Ausgabe 
12.2.1934
 
Einzelbild herunterladen

dem Pfeiler stand, bis Helmut kam, und daß ste sich eigentlich immer versteckt hat, vor der Sonne, vor der Luft und vor allem, was hell und freudig war.

Langsam gleitet das Flugzeug immer tiefer, der Erde zu.

Na, Mädchen, wie ist es, jetzt sind die Sterne fort und der Fasching ist aus", sagt Helmut, aber Gabriele findet, daß die Sterne immer da sind, wenn man sie nur zu sehen versteht.

Astronomischer Karneval.

Von I. O. Bringezu.

Der Mond liegt auf dem Rücken, er schaukelt für sein Leben gern; sein Kalb tanzt vor Entzücken ein Föxchen mit dem Abcndstern und ist von irrer Liebe blaß.

Der Bogenschütze, tränennatz, kann leider es nicht hindern, daß ihn die Jungfrau abgetan, weil sie der wilde Wassermann beglückt mit Zwillingskindern.

O Karneval, o Karneval, auf Erden wie im Weltenall!

Die Schlange beißt sich in den Schwanz, die Leier schlägt sich selbst zum Tanz, der Löwe löwt, die Ziege ziegt, der Krebs zwickt, toll und voll vergnügt die Jungfrau in die Waden.

Hier kommt nichts mehr zu Schaden!

O Karneval, o Karneval!

Der Stier nimmt eine Prise Hatschi! Da stürzt ein Sternenfall jäh von der Himmelswiese goldrieselnd auf den Erdenball den Narren vor die Füße.

*

Die Fische unterdessen hat, gut in Essig eingelegt, der Große Bär gefressen...

Münchner Fasching.

Von Hans Brandenburg.

Manche gibt's, die beteuern jedes Jahr, kein einziges Faschings­fest besuchen zu wollen, und halten dann doch nicht, was sie sich und anderen versprechen. Sie kommen aber oft mehr aus ihre Rechnung als diejenigen, die sich mit schädlichem Uebereifer hin­einstürzen, mit der Furcht, etwas zu versäumen, mit zu hohen Erwartungen, die natürlich enttäuscht werden. Da geht man besser unfreiwillig, getrieben, verführt, unter äußerem Zwange. Man bringe den Tag vor dem Abend in Qual und Unbehagen zu, in leichtem Fieber wie vor einer Reise ins Unbekannte, ja wie vor dem Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende, man zanke sich bis zum gemeinsamen Aufbruch mit seiner Frau oder quäle die sonstige Hausgenossenschaft, weil die Garderobe nicht zustande kommen will, man beschaue sein Kostümbild im Spiegel voll Jammer und Ekel, daß man nun so aussieht, obwohl man alles, was man ist, seiner Arbeit, seiner Würde, seinem wohlgeordneten Leben zu verdanken glaubt, man werfe sich schließlich zerschlagen und müde auf das schon nächtlich aufgetane Bett, wo man in Schlaf versinken möchte, wie man es verdient hätte, ja, wie man es müßte. Alle großen Dinge wollen nicht so sehr frisch angepackt werden, darum ziemt es sich auch, vor dem großen Festrausch die Hemmung, das Sichwehren und Sichsträuben, die Angst vor Liebe und Tod und vor allen Abenteuern, die wir nur bestehen, wenn sie uns verschlingen.

