Ausgabe 
11.6.1934
 
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Wie spät es wohl sein mochte, und ob sie wohl schon nach ihm | "äU ollcä still in der Höhe, nur der Fluh brauste und drohte IN seiner Twhlaasse und zuweilen barst eine Widerwelle mit einem gluck­senden Ton an den Steinen, oder es sprang aus einer der Abfluh­röhren in den Mauern zum Erschrecken plötzlich ein trüber Schwall Wasser lärmend im Bogen heraus und fiel dann platichernd i der zu einem Rinnsal zusammen.

Aus dem wolkig trüben Wasser kamen Inseln aus einem gelb­lichen Schaum vorüber gezogen, die sich langsam um ^h selber hrehteii wie Eisberge im Weltmeer. Dann blieb die Oberfläche , e,ne Weil! leer bis mit einem Male ein großes Eiland ans arünen Aepfeln daher geschwommen kam. Dicht aneinander ge- d!äng" wogten sie mit den Wellen auf und ob und trieben zu Christians Fühen heran.

Christian griff mit der einen Hand in die Zweige zu seinen Qäupten und neigte sich vor und streckte die andere nach den Früchten aus. Aber die Zweige gaben nach, unmerklich zuerst und ganz langsam gaben sie nach, wie ein Seil, das leise von oben nachgelassen wird, und mit einem Male spürte Christian, wie er nicht mehr stand, sondern hing und wie es ihn unaufhaltsam auf das Wasser hinaus drehte. Einen Augenblick fchwebte er hin^und her schaukelnd fast in der Waagerechten über der Flut, die ,vuhe immer noch auf der Treppenstufe. Dann lieh er los und empfand mit einem zagenden Erschrecken und Erschaudern die jähe hutzle und die Nässe des Elements an seiner Haut, und empfand, wie es dem vorgestreckten Arm nachgab und auch dem Kopf, der sich ver­trauend darauf legen wollte, und dem ganzen Leibe, der erstaun- lichcrweife nicht auf der Oberfläche liegen blieb, sondern ties^ver­sank wie in ein Pfühl. Zugleich aber schmeckte er auch schon die Wasserkälte in seinem Mund und fühlte ihr eisiges Eindringen in Ohren und Nase,- aber fühlte zugleich auch Grund unter semeu Fühen. Da warf er sich in die Höhe und kam aufrecht in der Flut zu stehen. Er ragte eben noch mit dem Kinn heraus und hielt die Arme emporgercckt, als dürften sie nun aber nicht noch einmal nah werden. So machte er unter dem Drange der Strömung em paar weite, tanzende Schritte, bis sie ihm die Fuße unter dem Leib weghob und ihn davontrug.

Großmutter 1" sagte er bestürzt, und noch einmalGroß­mutter!" .

Bon da an schwieg er still. Er empfand aber eigentlich keine Furcht, sondern nur ein tiefes Erstaunen und eine Art von Er­gebenheit, in die sich eine leise Neugier mischte. So trieb er ge­schwinde dahin, an der Gartenmauer entlang, und sah ihre Sterne an die er nie gesehen, und betrachteten sie genau, bis il>m das Wasser das Gesicht abermals dunkel überschwoll und er sich aber­mals ins Endlose sinken fühlte. Da erschrak er doch wieder und schnellte sich mit hochgeworfenen Armen in die Höhe, und nun fühlten seine Hände etwas und griffen zu und hielten fest. Zwar, es gab wieder nach, was er da gegriffen hatte, aber er lieh es nicht mehr los, während die Strömung seinen Leib herum­schwenkte, und nun strafften sich auch die Zweige, an denen er sich hielt, und da hing er beim unteren Ende des Gartens sest, vom Strome leicht gehoben und gesenkt. Auf dem Rücken liegend hing et da, mit triefend in die Stirne gewaschenem Haar und blickte schweigend nach oben.

Oer Schicksa'sspieler.

Von Gertrud Aulich.

