Ausgabe 
11.6.1934
 
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Eichener Zamilienbliittcr

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |93^ Montag, den Juni Nummer

Löwenzahnwiese.

Von Dr. O w l g l a ß.

Die goldne Pracht hat ausgeblüht. Die kleinen Sonnen sind verglüht. In silbernen Laternchen glimmt ihr Licht, bevor es Abschied nimmt, bevor der Wind es rund verweht und neue goldne Sonnen sät.

Christian am Wasser.

Von Paul Alverbes.

Paul Alverbes arbeitet gegenwärtig an einem großen Roman. Wir sind in der Lage, aus dem Manu­skript heute schon die nachfolgende, stimmungsschöne Szene zum Abdruck zu bringen.

Auf dem Waldgebirge mußte es in der Nacht gewittert haben, denn der Fluß führte viel höheres Wasser als sonst, ein braun- gelbes Wasser, auf dem hier und da, zwischen den Wipfeln der Uferbäume hereinscheinend, mit golden blendenden Lichtern die Sonne spielte. Wo die Hängeweiden von den Gärten herab ihre Zweige tief in das Wasser tauchten, dort rauschte und zischte es lauter auf als gewöhnlich, und in die Treppenschluchten, die hier und dort durch das Mauerwerk herabführten, schwoll es gurgelnd und klatschend hinein und brandete und rieselte zischend und siedend über die moosgrünen und altersbraunen Steine wieder zurück.

Eine solche Treppenschlncht gab es auch hier im Garten. Sie führte acht oder zehn steile Stufen zwischen Quadermauern bis an den Spiegel des Wassers hinab. In früherer Zeit hatte man sie zum Wysserschöpfen benutzt und zum Ausschwenken der Wasche, und daher stammte auch die kleine hölzerne Bühne, welche vor der untersten Stufe in das Flußbett hinausgebaut war. Sie war «un längst vermorscht, und vermorscht und brüchig war auch die hölzerne Falltüre, welche die Treppe in ihrer ganzen Länge über­dachte.

Mit einiger Mühe brachte Christian den einen Flügel der Türe in die Höhe. Staub wölkte auf, Schutt und kleine Steine rieselten über die Stufen hinab und überall in der Tiefe machten sich Asseln und Spinnen eilig auf die Flucht vor dem plötzlichen Licht. Sachte ließ sich Christian ein paar Stufen hinab iyit> klappte den Deckel über seinem Haupte wieder zu.

Eine fahlgrüne Dämmerung herrschte in dem Gelaß. Braune und gelbrote Schnecken, große nackte mit schlüpfrigen Leibern, und kleinere mit blaugeringeltcn Hausern auf dem Rücken krochen an den Wänden und auf den Stufen umher. Uralte Spinnweben, von Noder ganz schwarz, hingen in dichten Zotteln von den Steinen zu beiden Seiten herab. Zwischen ihren Fugen wucherte allerlei Noos, grünes mit langen Zöpfen und Bärten, und anderes mit winzigen rotbraunen Blütenständen, und an dem Holz der Türe siber ihm wuchs der Schwamm, schwarz und gelb und feucht glän­zend wie die Leiber von Salamandern. Vor ihm aber, wo sich der Raum zum Wasser hin öffnete, war eine grüne Helle. Ein lichter Tchleier von Weibenzmeigen und vielfachen Ranken des Geis- dlattes nnd der Heckenwinde hing bis auf die Schwelle hernieder, über welche das Wasser tönend stieg und fiel.

Auf einer Stufe streckte Christian sich der Länge nach aus und schloß die Augen. Ohne sich zu rühren, die Hände über der Brust verschränkt, lag er da wie in einem steinernem Sarg. So blieb er lange Zeit und träumte mit wachen Sinnen, lautlos vor sich hin- lachelnd in seiner Finsternis, und schöne Gedanken, die ihn er­freuten, gingen ohne Unterlaß in seinem Innern hin und her. Er stellte sich vor, daß er hier gestorben war, ohne daß einer es wußte. Ganz deutlich sah er Tante Corinna vor sich, wie sie durch ik-n Garten rannte und angstvoll nach ihm rief. Auch hier oben über die Falltüre kam sie gelaufen und blieb dort stehen und schrie seinen Namen viele Male. Aber sie ahnte es nicht, daß er ganz dicht unter ihren Füßen lag und schritt endlich rufend und klagend wieder davon und ließ ihn liegen, wo er lag. Mit einem weh­wutsvollen Iubelgefühl hörte er ihre Schritte auf dem Kies der Wege verhallen. Auch die Großmutter sah er dann in feinem Traum,- sie weinte in ihre Schürze, wie er nirgends mehr zum

Vorschein kam und ausblieb für immer, und auch das freute ihn, obwohl er doch auch ihr niemals ein Leid gewünscht hätte.

