weiteres ins Reich der Fabel verwiesen werden, mag sich auch der alte Brehm noch so energisch gegen dieses Monstrum ausgesprochen haben, „das zwar nicht im Meere, wohl aber von Zeit zu Zeit in den Köpfen der Schiffer und dann auch regelmäßig in den Tagesblättern spukt". Wir rechnen heute immerhin mit der Möglichkeit, das; die Seeschlange existiert und daß die durch die Jahrhunderte überlieferten Nachrichten von ihr keine leeren Trugbilder waren.
Von fabelhaften Tieren ist die Phantasie des Altertums und des Mittelalters erfüllt, aber deutlich tritt uns die Große See-
Namen Longicaudata oder langschwänzige Tiere Vorschläge und die nur ein Genus hat, das er Megophias Naf, nennt, und nur ein Spezies: Megophias megophias (Ras.) Ond., eben die Große Seeschlange. Es ist ein Säugetier, dessen nächste Verwandte die Seebären und Seelöwen sind und dessen Ahnherr in dem fossilen Basilosaurus zu suchen ist.
Seit diesem grundlegenden Werk, das sich mit der Seeschlange beschäftigt, sind zahlreiche weitere vorzüglich beglaubigte Berichte über das Austauchen rätselhafter Seeungeheuer bekannt geworden, besonders von französischen Seeoffizieren, deren Mitteilungen der Pariser Zoologe Giard 1904 in einer Mitteilung an die Pariser Akademie der Wissenschaften zusammenfaßte und aus denen er den Schluß zog, daß es sich dabei um einen vorsintflutlichen Saurier handeln müsse. Alle Daten und Berichte, die seit etwa 1890 aufgetaucht sind, wurden dann von dem englischen Marineoffizier N. T. Gould in seinem Buch „Der Fall Seeschlange" gesammelt. Er kann sich bereits auf die wissenschaftliche Erforschung der Tief- sec beziehen, die das Problem der Seeschlange in ein ganz neues Licht gerückt hat. Wir wissen heut, daß die ungeheuren Tiefen der sieben Weltmeere noch eine Fülle von Geschöpfen bergen, von denen wir noch keine Ahnung oder doch nur eine sehr ungefähre Vorstellung besitzen. Besonders aufschlußreich sind in dieser Hinsicht die Schilderungen des Engländers Mitchell Hedges gewesen, der gewaltige „Kümpfe mit Niesenfischen" ausgefochten und Sägefische von 50 Zentnern Gewicht, Haifische von 30 Fuß Länge, See- Elefanten von noch größerem Ausmaß ans Licht gebracht hat. Riesige Tintenfische sind gefangen worden, die beweisen, daß der ebenfalls Jahrhunderte für fabelhaft gehaltene „Krake" tatsächlich existiert. Im November 1921 wurde bei Kap May an der Delaware-Bucht ein Säugetier angespült, dessen Gewicht auf über 15 Tonnen geschätzt wurde, das also so viel wie fünf ausgewachsene Elefanten wog. Wenn heute der amerikanische Naturforscher William V e e b e in seiner Stahlkugel in die Tiefen der Meere hinuntersteigt und durch sein Guckloch den phantastischen Zug der Meerun^ehener beobachtet, so erschaut er Wunder über Wunder, die an die Geschöpfe der fernsten Vorzeit gemahnen, riesige See- skorpione, scheußliche Seegurken und Seewalzen, mächtige Seekühe, See-Elefanten usw. Nach diesen Erkenntnissen wird man Mitchell Hedges zustimmcn müssen, wenn er schreibt: „Man hört häufig Geschichten von der sagenhaften Seeschlange und von riesigen Fischen mit Stoßzäbnen, und die Leute lächeln darüber. Wenn man mich fragt, ob ich an die Existenz von Geschöpfen glaube, die in den Tiefen der Ozeane leben und größer sind als I alle Einbildungskraft es sich vorstellen kann, so antworte ich mit einem uneingeschränkten Ja!"
