Ausgabe 
12.2.1934
 
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Freude staut sich an der Grenze, dte Lust lebt vom Ende, wie das Leben vom Tooe, und ein unentwegter Fasching mit Kostümbällen um Ostern kann niemals ein Fasching sein.

Aber der wahre Fasching sei ohne Polizeistunde das große Ventil, das die Menschen einmal im Jahr brauchen. Ist er zer­störerisch, so ist er auch schaffend. Und erzählt man mir von den vielen Ehescheidungen, die er verschuldet hat, so kann ich noch ganz andere Dinge erzählen von den Eheschließungen, die er ein­gefädelt hat, und von Weh und Kampf der Herzen, die der große Ruf der berauschten Stunde zu jahrelangen Entscheidungen auf­rief, zu Schicksalswenden, in denen sie erstarkten. Meist aber weint man in die Kissen, als alter Lor noch einmal jung wie ein Kind, und steht doch am späten Morgen lachend auf, mit einem ange­nehm leichten Brummschädel und mit dem neusten Schlager auf den Lippen. Was waren wir nicht alles, was erlebten wir nicht alles!

Wir machten die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Wir hielten die Läden geschlossen, damit es nicht hell wurde und die Nacht gleich in die nächste Nacht, das Fest in die Nachfeier übergehen konnte. Wir fuhren auf Wagen in der Maximilian- straße und brachten die Reste des Konfettis ein halbes Jahr nicht aus unserer Wohnung. Wir drehten uns wie Gespenster lautlos aus dem Teppich zehn Stunden lang zur leisen Nadel der unsicht­baren Saxophone. Wir tanzten am Aschermittwochmorgen den letztenFrassäh" auf dem Bahnhofsplatz zur Pfeifenbegleitung der Nachtbummler. Wir waren grundlos glücklich zum Herz­erheben und grundlos unglücklich zum Herzzerbrechen. Ein Fest hätte ein Jahr lang dauern und das Jahr ein Mondjahr sein müssen, um alles zu entwickeln, was es an Keimen und Aben­teuern in sich barg. Hier waren die Hütten gebaut, wo es sich wohl sein ließ, Zelte, Lauben, raumlose Räume, zeitlose Zeiten, übernächtige Landschaften der Seele, die sich bunt aus wachem Traum erbauten.

Du arbeitest, du hast deine Erlebnisse hinter dir, du wirfst alle Einladungen in den Papierkorb. Aber schließlich hörst du nur noch von Festen, jede Zeitung handelt davon, keiner erzählt dir etwas anderes, du bist der einzige vernünftige Mensch unter lauter Narren, und das heißt: du bist der einzige Narr. Du gehst schließ­lich auf ein einziges Fest, du bist das gerade diesem Verein schul­dig, du bist vielleicht in seinem Vorstand kurz, die Pflicht for­dert dich, oder du gehst hin, um mitreden zu können. Aber der Faschingsbazillus hat dich, ohne daß du es merktest, schon vorher infiziert du mußt dich ergeben oder du mußt in die Berge fliehen.

Das

Vom Toiengeist zum Fastnachisnarren.

Die Entwicklung der deutschen Maske.

Von Dr. Rolf Gärtner.

Maskenwesen, das sich bei uns hauptsächlich zur Fast­nachtszeit in seiner grotesken Buntheit entfaltet, ist über dte ganze Welt verbreitet und bei Sen Naturvölkern aufs engste verknüpft mit den religiösen Zeremonien. Schon daraus ersieht man, daß diese Vermummung einen tieferen Sinn hat, der aus den dunklen Urgründen menschlichen Glaubens und Aberglaubens emporgestie­gen ist. Dasselbe aber zeigt uns auch die Entwicklung der deutschen Mästereien", die auffällige Uebereinstimmungen mit den primi­tiven Formen aufweist. Diese Einordnung des deutschen Masken­wesens in die großen Zusammenhänge hat nun zum erstenmal der Basler Volkstumsforscher Dr. M e u l i in seinem grundlegen­den Beitrag über die Maske zumHandwörterbuch des deutschen Aberglaubens" durchgeführt. Während man eine Zeit lang in allen Vermummungen germanische Gottheiten suchte und dann wieder alles Verlarvte aus der Antike und aus dem Orient ableiten wollte, erweist Meuli aus der deutschen mittelalterlichen Ueber- lieferung, die bisher zu wenig beachtet wurde, die selbständige Ent­wicklung der deutschen Maske, die im wesentlichen ebenso verlauft wie bei den Primitiven und in der Antike:Es ist klar, daß eine so große und eigenartige Entwicklungsreihe nicht von einem frem­den Volk übernommen sein kann. Für die tiefe Verwurzelung im alten Glauben spricht auch die Uebernahme und Pflege der Brauche in allen Schichten der Gesellschaft."