Und doch hatte Christian eine lange Zeit hindurch immer nur mit einem ohnmächtigen Entsetzen an den Tod zu denken ver­mocht, und es war ihm unbegreiflich gewesen, wenn die Erwach­senen seine angstvollen Fragen, ob denn wirklich alle Menschen sterben müßten, mit solcher Gelassenheit bejaht hatten. Sie machten sich offenbar gar nichts daraus, daß sie eines Tages nicht mehr dabei sein sollten, wenn die anderen weiterlebten wie jeden Tag. Gerade dieser Gedanke aber peinigte ihn am allermeisten. Er konnte sich einfach nicht darein finden, daß die Welt dermaleinst weitergehen sollte, auch ohne daß er noch dabei war, und ohne daß sie ihn auch nur vermißte. Das war nur wie ein schreckliches Ver­sehen denkbar, als sei er in seinem tiefen Verlieb unter der Erbe eingesperrt und dort vergeffen worden.

Später kam dann eine Zeit, in welcher er frei von diesen An­fechtungen geworden war. Das war, seitdem er die Gewißheit erlangt hatte, daß er unsterblich sei, und daß er eines Tages sogar aufhören würde älter zu werden. Woher ihm diese Gewißheit ge­kommen war, wußte er freilich selber nicht genau zu sagen,' und eigentlich war es auch gar keine Gewißheit, sondern es war nur eine Hoffnung. Aber was bedeutete denn dem Menschen wohl eine Hoffnung, wenn sie nicht im geheimen doch eine Gewißheit wäre? Der Hoffende gesteht es sich freilich nicht ein und gesteht es auch niemandem sonst ein, auch Gott selber nicht, aber im geheimen lebt er dennoch das Glück, das eigentlich nur die Gewißheit zu geben vermöchte, schon vorweg. So lag auch Christian in jener Zeit zuweilen still in seinem Bett und genoß es, daß er unsterblich war. Es war eine Art von geheimer Abmachung zwischen Gott im Himmel und ihm, Christian Usander, von der sie beide lieber kein Aufsehen machten, und Christian hielt sich strikte daran, in­dem er weder mit sich selbst noch mit anderen Menschen jemals über feine Unsterblichkeit sprach.

Wahrscheinlich aber hing es mit dieser verborgenen Eigenschaft des Unsterblichseins zusammen, daß er nun so viel Freude an der Vorstellung seines Todes zu empfinden vermochte. Er malte sich jetzt aus, wie man seinem nichtsahnenden Vater die Nachricht von seinem Hinscheiden überbringen würde. Es wurde ein Gemälde von einer gewaltigen Raumestiefe daraus, das sich nur langsam in den Vordergrund entwickelte, äußerst genußvoll, wenn auch langwierig anzuleqen für Christian, der sich die Zeit damit ver­kürzte, daß er die zwei aus feinem Proviant noch übrigen Pflaumen aus der Tasche zog, um sie zu verzehren.

Da war also ganz im äußersten Hintergrund der Hauptmann Usander zu sehen, er fuhr mit dem Dampfer über das Meer nach Haufe. Aber in all der Zeit wußte er noch nicht, daß sein kleiner Cbristian längst gestorben war und unauffindbar verborgen hier auf der Wassertreppe lag. Es tat ihm doch leid für den Vater, immer mehr tat es ihm leid, denn allmählich war es doch nicht mehr aufzuhalten, daß der Dampfer in Hamburg ankommen mußte. Christian legte noch eilte Nebelbank vor die Einfahrt und ließ auch dem Lotfendampfer noch ein kleines verzögerndes Un­glück zustoßen, aber zuletzt mußte das Fallreep doch herab.

Da stand nun der arme Vater auf der Brücke, und spähte nach seinem kleinen Sohn aus. Aber Christian kam nicht, so gerne er nun doch gekommen wäre, denn er lag jo nun einmal hier tot in der Grube. Statt seiner aber kam nun Engels, der Bursche Engels, mit der blauen Mütze und der weichen blauen Burschen­uniform über die Brücke auf den Vater zugeschritten. Er kam mit dem Gang geschritten, den Christian immer so gerne nach- geahmt hatte, indem er nämlich bei einem jedem Schritt die Arme parallel zueinander wie zwei Pendel hin und her schwenkte. Dicht vor dein Vater blieb er stehen, schlug die Hacken zusammen, nahm die Mütze ab, hob sie vor seinen Mund und sagte leise:Ver­zeihung, Herr Hauptmann, mit Herrn Hauptmanns Christian ist leider etwas passiert, er ist nämlich sehr leider gestorben und lebt nun nicht mehr."

An dieser Stelle aber wurde das Gemälde völlig unsichtbar vor einer Tränenflut, die dem Gestorbenen aus den Augen her­vorbrach und ihm heiß in den Mund und in die Ohren troff. Zum Glück aber hatte er noch in einer jeden Backentasche einen Pflau­menkern stecken. Sie verhinderte ihm am Schluchzen, indem sie ihn heftig in die Wangen stachen, so ost sich sein Gesicht verziehe» wollte. Darum versiegte der Tränenstrom alsbald wieder, und Christian spuckte die Kerne heraus, wälzte sich aus seinem Grabe bervor und stieg wieder an den Eingang des Gelasses über dem Wasser hinunter.