Ausgabe 
12.2.1934
 
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GiehenerZamilienlMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1954 Montag, den 12. Hebruar Nummer 12

Auf dem Maskenball.

Von Gustav F a l k

Die Geigen girren leise, Die Flöten flüstern so fein, Die Masken drehn sich im Kreise, Plump fährt die Pauke drein.

Die Bläser blähen die Backen, Das Bombardon poltert wie wild, Da dreht sich auf zierlichsten Hacken Auf einmal das zierlichste Bild.

Ein Seufzer der Klarinette, Ein zärtliches Ach der Obo, Tanze mit mir, Pierrette! Kein Füßchen tanzte je so.

Die Geigen girren leise, Die Flöten flüstern so fein, Die Masken drehn sich im Kreise, Ein Pfropfenknall fährt drein.

Die Bläser blähen die Backen, Das Bombardon winselt wie wund. Den Arm um den reizendsten Nacken, Such ich den reizendsten Mund.

Ein Seufzer der Klarinette, Ein zärtliches Ach der Obo, Küsse mich, Pierrette!

Kein Mündchen küßte je so.

Karneval unter den Sternen.

Von Claudia Bork.

Als Gabriele gegen Mitternacht an der Tür des Ballsaales stehenbleibt, spürt sie schon die Helle Lustigkeit und die heitere Fröhlichkeit karnevalhaster Stimmung, Eine Fülle von Licht um« gleißt die Buntheit der Kostüme und überstrahlt die Schwärze 6er samtenen Masken, und vom Orchester her klingen eben die ersten Takte eines jener wiegenden und weichen Walzer auf, nach dessen schmeichelnder Melodie die Paare in zauberhafter Träumerei ru schweben scheinen. Warum Gabriele gerade heute ihr strenges Arbeitspensum unterbrochen hat, weshalb sie für einen ganzen Abend ihre geliebten Studien in der Bibliothek aufgab, obgleich sie besonders interessante wissenschaftliche Spuren verfolgte, dafür weiß sie auch keine rechte Erklärung. Vielleicht war es die wunder­liche Ausgelassenheit, die in diesen Tagen überall in der rheini­schen Stadt umging, vielleicht auch nicht als Sehnsucht, einmal fröhlich und unbeschwert zu sein, gewiß ist nur, daß Gabriele eine seltsame Unruhe und ein unerklärliches Verlangen spurt, einmal ganz anders zu sein äls sonst. .

So heiter, so schwebend, so wunderbar leicht erscheint ihr alles, dieses flirrende auf und ab, diese herrliche Losgelöstheit, daß die vielen Abende, die sie einsam über ihren Büchern saß, hinblaßen. Sie erinnert sich, daß dies ihr erster Faschingsball ist, und in­mitten all der Fröhlichkeit fühlt sie noch stärker, wie allein sie eigentlich immer war. Gewiß, sie ist vorwärtsgekommen, sie hat den Doktor gemacht und die ersehnte Stellung als Bibliothekarin bekommen, ihr Name wird in der Fachwelt ehrenvoll genannt, aber was sie in all den Jahren, erfüllt von der Unerbittlichkeck ihrer wissenschaftlichen Arbeit, immer wieder betäubt hat durch neue Studien und neue Ziele, jetzt spürt sie es schmerzlich, dar, Einsamsein. Mit einem Male ist all ihre gewohnte Sicherheit fort lind sie kommt sich so hilflos vor, daß sie froh ist, weil ber große Eckpfeiler sie fast verdeckt. Ihre Blicke folgen lehnsuchtig der gra- riösen Schäferin, die lachend mit einem Rokokoherrn nn grünen Samtfrack vorübcrgeht, um schon den Cowboy zu beobachten, der -einen Arm zärtlich um eine kleine Indianerin geichlungen hat. Eigentlich ist Gabriele richtig bange zumute, trotzdem sie das hoch­geschlossene silberne Brokatkleid anhat, das nur tm 9iitr£en e n ' chmale Fläche ihrer sehr weißen Haut freigibt, und obgleich sie die glänzende Kappe mit den Propellern so tief über ihren Nacken- knoten gestülpt hat, daß kaum mehr als em paar rötliche Locken unter dem gebogenen Kappenranö bervorschimmern, und soga ihren blaßroten Mund noch von einem leichten chwarzeni Schleier verhüllen läßt, jetzt hat sie richtig Angst, genau wie damals vor

dem großen Tanzstundenball, als sie nicht wußte, wer sie wohl zur Polonaise holen käme. Mehr als zehn Jahre ist das schon her. Gabriele lächelt traurig und weil sie sich ein bißchen trösten will, summt sie die Melodie des Faschingsliedes mit, das eben mit Tusch von der Kapelle gespielt wird.

Na, Propeller-Mädchen", sagt eine Stimme dicht neben ihr, warum singst du so bescheiden im Hintergrund? Los in volle Beleuchtung!"

