mächtig in die Rippen. Und er boxte schneidig wieder mächtig in die Rippen, es kam zu einer begeisterten Balgerei, mit Ho und He und Da und Peng. Und mit dieser Balgerei haben wir schnell die ganze Geschichte der letzten Wochen begraben, wir erwiesen uns als merkwürdig unbegabt, uns irgendwie als Heroen zu fühlen.
Ein Lied vom Reifen.
Bon Matthias Claudius.
Seht meine lieben Bäume an, Wie sie so herrlich stehn, Auf allen Zweigen angetan Mit Reifen wunderschön!
Von unten an bis oben 'naus,
Auf allen Zweigeloin, Hängt's weiß und zierlich, zart und kraus. Und kann nicht schöner sein.
Und sie beäugeln und besehn Kann jeder Bauersmann, Kann hin und her darunter gehn, Und freuen sich daran.
Auch holt er Weib und Kinderleiu
Vom kleinen Feuerherd, Und Marsch mit in den Wald hinein! Und das ist wohl was wert.
Ihr Städter habt viel schönes Ding,
Viel Schönes überall,
Kredit und Geld und goldnen Ring, Und Bank und Börsensaal;
Doch Erle, Eiche, Weid und Ficht'
Im Reifen nah und fern — So gut wird euch nun einmal nicht Ihr lieben reichen Herrn!
Das hat Natur, nach ihrer Art
Gar eignen Gang zu gehn, Uns Bauersleuten aufgefpart. Die anders nichts verstehn.
Wir sehn das an und denken noch
Cinfältiglich dabei:
Woher der Reif, und wie er doch Zur Stunde kommen sei?
Denn gestern abend, Zweiglein rein!
Kein Reisen in der Tat! — Muß einer doch gewesen sein Der ihn geftreuet hat!
Ein Engel Gottes geht bei Nacht, Streut heimlich hier und dort, Und wenn der Bauersmann erwacht Ist er schon wieder fort.
Der Engel, der so gütig ist, Wir sagen Dank und Preis.
O mach uns doch zum heil'gen Christ Die Bäume wieder weiß!
Zur Kuliurgeschichte des Handschuhs.
Von Dr. Wilhelm Gemperle.
Mit Beginn der kalten Jahreszeit kommt in unseren Zonen der Handschuh auch bei denjenigen wieder zu Ehren, die ihn sonst gern als einen Luxusgegenstand, ja als ein lästiges Kleidungsstück betrachten. Welche Höhen symbolischer Würde und glanzvoller Ausstattung er im Laufe der Entwicklung auch erreicht haben mag, seine eigentliche Entstehung verdankt er dem Bedürfnis des Menschen nach Schutz gegen die Unbilden der Witterung, wenn wir einmal von der sportlichen Verwendung absehen, wie sie beispielsweise bei den dicken Fausthandschuhen vorliegt, die schon die Mädchen von Lacedämon bei ihren Ringkämpfen anlegten. Der Handschuh kommt bereits in vielerlei Gestalt im Altertum vor. Die Perser haben Fingerhandschuhe aus Pelz getragen. In der griechischen Antike bedienten sich sowohl die vornehmen Athenerinnen dieses Kleidungsstücks als auch die Hirten und Arbeiter. So trügt der im Garten arbeitende Laertes in der Odyssee stierlederne Handschuhe. Der griechische Mythos erzählt, Venus habe sich auf der Suche nach ihrem Liebling Adonis an den Dornen der wilden Sträucher gestochen und sich daraufhin von den drei Grazien zierliche Handschuhe machen lassen. Im allgemeinen waren sie bei den Griechen und Römern aus derbem Leder und gut für die Ärbeit geeignet, bald aber kamen auch schon feinere Fingerlinge auf, die man bei den Mahlzeiten benutzte, da man sich beim Essen keiner Gerätschaften, sondern der Finger bediente. Plinius erzählt in seinen Briesen von einem Schnellschreiber, der feine Tätigkeit im Reisewagen trotz der Kälte, mit Handschuhen an den Fingern, ausübte.
