Ausgabe 
11.6.1934
 
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mochte wissen, wie diese zwei merkwürdigen Talente in die or­dentliche Familie Hasselbrink geraten waren!

Sonst ganz gute Kerle,.. Dabei war, wie er wußte, Sie Wir­kung, die von dem Namen Hasselbrink ausging, so groß-daß selbst Dagobert mit seinem merkwürdigen Zeug von Bildern davon Nutzen zog:der begabte Nesse uniere» berühmten Forscher, und Sammlers", wie die Kritik ihn nannte. Aber Louis hatte sich raf­fend geweigert, sich selbst wie einen steifen, ampruchslosen Ludiker mit grellsarbenem Dorfschneiderrock von ihm malen zu la sew Der Junge wurde sogar manches von seinem Zeug snr richtiges Geld los... Diez, der kommende Satiriker, stand ^rt Jahren auf eigenen Füßen, verdiente dreihundertfunszlg Mark bei derVe- gurnag" und noch etwas darüber für seine kritischen und witzigen Schreibereien für dieLeuchtkugeln und andre Blatter.

Na, steckt euch was zu rauchen an, ihr Neger!" sprach der Ohm. Ein belebendes Wort, das allen aus der Seele kam.

Klüter säuselte fragend, mit harmlosem Mondgesicht, herein.

Louis befahl Zitronenlimonade zum Essen. Also: Zitronen- limonade!

Uebrigens war Dagobert im Augenblick mit etwas Wichtigem beschäftigt. Er hatte ein angesichts der gestrigen stürmischen Dreh- bahn gegebenes Versprechen keineswegs vergessen,- er hielt immer aern Wort, nicht bloß erfreulichen Damen und künftigen Portrat­modellen gegenüber. Die Frage war bloß die: Wie es dem Onko mit zwingender Wirkung beibringen?

Diez den Dagoberts Seelenqual erheiterte, schlenderte gemäch­lich in die Bibliothek hinüber^ spürte dort aber sofort, wie zur Strafe, einen ungemütlichen Schauder vor den massenhaft vi^en Büchern, die ihn peinlich bedrückend an seine eigenen zahlretchen Pläne, Haufen von Notizen und blendenden Einfalle zu dicken Büchern gemahnte. Jeder, der große, scharfe Dinge publizieren will lDiez wollte erst!) kennt das. Diez wandte den Buchern rasch den Rücken. Ob Dagobert seinen Sorgenpfeil schon abgeschossen hatte, dem Onko mitten ins Herz oder in die Wltwerwade?

Auch Diez war in einer leichten Spannung und Erwartung: Eine höchst erfreuliche Dame, diese beschwingte Dame Gugernell! Eine leibhaftige Frau, von der eine starke, blutwarme Belebung ausging! - hübsch gesagt, sehr gut... Es hing natürlich mit ihren Künsten zusammen! derlei war immer magischer Zwang. Ent­zündende, entzückende Suggestion sonst war es überhaupr nichts! Er lächelte,- ihm war angenehm warm und sehnsüchtig zumut. Vom heißen Frühling da draußen vermutlich? Er trat ans offene Fenster.

Dagobert lehnte, sichtlich erleichtert, bereits draußen auf dem Balkon über dem Gitter. Er hatte mutig den Rest seines Herzens vor Louis ausgeschüttet, sich zu seiner Einladung bekannt und im übrigen die Entscheidung Louis anheimgegeben. Er flötete jetzt hinab:Till, mein Liebling, du darfst 'raufkommen zu deinen alten Onkels! Du störst uns nicht mehr, Süßes! Diez hat rote ein Quäker gesprochen und sich an Onkos blau gestreiftem Schlips ausgeweint. War an allem schuld besonders an Katarina! flüsterte er hinunter.

Diez stand neben ihm und streichelte seine Rippen, was bei dem breitschultrigen Diez nicht zu übersehen war. Dann lag auch er auf dem heißen Gitter und sprach liebreich hinab:Hallo, klei­nes Wesen! Siehst heute merkwürdig erwachsen aus, auf dem besonnten Rasen! Wie ein richtiges blondes Menschenmadchen mit einem Goldherz am Halskettchen... Hab Sonne im Schnäuz­chen! Komm mal 'rauf!"