Daß ein Millionär unter falscher Flagge und gleichsam im Bettlergewande durch seine erbsüchtige Verwandtschaft gespenstert, um den liebevollen Anwärtern auf sein Vermögen auf den Zahn zu fühlen, und dabei im Hinblick auf ein gutes Happyend irgend einem verschmitzten Kinde Gottes in die Falle geht, das mit wei­chem Herzen und gefühlvoller Seele, mehr oder minder Naivität schauspielernd, ihn schließlich einkreist, das kommt in Märchen, Theaterstücken und schlechten Filmen mehr als häufig vor. Daß es aber in Wirklichkeit und in unseren gar nicht märchenhaften Zeitläuften ebenfalls sich zutragen kann, dafür möchte ich als Beweis folgende wahre Geschichte anführen:

Mister Smith aus Bahia in Brasilien, der vor Jahrzehnten als verkrachter Medizinstudent und hoffnungsloser Fall von dem achtbaren und mit festen Grundsätzen behafteten Handelshaus Schmidt & Lüder in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten abgeschobeu wurde, jener Mr. Smith kam also durch eine Kette langwieriger und nicht immer durchschaubarer Zufälle zu zwei charakteristischen Eigenschaften seines späten Lebens: zu einem großen, eben noch in Zahlen ausdrückbaren Vermögen und zu der Erfüllung jener Lebenssehnsucht, die die Triebfeder seiner ehrgeizigen, mit harter Energie verfolgten Pläne war: einmal, am Abend seines Lebens unermeßlich reich nach Europa zurück­zukehren und sich in einer noch unklaren Weise an seiner lieb­reichen Verwandtschaft zu rächen.

Er bestieg ein Schiff nach Hamburg, nnd schon unterwegs fühlte er mit Befremden, wie seine rachsüchtige Genugtuung einer wei­chen namenlosen Stimmung zu weichen begann. Je näher Deutsch­land kam, um so mehr trat der Zweck seiner Rückkehr in den Hintergrund, eine große Freude erfüllte ihn und seine starke, ihn ganz ailssüllende Empfindung war nichts weniger als der Aus­druck einer demütig hingenommenen Gnade, daß ihm nunmehr vergönnt sei, dem Traum seines Lebens Sinn und Sein zu geben, mit anderen Worten: endlich wieder daheim zu sein.

Er war schon sechzig Jahre alt, mit kahlem Schädel und gebeug­tem Rücken und einem grau verwitterten Gesicht, das von Kämp­fen, Leiden und Entbehrungen sv-rach, aber nun war ihm zumute wie einem Kind, das nach langer Abwesenheit den Ort seiner Freuden Spiele und Vergnügen wiedersieht und glaubt, alle schönen Dinge des Lebens an seinem Platz zu finden. 3« diesem Geiübl konnte er die Ankunft kaum erwarten, und wohl auch sagte ihm eilte innere Stimme untrüglich, daß er sich der wieder­gewonnenen Kinderheimat nicht lange mehr freuen werde. Da er keine Leibeserben besaß der Gelderwerb hatte ihm nicht 3at su anderem Glück gelaßen sah er sich bald nach seiner .n- kunft unter der heimischen Verwandtschaft nach einem würdigen , Erben um. .

Er war heimlich wiedergekommen, niemand wußte, daß er oa mm- nodi daß er überhaupt lebte. Seine Eltern waren tot, seine nächsten Verwandten, ein Bruder, ein Onkel und zwei Schwestern clneden aus, da sie in den besten Lebensverhaltnissen lebten und mehr Reichtum nicht benötigten. Er forschte der entfernteren Ver­wandtschaft nach, er stellte Namen und Orte zusammen, und cme§ Tages int Frühling bekam er die unbändige Lust, sich aus den Weg zu machen, Landschaften zu durchstreifen und Menschen q» erforschen. Der Wandertrieb aus seinen Jugendiahren, der ihn in den Augen seines Kreises zu einem Tunichtgut stempelte, war nnt einem letzten Glanz über ihn gekommen, und so machte er sich denn wie eiu besserer Landstreicher auf den Weg nach den Städten und Namen, die er auf ein Stück Papier geichrieben hatte.

