Gastmahl in der Wüste.
Von T. E. L a w r e n c».
Von dem geheimnisvollen Obersten Lawrence hat Bernard Shaw einmal gesagt, daß er zu den wenigen Menschen gehöre, „die in die Frühzcit ihres Lebens ein Abenteuer von epischer Breite und Wucht legen und die zugleich bis zur letzten menschlichen Grenze literarischer Genialität pordringen". Die Gestalt dieses „ungekrönten Königs von Arabien" ge- ivtnnt in diesen Tagen erneute Bedeutung, in denen Ibn Saud, der mächtige Führer der Wahabitensektc, den Gedanken einer arabischen Einigung unter seiner Dynastie der Verwirklichung näherbringt. Aus dem Buch „Aufstand in der Wüste" von Lawrence, das jetzt in neuer Auflage im Paul List Verlag, Leipzig, erschienen ist, bringen wir einen Abschnitt, der ein farbiges Bild von den Sitten eines der Wüstenstämme entwirft.
Die Gastfreundschaft der Howeitat — nicht zufrieden mit der nach formellem Gesetz der Wüste üblichen dreitägigen Abspeisung — war unbegrenzt und leider auch recht lästig und ließ uns keinerlei anständigen Vorwand, uns all dem zu entziehen, was nun einmal nach dem Begriff eines Nomaden zum wahren Wohlleben gehört. Jeden Morgen, zwischen acht und zehn, erschienen einige Vollblutstuten mit höchst mangelhaftem und zusammengestückeltem Sattelzeug auf unscrm Lagerplatz. Nasir, Nesib, Zeki und ich saßen auf, und begleitet von etwa einem Dutzend unserer Leute, bewegten wir uns feierlich im Schritt durch das Tal über die sandigen Pfade zwischen dem Buschwerk. Die Pferde wurden von unfern Dienern geführt, denn es galt als unschicklich, ungelcitet oder in rascher Gangart zu reiten. So erreichten wir schließlich das Zelt, das jeweils an dem Tage zur Festhalle bestimmt war. Jede Familie lud uns der Reihe nach zu Gast und war tief beleidigt, wenn etwa Zaal, der Festordner, eine Familie außer der Reihe bevorzugte.
Bei der Ankunft stürzten sich zunächst einmal sämtliche Hunde auf uns und wurden von den Zuschauern sortgejagt, deren sich stets eine erkleckliche Anzahl vor dem auserwählten Zelt versammelt hatte. Dann schritten wir unter den gespannten Seilen nach dem für Gäste bestimmten offenen Teil des Zeltes, der für diese Gelegenheit beträchtlich erweitert und reich mit Wandteppichen zum Schutz gegen die Sonne behängt war. Der Gastgeber erschien, murmelte schüchtern einige Vegrützungsworte und verschwand wieder... r
Schweigen, und dann trat der Wirt oder sein Abgesandter zu uns und fragte flüsternd: „Schwarz oder Weiß?"; was bedeutete, ob wir Kaffee oder Tee wollten. Nasir antwortete regelmäßig: „Schwarz", worauf der Sklave mit der langgeschnäbclten Kaffeekanne in der einen und einem Satz von drei oder vier klirrenden Stciuguttäßchen in der andern Hand herangcwtnkt wurde. Er goß wenige Tropfen Kaffee in die oberste Schale und reichte sic Nasir, dann die zweite mir und die dritte Nesib Dann wartete er, während wir die Schälchen in unfern Händen drehten und sie sorgfältig und in geziemender Würdigung des Gebotenen bis auf den letzten Tropfen ausschlürften.
Sobald die Tassen geleert waren, griff die Hand des Sklaven rasch danach und stülpte sie wieder mit vielem Geklirr übereinander, um die oberste bann — etwas weniger feierlich — für den nächsten Gast der Rangordnung nachzufttllen und so fort, bis alle getrunken hatten. Dann wieder zurück zu Nasir. Die zweite Tasse war schmackhafter als die erste, teils weil das Gebräu mehr den Tiefen der Kanne entstammte, teils weil die Neigen der vorhergehenden Trinker in der Schale geblieben waren. Die dritte und vierte Tasse schließlich, falls sich das Aufträgen des Mahls so lange verzögerte, war gewöhnlich von überraschendem Wohlgeschmack. , ..
