Und
Wir
kaufet,
Neue Liebe.
Von Eduard Mörike.
Kann auch ein Mensch des anderen auf der Erde ganz, wie er möchte, sein?
— In langer Nacht bedacht ich mir's und mußte sagen: Nein!
So kann ich niemands heißen auf der Erde, und niemand wäre mein?
— Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein: Sollt ich mit Gott nicht können fein, so wie ich möchte, mein und dein?
Was hielte mich, daß ich's nicht heute werde?
Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein!
Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte fein, Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!
Alle an einem Strang.
Eine Geschichte von Curt Corrinth.
Ist lange, lange her, diese Geschichte, spielte in frühen, kaum noch mstellbaren Friedensjahren — aber ich sage euch: unser Geist, der -«Ist dieser verrückten Untertertia des Barmer Gymnasiums von da- rals, war schon der Geist von heut! Merkt auf!
Es begann damit, daß eines Vormittags während des ”ut|cf,= nterrichts beim Dr. Busch der kleine Erwin Kulms so seltsam abwesend war, daß der Lehrer nicht mit ihm fertig werden konnte, tir Klassenkameraden in den Pausen nichts aus ihm herauskriegten - bis unser Hugo Poellnitz, Klassenältester und Vertrauensmann, 6« Sache sanft in die Hand nahm, dann nach Schulschluh uns um sch sammelte, nachdem der kleine Erwin Kulms längst enteilt, uns ine Rede hielt, die aller Weisheit und getreusten Kameradschaft voll rar — er hat den großen Plan geboren, wir haben ihm in die jcnb geschworen, und damit ging das ganze phantastische Begängnis ds und trieb schnell weiter.
Also: noch am gleichen Tage verdingte sich Hans Budde, der iohn des reichen Färbereibesitzers, bei seinem Vater gegen bares Ent- plt als Botenjunge, Packer, Hilfsschreiber und dergleichen, der Vater s,ll baß erstaunt über diese neue Betriebsamkeit und Lohnsucht seines Hungen gewesen sein, aber weiter nicht groß gefragt haben. Ebenfalls nch am gleichen Abend strich der stämmige Rudols Stoy, ohne Schüler- lütze, um den Bahnhof herum, wartete der einlaufenden Züge, fing die msfteigenben Reisenben ab und verdiente dies und das durch eifriges Soffertragen. Zwei Tage später erlebte der Hauptschriftleiter unseres »iadtblattes- feine befremdliche Sensation, weil unser Klassenkamerad Herbert Neumark bei ihm hereinschneite und ihm nach einigem Drucksen tin eigenes Gedicht vorlegte, jawohl, er wäre ein Dichter geworden, jatte er nicht früh an der Schwindsucht sterben müssen; lange Jahre wch habe ich die Zeitungsnummer besessen, in der dies rührende Jungen- xdicht, für das der Neumarck wahrhaftig das Honorar von zwei Mark «us dem Schriftleiter herauszubitten vermochte, abgedruckt war mit tollem Namen des Verfassers. So verfiel ein jeder von uns Unterter- ianern jäh und entschlossen auf irgendeinen Erwerbszweig. Der Ra- ianus bemühte sich um Nachhilfestunden bei hartschädligen Sextanern ind erwischte sogar drei solcher Stunden in der Woche. Der Jäger ver- «nftaltete vor seinen Angehörigen und dem großen Bekanntenkreise seiner somilie ein paarmal in der Woche abends großartige Vorführungen jrtner Laterna Magica. Der Schulte hielt es ähnlich mit feinem Kafperle-
heater. Und wir — , ,,
Nun, wir waren drei. Der Hugo Poellnitz, der Edgar Bergt und ich. Wir waren fowas wie die besten Soprane des Schulerchors, damals.
krum fetzten wir in klarer Selbsterkenntnis und ohne den leidesten ;frupel oder gar Standesdünkel diese unsere Begabung für das hohe fiel ein. Wir fangen. Wir wurden einfach Straßenmustkanten, fertig. Vir zogen die Häuser entlang, fangen und sammelten. Trieben e s happ zwei Wochen lang. Dann allerdings wurde uns das Hand^ Bert gelegt. Das Ende unseres sehr ernsthaft betriebenen Berufs g g ton einer photographischen Aufnahme aus. Eines Nachmittags narn ch fanden wir im Villenviertel des Toellenturms wieder 6nt|d)(o en unb Mchtgetreu aufgebaut. Hugo Poellnitz hielt auch diesmal die Laute ie Händen, präludierte und begann dann fein Sopransolo bis unfere frei Stimmen sich zum schallenden Refrain einten. Da standderous- xschossene blonde Junge mit den blitzenden Augen, da schmetterte die i'lle klare Kinderstimme so hingerissen unb soldatisch lubelnb, daß b fünfter aufsprangen, bie erwachsenen Menschen acheliid und winkend hnabspähten und ein jeder, eine jebe ben Obol.^ in Papier wickelt mb uns zuwarf, ohne baß es einer noch fo höflichen Aufforberung ve
Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!
