Oer Sternenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Das Weihnachtshans.

Vis zum Herbst hatte sich Juppi, nach dem Beispiel des alten Titt, eine kleine Sammlung von Hölzern angelegt. Es waren ver­schiedenerlei Abfalle von Leisten, Latten, Brettern: große und kleine Stücke, wie sie ihm der Zufall fchenkte. Reichlich bemessene Schnitte hatten die gewöhnlichen Bäume geliefert: Fichte, Kiefer, Lärche, Buche, Eiche: sparsamer waren die nicht so häufigen Bäume: Platane, Ahorn, Kirsche, Nußbaum,- gegeizt hatten aber die feinen und seltenen: Mahagoni, Lebensbaum ...

Jegliche Probe hatte ihre eigene Maserung, ihren eigenen Spiegel und ihren besonderen Geruch. Juppi freute sich daran, eigentlich war es seine einzige Liebhaberei. Sein Werkzeugkasten lag in der Ecke: die großen Geräte der Werkstatt hatten die kleinen des Kastens verdrängt.

Von Zeit zu Zeit gelang es ihm, den hölzernen Schatz um ein neues Muster zu vermehren. Viele Wälder hatten an der Samm­lung teil: eine vertraute Gemeinschaft war es, mit der er sich gern unterhielt. Auch zeichnete er fleißig und dachte sich herrliche Tisch­lerarbeiten aus,- meist waren es Möbel von den allerfeinsten Hölzern. Der alte Titt hatte wohl nie solche Bäume zersägt. Mahagonibäume waren ihm nicht auf die Sägetische gerollt, Lebens­bäume nicht unter seinen Schneiden verstummt. Hätte der alte Titt nicht so bald das Zeitliche gesegnet, so wäre vielleicht Juppi Sägemüller geworden. Doch der Alte ruhte nun aus dem gleichen Friedhof wie Juppis Vater: die Sägemühle gehörte zum Hei­matdorf.

Aber Holz ist Holz, und das Tischlerhandwerk gefiel Juppl. Nicht aber das Tischlerhaus. Es bedrückte ihn eigentümlich, und er sehnte sich oft fort. Beständig verfolgte ihn auch das Sarggesicht. Im Haus lagerte dumpfe Moderluft, als faule irgendwo Holz und Hausschwamm. Die enge Gasse hatte wenig Sonne, nur abends empfing sie ein paar goldene Streifen. Jetzt, in den Herbst­nächten, legten sich die Nebel auf das Pflaster und feuchteten die Steinplatten im Hausgang.

Juppi war die gesunden Düfte und Wohlgerüche des Waldes gewöhnt: vor seinem Kammerfenster bei dem alten Titt hatten die Tannen und Kiefern ihre grüngoldenen Weihrauchfässer ge­schwenkt und Harzaiem ihm zugewölkt, wenn er nachts in seinem Bett lag. Was war es doch für ein gesunder Schlaf gewesen, den am Morgen die Vögel mit ihren Waldtrillern lustig störten. Wie ein Eichhörnchen hatte er die ganze Nacht ruhig durchgeschlafen bis in die helle Frühe. Hier aber erwachte er so häufig in der Nacht vom Dunst der Moderluft, die ihm Kopfweh verursachte. Man konnte wahrlich meinen, sie entquölle einem Sarg ...

Er träumte einmal, wie sich der Meister anstrengte, den Sarg­deckel zu schließen, damit die Fäulnis nicht herausstänke, und wie es ihm doch nicht gelang, wie der Sarg aufplatzte, Grünes aus­spie und der Deckel mit einem harten Schlag zu Boden knallte. Dann fuhr Juppi auf und starrte in das Dunkel, darin der schla­fende Otto sägte. Wie ein Holzwurm raspelte und feilte der Schlä­fer. Und das Haus hauchte Totenluft...

Nun war es Herbst geivorden, trüb und nebelig.

Mürk hatte seine schlechte Laune, der Meister war mit Otto über Land, der Obergeselle führte das große Wort.

Heut stinkt es wieder in allen Ecken", schimpfte er, seine Miß­stimmung auslüftend.Nach altem Käse, nach Limburger Fähnrich. Man sollte wahrhaftign Streichholz wegwerfen, damit die Bruch- Vude aufflattert. In so 'nem Kaff geht man kappores. Bei den paar Knöppen. Man tat besser Bankarbeit machen. Gestank mutz man hier fressest und den miesen Hanf der alten Kinkel da oben, die einen blotz beschwatzt und bedibbert."