Die alten Germanen haben aus der Jagd derbe Fäustlinge getragen. Schon im 6. Jahrhundert aber gehörten Handschuhe zu den Hoheitszeichen der Bischöfe und wurden fortab immer mehr zum Kleidungsstück der Vornehmen, reich mit kunstvollen Stickereien in Gold und Silber und mit Perlen verziert. Auch die zu den Ritterrüstungen gehörenden Panzerhandschuhe waren oft sehr sorgfältige und wertvolle Arbeiten. In dieser Zeit hatte der Handschuh bereits seine große sym
bolische Bedeutung erlangt. Dem Ritter galt er als Zeichen der Her ausforberung zur Fehde, ebenso spielte er bei Belehnungen und Stan, deserhöhungen eine große Rolle. Häufig wurden Handschuhe als Tribut ober symbolische Schenkung bargebracht. Die Kunst ber Herstellung von Fingerhanbschuhen soll in Europa erst im 12. Jahrhunbert aufgekommen sein. Aus bem kaiserlichen Ornat finb solche Hanbschuhe erhalten geblieben, bie aus purpurfarbenen Seibenstücken zusammengenäht und mit reichen Stickerein bebeckt finb, zu benen man Golb unb Perlen, sowie kleine emaillierte Golbbleche vcrwenbet hat. In ber katholischen Kirche bürgerten sich feit bem 10. Jahrhunbert befonbere liturgische Hanbschuhe ein, bie bei ber feierlichen Messe von höheren Geistlichen getragen würben. I
Aber erst im 16. Jahrhundert erhielt dieses Kleidungsstück allge- meinere Bedeutung, und die Renaissance hat einen wahren Handschuhluxus entwickelt. Die Vornehmen schmückten sich nun mit herrlichen Handschuhen aus seidenen Geweben mit Verzierungen aus Pest und Goldstickereien. Besonders die Benetianerinnen zeigten an hohen Festtagen, so, wenn der Doge seine Vermählung mit dem Meere beging, Gebilde aus feinsten Spitzen, mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Später in der Zeit des Rokoko verwendete man zu ihrer Herstellung auch Leder, das van den eleganten Malern der Zeit mit zierlichen Bildern belebt wurde. Die wachsende Vorliebe für den Handschuh hat sich übrigens auch in der Geschichte der Malerei deutlich ausgeprägt. Eines der berühmten Gemälde Tizians, das sich im Besitz des Louvre befindet, heißt „Der Mann mit dem Handschuh". Die feinen Hände der DameMund Herren auf den Bildern Dan Dycks sind ohne diese Be- kleibuvff kaum denkbar. Auch V e l a s q u e z, ber große Meister Spaniens, gab seinen Gestalten gern Hanbschuhe in bie Hand. In Rembrandts Kunst wird dieses Bekleidungsstück beispielsweise in ber berühmten „Nachtwache" verwenbet.
Der Hanbschuh hat aber auch eine verhängnisvolle Rolle gespielt unb ben Mordgelüsten ehrgeiziger Tyrannen und gewissenloser Frauen gedient. Katharinavon Medici soll sich durch das Geschenk eines Paares vergifteter Handschuhe der ihr unbequem gewordenen Jeanne d Albret, der Mutter Heinrichs IV., entledigt haben. Von geschichtlicher Bedeutung wurden die Handschuhe, bie ber Königin Anna zu teuer gewesen waren, so bah sie von bem Erwerb absah, was aber bie Herzogin von Marlborough nicht hinberte, sie bei einem Hoffest vor ben Augen ber Herrscherin mit großem Stolz zu tragen. Aus biefer an- scheinen!) so geringfügigen Begebenheit soll sich in unglückseliger Verkettung von Ursache unb Wirkung bie Entlassung Marlboroughs und bas Enbe bes spanischen Erbfolgekrieges ergeben haben.