Denn der Münchner Fasching ist eine ernste Angelegenheit, nicht nur eineHerrschaft des Prinzen Karneval", sondern die­jenige einer weit elementareren Macht, die von Völkern, Reli­gionen, Kulturen göttlich gesprochen wurde, das letzte Erscheinen des orgiastischen Festgeistes in einer entgötterten Welt Wer den Fasching gar nicht mitfeiert, kann von diesem Geiste doch tiefer ergriffen und beseffen werden als wer in ihm nur Unterhaltung, Witz und Amüsement erblickt, er kann dem Dichter Eduard- rike gleichen, der sich monatelang auf eine Aufführung desKönig Lear" gefreut hatte und dann noch vor der Ouvertüre beim Hoch- gchen des Vorhangs die Flucht ergriff. Man kann den Fasching also auch durch Nichtfeiern feiern und überhaupt auf alle Arten. Man kann ihn von Anfang an begehen, nicht nur wenn man un­ersättlich ist, sondern auch, wenn man nur durch viele Nächte und Feste, auch durch verfehlte und verunglückte, für einen oder meh­rere Höhepunkte zubereitet, losgelöst, aufgelöst wird, kann die Nächte schließlich nur noch deshalb feiern, weil man an den Tagen nur noch vegetiert, oder man kann auch die anderen Menschen für sich arbeiten lassen und sich erst frisch und unverbraucht, in die letzte und steilste Woge werfen, die unbedingt mitreißt, kurz, aber gründlich und schön wie alles Glück. Man kann aus Uebcr- schwang hingehen oder der Not und Sorge zum Trotz, man kann als der erste kommen und als der letzte bleiben, der ein Fest bis zur Neige schlürft, man kann den Becher absetzen, wenn er am vollsten schäumt, man kann sich völlig verlieren, um sich im Alltag desto erhöhter und gekräftigter wieder zu finden, und man kann,

wie der große Weise beim Gastmahl, es vielleicht gar über sich gewinnen bis zum Morgenhelle zu bleiben".

Man kann sich gleichsam nur um sich selber drehen, trunken vom eigenen Blute, sobald ein einziger Takt Tanzmusik ertönt und der verhängte Mond eines einzigen Glühlichts farbig däm­mert. Man kann, blind für alle übrigen, nur mit ein und der­selben tanzen, oder mit ihr gar keine Zeit zum Tanz finden, und man kann, sowie wohl ein toller Reiter immerzu das Pferd wech­selt und die Runde auf jedem als etwas anderes und neues genießt, von Arm zu Arm tanzen, daß kein Gesicht einer Tänze­rin haften bleibt oder alle wie Göttinnen erscheinen. Man kann bas langweiligste Fest als das schönste in der Erinnerung behal­ten, wenn es die Partnerin brachte, auf die man gewartet zu haben schien, und das schönste als das langweiligste, wenn es unter allen zu erblickenden Gestalten die niegesehene vorenthielt, mit der man den Chor im Zweiklang gesammelt hätte, die gerade die Seele dieses einen Festes gewesen wäre.

Man kann, beneidet von allen Männern, die schönste Tänzerin des Saales erringen, erhaben über alles Wünschen und Begehren bewegt wie die Sphären, an unsichtbarem Faden in goldener Schwebe, und man kann ein armes Mauerblümchen erlösen, das dankbarere, bescheidenere, glücklichere Anmut ausstrahlt als alle die kalten und eitlen Siegerinnen der Schönheitskonkurrenzen. Man kann sich demaskieren, als einer der das ganze Jahr Mas­ken trägt und nur im Fasching keine tragen will, und der darum nichts als eine äußere Hülle, ein neutrales Gewand brauchen kann, oder man kann aus purer Freude an der Maske Fasching feiern, an vielen Masken oder an einer einzigen, eingeborenen, und bringt sich nun dieser Maske für die ganze Nacht zum Opfer, niemals aus der Rolle fallend und doch glücklicher als alle die übrigen, die nicht wissen, was sie vorstellen und darstellen und nur genäschig an den Tischen der Freude sitzen.

Nur der kann den Fasching nicht feiern, der Arme, der Acrmste, der niemals den Ernst und die Würde seines Namens, seines Alltags und Amtes abzustreifen vermag.

