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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Zahrgang 1934 Montag, den 10. Dezember Hummer 96
HANS DOMINIK • EIN
STERN
FIEL VOM HIMMEL
COPYRIGHT < 934 BY KOEHLER & AM ELAN G G. M. B. H., LEIPZIG
(Fortsetzung.)
Unruhig rutschte der 21: lerikaner auf seinem Stuhl hin und her, während Berkoff mit ehrlichstem Gesicht seine schwindelhafte Geschichte vorbrachte.
Für den Augenblick brach Berkoss das Gespräch ab. Mochte der Amerikaner die Mitteilungen, die er ihm soeben versetzt hatte, zunächst eine Weile verdauen. Erst am folgenden Morgen kam er wie zufällig auf das Thema zurück und lud ihn zu einem Flug nach der Fallstelle des Meteoriten ein. Mit Vergnügen ging Mr. Garrison auf diesen Vorschlag ein. Er sprach viel von seinem wissenschaftlichen Interesse an Meteoriten und ähnlichen Erscheinungen, während sie zum Schifs gingen.
„Lüge du und der Deibel!" dachte Berkoff bei sich. „Was du willst, weih ich, und auf den Leim führe ich dich doch! In der Tat verband er mit der Einladung zu diesem Flug eine ganz bestimmte Absicht.
Aber es gab da südlich von der Station und auch etwa hundert Kilometer von ihr entfernt eine Stelle, an der das Gelände dicht neben einer leichten Hügelwelle eine kleine merkwürdig gezackte Mulde bildete. Vielleicht war dort zu irgendeiner Zeit sogar wirklich einmal ein Meteor eingeschlagen. Bei früheren Flügen war Berkoff die Stelle aufgefallen, und er versuchte jetzt, sie wiederzufinden.
Absichtlich vermied er es dabet, in die Stratosphäre zu gehen. In knapp 2000 Metern Höhe strich das Flugzeug über den Boden hin. Nun glaubte er gefunden zu haben, was er suchte. Noch ein paar Kreise zog das Schiff über der verdächtigen Stelle, dann sank es langsam nach unten. Prüfend blickte Berkoff in die Runde, nachdem sie das Schiff verlassen hatten.
„Hier muh es sein, Mr. Garrison. Leider ist heute alles tief verschneit, der Nordwind hat den Schnee gegen die Hügelkette geweht. Damals hatten wir bessere Verhältnisse. Aber ich kenne die Gegend wieder. Gerade von uns muß es sein..."
Er wollte noch weitersprechen, aber der Amerikaner lies bereits auf die Stelle zu.
„Vorsicht, Mr. Garrison, das Loch ist tief", schrie ihm Berkoff noch nach. Aber da war das Malheur schon geschehen. Der Amerikaner war über den Rand der etwa zehn Meter tiefen Mulde hinabgestolpert und steckte da unten irgendwo tief im Schnee.
„Na, weh getan wird er sich nicht haben, Schnee ist weich", ging es Berkoff durch den Kopf, während er vorsichtig Fuh vor Fuß sitzend bis zum Rande der Mulde schritt.
„Hallo, Mr. Garrison. Ich habe Sie gewarnt. Haben Sie sich verletzt?" Er schrie es, während er mit den Händen einen Trichter vor seinem Munde bildete. Aus dem Schnee klang es dumpf und undeutlich herauf. Soviel Berkoff verstehen konnte, war der Amerikaner nicht zu Schaden gekommen, aber er war nicht imstande, sich ohne Hilfe aus den Schneemassen herauszuarbeiten.
„Warten Sie, Mr. Garrison, ich gehe zum Schiff zuruck und bringe Ihnen eine Leiter", schrie Berkoff und machte sich auf den Weg.
„Das wird dir schon gut tun, mein Junge", dachte er dabei, „wenn du aus der Schneekuhle wieder glücklich raus bist, wird dein Wissensdurst hoffentlich ein für allemal gestillt sein."
Es gab in dem Stratosphärenschiff kurze Aluminiumleitern, bie man nach Bedarf zusammenstecken konnte. Berkoff griff drei davon und kehrte zu der Unfallstelle zurück.
„Hallo, Mr. Garrison. Sind Sie noch vorhanden?
Ein unwilliges Brummen aus dem Schnee kam als Antwort auf die Frage. Berkoff steckte die Leitern zusammen und stieß das lange Gebilde dann vorsichtig in den Schnee hinein nach unten, schrie dabei: „Achtung, Mr. Garrison. Vorsicht! Die Leiter kommt.
Er mußte niederknien und die oberste Sprosse noch ein Stuck über den Muldenrand nachlassen, dann fühlte er, wie die Leiter festen 6rU,Leiter6 ftef)!! Haben Sie sie?" schrie er mit voller LungenkrafL Mr^ Garrison antwortete nicht mehr. Die Luft mochte ihm allmählich knapp geworden fein, aber an den Erschütterungen der Leiter merkte B rkoff daß der Amerikaner sie gefaßt hatte und sich Stu e um Stufe auf ihr in die Höhe drückte. Es ging nur langsam vorwärts Oester asemma mußte er Haltmachen, um wieder frischen Sauerstoff m die Lungen zu pumpen. Aber schließlich war er doch geschaffL Die Schneedecke beweg
sich, und über und über weiß bezuckert wie ein Weihnachtsmann tauchte Mr. Garrison aus ihr heraus. Berkoff streckte ihm die Hand entgegen und zog ihn mit kräftigem Schwung auf sicheren Boden.