Im Felde, da ist der Mann noch was wert,
Da wird das Herz noch gewogen. Da tritt kein anderer für ihn ein, # Auf sich selber steht er da ganz allein, unser jauchzend bestätigender Chorus:
„Da tritt kein anderer für ihn ein, „ Aus sich selber steht er da ganz allein.
•"■uuiei, das Leben schäumt — und setzet UN n 1 dich euch das Leben gewonnen sein! — Nte, -»ie.
, Nun, und damals hat uns von der andern fttatzemeue ° » Kimtückischer Reporter beobachtet, un2.9^J”nmufitanten3unferer96tabt!" icangte es im Blatt: „Die längsten Stratzenmusikanten 1 - unb mittenbrauf, bu großer Gott, aus dem surchtbtten Duo
Hugo Poellnitz, mit der Laute im Arm, und ich, wie ich mich gerade zu Boden bücke, um Gelbmünzen auszuklauben, und der ^hqar Bergt, mit singend aufgerissenem Mund ...
lieber Edgar Bergt ist es bann zuerst hergegangen. u.r war der Sohn eines Stadtbaumeisters — unb wie er uns die Szene erzählte, die ihm sein Vater gemacht, da konnte er nur tief seufzen: „O Junge, Junge, Junge ..." Jedenfalls hieß es: „Du Taugenichts, bu Lümmel, bu Schnorrer, bu Abschaum, bu Mörder meiner Ehre, was habt ihr Banditen mit dem erfchnorrten Geld gemacht?!" — Und Edgar Bergt hielt dicht, wir hatten es ja alle dem Hugo Poellnitz in die Hand versprochen. Und der Vater schleppte ihn zu unserm Klassenleiter, dem Dr. Busch, und ich ward hinzitiert, und der Hugo Poellnitz war schon da — und die Szene wurde zum Tribunal durch den rasenden Stadtbaumeister, zumal der Dr. Busch ihm viel zu sanft inquirierte. Bis ihm das böse Wort „gemeine Lumperei!" entfuhr ... —
„Das geht nicht!" forderte der Dr. Busch. „Ich für mein Teil möchte nachdrücklich feststellen, daß ich vorbehaltlos an meine Jungens, an alle, glaube, an ihre Sauberkeit, ihre Ehrlichkeit — ob bu uns nun, Hugo Poellnitz, der du ja wirklich der, hm, Rädelsführer bei dieser Sache zu [ein scheinst, aufklären willst und wirst über die ganze Geschichte oder nicht!"
Der Stadtbaumeister wollte erneut loslegen, aber der Poellnitz kam ihm zuvor. Er richtete seine Augen auf das gütige Gesicht des Lehrers: „Herr Doktor, wir hängen an Ihnen, wir alle, und wir wissen, warum. Wir werden Ihnen nie Schande machen. Und zum Dank für — eben ... kann ich ja gar nicht anders als Ihnen jetzt alles sagen —"
Und er gestand, was wir Jungens längst wußten.
„Nur, bitte: den einen Namen, den darf keiner verraten. — Ist gut. — Also, Herr Doktor: wir haben alle gearbeitet, wir alle: der Stoy hat Koffer geschleppt, der Rabanus — also die ganze Untertertia hat gearbeitet; und wir, wir haben eben gesungen."
„Gearbeitet —" brüllte der Stadtbaumeister. Ader der Poellnitz beachtete chn gar nicht mehr.
„Uebrigens ist es", suchte er nach Erklärungen, „gar nicht so einfach. — Sehn Sie, Herr Dr. Busch, da war doch neulich mal der, der der, ben Namen nie verraten, bitte! der Erwin Kulms so komisch, so traurig. — Und keinem wollt' er was sagen. Aber mir hat er es denn doch gesagt. Und also. Ja, seine Mutter. Also ich meine: fein Vater, der ist tot, ja. Und Geld, sagt er, ist nicht da. Und seine Mutter, bie geht so, jo, na eben in die Häuser, so zur Bedienung, so."