schlänge zuerst in den Angaben einiger Kirchenfürsten entgegen, : denen wir gewiß keine leichtfertigen Lügereien zutrauen werden. < Die erste Kunde findet sich in einem Werk des Erzbischofs von : Upsala, Olaus Magnus, der aus dem Jahre 1555 berichtet, daß ; norwegische Fischer eine gewaltige Seeschlange von über 200 Fuß Lange und 20 Fuß Durchmesser in der Nähe der Küste bet Bergen sahen; das Tier, das nur bet schönem Wetter sichtbar war, soll ■ eine Mähne, glänzende Augen und scharfe dunkle Ringe gehabt 1 haben. Der erste Bischof der Grönländer, der ehrwürdige Paul 1 Egede, schreibt dann fast 200 Jahre später in seinem Tagebuch vom ! Jahre 1743: „Den 17.. Juni sahen wir Statenhuck und hatten bas Land beständig im Gesichte bis auf den 64. Grad. Hier ließ sich ein ungewöhnliches, fürchterliches Tier sehen, das sich so hoch über dem Wasser erhob, daß der Kopf über unseren Mastkorb emporzuragen ichicn. Sein Odem war nicht so stark als des Walfisches. Der Kops war schmäler als der Körper, der weich und runzlich schien; es hatte breite hcrunterhängende Tatzen. Wenn es untertauchte, überwarf es sich rückwärts. Nachher kam der lange Schwanz zum Vorschein, mehr als eine Schiffslänge vom Körper." Nicht lange danach sindet sich eine von dem Bergener Lootsengeneral L. von Ferry und anderen Augenzeugen beglaubigte Mitteilung vom 21.2.1751 in dem „Versuch einer Naturgeschichte Norwegens", die der Bischof und Kanzler der Kopenhagener Universität Erik Pou- roppidan verfaßt hat. Das Geschöpf, das die Schifsahrer an einem sehr stillen und heißen Tage auf der Fahrt von Trondheim nach Molde sahen, wird folgendermaßen geschildert: „Der Kopf dieser Seeschlange, den sie mehr als zwei Fuß über der Wasseroberfläche hielt, ähnelte dem eines Pferdes; er war grau, bas Maul ganz J schwarz und sehr groß. Die Augen waren schwarz; eine lange weiße Mähne hing vom Nacken herab bis ins Wasser. Außer dem Kopf und dem Nacken sahen wir sieben oder acht Buchten tseemau- ' nischer Ausdruck für Krümmung) von der Schlange, die sehr dick : waren; nach unserer Schätzung war etwa ein Faden (2 Meter) ] zwischen jeder Bucht." Der Bischof Pontoppidan erzählt nocy von verschiedenen anderen Beobachtungen großer Seeschlangeu und erklärt, seine heftigen Zweifel seien durch unbestreitbare Beweise behoben worden: „Unter unseren besten Seefahrern und Fl,chern sind viele Hunderte, die mit eigenen Augen Seeschlangen gesehen haben, und ihre Beschreibungen stimmen ganz gut überein. Bei meinen Nachforschungen unter den Bewohnern der Nordprovlnz antwortete mir fast jeder Einzelne mit großer Sicherheit und Bestimmtheit. Ja, die sogenannten Nordfahrer, die alljährlich des Handels wegen hierher nach Bergen kommen, schämen sich fast, wenn sie ernstlich über die Sache befragt werden. Sie betrachteten diese Frage als eine ebenso überflüssige, wie die, ob es Kabeliaue ober Aale gibt."
Diese ältesten Angaben über die Große Seeschlange sind deshalb so bedeutsam, weil alle späteren Berichte fte int wcjentltcoen bestätigen und ungefähr dieselben Einzelheiten mttteilen. Das englische „Naval Chronicle" hat in seinen Jahrgängen von 1810 und 1818 eingehende, unter eidesstattlicher Versicherung abgegebene Schilderungen solcher Seeungeheuer georacht. Otto v. Kotzebue überliefert einen gleichen Bericht in seinem 1821 erschienenen Werk über seine Entdeckungsreise, an der Chamisso als ^^rforscher tcilnahm. Besonderes Aufsehen erregten die Angabcst des Kapitäns des englischen Kriegsschiffes „Daedalus" vom 11. Oktober 1848, die von dem Führer des Segelschiffes „Mary Ann" unabyangig bestätigt wurden und unter den Gelehrten heftige Streitigkeiten hervorriefen. Auch hochangesehene deutsche Marineoisiziere, wie der Kapitän der Korvette „Elisabeth", Hollman», und se,n damaliger erster Offizier, Georg Wislieenzs, haben von ihnen beobachtete Seeschlangen eingehend geschildert. Eine zusammenfassende Uebersicht über alle bis dahin erschienenen Berichte gab der angesehene holländische Zoologe und Direktor des Zoologischen Gartens im Haag, A. C. O u d e m a n s, in seinem 1892 in eng- U'cher Sprache veröffentlichten Werk „Die Große See'chlange" Eine historische und kritische Abhandlung." Oudemans behandelt nach Ausscheidung einer großen Anzahl von Berlchten. die er für unabsichtliche oder absichtliche Täuschungen halt, 187 wirkliche Beobachtungen, die nach seiner Ansicht volle Glaubwürdigkeit verdienen. Das rätselhafte Seetier wurde in fast allen Meeren beobachtet, am häufigsten an der Ostküste von Nordamerika (65mal , ein her norwegischen Nordwestküste (46mal) und an der schottischen Küste (15mal). Aus diesen authentischen Berichten stellt Oudemans schließlich ein Bild des unbekannten Geschöpfes zusammen und gibt genaue Grösienverbältnisse, freilich nur proportionalgroßen, da die Anaaben über die Gesamtlänge zu sebr voneinander ab- weichen. Danach ist die Länge des Halses 6 Kopflängen, die des Rumpfes TA, die des Schwanzes 13^, die Gesamtlänge 27^Kopflängen. Oudemans beschäftigt sich eingehend mit den etwa ^ Erklärungen, die von den Gelehrten versucht waren. Er kebut es ab, die Secsthlange für eine Reihe von Dclvhincn, einen Schwarm fliegender Fische, einen Meeraal, einen See-Elefanten uw. zu halten, sondern vertritt die Ansicht, dost die SeeV>lan-e <”» S '"e- tter sei, das einer besonderen Familie angehört, für die er den
©er S ernenbaum.