Endlich indessen drängten sich zwei Manner durch die erschauernde Menge und trugen schwankend eine mit Reis und Fleisch gefüllte slnche Wanne aus verzinntem Kupferblech, fünf Fuß im Durchmesser. Der ganze Stamm besaß nur ein Eßgcfatz in dieser Größe, und rings um den Rand lief eine Anschrift in der blübendcn Sprache Arabiens: „Zur Ehre Gottes des Allmach- tiacn und in der Hoffnung auf Gnade, wenn das Ende naht, das Eigentum Seines demütig Flehenden, Auda abu Tapi"
Die heiß dampfende Ladung wurde vor uns in die Mitte des Raums niedergeseüt, und dann erschien eine Prozession von Dienern niederen Grades mit kleinen Kesseln und Kupfertöpfen. Mit stark zerbeulten Emailleschalen schöpften sie nun daraus das ganze Gekröse und die äußeren Teile des Hammels in die große Schüssel- Stücke der gelblichen Eingeweide. Teile vom weißen Fetl- schwänz bräunliche Hammelfüße, allerlei Fleisch und noch haarige Hgutstücke alles in einer Butter- und Fettbrühe schwimmend. Die Gäste verfolgten aufmerksam das Werk und ließen et.n befriedigtes Murmeln vernehmen, wenn ein besonders saftiger Bißen heransplumpste. , , , .
Die Fettbrühe war siedend heiß, und manchmal ließ einer den Schövfer fallen und steckte — nicht eben ungern - die verbrannten Finger zur Abkühlung in den Mund Aber sie hielten wacker stand und schöpften, bis die Kelle ans dem Boden des Gefäßes klapperte. Zuletzt fischten sie mit einer Geste des Triumphs die ganze Leber aus der Tiefe des Flcischsaftes heraus und krönten damit die gähnenden Kinnbacken der Hammelköpfe.
Tann hoben je zwei Mann einen der kleinen Kessel, kippten ihn um und ließen das flüssige Fett über das Fleisch spritzen, bis der Krater angefüllt war und die Reiskörner am Rande in der
steigenden Flut schwammen,' und auch dann goffen sie immer noch weiter, bis die Wanne unter unseren überraschten Rufen der Bewunderung überlief und eine kleine Pfütze im Staub gerann. Das war der Schlußeffekt der Herrlichkeit, und nun forderte uns der Wirt auf, zum Essen zu kommen.
Wie es die Sitte verlangte, stellten wir uns zunächst taub; endlich.hörten wir die Einladung, blickten uns höchst überrascht an, und jeder drängte seinen Nachbarn, den Anfang zu machen. Schließlich erhob sich Nasir mit gemessener Zurückhaltiing, wir andern folgten hinter ihm drein, ließen uns vor der Platte auf ein Knie nieder und schoben und drängten uns zusammen bis alle zweiundzwanzig auf dem knappen Raum rund um den Trog Platz hatten. Dann wurde der rechte Steimel bis zum Ellenbogen zurückgeschlagen, und dem Beispiel Nasirs folgend, tauchten wir mit einem leisen: „Im Namen Gottes, des Gnädigen und Allgütigen" die Finger in die Speise.
Das erste Eintauchen war, für mich wenigstens, immer gefährlich, da meine noch nicht daran gewöhnten Finger sich an dem heißen Fett leicht verbrühten. So nahm ich mir erst vorsichtig ein abseitiges und schon etwas abgekühltes Fleischstückchen und hantierte damit herum, bis die Aushöhlungen der Nachbarn meinen Reisabschnitt freigelegt hatten. Man pflegte mit den Fingern (doch ohne die Handfläche zu beschmutzen) hübsche Kügelchen aus Reis, Fett, Leber und Fleisch zu drehen und unter leichtem Druck zusammenzukneten, worauf sie mit einer schnappenden Bewegung zwischen Daumen und gekrümmtem Zeigefinger in den Mund geschossen wurden. Mit dem richtigen Trick und bei richtiger Herstellung kamen die Kügelchen säuberlich aus den Fingern; wenn aber überflüssiges Fett und schlecht hineingepappte Stückchen an den Fingern kleben blieben, mutzten diese sorgfältig abgeleckt werden, damit es bei dem nächste Versuch besser glitschte.