Er stockte. — „Sehr enge Verhältnisse, ja", erklärte Dr. Busch dem Stadtbaumeister leise. „Aber der Junge ist hochbegabt und wirklich eifern strebsam; wenn je eine Freistelle bei uns berechtigt war, dann ist es die, bie ber kleine Kulms innehat. Wie gesagt: Freistelle."
Hugo Poellnitz mühte sich weiter.
„Und nun, da ist die Mutter krank geworden, auf einmal. Sie liegt unb stöhnt und sorgt sich, sagt der Erwin und da hab' ich gestern auch noch, hat er gesagt, einen Kord Eier hab' ich fallen lassen, die ich austragen muhte, und nun läßt mich der Kolonialwarenhändler nix mehr austragen. — Und so. Da wußt' ich, warum der Erwin plötzlich so komisch war; und wie, ach, wie schlecht es da zuhaus' geht; und daß der Erwin sogar heimlich für feine Mutter schon Geld verdient, indem er für einen Kolonialwarenhändler Sachen austrägt in feiner Freizeit. — Und der Erwin war wirklich, doch, war ganz, ganz hoffnungslos, ja."
Auf einmal drehte er uns mit kurzem Ruck ben Rücken zu unb rebete schamhaft gegen die Wand.
„Und der Erwin ist unser Kamerad, ja, unser Kamerad. Unb, unb bann bin ich babrauf gekommen. Da hab' ich bas ber ganzen Klasse erzählt, schließlich muhte es boch einer in bie Hanb nehmen, und dann haben wir uns geeinigt: alle für einen! Ja. Der Erwin hat gearbeitet und hat feine Arbeit verloren, da werden wir mal alle antreten. Ja. — Ein paar von uns, die wollten dann sofort zu ihren Eltern fegen unb sic bitten, Gelb zu stiften ober fo. Aber da hab ich gemeint und gesagt: nein, nein! Denn dann kommen die Jungs von ben reichen Eltern mit viel Gelb unb die von den ärmeren mit wenig, und die schämen sich was. Und der Erwin, ber hat sich ja auch kein Geld stiften lassen, er hat dafür arbeiten müssen. Nee, wir wollten es gar nich besser haben und nich besser scheinen als unser Kamerad. Und da, da haben wir eben, wirklich, gearbeitet haben wir, was nun eben jeder konnte. Haden wir."
Er drehte wieder den Kopf ins Zimmer zuruck, weil ein seltsamer Laut von dem Stadtbaumeister kam, und well wir beiden, ber Edgar Bergt und ich, lauthals und feurig beteuerten:
,Haben wir, haben wir!"
„Jawohl, und alle haben gearbeitet. Unb wir haben uns versprochen, nix zu sagen, wofür unb für wen wir arbeiten. Vielleicht hätte sich ber Erwin fo sehr geschämt, unb bas wollten wir eben nich. 2llfo. Nu haben wir schon zweimal alles oerbiente Gelb zusammen- geschmissen unb heimlich an Erwins Mutter schicken können. Und, unb, nun eben, der eine hat Soffer geschleppt, ber anbere einen Zaun gemalt, einer Nachhilfestunden gegeben unb, hach, also alle, jawoll, unb, sehn Sie also wir brei, ich meine, wir haben eben gesungen, weil wir mal nir’anberes konnten. Unb wir schämen uns auch gar nich. Aber Lum- perei — nee! Unb, aber, boch, aber Schuld hab ich, das stimmt. Alle S$er)’ftanöt mit offenem Gesicht da, die Lippen ttotzig gewölbt, fo aufrecht und fechterhaft, als fei er bereit, gegen eine ganze Welt und ihr Urteil anzutreten und im klaren Wissen um feines Wesens und Wollens Tiefe zu rebellieren. Aber das hatte er ja nun nicht nötig. Der Stadtbaumeister hat ihm, sehr rot im Gesicht, „Entschuldige, Kerl' verzeih,
Kerl!" die Hand gegeben und gequetscht, hat dem Edgar den Arm um
den Hals gelegt und ist seltsam schnell so mit ihm davongegangen. Und der Dr. Busch, nun, der hat ihm auch die Hand gegeben, natürlich —
und hat noch was gesagt — ,
Und bann standen wir beiden Ueberbletbfel unten auf der Straße. Und ich boxte den Hugo Poellnitz auf einmal, ich konnte nicht anders,


