffeurs die gemeinsame Decke über ihre ^Jn?^Gegenteu"sägte der Doktor aus der Tiefe seiner Gedanken und es mußte ihr über die Maßen unhöflich klingen, daß er auf'die herzliche Frage keine andere Antwort fand, auch wahrend der Fahrt nicht mehr sprach, als ob er an seiner Enttäuschung oder gar einer Bosheit brüte.
leider in Wiesbaden exorbitant viel verspielt, über 1700 Taler, die zu anderen Zwecken bestimmt waren." Das Ende seines großen Liebesabenteuers meldet er dem Freund im Dezember des gleichen Jahres mit einigen wenigen Worten: „Als Nachricht wird es Sie vielleicht interessieren, daß meine projectierte Verbindung ganz und unwiderruflich abgebrochen ist, so daß mir davon nichts als die Erinnerung an vier sehr glückliche Honig-Monate nebst einem sehr bedeutenden aes alienum (Schulden) geblieben." Geldsorgen und immer wieder Geldsorgen: das ist der Inhalt einiger weiterer Briefe. — Der Teil des bisher noch unveröffentlichten Briefwechsels viele Jahre später aus Bismarcks Frankfurter Zeit ist ganz erfüllt von freundschaftlicher Zuneigung. Eine Aufforderung an den in Karlsruhe weilenden Savigny lautet: „Dienstag Abend ist mein erster Ball, fassen Sie einen plötzlichen EntschU in der Art wie zur Zeit von Fauguemont, und kommen Sie her dazu. Sie werden mir sonst vollständig misanthropisch. Ihre Gesundheit gebietet Ihnen zu tanzen, und meine Frau und ich bitten Sie dringend, seien Sie liebenswürdig und kommen Sie wieder einmal zu uns, ich sehne mich danach, Sie medisieren zu hören und der Abnehmer Ihrer Unzufriedenheit zu fern." Naturgemäß eutspinnt sich auch ein vertraulicher Briefwechsel über die Vundes- angelegcnheiten und wichtige Fragen der Außenpolitik. Besonders die Auseinandersetzung über die Wahl eines Oberfeldherren und über die Frage der Kriegsbereitschaft des Bundes ist zwischen den Beiden Anfang 1855 sehr rege. — Am Vorabend seiner Abreise nach Petersburg schreibt Bismarck mit einem Gefühl der Erleichterung, dem Frankfurter Ränkespiel entronnen zu sein: „Ich habe Gott sei Dank mit diesen Dingen amtlich nichts mehr zu tun und hüte mich außeramtlich in dem Brei zu rühren; es ist angenehm, für den kalten Aufenthalt wenigstens die Freiheit von Verantwortlichkeit für deutsche Politik zu erkaufen."
Auch die Beziehungen zu Hermann W a g e n e r, dem Vorkämpfer des Konservativismus tut preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag, dem Gründer und Schriftleiter der „Kreuz- zeitung", spiegeln sich von der ersten Phase freundschaftlicher Zuneigung bis zu der Entfremdung in den siebziger Jahren lebendig in einigen dieser neuveröffentlichten Briefe. Von Frankfurt schreibt er 1852 an Wagener: „Die Leipziger Allgemeine ergeht sich wieder in Absurditäten über meine Abneigung gegen Thun*), die durch meine finanziellen Verluste bei Gelegenheit des Verbots der Kreuzzeitung in Oesterreich gesteigert sei. O Rindvieh von Korrespondent!... Man geht in Lappalien unter bei dtesem Bundestage. In der Preffache bilde ich hier die äußerste Linke, schwärme für freies Wort pp." Politische Gegensätze und vtelletcht auch Mißverständnifle führten Bismarck und Wagener spater auseinander. In einem Brief vom 8. September 1876 findet Bismarck aber herzliche Worte der Versöhnung: „Daß ich bis zu den Eindrücken, die ich nach vorstehendem in diesem Winter empfing, bemüht gewesen bin, die Ungerechtigkeit, mit welcher das Staats- Ministerium 1873 und die öffentliche Meinung seither gegen Sie verfahren ist, gut zu machen oder doch zu mindern, wissen Sw selbst... Wenn Ihr Schreiben vom 4. d.M. ebenso wie die zwei oder drei letzten schriftlichen Mittheilungen, die ich trn Laufe von zehn Monaten von Ihnen erhalten habe, wirklich den Eindruck nicht beabsichtigen, den Sie mir formell machten, so wird die etwaige Verschiedenheit unserer Wege in dem jedenfalls kürzeren Rest unseres Lebens für mich nicht das Band zerreißen körnten, welches 30 Jahre freundschaftlicher Beziehungen und äcmeinschaft- licher Kämpfe geschaffen haben." In dem gleichen Brtef findet sich mich der stolze Satz: „Das Mittel, Zcitungsangriffe durch Tribut- ÄrtOhtntT abrukaufen halte ich sür zwecklos, indem es meine An- Kifer°rei?t - und meinem persönlichen Gefühl widerstrebt es absolut." _________
Ein Mann namens Schmitz.
Novelle von Wilhelm Schäfer.
(Fortsetzung.) 'Nachdruckverboten.)
Und als sie die Hände an der Tischkante leicht ubereinander- aeleat zwar nur nickte aber auch nicht abwehrte, setzte er ihr den
-- tine. D--«-»-»- 1«: D°, Man» namens Schmitz habe nicht nur bresen Sohn, mit dem er so merkwürdig verwechselt worden wäre, und seine^ Tochter yuoe nriTs siC einem Privatdozenten der Gynäkologie in Greifswald verheiratet"sei, sondern auch noch ein sehr spät nachgekommenes Töchterchen mit Namen Berta, desien Geburt vor beinahe sieben Jahren seiner Mutter das Leben gekostet habe. Dieses Töchterchen sei bisher von der alten Anna, dem Km^ermadchen, auiaetoacn worden; aber nun merke er langst, daß dies nicht meyr ginge Das Kind sei zart und nachdenklich; es stelle Fragen, die über 'das Antwortvermögen der guten Anna htnausginger^Er Ha6e mit Schrecken bemerken muffen, daß der kleine Kopf mu^or stellungen angeftillt sei, die mehr zu dem abergläubischen Kinder
öK 8ustand^habeÄnbMann namens Schmitz veranlaßt seinen Sohn der eigentlich noch keine Lust zum Ehemann zeige mit der Heirat zu bedrängen, damit das Kind etne Mutter Wn° D-n» ä*. » “m
«Reifen wie der Sohn auch, der schließlich andere E>eoan^n ™ Qouf habe als sein Schwesterchen zil unterhalten. Aber da» Sclach- brett seines Plans sei ihm heute mittag durcheinandergefallen^als er das Mädchen gesehen habe, nut öent sein Sohn in eine und Tanzliebelei geraten wäre. Sie sei ja selber noch Kino, nno
*) Friedrich Graf von Thun, seit 1852 österreichischer Gesandter in Berlin.