'Sie streckte ihm weit die rosarote Zunge heraus.

Louis spazierte drinnen umher und war ärgerlich: Was fiel dem Menschen ein, ihm fremde Leute diese fremde Dame ins Hans zu laden? Louis schnob Luft aus und reckte sich, sanft gerötet, aber ebenso merklich angeregt und belebt. Er lauschte nach draußen aus die Stimmen und freute sich unversehens wieder. Ein herrlicher Morgen! Leben, Leben eine wunderbare Sache! Er hatte Dagobert kurz geantwortet, daß er sich das noch sehr überlegen wolle! seine eigene Aufforderung damals im Hotel- casö wäre nicht so ernst gemeint gewesen eine artige Redens­art.Was ist los?"

Dagobert stand wieder in Lebensgröße im Zimmer, warf, wie zu einem Kinnhaken, den Arm vor und sah sorgenvoll auf die Uhr.Dars ich fragen, Onkel Louis, wie du dich entschieden hast? Anrusen mutz ich auf alle Fälle tut mir leid ... Ich kann ja sagen, datz es heute nicht patzt: Sonntagsruhe,- oder dah noch nicht Staub aewischt ist bei Tiepolos und Tizians... Immerhin: Die Dame Gugernell ist keine beliebige Lisbeth Schmidt. Ein grotz- artig unverstellter Mensch mit beherztem Ja und Nein und sonst nichts. Es würde sie nicht weiter kränken, aber sie würde uns auslachen ich meine: mich. Was tun?"

Louis sah den langen Neffen mit dem geschorenen blonden Schädel der dem seinen ähnlich war, ruhig an.Fertig?" Louis ging gleichaültig umher. Nächstens würde der den komischen Pinscher Pritzier und feine andern Freunde bei ihm einführen und drüben in den Renaisfancekasematten einen Skat kloppen. Dabei durchleuchtete auch ihn, rote vorhin den heiter gewappneten Diez in der Bibliothek, eine starke Spannung. Er spürte wieder etwas v"n der damals erfahrenen Erregnna und sützen Bezaube- rnng, eine aanz lächerliche, hottentottenmätzig lebendige Freude. Er zeiate nichts davon.

Sie dürfte keinen der Robbtas in die Handtasche stecken, glaube ich. Gleich zwölf... Es wird zu spät und vergeben- fein. Ich werde also nicht anrufen. Sela!" schloß Dagobert.

Dröhnendes Geräusper, scharfes Knacken des Parketts. Onkos Backen wurden locker.Also: Rus sie an und wahre die Form! Wir sind hier keine Aschanti."

Dagobert verneigte sich anerkennend.Gemacht! Er trat ernst an den Apparat. Auch Diez und Till standen plötzlich tm Ztmmer. Er drehte die Scheibe.

Louis zog die Brauen gotisch, neigte sich über Till und nahm dem Neffen das Sprechrohr mit einer Sultansgeste weg.Guten Morgen, gnädige Frau! Hasielbrink der Aettere... ^a, metn Neffe Dagobert ist hier. Er erzählte mir... Durchaus incht! Es wird mir eine Freude sein!" (Till wurde starr, wie Lots Werb.) Ganz gewiß.. Sehr liebenswürdig! Ich würde Ihnen gern den Wagen schicken..." sLots Weib zitterte mit den Wimpern.) Ich darf Sie also erwarten? Sehr erfreut! Auf Wledersehn! Er hielt Dagobert zerstreut und herablassend bas Hörrohr hrn: Louts ^^gobe'rt tanzte, mit geschlossenen Augen, still auf einem Fleck, wie ein frommer Neger.Bitte tausendmal um Entschuldigung, gnädige Frau! Es hat gestern ziemlich lange gedauert... Aber das Gewissen war auch im Traum wach... Ich wurde Sie sofort abholen", versicherte er feierlich. Es wurde nicht verlangt. Er verbeugte sich.Also: Sie kommt! Halleluja! Till, mein Kmd, du wirst ein paar Veilchen pflücken und sie unten an der Treppe mit einem Knicks--"

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Onkel Louis machte runde Augen. Im Grunde fühlte er sich feindselig ausgeschlossen, zu kühler Würde verurteilt. Aber er hätte selbst ein paar Sekunden lang mit geschlossenen Augen auf einen Fleck, wie ein verzauberter Nigger, tanzen.mögen... Also Irrsinn! Er schritt und bewegte sich majestätischer als je.

