Ausgabe 
12.1.1934
 
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Beran'toottlicb: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Deriag: Drühl sch« Univrrsitäts.9Such. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

me§i§ die Kartoffelernte, stark beeinträchtigt durch die lange i Nässe des Sommers, etngebracht war, begann es zu schneien. Die Lust über der Tiefe flimmerte. Vom Oedhang n,ederftaubte das Geflock, schimmelig sah die Grstshalde aus, und die Mittag, sichte legte eine weibliche Tracht an.

Die Runkelrüben wurden heimgefahren, und nun mußte xyuypi zusammen mit der Magd vor der Rübenkammer, darin man die Feld frischte einlagerte, tagelang nach Schulschlutz Ruben putzen. ( Mit klammen Fingern reinigte er sie von anhaftender Erde und schnitt die Krautstrünke ab. Steif gefroren kroch er nach Einbruch der Dunkelheit in den Stall.

Wie anders war der Winter von einst gekommen. Ueber die Fichtenwand vor den Fenstern, darüber in klaren Nachten die Sterne spielten und der Mond wie die Haarspange der Gret blitzte, wirbelte der Flocken'chwarm, weiß wie Flaum, und abends trat der Vater, von der Arbeit heimkehrend, mit beschneitem Rock itnö Schnurrbart in die Stube. So war es, und so fiel der Kind-

'©tat! bei den Einsamerkühen war es lau. Wenn Iuppi von der Schnle zurückkehrte, frostklappernd, ihm fehlte es sehr an warmer Unterwäsche, schlüpfte er flink zu den Tieren: das Fut­tern war ihm jetzt die liebste Hofbeschäftigung. Der Tieratem, die mütterliche Dumpfheit der Kühe umhauchte ihn friedlich. |

Und dann gab es da nachts einen Schmaus. Wie hungerte ihn. I Nun war er darauf gekommen, daß dem abzuhelfen war. So hatte es begonnen: ein ganz klein wenig molk er eines Nachts ein paar Milchtropfen eignete er sich an. Nacht für Nacht wurde eS der Tropfen mehr, ein richtiges Milchzehnt zog er. Was ihm nicht von anderer Hand gegeben wurde für seine Müh und «einen Hun- ger. na^m er sich eigenhändig.

In eine alte Blcchstbale molk er. Aber einmal, schlaftrunken, lieb er sie offen liegen. Zwei Tage vor Weihnachten war es. Sonst batte er sie immer gut unter dem Strob versteckt. Flunk fand die Schale, als er ibn weckte. Er sah die Milchreste drin.

Du hast die Vieh gemolken, ha?"

Und er hielt ibm die Schale unter die Nase.

Hast Mitch getchlappert?" fauchte er. Seine Vohrlocheraugen flackerten gefährlich.

Iuppi stand verdattert. Zu laug zögerte er mit der Antwort. Da saß ihm auch schon ein Schlag im Gesicht, auf der Na'e, und das 93htt schoß heraus. Mit Wucht kobolzte er in die Einstreu. Flunk fiel über ibn her und trommelte ibm mit der Vlechsthgle auf dem Kopf herum. Als er von iftm ablieb, konnte Iuppi sich kaum erretten aus den Kuhfladen. Blut- und kotbeschmutzt war er. durclsichiMelt von einen Schluchzen. Er wankte ins Freie.

Tagdieb!" maulte der Knecht ihm nach.

Beim Nachtmahl in der Stube schaute keiner der Ester Iuppi an. Niemand redete zu ifmt, kein Schimpfwort fiel, nirfit einmal Lois trat ihn gegen die Schienbeine. Auch die kleine Magd hatte keinen Blick für if'n. , m r .

Nach dem Tischgebet sagte der Bauer zu ihm:Von heut an schläfst auf dem Neuboden!" t

Droben im Boden grub er eine Schlashtchle in den größten HeiA-infen und schliefte wie ein Dachs in die Röhre.

Vater ..." heulte er erstickt in die Finsternis des dürren 93aitevnk'ntmcr8, in die gestorbene und aufaeftapefte Wiese. Aber sein Vater war ferner als der fernste Sommer. Ueber das Dach der Scheuer fegten die Schueeböen.

