gehalten ... alle Gespräche sind ver- Ausland werden konfisziert, die an-
-Yerantwortlich: vr. HanS Thhriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch« Univeriitäts-Buch. und Stein druckerei, R. Lana«. Gieben.
In einer Redaktionsstube sitzt aus einem hochgeschraubten Drehsessel ein junger Mann. Der Untersetzte hebt den erlebten, runden stumpfen Kopf eine finsteren, kinderguten Augen sehen ins Antlitz des Redakteurs. „Journalistik ist", spricht bedächtig der armselige Mann, langsam streicht er das Falzmesser, das er in Händen hält, er wippt auf dem Drehsessel, „die Kunst, dem Volk glauben zu machen, was der Regierung patzt. Was das Volk nicht weih, das macht ihm nicht heih. Was man dreimal sagt, das hält die Menge für wahr! Die Briefe werden unterschlagen, die Reisenden werden angehalten ... alle Gespräche sind verboten Die Journale aus dem Ausland werden konfisziert, die anständigen Redakteure werden arretiert, deportiert und füsiliert, dafür werden neue willfährige Subjekte in das Geschäft gesetzt', unterhaltet nur das Volk mit Nachrichten von der Gesandtschaft des Perserschahs, von der neuesten Klistierspritze, Lehrsatz I: Wenn man einem Kinde em Licht zeigt, weint es nicht! Ja!" nickt der Besucher dem Redakteur zu, auf seinem hohen Sitz mit den Beinen unentwegt wippend. „Der Mensch muh hergeben, was er opfern kann. Gott will, dah die Menschen, um ihrer Freiheit willen, auf alles verzichten. Gott liebt Sklaven. T,a! Der Herr springt vom Drehsessel herab. „Sie können also meinen Beitrag nicht gebrauchen?" fragt der Mann sanft.
„Ich darf nicht, Herr von Kleist."
Mhm, ich verstehe." Gelassen nimmt der abgewiesene Schriftsteller sein' Manuskript zur Hand, sinnend sieht er darauf nieder, halblaut, prüfend, kritisch gegen sich selbst, liest er noch einmal den Schluß seines Artikels: „Der Existenz einer Gemeinschaft gilt der Kampf, einer Gemeinschaft, die der ganzen Menschheit angehört, die die Wilden der Slldsee noch, wenn sie sie kennten, zu beschützen Herbeistromen wurden: einer Gemeinschaft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben und die nur mit Blut, vor dem die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll." Der ehemalige Leutnant hebt den Kopf, „es ist wirklich überschwänglich," sagt er zustimmend, „das den Deutschen zu sagen: es ist verrückt, empfinden und handeln zu wollen, an die geheimnisvolle Kraft der Herzen zu appellieren, statt zu kuschen." Kleist steckt lein Manuskript zu sich. „Das Geldschinden, Ducken und Leben im Hofen- sack ist richtiger." Der Herr wendet sich zum Redaktionsfaktotum, das am Stehpult die französischen Zeitungen ausschneidet. „Der Dichter verstebl nichts," spricht der Abgewiesene, „die Welthändel sind eine Wett tut sich sie haben mit der menschlichen Seele und ihren Rätseln nichts zu schaffen. Ihr braucht keine nationale Poesie" Er nimmt seinen chul. „Der Dichter legt die Leier aus den Händen", spricht Kleist freundlich,^ „er schließt sein Lied, er wünscht mit ihm zu enden. Gesegnete Mahlzeit _ er nickt vor sich hin. ..Schlagt uns tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht. A Dieu." (Fortsetzung folgt.'
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purh Brüder" ruft Fichte „die Menfchenpslicht ist nicht Ruhe, Kampf ist^l'e'^Ewiger LM'mpf in EwAkei^ Trefft die Ent che.dung!"
Fichte fentt den Kopf: er verläßt, den Kopf vorgestellt, den Saal.
