Ausgabe 
11.5.1934
 
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Gießener ZamilienblAter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <934 Freitag, den U-Mai Nummer 36

Bauersfrau.

Von Hans Gäfgen.

Die deutsche Heimat ruht in ihrem Blick.

Ich möchte Mutter zu ihr sagen.

Sie hat ein einfaches Geschick.

Ihr Leben ist ein Strautz von Arbeitstagen.

Sie hat drei Söhne ihrem Land geboren, Sie schreiten heute alle hinterm Pflug.

Und keiner ihrer Söhne ging Int Lärm der Welt verloren, Und das ist ihr genug.

Sie liebt die Scholle und den Garten, In dem die bunten Bauernblumen stehn, Und nach dem Werkeltag, dem harten, Pflegt sie dort langsam auf und ab zu gehn.

Und rote Geschwister sind ihr all die Bäume, In denen Stimmen sind vom Abendroind.

Und manchmal wachen in ihr auf die Kinderträume, Die längst verklungen und vergessen sind.

Dann wischt sie sich die Augen eine kleine Weile, Doch rasch wird wieder hell ihr Blick, Denn eben kommen festen Schrittes, ohne Eile, Die Söhne aus dem Feld zurück.

Der lächelnde Chinese.

Ein rumänisches Eisenbahn-Abenteuer.

Von Hans Trübst.

Diese sonderbare Geschichte hat sich in einemCompartimang" einesTrenmixt" zugetragen, mit dem ich kürzlich nach dem Dorfe Sarmisegethusa, der ehemaligen Residenz des Dazischen Königs Dezcbal, reiste, dessen Reich vor rund 2000 Jahren von den Legionen Trajans zerstört worden ist. Die Bauern, die heute in und um Sarmisegethusa wohnen, sehen noch genau so aus, rote die alten Daker, und wenn man einem dieser hinterwäldlerischen Naturburschen begegnet, hat man das Gefühl, als seien die Reliefs Gefangener dakischer Krieger" vom Trajans-Monument bei Aöam-Klissi in der Dobrudscha wieder zum Leben erwacht.

Ein Dutzend dieser wilden Gesellen füllte dendurchgehenden", klapprigen Waggon dritter Güte der kleinen Gebirgs-Stichbahn. Sie hatten mächtige Holzfäller-Aexte zwischen den Beinen stehen und sahen mit ihren wagenradgroßen, schneeweißen Pelzmützen und den eckigen Filzumhängen wie kaukasische Schafhirten aus. Sie trugen gestickte Lederwesten und Mokkasins und schleppten ihr Hab und Gut in buntgeflochtenen Taschen mit sich Kerum.

Ein paar Bäuerinnen in wundervoll gestickten Röcken, einige beurlaubte Soldaten und ein europäisch gekleidetes Individuum, das die Mitte hielt zwischen versoffenem Dorfrichter, geriebenem Landadvokaten, brutalem Steuereintreiber und gewerbsmäßigem .Bauernfänger, bildeten den Rest der Fahrgesellschaft. Dieses 'übrigens recht humoristisch veranlagte Individuum war im Nebenberuf vielleicht Volksredner, denn er schimpfte auf alles und jedes und war bald der Mittelpunkt der ganzen Reisegesell­schaft. Zuerst gab er es denfeinen Leuten" in Bukarest,toti fnra" schrie er immer wieder,alle stehlen", und es wäre höchste Zeit, daß in Rumänien wieder einVlad tepesch" käme, jener sagenhafte Fürst Wladimir, mit dem BeinamenDer Pfähler", der einst alle Diebe, die »roßen und die kleinen, längs den Land­straßen aufgespießt hatte.

Die Bauern nickten zustimmend mit den Köpfen, aber gerade als der Volksredner einen neuen Anlauf nehmen wollte, tat sich lautlos die Tür auf, und ebenso lautlos erschien ein lächelnder Chinese auf der Schwelle. Er war einfach, aber städtisch gekleidet, hatte zwei große Handkoffer bei sich, die er umständlich verstaute, dann setzte er sich hin, legte die Hände auf die Knie und lächelte wie Buddha zeitlos und ewig...

Im Abteil trat Stille ein, und jetrr starrte den Chinesen an wie eilte Erscheinung aus einer anderen Welt. Nur der versoffene Bauernfänger fand sofort das richtige Wort:Hallohl Titu- lesku!" schrie er fröhlich,Mensch, wo kommst du denn her?" -- Die Soldaten als einzige Repräsentanten der sogenannten Intelligenz verstanden nach einigem Nachdenken den Witz und lachten herzlich. Denn der Chinese sah genau so aus wie der

rumänische Außenminister nur die Bauern begriffen nicht und starrten den Chinesen weiterhin ernst und nachdenklich an. Aber der Volksredner ließ nicht locker:Jst's dir recht, mein lieber Titulesku, wenn ich auf der nächsten Station noch eine Maschine bestelle, damit wir schneller durch die Berge kommen? Denn du mußt doch sicher wieder zu einer Konferenz?" Das brüllende Lachen der Soldaten ließ die vereisten Fenster erzittern der Chinese lächelte höflich, zeitlos und unergründlich, wie das un­ergründliche China.