So knurrte und sluntschte er den ganzen Morgen. Er schwitz die Werkzeuge herum und feuerte die Laten in die Ecken. An Juppis Kopf flog der Leimpinsel.

Die Möbel wuchsen unterdessen heran und bekamen Farbe. Den Werktischen und Hobelbänken entsprangen andere Tische, runde und viereckige: Stühle gingen aus Brettern hervor, Hocker und Bänke: Waschtische entstanden: Schränke gestalteten sich. Zu­weilen schob sich ein Sarg dazwischen, ivenn jemand im Ort oder in der Umgebung gestorben war. Solche Arbeit jedoch schätzte Juppi gar nicht: das war kein Möbel, mit dem man leben konnte. Kein Zimmer in seiner Vorstellung mochte sich um einen Sarg aufbaun ... Für eine feuchte Kammer war er bestimmt, wo es moderig roch, schimmelig und sporig wie im Hausgang ...

Er fühlte sich erleichtert, sobald der Sarg erst aus dem Haus war. Fort damit! Seinetwegen konnten die Leute ewig leben und brauchten keine Särge. Das war keine gute Tischlerarbeit. Solch ein Kasten wurde znsammengehancn, lieblos, ohne Kunst, ohne feines Holz. Schnell! Der Tote hat keine Zeit zu warten: rasch gesägt, schnell gehobelt, angestrichen, weg damit!

Eines Tages im Oktober trat der Pfarrer in die Werkstatt und bat den Meister, er möge ihm den Lehrling Juppi auf ein paar Tage leihn. Er lmbe dessen Hilfe zum. Einpacken von Büchern, von Hausrat und zum Vernageln der Kisten nötig. Er sei ver­setzt worden, hinaus in die Donaucbene. Seine Gesundheit ver­trage nicht länger die harten Winter mit dem anstrengenden Dienst im Wald. Ein jüngerer, kräftigerer Pfarrer werde seine Stelle einnehmen. Im Lauf der Woche schon gingen seine Möbel zur Bahn.

Der Meister bedauerte sehr, den Pfarrer zu verlieren und schickte Juppi mit ihm. Da ivurden nun die schönen Ordnungen der Bücher in der Studierstube wieder eingerissen. Die Bildwerke aus dem untersten Fach siedelten sich auf dem Fußboden neben den Kisten an, eine neue Gebirgslandschaft von Bücherschichten baute sich rundum. Juppi trug sie ab. Mit Feuereifer hals er, als zöge er selber fort. Liebevoll, zärtlich fast nahm er das Buch, in dem die schönen Bilder waren, die Holzgestalten und das Abbild vomBaum des Lebens" und versenkte es in die Kiste. Dabei wurde ihm schwer ums Herz: die Kiste war wie ein Schrein, darin er das herrliche Buch begrub. Er sah es wohl nie wieder. Und wie gern hätte er noch so manches Mal die Bildnisse betrachtet, die wunderbaren Holzwerke. Am liebsten würde er das Buch mit seinem Lebensbaum und den heiligen Familien aus allen Ländern begleiten.

Schönes Buch, schöner Baum: lebt wohll

Andere Bücher legte er darauf, große und kleine, und als die Kiste gefüllt und mit einer Schicht von Zeitungspapier überdeckt war, tat er den Deckel daraus und nagelte ihn fest. Kiste um Kiste. Er nagelte seine Reisesehnsucht mit hinein.

Die Bilder, die Spiegel. Der Pfarrer verpackte seine Wäsche und das feine Eßgeschirr. Juppi rückte die Möbel, sie waren leer und dröhnten hohl. Das Büchergestell trug er in den Hausgang, andere Gestelle schob er dazu. Die schweren Gegenstände seufzten und ächzten. Sie hatten lange Jahre an ihren Plätzen gestanden, nun wurden sie in ihrer Ruhe gestört und mußten weichen. Mit­unter waren sie freilich in der ausgedehnten Zeit staubig ge­worden, die Schränke auf der Rückseite und die Gestelle hochoben. Juppi fegte sie ab, sie waren marschfertig. Schon hatten sich die Stühle zu Haufen zusammengerottet, und die Uhr auf dem Schreib­tisch war stehn geblieben. Wem sollte sie auch in der Kiste, wo nun ihr Platz war, die Stunde anzeigen.