Auf dem schwarzen Brett vor der Universität in Jena klebt eine Auf- forb'’Snb"« ®ör3utUnft Europas seid ihr Studenten, feiert den Geburtstag Napoleons des Großen! Sein Name erfüllt die Welt mit Glanz Europa liegt vor ihm im Staube. Ein vergilbter Druck- zettel ist unter'die Proklamation genagelt, des Freiherrn vom Stein ^lechtungsdekret. „Le nomme Stein ist zum Feinde Frankreichs und Rbeinbmides erklärt, weil er Unruhen in Deutschland zu erregen versuch bat Besagter Stein ist vogelfrei, er kann von jedem Gutgesinnten sofort zur Ha t gebracht werden! 10 000 Taler stehen als Prämie auf fernem Kopf" Mit verstellter junger aufbegehrender Schrift >st darunter geschrieben: „Wenn endlich die Totenfeier des Tyrannen ist, wird jeher oon uns gern um seinen Galgen tanzen. Pereat Napoleon! In weitem Bogen gehen die Jenenser am schwarzen Brette vorbei. Die ^andsmann- f di öfter eilen durch die Türen der Universität em und aus, als sahen sie die Zettel nicht; in allen Herbergen und Ordensheimen sind Hausdurch- fijchunoen 9Zicmcinb n)ßif3, fügt bic 2^ätcr finb. , . . I
Hoch oben auf einer Studenbude fingen frisch em Mann und em Mädchen zum Klimperklang ihrer Gitarre:
„Es sitzt fei—nc Kro—ne so fest, so hoch. Der mu—tige Sprin-ger er—reicht sie doch!
Und se—tzet ihr nicht da—as Leben ein, Ni—e wird euch das Le—den ge—wo—on nen sein!
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Gut" Ipridfl großzügig der Andere, nach überwundener Bestürzung. Zugegeben aber .." sieghaft hebt er den Zeigefinger. „Unsere Studenten9 dürfen niemals die Vorlesungen sprengen d,e ein Verehrer des Kaisers hält! Das ist gegen die Freiheit der Wissenschaft!
„Warum nicht? Wenn sie die Macht dazu haben?
Macht ist ehrlos! Der Studiosus darf seine Prlvatmemung haben ja aber: er darf niemals des anderen Meinung dadurch stören! Das ist ""^Snebelt Napoleon unsere Meinung privat oder öffentlich? Ich finde, -r tut es sehr öffentlich l Ist das nicht auch unmenschlich und wider das göttliche Recht?"
„Das gebe ich ... vielleicht ... zu.
"Das Menschliche muß über dem Nationalen stehen!
„Ich bin innig erfreut, Kollega, diese Erkenntnis endlich von Ihnen zu vernehmen." _ u
Darum ist der Napoleon ein Schuft! Darum ist jeder, der 'hm hilft, ein "Schuft! Seine Brutalität ist gegen die Menschenrechtes Sie sind also auch der Meinung, dah Napoleons Macht zerbrechlich ist?
Um Sott’ Wann hätte ich das gesagt? Sie können einen ängstigen! Gott schütze mich!" Der Prosessor machte eine verwirrte Drehung, seine Rockschötze flattern. „Sie sind furchtbar! A Dien, A Dieu, Verehrter! Ich 'alviere mich." t „
„Sanfte Ruhe, Herr Professor der Logik. *
Ich plädiere", spricht ein Advokat vor der französischen Spezial- kom'miision, „ich plädiere, das angeklagte Brüderpaar nicht als Opfer anziisehen, das die Politik verlangt. Ich will hoffen, dah noch kein Urteil die er Art im hohen Gerichtshof gefaßt ist, auf Rechnung der beiden unglücklichen Angeklagten. Diese begingen kein Unrecht, meine Herren sie vertrauten dem Manne, der sich ihnen als ihr Freund attachierte. Die Angeklagten sprachen bloß zu dem Ankläger von der Not des Vaterlandes er gab sich als Landsmann aus, sie konnten nicht wissen, dah er mit' feinen Gesprächen die Absicht verband, sie auszuholen und dann für Geld zu denunzieren! Das allein ist geschehen! Was taten die Angeklagten» Meine Herren! sie behausten und unterstützten ihren Gast- freund, sie gaben in ihren Gesprächen der Hoffnung Ausdruck, daß ihr Vaterland wieder einmal frei und mächtig würde." Starr, ablehnend find di- Gesichter der französischen Offiziere. „Das ist kein Verbrechen!" ruft er'chrocken der Advokat. „Das Gleiche sagten und danach handelten doch auch die Fürsten! Die jetzt Kaiser Napoleon so enge verbunden sind! Zeigten die deutschen Fürsten vielleicht nicht Aergeres durch die Tat, als sie seinerzeit gegen Kaiser Napoleon fochten? Sie kämpften, weil sie ihre Länder selbständig regieren wollten. Es mag ein Irrtum gewesen 'ein. eine