Ausgabe 
12.1.1934
 
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Siebener Amilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eietzener Anzeiger

Irhrgang <93^ Freitag, den l2.)anuar ^^^ttummer^

den Schnee, bei Wind, durch viele Straßen, im Licht der Bogen- tan@o wirbelte der Schnee, so ging das Paar. Da waren die stummen Häuser, da führten Türen und Tore in die Hauser, da liefen Treppen innen in den Häusern empor, mit vielen Win- dunaen, wie hölzerne Schlangen. Die Schlangentreppen mundeten vor Türen, die führten in die Wohnungen, in Gänge uyd Flure und Dielen der Wohnungen, und von da führten wieder Türen, braunlackierte und weitzlackterte, in die Zimmer, in einem Zimmer stand in einer Ecke ein Bett, und in den Klssen des Bettes lag eine alte Frau im Halbschlaf, im Halbtraum.

Es war eine weißhaarige Frau, eine kranke, sehr kranke Frau, es war eine Frau, die schon weit weg war vom Leben, die schon auf einen Ruf von drüben horchte, von droben, von drunten, von weit her, von weit woanders her. Sie war schwach, sie war müde, sie dämmerte dahin und horchte ins halbdunkle Zimmer, in dem nur ein wenig Licht war, von draußen, vom Schnee, von der Bogenlampe. Sie war allein, ein Sohn war irgendwo, eine Toch­ter war irgendwo, weit in der Welt. Sie war allein, aber das roaj nicht schlimm, man war immer allein, sein Leben lang allein, auch wenn man zu zweien war und zu dreien und zu vieren und zu vielen. Sie hatte es getragen und hatte das getan und dies, und nun hatte sie nichts mehr zu tun als zu horchen.

Sie lag und horchte mit bleichem Gesicht. Wie ein Mann sah sie aus, wie ein alter Soldat, das Kinn vorgedrückt, tiefliegend die Augen, die welken Lippen fest geschlossen über zahnlosen Kie­fern. Sie lauschte wie ein Soldat au' einen Ruf, auf einen Be­fehl, sich aufzumachen irgendwohin, vorzurücken, auf ein munteres Signal, auf einen Trompetenstoß etwa.

So wirbelte der Schnee und so ging das Paar durch den Schnee, Karl und Maria, die Häuser entlang, Arm in Arm. Sie kamen an ein Haus, dessen Tür überdacht war, das sah einladend aus, und so traten sie unter das Dach und standen nun trocken, und draußen wirbelte der Schnee weiter, und sie sahen ihm zu, dem Schnee. Arm hatten sie in Arm gelassen und standen. Karl sah weg vom Schnee, sah Maria an, die noch unverwandt ins Weiße starrte, ins wirbelnde, drehende, taumelnde Gestöber. Karl sah auf tbren Mund, 'der rot und feucht war von der Frische, und wußte, daß er ihn küssen würde, bald, bald! Das hatte er schon leit einer Stunde gewußt, sie ivußie es wohl auch schon ebenso lang, aber der Ent­schluß war nicht so leicht durchzuführen, aber jetzt, unter dem Tur- dach, jetzt war es so weit. Maria iah noch immer in den Schnee hinaus. Bebte nicht ihre Lippe? Wurde sie nicht roter und jetzt wieder blasser? Da legte Karl den Arm um Marias L>ch,,ltern und zog sie leicht an sich, und das Mädchen gab dem Druck nach, ohne die Stellung der Füße zu verändern, neigte sich nur zu ihm, und so nun standen sie also eine Weile, aber zu küssen wagten sie sich immer noch nicht.

Es war so schwer, zu einem ersten Kuß zu kommen. Der Schnee wirbelte, Marias Gesicht war nun näher bei ihm, ihre Lipven waren nun näher bei ihm, ihren Atem spürte er, warm und suß, und das Zittern ihrer Schultern.

Und jetzt wagte er es. Er zog sie dicht an sich, sie sträubte sick tiirfii letzt mußte sie einen Fuß vom Boden beben, sie tat es. sie "aume te ein wenig dünn lag sie an seiner Brust, lag ihr Kopf an seiner Schulter, hob sie das Gesicht ihm ein wenig entgegen.

Da legte er auch den anderen Arm um ite und suchte mit dem Rücken die Wand, land sie. fühlte den kalten Stein. nud aab Mama den ersten Kutz. Sie riß sich zurück, ritz ihn mit, '°in Rucken ver­liest den kalten Stein, dann liest er sich wieder gegen die Wand fallen und nahm das Mädchen mit und küßte es nun ^um «netten Male, lind zum dritten Mal sank er gegen die 9^01161, rf,nZp.t! sie sich an ibn. und zum dritten Mal küßte ersieSle hat^n nichts gesprochen, kein Wort, hatten die Augen geschlossen, vor denen es purpurn wogte, wußten nichts von der Welt, wußten nur von if)r^n ffirem Bett die Greisin, bleich in den Kissen, die sich vor ihr türmten im schwachen Lickt der Bogenlampe von draustem wie ein Gebirge, das sie zu durchwandern hatte. Hügel hinauf Hügel hinab lsie wanderte nun schon nächtelang, öie ©«Htn Hirte en en schrillen Ruf. die Klingel tönte kurz. Man rief sie schon? Man rief sie endlich? Das schwere bleiche Gesicht bobsie empor. Das Signal, das langerwartete? Der Trompetenstoß? Da klingelte es zum zweitenmal. länger diesmal. Ja, murmelte sie. ia. ja, is schon mcht und siib über das Bettgebirge bin. wo ein Paß sei ein Nickenweg, ein Hirtensteig. Und *um &TittenmM &urd) Me ßti e schrillte der Klingelrus. Aergerlich, fast murrend sagte sie. <za, ja,