Es war ihm selbst nicht klar, was er mit diesem, Einfall be­zweckte- er kam sich wie eine Art wanderndes Schicksal vor, das mit Segen oder Verdammnis zu ahnungslosen Menschen unter­wegs ist, und er malte sich aus, wie sich diese Menschen wohl ver­halten würden, wenn sie wüßten, daß er als Verkörperung dieses Schicksals sie besuchen kam. Nun, er sah, wenn er an die ver­schiedene» Türen klopfte, eben nicht anders aus als ,eder altere Stromer, der im Frühling die Landstraßen unsicher macht, und es ward ihm auch hier und da aufgetan. Aber dennoch stimmte etwas in seiner Berechnung nicht: die Menschen, die er zu prüfen kam, hielten sich bei einem wandernden Greis nicht lange auf, sie hatten alle ihre verschiedenen Sorgen und Interessen. Er hatte verdaiumenswerte Bösewichter erwartet, welche die Tür vor ihm zuwerfen und ihn mit Beschimpfungen von der Schwelle jagen würden, und anderseits einige von Mitleid überfließende Seelen, aber weder jagte ihn jemand fort noch konnte er sich in ojfen- steheude Arme stürzen. Was er vielmehr antraf, war eine durch­schnittliche Menschlichkeit, die durch die verschiedenen Umstande, Temperamente und Verhältnisse bedingt, mehr oder minder an ihm Anteil nahm.

Der Millionär fand sich also dem wirklichen Leben durchschnitt­licher Menschen gegenüber, und er wußte selbst nicht mehr, was er tun sollte: seine Idee weiter verfolgen oder alles aufgeben. Was suchte er eigentlich? Wen stellte er sich unter seinem würdi­gen Erben vor? Ein Kind etwa, das mit den lieblichen Augen der Armut und der Unschuld zu ihm aufsehen und ihn plötzlich voll Liebe als Vater umarmen würde? Oder ein armes schönes Mäd­chen, das unglücklich liebte, und dem er wie ein starker Gott zu Glanz und Gloria verhalf? Aber gerade die jungen schönen Mäd­chen waren es, die sich nichts aus ihm machten und ihn aus­lachten, wenn er ein Gespräch begann. Oder sollte es ein altes Mütterchen von besonderer Herzensgüte sein, das er mit Reich­tum überschüttete und das mit dem Namen des Wohltäters auf Öen Lippen starb? Aber was sollte eine alte sterbende Fran nut Reichtümern? Nun, dann könnte es eine von Not bedrückte Fa­milie mit vielen Kindern sein, der ein Engel Gottes im kritischen Augenblich. der Prüfung seraphische Worte und Taten deS Mit­leids und Verstehens eingab? Aber die armen Familien mit vielen Kindern hatten gar keine Zeit, sich um den Greis zu küm­mern, sie sagten ihm geradezu, daß er störe, und wenn er nichts wolle, so möge er weitergehen.

Schließlich gab der unechte Bettler seine Absicht, Menschen­herzen zu prüfen, auf, von der vielfachen Not menschlichen Da­seins erschüttert,- er besann sich auf die Lächerlichkeit seiner Idee und verzichtete auf die Rolle des Schicksalsspielers. Er verzichtete vor allem auf seine kleinliche Rache und schwand still in der Namenlosigkeit seines dunklen Daseins, nachdem er von der stillen Schönheit seiner geliebten Kinderheimat lächelnd ernsten Abschied genommen hatte.

Mit seinem Tode entfaltete er die kluge warme Einsicht eines im Leben zu kurz Gekommenen, den eine an sich unbrauchbare Idee zu guten Erkenntnissen und brauchbaren Folgen geführt hatte. Nicht nur, daß er unsichtbar, aus einem fast märchenhaften Hintergründe Geld und Glück an jenen Teil seiner Verwandt­schaft äusstreute, der, hoffnungslos, nicht mehr an Glück geglaubt hatte, sein Testament war mehr noch der Widerstand eines tat» i kräftig Aufrechten gegen die Not der Zeit. Eine Hilfe, ja eine ; Lebensgrundlage für viele, mit denen ihn nicht Vlut noch Namen i verband, aber etwas, was mehr war: Stammeszugehörigkeit, Heimatboden. Jenen ihm durch höhere Baude Verwandten hinter» i ließ er eine gewaltige Fläche brachen Bodens zu neuer Besied­lung, hinterlieh er Geld zu Bau und Aufbau, zur Schaffung neuer Lebeusuiöglichkeiten, und es war nicht sein Wille, baß die Siedlung seinen verschollenen Namen neu erweckte.

Aber sein Wille war, was er mit den letzten Lebenstagen wandernd verkostete: Ein Teil der leidenden, kämpfenden, tapfe­ren Menschheit zu sein, ihr namenloser Bruder, Kamerad und Freund.