Fehlansicht, gewih, aber: was den Fürsten erlaubt war, was nom Kaller dort nicht bestraft wurde, das kann kein Verbrechen bei den Angeklagten fein! Gleiches Recht gilt für alle Menschen. Bedenken Sie, in welches Unglück die Angeklagten bereits dureb die Konfiskation ihrer sämtlichen irdischen Güter gestürzt sind! Sie fitzen schon monatelang im Kerker, sollen die Tränen ihrer Familienangehörigen nach verstärkt werden? Das kann nicht Ihr Wunsch sein» Welche« traurige Beispiel, welche furchtbar demoralisierende Folge mühte hernorfpringen, wenn Sie die Angeklagten schuldig sprächen? Treue, Hllfebereitschaft, Freundschaft, das erste Gut der Menschen, würde dadurch mm gemeinsten Mittel des Verrats heruntergedrückt. Niemand fände daun mehr den Mut, in feinen eigenen vier Wänden das zu sagen, was er fühlt! Nie haben die Angeklagten gegen ein Gesetz, gegen eine
Verordnung gefehlt! Wären die Angeklagten ihren Verpflichtungen gegen den Staat nicht nachgekommen, hätten sie von Widerstand gesprochen oder dazu aufgerufen, hätten sie Drohungen heimlich gemünzt selbst dann meine Herren, fänden sicherlich Ihr «charfsmn und Ihre ®ered;- trat eit milderndes Verständnis für die Unglücklichen, fo aber: ifon foldjen Binnen ist nie die Rede gewesen! Die Angeklagten gaben lediglich ihrem Schmerze Ausdruck, sie hofften auf Gott! Dies kann den Angeklagten nicht als Beleidigung Frankreichs ausgelegt werden! Gott, meine Herren, gehört allen Menschen und allen Nationen, vornehmlich den unglücklichen Nationen! Ruft nicht jeder Feldherr vor der Schlacht Gott an? Dazu hat jedermann das Recht, meine Herren! Gott zeigt doch jo erficht ich, daß er auf Ihrer Seite steht. Sempeln Sie den Irrtum der Angeklagten, daß sie meinten, Gott würde ihnen helfen, nicht als Verbrechen. Ich bitte Sie darum! Das Urteil steht Gott zu! Ueberlasfen Sie ihm bie Recht- fprechung, meine Herren, sprechen Sie für die Jrdifchkett die beiden Angeklagten, für die kurze Zeit des Lebens, die den beiden bejahrten Angeklagten noch bevorfteht, frei! Ich bitte Sie inständigst darum!
„Ich beantrage Anwendung der Todesstrafe binnen vierundzwanzig ^"Entscheidet die hohe Kommission im Sinne dieses Antrages?" Die Köpfe nicken. Der Stab ist gebrochen. Gebeugt, zitternd fammett der Advokat feine Papiere auf dem Tisch vor sich zusanimen. Der Vorsitzende tritt an den Verteidiger heran. „Sie haben sich sehr geschadet, mein Bester", spricht der Oberst
Ick, erfülle nur meine Menschenpflicht! _
"Verhaftet ihn, er predigt Revolution! Holt die Angeklagten! Zur Verkündigung des Urteils!" *
Ein Kunsthändler steht im Schaufenster feines Geschäftes. Er hängt Stiche an einen Strick; sie zeigen die Burg Jaxthaufen^des Ritters Gotz mit dem Text: „Es werden Zeiten kommen, da die Gottlofen regieren und die Gerechten in ihre Stricke fallen." Wortlos sehen Manner und Frauen auf der Straße dem Kunsthändler-zu. Er richte sich auf, ferne Frau reicht ihm eine Papptafel, mit Nachdruck stellt er sie m die Mitte des Schaufensters, ganz vorne hin, wo die aufgeklappte Glasscheibe anschließt, Es ist ein schön gemalter Spruch; die Manner und Frauen lesen: „Ihr müßt aus all den tausend Schädeln — der patriotischen von ihm erschlagnen Edeln — Ein prächtig Mausoleum baun In dessen Mitte steht, grotesk aus Stein gehaun — der größte xtger mit gefrontem Haupt, — In seinen Klau'n ein flamm, nach dem sein Blutdurst schnaubt. — Rings an der Knochenwand in grauenvollem Kreis — Laßt bann von Witwen-Mark und ausgepreßtem Schweiß — Zehntausend Lüster-Lampen brennen — Die Nachwelt wirb ihn ohne Inschrift fen"Damit ist natürlich nicht der Kaiser Napoleon gemeint!" spricht auf- klärend der Kunsthändler zu den Menschen vor seinem Gaben „Damit ist ber Haß gemeint, ber bie Menschheit zerreißt. Ich gebe diese Kunst- blätter gratis ab, um bie Nation zum Nötigen zu erziehen. Ich bitte, biefe Blatter zu verlangen." Das Fenster klappt zu; still treten Manner unb Frauen in ben Laben, sie verlangen bas Gratis-Blatt.