Man kann, man kann ... man kann alles in diesem einen und wahren Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur darüber schrei­ben kann man nicht. Man kann, man kann ... nur den Rausch preisen; aber wer es tut, preist auch die Gefahr. Man kann ... nur die endlose Girlande der Feste, die irgendwo in früher Ju­gend, in ganzem und halbem Vergeßen, selig oder manchmal auch unselig verflackert, traumhaft durch die Finger gleiten lassen. Kann man es? Jeder Fasching war eine Feuerkugel, die in hun­dert Sterne spurlos zerplatzte. Aber irgendwie bleiben sie doch am Himmel stehen und leuchten über ein Leben hin oder gar bis in die Ewigkeit, wie alle Gestirne der Freude, die nur scheinbar vergänglich sind.

Wann Hub es an? Ja, als es anhub, da waren die Künstlerfeske nur mit persönlicher Empfehlung, nur auf Einladung zugänglich, erst waren sie in derBlüte", dann in der Schwabinger Brauerei, und als die berühmtesten schließlich in den Lüwenbräukeller über­siedelten, da wurden sie längst plakatiert, und jeder darf hin, der seinen Eintritt zahlt. Früher nannte man nur die halböffentlichen Feste Künstlerfeste und die öffentlichen allesamt Balpares oder Reövuten. Beide haben ihren Reiz und ihre Berechtigung, die Feste einer gleichgestimmten größeren oder kleineren Gemeinschaft und die Feste der Maffe, die alles Volk durcheinander mengen. Dieser Unterschied ist längst verwischt, aber er muß bleiben und sich darum immer wieder neu bilden. Immer wieder mutz der Fasching neu geboren werden in Schwabinger Ateliers, in unscheinbaren Hinter­haussälen, in kleinen Landhäusern vor der Stadt, sonst entartet er zum bloßen Geschäft. Immer wieder aber muß er auch seine glänzenden Nahmen und Kostüme schaffen, seine exotischen Tranm- länder und Zauberwelten, aber immer wieder mutz auch das von unten auf geschehen, immer wieder mutz es sich aus der unbe­kannten Künstleriugend erneuern, sonst gibt es nur noch Szenen und Klischee und Prunk und Masken aus dem Kostümverleih, nach historischen Bilderbogen, nach modischen Zeitschriften und fertig bezogenen Schnittmustern.

Faschingsfeste sind keine Schaufeste, keine Ausstellungen, denn die schönsten sind die, die man alsBild" nicht bemerkt. Und doch: wenn man zurückblickt und aus dem Wirbel der Erscheinungen, Räume, Festspiele, Festzüqe, Gestalten in die Erinnerung reiht, welch unerschöpfliche Phantasie, Laune, Erfindung der Genera­tionen Münchener Künstlerschaft, welche Mühe und welches Ge­lingen, welche Gestaltungskraft, an den Rausch einer einzigen Nacht verschwendet, oft von namenlos gebliebenen, lebendig ver­schollenen. oft von Berühmten, die doch in ihren Vilderrahmen längst nicht so Bedeutendes schufen wie in diesen spielerischen Festrahmen. Der Münchener Fasching ist eine Erinnerung daran, datz Kunst nicht voll gedeiht, in denluftleeren" Ateliers und Aus­stellungen, sondern daß sie Zweck und Auftrag braucht, Gelegen­heiten, Zusammenhang mit dem lebendigen Leben und seinen Veranstaltungen, wirkliche, belebte Ränme, und daß sie Sinn und Krönung der Feste ist eine Erinnerung, die fortlebt nur noch in den Phantasmagorien und Illusionen kurzer, schnell und für immer verrauschender Wochen.

Krieg und Nachkrieg haben den Fasching nur verschwinden laffcn, um ihn neu zu stärken. Doch vorher schien er einmal ernst­lich erschüttert durch die allgemeine Revolution des Gesellschafts­tanzes. Die überfüllten Faschingsböden verwandeln schon immer den Walzer in ein Chassteren, und die Münchener Franeaise hatte stets den Menichenrhythmus und den Zweischrittdreher. Nur sind jetzt die biedcrmeierlichen schwitzenden Hopser zum schwelgerischen Schreiten geworden und die Kreise zu schrägen und schwankenden Raumrichtungen. Nur der Aschermittwoch mutz bleiben. Die