Unser Wirt stand bei der Runde und ermunterte unfern Appetit durch freundliche Zurufe. Mit Volldampf wurde zerrissen, zerbrochen, gedreht und gestopft, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, denn Unterhaltung hätte eine Herabwürdigung des Mahles bedeutet. Doch geziemte es sich, dankbar zu lächeln, wenn ein Freund einem ein besonders auserwähltes Stück darbot oder etwa Mohammed el Dheilan mit würdiger Miene mir einen riesigen, fleischlosen Knochen samt einem Segensspruch herüberreichte. In diesem Falle pflegte ich die Ehrengybe mit einem besonders scheußlichen Stück Eingeweide zu erwidern, eine Narretei, die den Howeitat einen Mordsspaß machte, die jedoch der korrekte und aristokratische Nasir mit Mißbilligung ansah.
Als alle fertig waren, räusperte sich Nasir vernehmlich, und mit einem allgemeinen „Gott vergelte dir's, o Gastfreund!" erhoben wir uns eilig und gruppierten uns draußen unter den Zeltstricken, während sich die nächsten zwanzig Gäste an die Schüssel setzten. Die Feineren unter uns gingen an die Rückwand des Zeltes, wo über den äußeren Pfählen eine Klappe des Dachtuchs als Abschlußvorhang herabhing, und an diesem Familtenhandtuch, dessen rauhes Ziegenhaargewebe vom vielen Gebrauch glatt und geschmeidig geworden war, wischte man sich die dicksten Fettpatzen von den Händen. Dann gingen wir wieder hinein und ließen uns seufzend und einigermaßen beschwerlich auf unsere Sitze nieder. Sklaven (fie hatte sich den ihnen zustehenden Teil, die Hammelköpfe, schon beiseite gelegt) gingen mit einer hölzernen Schale und einer Kaffeetasse als Schöpfer die Reihe herum und gossen Wasser über unsere Finger, die wir gleichzeitig mit dem Seifenstück des Stammes abrieben.
Mittlerweile hatte auch die zweite und die dritte Runde der Tischgesellschaft abqeqesscn, und es gab nochmals eine Tasse Kaffee oder ein Glas sirupartigen Tee. Schließlich wurden die Pferde gebracht, wir traten hinaus, saßen auf und ritten mit einem würdevoll ruhigen Segenswunsch für den Gastgeber davon.
Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor v o n K o h l e n e g g.
Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
(Fortsetzung.«
Nun kamen noch das große, helle, weiß gekachelte Labor mit hohen Regalen, zahllosen Flaschen, mit Gläsern, Röhren, geheimnisvollen Oefen und hochmütig scharf blinkenden Apparaten. Die Schritte hallten auf hellen Fliesen laut und gleichgültig vorüber.
Sie standen im Herrenzimmer, einem lichten Raum mit zeitgemäß funkelnden Beleuchtungskörpern. Das ließ alle drei zuversichtlicher blicken: Man war wieder daheim im warmen Leben.
, Also, zum Donnerwetter, ihr Lümmel!" sagte Onkel Louis plötzlich erfrischt und drehte sich schroff, mit strengem Gesicht und humoristisch zuckender Warze auf der linken Backe, um. Seine ganze Erscheinung bis in die Sprache verriet die wohltuende Lockerung des gesunden und erfolgreichen Mannes. „Ich verlange eine Erklärung von euch!" r m
Mir selbst unverständlich!" bekannte Dagobert. „Toller Betrieb auf der Bahn gestern nacht... Ziemlich blödsinnig; man wurde verdreht..." „±11.,
„Durchgedreht!" erläuterte Diez spöttisch.
Laßt solche kleinen Späße! Macht da draußen, was ihr wollt! fiter herrscht Ordnung! Ich erwarte im übrigen, daß ihr eure Aufgaben eifrig und pflichtgemäß erfüllt", fuhr Lours. der doch noch was sagen mußte, mit dem starren Gesicht, das man auf einer Rutschbahn macht, fort. Er steckte sich eine Zigarre am Die reine Sonntagspredigt... Wie kam man da wieder raus? Der Himmel