Weihnachten kam, der erste Christabend tu der Fremde. In der 93aucrnftu6e grünte eine Fichte, sie lieb viele wesenlose Fichten in Iuppi erwachsen die goldenen Fichten von einst. Weit von ibm tauchten strablende 93äume auf. einer hinter dem andern, einer kleiner als der andere, bis hinab in die allerfernsten Weibnachts­abende, aleich einer sich in die Kindheitsdämmerung verlierenden Waldzeile.

LoiS sagte zu Iuppi:Brauchst nicht dabei zu sein ..."

Flunk saote:Sonst krieost 'ne Nlechschale zum Milchsteblen..."

In der Bauernstube rasselte eine kleine Zieaenschelle. die Bäuerin läutete zur G-mBefAerung. Die Leute ginaen feierlich in die Stube: voran der 93alter, nach ibm Lots: dann kam Flunk, zulebt Bärb. die Magd. Iuvvi drückte sich hinaus in den Nos. Sein Herz war steinschwer. Er lehnte sich in die Ecke von Haus und

Das Bäumchen! Hinter dem Vorhang und den Bleichen Blu- meugerippen auf der Fensterbank funkelte die Weihnachtsfichte. 93itute Kerzen flammten, ruhig wie Sternenaugen, die sich aus der ß'intteSroelt herabgesenkt hatten auf das tränende Wachs. Silbern blinkte eine Glaskugel: ein heller Vollmond schwebte im Nadelwald der Fichte, gleich dem wirklichen Mond über dem SchneehantL Inppis Augen kletterten an dem Bäumchen aufundnie^der: gutes Kindeslicht strömte ihm zu, Marchenglanz und Jesuschetn.

Nüsse und Aepfel hingen daran, auch ein paar Zuckerkringel und -Herzen Schnee und Flitter waren über die Zweige gestaubt. Uten die Leute auch einen Engel auf die Spitze getan? Er sah stbarf hin: oh ihnen flatterte kein Engel auf der Krone, kein sin- aender Seraph: auch kein Fink von Watte und Federn zwitttherte dort. Sie besahen weder Engel noch Vogel. Auch er fiatte feinen Engel, er war ibm entwichen. Aber der Vogel war bei ihm ge­blieben, in der Rocktasche. Zärtlich tastete er danach.

ginn den Kerzen, den weihen, blauen, roten, die ihm ihr Licht rnscbickteu irrte fein Blick zu den Gesichtern. Der Lichtskor um­hüllte sie selbst Flunk zeigte eine heitere Miene. Lots strahlte. x,n den Händen hielt er eine neue graue Joppe mit feinen griinen Besätzen und Hirschhornknöpsen, er betrachtete sie von allen Seiten.

I-ür Iuppi war kein Häufchen bereitet wie zu Vaters Leb<>eit. Keines un'er dem Bäumchen als Christgeschenk, keines auf dem Tisch daneben als Gebnrtstagsangebinde. ,

Mit tiefernstem Gesicht wich er langsam vom Fenster. Er hatte genug gesehn. Am liebsten wäre er jetzt bei der Spielzeug Gret ge­wesen in der Pgsfaner Marktbude. Aber die war wohl schon langst geschlossen, der Markt war ans, auch in Passau blitzten die Flügel der W^ibnachtsengel. Die Gret feierte mit ihrer Schwester ... ©eine Gedanken verliehen die Freundin nnd zogen nach «icben- ellc'n zur Försterin, die so strahlend wie ein Weibnachtsboum ano- fab Das Forsthaus stand am Wald, das HirsAgeweib Über der Tür starrte in die Nacht. Mondhell fah er es im Geist aufohmtnen. Memifi Brannte auch im Forstbgi'8 ein WeibnochtSböomAeu. wenn S auA feine Kind?r dort aab. Er sah es auf dem Ti'ch stebmund die aoldbena-'elten Siük'le schimmerten. Ob jetzt die Rebe durch die Fenster der Försterei in das Zimmer schauten? Zog der pcttrac Nii-sch mit dem Kreuz zwischen seinen Gewelhgsten durch die Christ­nacht. vorbei an dem schneeüberdeckten Asteraarten?

Ibn fror. Wie ein Hase kroch er schaudernd zusammem.Ar konnte sich nicht entschließen, im Heu zu verschwinden der Licht- flor vor dem Fenster und die stille, hohe Nacht Bannten ibn.