Roman von Friedrich Schnack.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Die Getreideernte fiel nicht zur Zufriedenheit des Bauern aus. Die Aehren waren dürftig, die Schulden drückten, zu allem Mißwuchs kam der Verlust einer Kuh, die man notschlachten mußte, weil sie beim Sturz ein Bein gebrochen hatte. Da begann die Bäuerin mit Milch und Mehl zu sparen. Juppi zog den Riemen, der ihm die Hose am Leibe hielt, enger. Beim Wäsche- Handel hatte er im Gesicht etwas zugenommen und magere Ecken ausgesüllt. Nun fiel er wieder ab. Zuweilen stibizte er aus dem Feld eine weiße Rübe, säuberte sie am Brunnen und verzehrte sie roh.
Aber er sah über seinen kargen Teller hinaus jenen Traumes- teller in Siebenellen; hinaus über den dürftigen Bauerntisch blickte er aus einen wahrhaften Muttertisch. Da stand das köstlichste Essen und schmeckte nach allem, was gut war: duftende Pilzgerichte, flockige Mehlknödel, süße Kirschen. Aus einem lederbenagelten Feststuhl kauerte er und sah das Licht über eine schneeweiße Tischdecke fluten; eine Fichte aber, vor der man ruhig-heiter sitzen konnte, durchleuchtete sein Bild. Ein Stotz in die Rippen nahm ihm dies Bild — das war Flunk, der ihn zurückritz in die Bauernstube. _ „, , ,
Im Herbst, als die Blätter fielen, holte er sich beim Schneider drunten im Ort den neuen, grauen Anzug. Er hatte ihn Uber den Arm gehängt und stürzte, glühend vor Glück, den Hang empor. An dem Bildstock trug er ihn vorbei, der gemalten Familie freudenvolle Blicke zuwcrfend: künftig werde er an Sonn- und Feiertagen mit einem guten Anzug zur Kirche gehn.
Am Wold lüpfte er die Zweige und kroch hinein in das Serbst- gemach. Rundum baute sich Vuchenlaub. Hinter einem Stamm entbreitete er auf einem Onadertisch. den er sorgfältig abgefegt hatte, den altneuen Anzug. Er legte die Hosen hin. Sie streckten ihre Stossbeine aus. Die Weste. Den Rock. Ein herrlicher Anzug. So einen hatte er noch nie getragen. Bewundernd newle sich Juppi über das Schneidcrwerk. Mit ihm bestonuten die Baume den Schatz. Sie warfen ibm ein paar goldene Blätter darauf.
Zu dieser Freude gesellte sich aber bald Belrübuis. Beim Ausräumen im Waoenschuppen fand er die Trümmer seiner Harmonika. Seine Mundharmonika! Die Schalen waren abgerissen, die Meisingzungen lagen bloß und aufgebogen. Die kirschrote Mundleiste war abgenagt, grau von Staub.
Wer batte sie so zuaerichtet? Flunk ober Lois. Einer von beiden halle sie ibm oestoBen. Er ließ die Reste ,n die Tasihe gleiten. Auf das Weihnachtsbild seines Gedächtnisses legte sich eine dreckige Dand. , _,
V-rdrossen stapfte er durch den fiof, am Hund vorbei, der sich mit ibm anaesrennbet batt- und ibm mit langen Blicke« und > lustigen Launen nachäugte. Aber Juppi sah ihn gar nicht