Einer der alten Bauern sprach ihn an. Höflich und bescheiden. Allgemeine Ueberraschung... der Sohn des Himmels sprach Rumänisch! Wenn auch nicht schön, so doch aber durchaus ver­ständlich. Der alte Bauer wollte wissen,was die Lieblingsspeise der Menschen im Lande des Herrn sei?"Mäuse in Honig getaucht!" schrie der Volksredner, was der Chinese lächelnd be­stritt. Er hatte eine ganz helle Stimme, die immer gleichmäßig klang und die niemals eine Spur von Erregung zeigte. Der Chinese lachte sogar beim Sprechen, ohne sich wohl darüber klar zu sein, daß er lachte. Es war, als habe er eine unsichtbare Wand von Glas um sich aufgerichtet, an der alle dummen Fragen ab­prallten. Ein Mütterchen wollte wissen,warum der Herr so gelb sei?". Auch darauf vermochte der Chinese keine erschöpfende Antwort zu geben... er lächelte weiter und zog mit seinem un­heimlichen Grinsen allmählich das ganze Abteil in seinen Bann. Dieser Chinese war von einer anziehend-abstoßenden Häßlichkeit wie hypnotisiert starrten ihn schließlich alle Fahrgäste an, die Bauern hatten das bärtige Kinn auf den Stock gestützt, sogar der Volksredner war verstummt, und auch ich dachte immer nur: Wie rätselhaft ist doch dieses gelbe Volk!"

Plötzlich zog der lächelnde Chinese ganz> unvermittelt aus seiner Rocktasche eine kleine, runde Papierscheibe, so groß wie ein Hunöert-Lei-Stück, an dem ein kleines Holzstäbchen befestigt war. Das Ganze sah aus wie eine Miniatur-Signalscheibe, mit der auf den Bahnhöfen der Fahrdienstleiter das Zeichen zum Abfahren des Zuges gibt. Der Chinese sah es sich eine geraume Zeit an, plötzlich machte er einen kleinen Lufthieb und hatte auf einmal ein farbenprächtiges Bukett in der Hand. Aus Papier natürlich...

Nanu?" dachten wir alle aber ehe wir zu Ende gedacht hatten, hatte der Chinese unergründlich lächelnd wieder einen kleinen Lufthieb gemacht und an Stelle des Blumenstraußes hatte er ein Konglomerat von verschiedenfarbigen Kugeln und Würfeln in der Hand. Gerade wollte der Feldwebel vom Regiment Michael der Tapfere" eine Frage stellen schwupp ein neuer Lufthieb... neue Blumen... neue Würfel, neue Kugeln, neue Kegel mit verwirrender Schnelligkeit folgten sich die Lufthiebe und jedesmal hatte der lächelnde Sohn des Himmels eine neue Komposition" in der Hand!

Natürlich war das Ganze keine Heperei es war der gleiche Trick, den ich unzählige Male int Varietö gesehen hatte. Dort faltete auch der chinesische Künstler ganz dünne, bunte Papier- bvgen unzählige Male zusammen, machte mit einer Schere ein paar Ein- und Ausschnitte, faltete das Ganze wieder auseinander und zum Vorschein kam ein herrlich gemustertes Tischtuch das, was der Chinese hier vorführte, war das Gleiche int Kleinen, nur etwas bunter und netter.

Die Wirkung war verblüffend: die alten Bauern, die Soldaten, die Mütterchen starrten wie hypnotisiert auf den lächelnden Chinesen schließlich brach einer den Bann und fragte,was denn das Ding koste?"Drei Lei" (7,5 Pfennig), sagte der Chinese und lächelte weiter. Umständlich öffnete ein alter Holzfäller seine Geldkatze ans dem Bauch, zählte sorgfältig drei einzelne Leistücke ab und reichte sie höflich dem Chinesen, der ihm den Zauberstab mit einer ebenso höflichen Verbeugung übergab. Der Bauer nahm ihn, machte damit ein Lufthieb und Wunder Gottes! konnte genau so zaubern wie der Chinese! Blumen, Würfel, Kugeln, Scheiben...

Ob Seine Hochwohlgeboren nicht zufällig noch so ein Ding hätte?" fragte neugierig ein anderer Bauer.

Gewiß", lächelte der Chinese, griff in seine Rocktasche, holte noch so ein Scheibchen heraus, machte einen Lufthieb und über­reichte verbindlich lächelnd auch diesem Bauern einen Blumen­strauß. Der hieb damit ebenfalls in die Luft und hatte ein papie­renes, buntes, mathematisches, in sich verschachteltes Gebilde in der Hand noch ein Hieb und es war wieder etwas ganz anderes daraus gewotden.

Staunen! Kopfschütteln! Doammne! Doammne! Mein Gott! Mein Gott!... Zufällig hatte der Chinese irgendwo noch ein paar solcher Wunderscheiben er gab sie Stück für Stück um drei Lei ab!