Daneben haben bie Handschuhe als Liebesboten schon feit Jahrhunderten eine freundlichere Sendung erfüllt. Das beweist ein Brief, den ber spanische Staatsmann Antonio Perez im 16. Jahrhunbert an seine angebetete Lady Riche richtete: „Ich bin in höchster Betrübnis, i Ihnen bie versprochenen Hanbfchuhe von Hunbeleber nicht überbringen zu können. Da ich sie nicht bekommen konnte, habe ich mich entschlossen, ein wenig von meiner eigenen Haut abziehen zu lassen, wenn überhaupt eine so schlechte unb rauhe Sache wie meine Haut auf einem so delikaten Platze wie der Ihren ruhen darf." Unter Ludwig XIV. wurde ber Leberhanbschuh, ber bisher nur für Männer üblich war, auch von Frauen angenommen. Es gehörte bamals zum guten Ton, am lag minbeftens vier bis fünf Paar Hanbschuhe zu tragen, bie in verschiedenen Farben und Mustern zu verschiedenen Tageszeiten und gesellschaftlichen Gelegenheiten paßten. Die Mode mag auch schon deshalb so schnell eine große Anhängerschaft gefunden haben, weil man in dieser Zeit auf Reinlichkeit des Körpers nicht allzu viel Wert legte unb wohl auch an ben Hänben manchen Schmutz zu verbergen hatte.
Währenb im Rokoko ber Frauenhanbschuh vorherrschte, regierte in ben Moben bes Empire unb ber Restauration ber Hanbschuh vornehmlich als Bestandteil der Herrenkleidung. Bald mußte seine Farbe das Grau einer Gemse, bald ein Blaugrau ober ein Hellgrau haben. Einige Jahre später trug man nur Hanbschuhe zur Nachmittagspromenabe, die Tönungen bes Gelb von hellem Stroh unb reifem Weizen aufroiefen; bei Abenbgefellfchasten waren roieber buntle Hanbfchuhe bas einzig Pafsenbe, unb bei Besuchen ober Ausfahrten waren solche von ber Farbe bes Polisanber- ober Zedernholz vorgeschrieben. Schließlich wurde der gelbe Handschuh zum Gipfel der Vornehmheit und verlieh sogar dem damals üppig wuchernden Dandytum einen Spitznamen, denn man nannte den Gigerl jener Zeit auch „gelber Handschuh".
Die langen Handschuhe, die fast den ganzen Arm bedecken, kamen zur Zeit des französischen Direktoriums in Mode und wurden im Interesse der französischen Handschuhherstellung auch von den (St-- mahlinnen des ersten Napoleon bevorzugt, verschwanden dann aber so vollständig, daß im Jahre der Thronbesteigung ber Königin Sied t o r i a von Englanb keine Dame ber Gesellschaft mehr lange Handschuhe trug.
Die Göttin Mobe zeigt sich auch hier von ihrer launischen Seite und j befiehlt immer wieder Neuerungen in Material, Farbe unb Muster. Wie sehr ber Hanbschuh zum höchsten Zeichen gesellschaftlicher Voll- enbung geworben war, zeigt bie uns heute merkwürdig und verschroben berührende Tatsache, daß in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in London ein besonders auf feine Würde bedachter Klub entstand, der j sich der „gefranste Handschuh" nannte und der sich die hohe Aufgabe : gestellt hatte, die Kultur der feinsten Herrenbekleidung zu pflegen. Der vollkommene Herr mußte danach am Tage mindestens täglich folgenden Hanbfchuhwechfel vornehmen: 1. morgens beim Kutschieren ber Briska: braune Handschuhe von Renntterfell; 2. auf der Jagd: graue Handschuhe von! Gemsfell; 3. bei der mittäglichen Spazierfahrt im Tilbury: Kastorhand- schuhe; 4. beim nachmittäglichen Spaziergang im Hyde-Park, bei Besuchen und Besorgungen: Ziegenlederhandschuhe in heller Färbung; 5. zum Diner: gelbe Handschuhe aus Hundsleber; 6. am Abenb zu Ball unb Gesellschaft: Hanbschuhe von weißem Schafsleder mit Seidenstickerei. — Was müssen die Leute für Sorgen gehabt haben!
'verantwortlich; vr. HanS ThyrioU — Druck und Derlag: Brühl'fche Llniverf itätS-Duch- und Steindruckerei. 2L Lange, Gießen.