Und schon fühlt Gabriele sich fortgezogen und inmitten des fröhlichen Gewirrs. Daß ihr Begleiter einen dunklen Trainings­anzug trügt und eine winzige Baskenmütze auf den lichtblonden Haaren, daß seine Augen stahlblau sind und sein Mund energisch, das alles hat Gabriele nach dem dritten Tanz, einem Tango, fest­gestellt, und daß er Helmut heißt, weiß sie auch schon. Er hat eine so nette und lustige Art zu erzählen, daß Gabriele gar nicht anders kann als ihm zuhören, aber mehr als malja" oderhm" hat sie noch nicht geantwortet, als sie in einer kleinen Seitenloge sitzen und in hohen Kelchgläsern goldgelber Rheinwein zum Trinken einlädt.

Für Maskeraden bin ich sonst sehr", sagt ihr Gegenüber. Wenn wir so in der Luft rumgondeln, haben wir oft genug Nebel-Brillen vor Augen, beim Fliegen, da können wir keine Maske brauchen!"

Gabriele horcht auf. Fliegen, das war etwas, wonach sie sich schon immer gesehnt hat, so ganz nah den Wolken und Sternen zu sein, das scheint ihr wie etwas Unirdisches. So sehr träumt sic von diesem Erleben, daß sie fast erschreckt ist, als sie plötzlich vor der Tombola stehen und Helmut übermütig die Propeller ihrer Kappe rund um ihren Kopf sausen läßt. Zaghaft greift Ga­briele in die Schale mit den weißen Papierstreifen,- Helmut steht dabei und lacht sie aus, als sie eine Niete hat.

Paß auf, jetzt krieg ich das Faltboot!" Aber obgleich er mit geschlossenen Augen in die Glücksschale greift, gewinnt er nicht sein ersehntes Sportgerät, dafür hält er etwas verlegen ein kost­bar gebundenes Buch in der Hand, das er rasch durchblättert. Gabriele sieht ihm über die Schulter.

Chinesische Märchen", sagt sie,Erstdruck, auf Pergament, handgepreßt."

Behutsam streicheln ihre schmalen Finger das seltene Buch und während sie zärtlich Blatt für Blatt betrachtet, erzählt Ga­briele von all den wundersamen alten Manuskripten und Hand­schriften, denen ihre Liebe gehört, und sie vergißt ganz, daß sie im Ballsaal ist und daß Fasching ist, und daß sie zu Helmut spricht, so sehr ist sie wieder besessen von all dem, was ihr Leben all die Jahre erfüllte. Ob es bloß Verlegenheit ist oder noch etwas an­deres, das wagt Gabriele nicht zu denken, aber Helmuts Stimme klingt mit einemmal merkwürdig unsicher.

Jetzt muß ich aufpassen, daß mir mein Propeller-Mädchen nicht davonfliegt!" und schon hat er sie untergehakt und während sie an seiner Seite die Treppe zum Tanzsaal heruntergeht, während wieder Musik aufklingt und Papierschlangen schwirren, bleibt Helmut plötzlich stehen und sieht Gabriele einen Augenblick schärf und prüfend an:

Propeller-Mädchen, wenn du keine Angst hat ich mache jetzt meinen Probe-Rutscher, wenn du willst, kannst du mitfliegen!" Keine Sekunde zögert Gabriele mit dem Ja, stumm folgt sie ihm zur Garderobe und immer, wenn seine sportliche Gestalt in dem einfachen dunklen Trainingsanzng aus der Menge der bunten Kostüme auftaucht, freut sie sich auf eine besondere und nie ge­kannte Weise.

Bis zum Flugplatz sprechen Gabriele und Helmut kaum mit­einander, auch nicht, als das Flugzeug in der Halle noch einmal von Helmut sorgfältig überprüft wird, erst als sie langsam anf- steigen, höher, immer höher und die vielen Lichter der Stadt winzig unter ihnen sind und der Rhein nur ein dunkler Punkt ist unter vielen anderen, da kann Gabriele ihr Entzücken nicht mehr zurückhalten und ihre Augen schimmern feucht.

Traurigsein gilt nicht", ruft ihr Helmut zu und übertönt den Lärm des Motors.Paß mal auf, wie du gleich lachen wirst!", und dann beginnt das Flugzeug in wunderlichen Kapriolen auf und ab zu tanzen, als wären sie noch im Ballsaal beim Fasching.

Gabriele winkt den Sternen zu, und als sie plötzlich so in­mitten der Wolken sind, daß Helmut das Steuer herumreißt und Aufpassen!" schreit, da denkt Gabriele bloß daran, wie kümmer­lich doch alle Phantasien ihrer Bücher sind gegen die Einmaligkeit solch einer Fahrt. Plötzlich fühlt Gabriele sich gar nicht mehr ver­lassen, sie weiß, daß noch viele herrliche Jabre vor ihr sind und daß alles nur darauf ankommt, den richtigen Gefährten zur Seite zu haben. Sie denkt daran, wie zaghaft und versteckt sie hinter