„Wie konnten Sie nur, Mr. Garrison?" sagte er dabei. „Ich rief Ihnen doch nach, warnte Sie noch, das hätte leicht böse ausgehen können."
Garrison atmete in tiefen Zügen und begann dabei sich den Schnee abzuklopfen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder Worte fand.
„Wie tief ist das verfluchte Loch eigentlich?"
Berkoff lachte. „Tief genug, lieber Garrison, um sich das Genick zu hätte. Sie werden es gleich sehen."
Während Berkoff es fugte, machte er sich daran, die Leiter wieder emporzuziehen, und bei jeder Sprosse die aus dem Schnee auftauchte, wurde Garrisons Gesicht länger.
„Ja, ja, mein lieber Herr", meinte Berkosf, während er die Leiter wieder auseinandernahm, „Sie sind da reichlich zehn Meter runter gesegelt, lassen Sie sichs eine Warnung sein. Es ist schade, daß das Gelände hier so verschneit ist. Sie hätten sich sonst durch den Augenschein überzeugen können, daß wir das Meteoritenerz restlos mitgenommen haben. Hier ist weit und breit fein Stückchen davon liegen» geblieben."
Der Amerikaner brummte etwas vor sich hin, was ebensogut ja wie nein heißen konnte. Ganz offensichtlich hatte der Sturz in die Schneekuhle ihm die Laune gründlich verdorben. Während sie zum Schiss zurückgingen, fragte er, ob die Gegend hier immer so verschneit wäre.
„Sie kommen oft in diese Gegend, Mr. Berkoff?"
Der Deutsche nickte.
„Ich kann wohl sagen ja, Mr. Garrison. Ich bin sozusagen der Verbindungsmann zwischen den Eggerth-Werken und der Station. So durchschnittlich alle zwei Monate hat die Antarktis das Vergnügen, mich zu sehen."
Morgen, spätestens übermorgen gehts wieder auf dem schnellsten Wege nach Deutschland. Wenn Sie wollen, Mr. Garrison, nehme ich Sie gern mit."
„Sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Berkoff. Ich denke, ich werde Ihre Einladung annehmen."
„Wenn Sie jetzt nicht mitkommen, werden Sie voraussichtlich zwei Monate in der Station bleiben müssen", sagte Berkoss trocken. ,Du Riesenkamel, nu komm schon mit', dachte er im stillen.--
Die nächsten beiden Tage benutzte der Amerikaner noch zu ausgiebigen Märschen in der südlichen Umgebung der Station, aber das Glück war ihm dabei nicht hold. Er fand kein einziges Stückchen des schweren blinkenden Erzes, nach dem er so eifrig ausfpähte. Als Berkoff am Abend des zweiten Tages startete, befand sich Mr. Garrison an Bord von ,St 10' und ließ sich nach Deutschland mitnehmen. Aus seinen Gesprächen glaubte Berkoss entnehmen zu können, daß er die Hoffnung, in der Antarktis Erz zu finden, endgültig begraben habe.
*
Zum erstenmal in den beiden Jahrzehnten, während deren die beiden Gelehrten nun schon zusammen arbeiteten, gab es einen regelrechten Krach zwischen Wille und Schmidt. Die Sache nahm ihren Ausgang von dem in den letzten Wochen so oft behandelten Thema: Wollen wir die Station weiter nach Süden verlegen, oder sollen wir hier bleiben? Wie stets bisher war Dr. Wille dafür, an der alten Stelle zu bleiben, während Schmidt energischer als je zuvor für eine Verlegung eintrat.
Wille fuhr ärgerlich auf.
„Meinung hin, Meinung her, Herr Schmidt! Gegen Ihre Ansicht fetze ich die meinige. Das dürfte sich bann ja wohl so ziemlich heben."
Eine Weile stand der lange dürre Schmidt mit zusammengekniffenen Lippen schweigend da. Schon glaubte Dr. Wille, daß der Streit damit beendet sei, als sein Assistent wieder zu sprechen begann.
„Ich stehe mit meiner Meinung nicht allein da, Herr Wille. Sie wird von andern geteilt."
„Machen Sie mich nicht verrückt!" brauste Wille auf, „was sind das für Eideshelfer, auf die Sie sich da stützen wollen?"
„Da wäre zuerst Professor Eggerth zu nennen, Herr Wille."
„Unsinn, Herr Schmidt! Ich habe, glaube ich, schon einmal gesagt, daß der Mann sich um seinen eigenen Kram kümmern soll."
„Dann möchte ich an zweiter Stelle Herrn Ministerialdirektor Gerhard aus dem Kultusministerium nennen."