Spielzeug.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Liebchen fand ich spielend. Einen Kasten Hatte sie entdeckt voll längstvergeßnen, Staub'gen Kinderspielzeugs: Mauern, Tore, Rathaus, Häuser, Häuserchen und Kirche ... Sie erbaut das Städtchen mit gelenken Händen, stellt den Ktrchtum in die Mitte. Doch ein Häuschen hat sie vorbehalten, Vorbehalten sieben grüne Pappeln

Für ein allerliebstes kleines Landgut.

Nicht zu nah! Im Städtchen klatscht man sttndlich.

Nicht zu ferne! Man bedarf der Menschen.

Eben sind wir eingezogen!" jubelt Sie und klatscht in ihre kleinen Hände. In der Wonne des erworbncn Heimes Riß ich Liebchen an mich so gewaltsam, Daß den Arm sie streckte wie ertrinkend ... Was erwischte sie mit schnellen Fingern, Eng an meine Brust gepreßt? Die Kirche, Ja die Kirche mit dem roten Dach war's. Und sie stellt' sie dicht vor unser Landhaus.

Das Liebespaar und die Greisin.

Von Georg V r t t t i n g.

Der Wind wehte, es war Januar, Schnee fiel, es war Abend, es war schon Nacht, Schnee fiel schon seit Stunden, dicht und un­aufhörlich, so war cs ein lautloses Gehen. Es waren ihnen Mas­kierte begegnet, ein Harlekin auch, dessen rotweißgewürfelte Holen unten aus dem braunen bürgerlichen Mantel hervorsahen. Seine schwarzen Brombeeraugen im kalkweihbemalten Gesicht hatten sie im Licht der Bogenlampe, frech, negerisch, fröhlich angeglotzt, dann wallte der Vorhang ans, aus drehenden Flocken und der Mann war schon wieder vorbei. Eine Zigeunerin war aufgetancht, mitten im Schneewirbel, große, gelbe, schaukelnde Ringe in den Ohren, hatte ihnen etwas zugerufen, etwas Zigeunerisches, und hatte Karl eine Kußhand zngeworfen, und int Wirbel war sie mit dem Schnee um eine Ecke entschwunden. '

Karl sah Maria an, Maria sah Karl an, beide lachten. Warum sollten sie nicht lachen, laut und schallend? Es war ihnen wann, es war ihnen sogar heiß, sie gingen ja Arm in Arm. Maria er­rötete, sie tat, als merke sie es nicht, daß Karl ihren Arm drucke, sie tat, als sei das ganz und gar zufällig geschehen und auch Karl tat scheinheilig so. Wie sollte ihnen da nicht heiß sein, wie sollten Ne da nicht glühen und feuerrot brennen?

Wie der Schnee wirbelte! Karl und Maria kannten sich erst seit gestern. War es wirklich erst seit gestern? Karl sah sie an. Er kannte jeden Zug ihres Gesichts, jede Schwellung, jede Rundung ibrer Lippen, die er noch nicht geküßt hatte, und hatte ein solches V «langen, es zu tun! Wie waren ihm ihre Augen bekannt und wie vertraut die kleine Nase, nicht zu klein, gerade recht, groß genug unter der nicht hohen Stirn, in die der schwarze ?ut rote TJ! Ä .m. «.. Itm ml. »1.1« «-N w--.» sie heut schon gebogen! Ueberall saü die Welt gleich ans, überall waren dunkle Häuser, nur bis zum ersten Stock zu erkennen im Licht der Bogenlampen. Neberall wirbelte der Schnee, überall waren ihre Schritte lautlos, überall hatte sie ihren Arm in den einen, da waren sie überall glücklich, in jeder Straße, tn jeder Gasse, bei Wind und Schnee. Der Wind war nicht kalt, war wohl gar Föhn «war aber gar nicht Föhns, er kühlte sie Et. sie glühten, lind sie gingen rascher, als hätten sie ein Ziel lsie hatten aber keinss, bogen nur wieder um die Ecke und wieder tn eine Straße "»Ä« M--i- m« Stud.ntt» M. «-«.-» M> gestern abend kennengelernt, tn einem Vortrag, waren nebenein­ander gesessen und waren miteinander ins Gespräch geraten. Dann waren'sie zusammen weggegaiigen, er battesieheimbegleltetund sie hatte ihm für morgen, also für heute, einen abendlichen Spa­ziergang zugesagt, und der wurde nun durchgeführt im wirbeln-