Till sah es aus einem spitzen Augenwinkel.

Es ist sonst nicht meine Art", sprach er kurz,gleich mit einem Sardellenbrötchen aufzuwarten. Aber Dagobert hat mit der ihm eigenen Sicherheit die Sache so dämlich wie möglich angefangen. Wir werden auf Frau Gugernell warten müssen und sie dann ungezwungen mit ins Eßzimmer nehmen."

Zeremoniell klar!" erläuterte Dagobert.

Aber es vergingen mehr als dreißig Minuten. Da befahl Louis, anzurichten.Auch Hausgesetze gelten!"

Till ging zu ihm und gab ihm einen Kuß.

Frau Gugernell!" meldete Klüter.

Der Hausherr erhob sich! die jungen Herren folgten. Till zeigte, hinter mühsam unterdrückter Neugier, feinste Zuruck- b"",Ich hatte keine Ahnung... Ich bedaure schrecklichI" Kata­rina ging lachend, unter gehobenen Brauen, unbefangen mit ihrem leichten, etwas langen Schritt auf den stattlichen Hausherrn zu und reichte dann rechts und links die Hände.

Meine Nichte, Fräulein Grotemeyer."

Oh, reizend!" Schüttelhand.

Till kämpfte zwischen kritischer Kühle und jäher Verliebtheit. Eine hohe, mädchenhafte Frau mit heiter glänzendem Blick und anmutig unbekümmerten Bewegungen. Sie fand sie sehr schön, fiter, bitte, zwischen Onkel Louis und Vetter Dagobert, gnädige Frau!" sprach Till mit wunderbar reiner Stimme und wirkte als Dame des Hauies verblüffend vornehm auf Onko und seine Neffen. Mein lieber Diez, nimm deine maßvolle Soöaflasche zurück. Er ist, als ehemaliger Mittelstürmer, beinahe trocken", erklärte sie dem Gast.Lieber Klüter..." t . a

Sehr gut!" sprach Dagobert anerkennend.Sie macht das zum erstenmal heute..."

Er wurde mit einem Blick zerschmettert.

Dagobert war stillvergnüat: er war stolz auf die Dame Guger­nell, als sei sie von ihm zur Welt gebracht worden.

Der fiausherr wollte es nun doch nicht beim Zitronenwasser bewenden lassen. Ihm schienen Weißglutslämmchen aus dem blon­den, schlicht gescheitelten Haar zu züngeln,' es glänzte, rote ein später Sonntagvormittag.

Diez sprach mitunter einen geschlissenen Satz und stellte, nach einer Weile, sachlich wieder eine chemisch-physikalische Wirkung fest, die sich geseümäßig in Wärme, Unruhe und Beglückung umwan­delte und zuletzt eine Art unbegreiflichen Grams absetzte. Eine unabweisbare, wenn auch ironisch gefärbte Feststellung.

Till blieb verbindliche Dame von Welt.

Eine halbe Stunde später, als die drei allein waren, saate Till: Man mutz ohne weiteres in die Knie gehen. Sie ist bestürzend belebtes und gescheites Fleisch. Ob sie auch auf unseren Onko so wirkt? Was meinst du, Diez?"

Wie kann ich das wissen?" sagte der rauh.

Sollten wir nicht lieber doch hinübergehn? Das meine ich. Können und dürfen wir, als die Jüngeren und Erfahreneren, die beiden allein lassen, Diez? Diese mit Illusionen gesäugten älteren Leute nehmen so etwas leicht zu ernst... Ich möchte lieber auf deine härtere Konkurrenz da drüben zählen!"

Dagobert lag in einem arotzen Sessel, ein glücklicher Mann. Werde gelegentlich mein Bestes tun." Jeüt brachten ihn keine 100 PS wieder in die berühmten Katakomben,' auch der schönste Kirchhof konnte einem das Leben verschlagen ...

Ziemlich lange dauerte es da drüben.

(Fortsetzung folgt.)

Vera nl wörtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Berlag: Drühl'sche Universitäts-Buch. und Striudruckerei. R. Lange, Gießen.