Der eigentliche Sinn der Maskereien offenbart sich am deut­lichsten bei den Naturvölkern. Sieht man von den Trerverkle,dün­gen ab, in denen der primitive Jäger das Wild beschleicht, sostno die Masken in der Hauptsache Verkörperung derTotengeister, die das Aussehen der Toten nachahmen, nicht nur in der Gestal­tung richtiger Totenmasken, sondern auch in der Verhüllung, Ent­stellung, Bemalung und Beschmierung des Gesichtes. Ebenso weisen die Masken-Namen, soweit sie diese unheimlichen und grausigen Gespenster genau zu bezeichnen wagen, darauf hin, daß es sich um Tote, Ahnen, und Seelen handelt. Diese Seelen-Mcwken haben zunächst die Furchtbarkeit böser Dämonen, die sich für ihre Ab­geschiedenheit vom Leben zu rächen suchen, indem sie jeden Be­gegnenden schlagen, plündern, beschimpfen, vergotten oder ,hm sonst etwas antun. Aber der Mensch läßt sich diese Mißhandlung gefallen, denn er steht darin eine Sühnchandlung, die ihm Ruhe und Glück bringt: er will durch Opfer und Buge das Wohlwollen derUngeheuer" erlangen: er fügt sich demGeisterrecht, das die Maskierten außerhalb jeder menschlichen Ordnung und Gesetze stellt. In der überwiegenden Mehrzahl der Falle liegt das Mas­kenwesen in den Händen der Männer, und es wurde zur Zeit, da das Mutterrecht herrschte, von den Mannerbunden dazu ver­wendet, um sich bei den Frauen, die ihnen über den Kopf zu wach­sen drohten, in Respekt zu setzen, und sie tüchtig zu erschrecken. Damit wird die ursprünglich religiöse Seelenmaske zum Frauen-

und Kinöerschreck. Sie wird auch dazu benutzt, um sittenrichterliche Funktionen auszuüben, Schuldige zu bestrafen. Unbeliebte zu hänseln. Je mehr die Maskierten sich von dem Ernst ihrer Aus­gabe entfernen, desto mehr werden sie schon unter den Natur­völkern zu Spaßmachern und Possenreißern: die vor allem Lachen erregen wollen. Der Humor triumphiert über den Tod: das Grausige wird ins Groteske verwandelt.

Die gleiche Entwicklung läßt sich nun in der Geschichte der deut­schen Maske aufzeigen. Auch hier geht der Weg vom unheimlichen Seelen-Dämon über kriegerische, richterliche Verlarvung zum Seelenpopanz und zur komischen Person. Wie überall erscheinen die deutschen Masken am häufigsten in jenen Epochen des Jahres, die von altersher als Schwarmzeiten der Seele galten, also in der winterlichen, von Sturm und Wolkenzug durchbrausten Dun­kelheit der längsten Nächte, und in den Anfängen des Frühlings, da sich die Fruchtbarkeit in der Erde und im Blut regen. So sind diese Masken von Anfang an verknüpft mit dem wilden Heer, mit der Jagd der Seelen. Die germanische Ueberlieferung von den Masken ist erheblich älter und reicher, als man anzunehmen pflegt. Das älteste Zeugnis stammt aus einer Zeremonie, am byzantinischen Hof, die Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos im 10. Jahrhundert ausgezeichnet hat und aus der hervorgeht, daß im 16. Jahrhundert die Goten um Neujahr, in Pelz und Maske vermummt, Lärm- und Heischzüge unternahmen. Aus dem 7. Jahr­hundert sind die langobardi-schenWalapauze" belegt. Vermummte, die den Geist eines gefallenen Kriegers verkörperten und sich bas Geisterrecht" zusprachen, Züchtigungen und Spitzbübereien aus­zuführen wodurch sie offenbar mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, denn das langobardische Recht setzt im Jahre 643 für diese Wala­pauze eine harte Strafe fest. Im gleichen Gesetzbuch wird das Wortmasca" als Schimpfwort unter Strafe gestellt, da es soviel wie Hexe bedeutet. Maske ist wahrscheinlich von Masche, Netz ab­zuleiten, bezeichnet also eine Umhüllung des wiederkehrenden Toten, daraus wird dann der Begriff des bösen Geistes, der Ver­mummung. Germanisch ist auchtalamasca", das mit dem Wort dalen, teilen, lallen,kindische Dinge reden" zusammenhängt und auf die unverständliche, wohl auch komische Sprache der maskier­ten Geister hinweist. Andere deutsche Bezeichnungen der Masken offenbaren ein höchst altertümliches Bild dämonischer Wesen, die in Wind und Wetter öaherfahren, als unheimliche große Ltere oder als elbisches Gewürm erscheinen können, die Macht haben über Wohl und Wehe von Menschen, Tier und Pflanzen und deren Wirkung man in dem plötzlichen Auftreten rätselhafter Krankheiten, in unbegreiflichen Störungen der Naturvorgänge empfand. Diese Dämonen wurden von Vermummten, lärmenden Scharen dargestellt, die zu bestimmten Zeiten kamen, um Bußen durch allerlei Quälereien und Foppereien aufzuerlegen und Opfer zu heischen.