Zum bestimmten Tage fuhr der Möbelwagen vor. Laut hallten die Schritte der Packer und Möbelträger durch die Zimmer. Die Männer schrammten die Kisten durch den Flur und fällten die Schränke. Sie wurden die kleine Steintreppe hinuntergetragen, mit den kurzen Stummelfützen nach vorne, wie die Toten. Juppi schaute ihnen nach. So wurden aus seinem Elternhaus die Möbel fortgeschleppt. Angstvoll reckte der Tisch die Beine in die Luft, und die Lade hing heraus ... Die Kommode des Pfarrers, mit ihren alten, hübschen Messingbeschlägen, schwebte auf dem Rücken des Arbeiters ans dem Schlafzimmer. Der gepolsterte Lehn­stuhl schwankte davon.

Aus Juppis Herz stieg ein heiß gefühlter Abschiedsgruß. Den Dingen und Gegenständen, die sich auf den Weg machten, galt er, auch dem Pfarrer, ihrem Eigentümer und Begleiter. Mit ihnen und mit ihm schwanden alle jene guten Pfarrhaus-Abende für immer. Verklungen die Geschichten und Legenden, die ihm der Geistliche erzählt hatte, während sie damals ihre Bücherarbeit ver­richteten und die Wände, Reihe um Reihe, mit den bunten Leiuen- nnd Lederrücken schmückten. Stück für Stück verödeten die Zimmer, zuletzt wurde die Küche ansgeräumt, und es blieb nichts als der kalte Herd.

Juppi hielt im Garten Umschau, ob nicht etwa ein Stuhl oder ein Korb vergessen war: die Bäume warfen ihre Blätter ab, feiner Regen stäubte, der Garten war leer wie das Haus. Da rumpelte der Möbelwagen los ...

Im Dezember erhielt Juppi einen Brief von der Gret aus Passau. Am Abend, nach Arbeitsende, las er ihn in aller Ruh in der Werkstatt bei seinen Hobelspänen. Heftig klopfte ihm bas Herz. Das Bild der Spielzeug-Gret flimmerte vor seinem Innern Blick, wie sie mit ihrer Wäsche von Hautz zu Haus ging und er mit ihr. Ein grüner Waldsittig winkte hinter dieser Erscheinung.

Die ungefüge Handschrift war nicht leicht zu entziffern, und er selbst war im Lesen kein Meister. Sie erkundigte sich nach feinem Ergehn und rote es ihm bei dem Tischler gefalle. Wie es mit feinem Handwerk fei; ob er auch genügend warme Wäsche habe. Tausenderlei wollte sie wissen. Gleich einer Mutter fragte sie ibn aus. Der Brief machte ihm das Herz warm: wie lange hatte stch keine Frau um ihn gekümmert. Ihr ginge es gut, schrieb sie. Von Haus und Geschäft erzählte sie, auch von dem Herrn Nagel. Sie müsse nun bald an den Weihnachtsmarkt denken: ihre neuen Waren seien schon alle da. Ob er nicht wieder mit helfen wolle?

Ich bin froh", schrieb sie,daß ich nicht mehr mit meinem Korb auf dem Rücken losttppeln mutz. Jetzt hab ich's fein: die Leute kommen in meinen Laden."

So schrieb sie und malte zwei Seiten hin. Und Juppis Augen folgten gern ihren Federzeichnungen, die sich ineinander ver­ästelten wie Baumgewipsel, vogelgleich flogen darüber ihre U-Haken, die I-Punkte und die Striche, und dazwischen hing ein Tintenklecks wie eine schwarze Sonne. Er ließ sich von ihren Schnörkeln, Schleifen und Schwüngen in die vergangene Zeit hin­einführen, wiewohl er sonst, dem neuen Möbelstiel gemäß, nur für gerade Linien, scharfe Kanten und Formen ohne Schweifungen war. Sein Gesicht glänzte. Sie lud ihn zu Weihnachten nach Passau in die Messergasse fünf. Er sollte sich die paar Tage frei geben lasten und die Feiertage bei feiner alten Spielzeug-Gret verleben. Er feilte ibr nur bald schreiben, und die fünf Mark anbei wären für die Eisenbahnfahrt

Fünf Mark! Eine achtbare Summe. Drei Mark hatte er auch noch vom Pfarrer. Nun waren es acht zusammen. Da konnte er gut reifen. Wie freute er sich. Hoffentlich erlaubte es auch der Meister ...

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'lche Univerfitäts-Vuch. und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.