Reich ansgestirut war der Himmel. Die Tannen und Fichten da brüße« hinter 6er Wiese ragten fchneebeloden und wie «nwi k- lich in d'e wilchblasie Kuvpel. Neber den Kronen lAwirrien die ! Sterne, ihr Gewimmel Blinzelnder LtchtauoenBlickte^zutc'm nieder. Es waren die Kerzen des Himmels, wo der ließe Gott Wei macht , fctCTt.

Der Himmefsbaum war angezündet in der wolkenfofen Christ­nacht. feine zahllosen Lickster Brannten, so weit der Blick m dm uiwvdli-be Knvvel reickite Der TonueufAaften da drüben am Rond des Teldes miederboste siA nnüberseboubar oben am Firmament. Die Dnnrelbeit zwischen Li^t und Li^i waren die Zweige bi "«er .fsimmefsrnnne. des eosioen Weitmachtsbginns. Inv»rs,ch getröstet hob Invist feinen Bfist fn den Sternenbgn"' von Lichtaezwew zu L'chtgezweio. und lieh ibn mAn in dem Wivfel. her weit ans- äftete, gleich den steinernen Rippen der Kirchenwötbung.

Nnter dem Baum aber, wie i<m I"vni ernannte, mar ^ofenß; er stand da. feinem Bildnis auf dem Bildsto^ oleiA d'e M""--r- aottes daneben und das Kinh Nnd die aante W-li mit jbren Dör­fern und Kirnen, mit den Wäldern, den Kirschen darin und den | einiarneu Forstbänfern war dem Jesukind zum Welhnachtvsest und 1 zum Geburtstag beschert.

I (Fortsetzung folgt.)

nach der Sonne. Aber die <L> 'o6 über die Woge

UNsÄk 8 »Ä 'M» Wipfeldächern. Kalte Lust umschauerte Iuppi.

Die Landschaft veränderte ihre Züge, über Nacht wurde sie alt iniirriicl wenn auch die Laubslammen auf den Höhen zün­gelten Von den Aeckern brenzelte der Kartoffelrauch. Der Wind rütteUe an den Forsten. Das Baumgesicht, wo war es? Emst I hatte es ihn, vor Einschlafen, an den Vater gemahnr, mit einem . Mondlicht und einem Schattenschnurrbart.

Das Gesicht war weg. Kindergespinst. Auch das hatte er nicht

Scheuer, der Hund schmiegte ihm den Zottolkopf ans Knie. Leis friwmthten die Kühe hinter dem strohverpolsterten Fenster und der sestaefchlosienen Stalltür. Ste atmeten in die Weihnachtsstille. Wie Gold blinkte das Stroh: es hatte einen Krippenschein im unge­wissen Schneelicht. ~

fieilta weiß glomm der Schnee. Aus dem 8eiister der Bauern­stube fiel fünfter Schimmer, ausgesendet vom Weihnachtsbaum. Da her Streifen zu Füßen des Hauses. Das war alles, was Iuppi'hatte. Mit verschleiertem Auge starrte er auf diesen glitzerw- hen Licksttevvich, den das fremde Bäumchen ihm wirkte, ihm allein. Mehr ivar ihm nicht beschert. Gleich einer Schleppe ödu 65ternen= staub war de7 G immer vor ihm ausgebreitet. Doch ab und zu wurde er verdmikelt. In der Stube umgingen die Leute das Bäumchen, ihre Schatten fielen in den Hof anders nahm Iuppi nicht an ihrem Gehaben teil.

Sie Atmeten Kerzenduft, Harz- und Waldgeruch. Er atmete die kalte Luft und das Winterschweigen. Kein Laut störte den Schlaf der Welt. Es hatte aufgehört zu fchnetn, Walder und Hügel und sie traumhafte Schneelandschaft waren zu Glas gefroren, -wie Engelshaar sah Iuppi die Strähnen des Elses darüber gegossen. Der Himmel schickte seine Sterne.

Leidvoll unentschlossen löste sich Iuppi ausIeiner Ecke, Fuß: vor fphenb trat er tiefe Stapfen in das Weiße. Der tarnte knirschte die gedämpften Stimmen der Einsam^cleute redeten briniwn'in der Stube durcheinander. Behutsam schlich Iuppi an der Wand hin zu dem kristallslimmernden Lichtteppich. Sein < .

drängte sich an den Fensterstock, die hungrigen Augen spahtci. -n