Ihrem Aeußeren und ihrem Verhalten nach sind diese Erschei­nungen als Geister charakterisiert. Die Gesichtsmasken, die sie tra­gen, heißenSchemen", d. h. Schatten, wie das noch bei der berühm­tenSchembart"-Maske anklingt: solche Masken bestehen aus Holz, Leinwand, Leder, ja aus Kupfer und Eisenblech, zeigen Bärte und tierische Verunstaltungen,Teufelshauben" mit Hör­nern usw. Gekleidet sind die Masken in Pelze und Rinderhäute, in Lumpen, Stroh- oder Laubhüllen. Die Pritsche der Narren ist wohl ein Ueberrest der Kolben und Schwerter, die die Masken der toten Krieger trugen: der Harlekin, eigentlich ein Höllen- mesen, behielt auch noch als Bühnenfigur der Posie sein Holz­schwert bei. Die Schläge, die mit den Pritschen ausgeteilt werden, sind ein Nachklang der großen Sühne- und Opferhandlung. Der Spektakel, den bi'e Masken machen, ist eine typische Form zur Erregung von Furcht, aber auch glückbringend. Die uralten Lärm­instrumente bestehen aus metallenen Hohlkugeln, aus Rumpel­glocken, aus denen sich die Schellentracht des Narren entwickelte, aus Pfeifen, Ratschen, rasselnden Ketten, Kuhhörnern usw. Waffe und Radau-Erzeuger vereinen sich in den Peitschen, deren pistolen­schußartiges Knallen mit großer Virtuosität ausgeführt wurde. Dasunmenschliche" Wesen dieser Masken erweist sich auch dar­aus, daß sie entweder stumm sind oder nur unverständlich lallen, grunzen, brummen, kreischen, bisweilen auch in Rätseln sprechen. Gespenstisch ist ihre Fortbewegnng, denn sie gehen niemals ruhig, sondern springen, hüpfen, tanzen, haben stets denGeisterschritt", der auch noch in den Koboldsprüngen des Bühuen-Hanswurst bewahrt ist.

In diesem tollen Benehmen, das auch heute noch alsMasken- Necht" gilt, lebt die Erinnerung an den Zug derarmen Seelen", deswilden Gejaids". Doch gibt es auch freundliche und gute Geister, wie sich z. B. in der Unterscheidung derschönen" und schiach'n" (häßlichen) Perchten zeigt. Diese freundlichen Züge traten neben den derben und grotesken in der späteren Entwick­lung immer stärker hervor und trugen dazu bei, aus den zunächst so unheimlichen und furchtbaren Totengeistern jene komischen Figuren zu machen, die wir heute allein noch in den Masken er­blicken. Die Umgestaltung ins Heitere und Lustige, ins Prächtige und Festliche ging hauptsächlich in der höfischen und städtischen Kultur des Mittelalters vor sich. Die übermütige, verlarvte Schar, die mit Schimpf und Spott herumzog, die Gaben heischte und Schläge austeilte, wird in dem Mummenschanz und in den Um­zügen der Fastnacht zu einer Possen verübenden Gesellschaft, ge­staltet das Fastnachtsspiel zum groben Bühnennlk, die Karnevals­umzüge der Renaissance und die englischenMasques zum künst­lerisch verklärten Fest. In dieser Sphäre, die den dunklen Spuk des eigentlichen Maskenwesens weit hinter sich gelassen hatte, ist der bunte Tand unseres Faschings und Karnevals entstanden.